KONTEXT:Wochenzeitung
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Neonazi mit Schreibzwang

Neonazi mit Schreibzwang
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Im nordbadischen Weinheim wohnt der ehemalige NPD-Bundesvorsitzende Günter Deckert. Der 74-jährige Protagonist der revisionistischen Szene ist nach wie vor einer der umtriebigsten Rechtsextremisten. Doch im Verfassungsschutzbericht des Landes Baden-Württemberg sucht man den Holocaust-Leugner vergebens.

Der ehemalige Oberstudienrat für Englisch und Französisch, der wegen seiner extremistischen Ansichten 1988 aus dem Schuldienst entlassen wurde, ist seit Jahrzehnten in rechtsextremen Zusammenhängen aktiv. Er war langjähriger NPD-Landesvorsitzender in Baden-Württemberg und amtierte bis 1996 als Bundesvorsitzender seiner Partei. Unter seiner Führung setzte die NPD auf Bundesebene verstärkt auf ausländerfeindliche und vor allem revisionistische Themen. Zugleich öffnete Deckert die NPD für Neonazis aus diversen Splittergrüppchen. Deckert gehörte auch zu den Gründungsmitgliedern der NPD-Nachwuchsorganisation Junge Nationaldemokraten (JN). 2005 wurde er wegen Störung des Parteifriedens von allen Mitgliedsrechten in der NPD ausgeschlossen.

Deckert saß im vergangenen Jahr in der Justizvollzugsanstalt Mannheim eine mehrmonatige Haftstrafe ab - wegen Beihilfe zur Volksverhetzung und der Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener. Er hatte an der Übersetzung und der Endbearbeitung der deutschen Fassung des Buches "Auschwitz - Die erste Vergasung - Gerüchte und Wirklichkeit" des international aktiven italienischen Revisionisten Carlo Mattogno mitgewirkt. In dem Machwerk von Mattogno werden der Holocaust und die Existenz von Gaskammern im NS-Vernichtungslager Auschwitz geleugnet. 

Deckert vertritt die Auffassung, dass es für die Vergasungen in Auschwitz keine "Sachbeweise" gibt, die Zahl von sechs Millionen industriell ermordeter Juden lediglich eine "symbolische Zahl" sei und das "jüdische Volk" Deutschland 1933 den Krieg erklärt habe. Sein "Wissen" stützt Deckert unter anderem auf den US-amerikanischen Holocaust-Leugner Fred Leuchter. Mit Leuchter hatte Deckert 1991 in Weinheim eine bundesweit beachtete Veranstaltung durchgeführt und hierbei als Dolmetscher fungiert. Weltweit machte sich Deckert in Holocaust-Leugnerkreisen als Europakorrespondent der antisemitischen Wochenzeitung "American Free Press" (AFP; Washington) einen Namen. Szene-Kenner vermuten auch hinter dem AFP-Autor "Peter Strahl" den Weinheimer. Wie Deckert arbeitet "Strahl" als freier Fremdsprachenübersetzer. 

Die Zeit im Mannheimer Knast hat Deckert produktiv genutzt. Dieser Tage ist sein rund 850 Seiten umfassendes Buch "Hinter Gittern in deutschen Kerkern. Wie man als Geschichtsrevisionist abgestraft und kriminalisiert wird" erschienen. Für das Buch wirbt Deckert auf seinen Internetseiten guenterdeckert.de und hinter-gittern-in-deutschen-kerkern.de. Domaininhaber der Homepages ist Jörg Krautheim im thüringischen Gera. Krautheim war vor Jahren einer der führenden Aktivisten der Neonazi-Szene in Thüringen. Er gehörte dort dem NPD-Landesvorstand an und war Aktivist des Thüringer Heimatschutzes (THS), der Keimzelle des späteren rechtsterroristischen Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU).

Auf lokaler Ebene engagiert sich Deckert beim Kommunalwahlbündnis "Aufbruch Deutschland" (vormals "Deutsche Liste"). Dessen Aktivitäten sind vor allem im Großraum Ludwigshafen/Mannheim/Heidelberg feststellbar. Forderungen und Thesen des Bündnisses zur Asyl-und Ausländerpolitik sind unter anderem: "Wir sind nicht das Welt-Sozialamt. ... Kindergeld nur für Deutsche! - Keine deutsche Steuerprämie, um die Zeugungs- und Geburtenfreudigkeit der Ausländer noch weiter anzuregen."

Deckert ist Ansprechpartner des "Deutschen Kreises Kurpfalz", der regelmäßig einen "Kurpällsa Schdammdisch" im Raum Heidelberg abhält. "Schdammdisch"-Hauptredner ist Deckert. Seinem politischen Freundeskreis lässt Deckert in regelmäßigen Abständen den "Deckert-Brief" zukommen. In der aktuellen Ausgabe gibt er kund: "Merkel und Co. genießen Ansehen, was wiederum für die politische Dummheit von gut 95% der brddr-Deutschen spricht."

Ende September findet im nordthüringischen Ilfeld im Harz eine rechtsextreme Tagung statt. Die Einladung liegt "Kontextwochenzeitung" vor. Szene-Referenten und Teilnehmer aus der ganzen Bundesrepublik werden vor Ort sein. Maßgeblicher Organisator des braunen Meetings ist Deckert. Traditionell werden die "Tage DEUTSCHER Gemeinschaft" im Ausflugs- und Ferienhotel "Hufhaus" durchgeführt. Das Objekt, abgelegen im Wald, verfügt unter anderem über einen Grillplatz und eine Bungalowsiedlung. Die Leitung der Tagung vom 26. bis 28. September obliegt neben Deckert dessen Weinheimer Gefolgsmann Stefan Wollenschläger.  Am Ende des Schulungswochenendes wird wie immer das einstige SS-Treuelied "Wenn alle untreu werden" geschmettert.

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Das steht nicht im Verfassungsschutzbericht des Landes

- unter dieser Überschrift hat sich der Rechtsextremismusexperte Anton Maegerle mit der rechten Politsekte Ludendorff (zum Artikel "Politsekte unbeobachtet"), mit der neonazistischen Parteineugründung "Der Dritte Weg" (zum Artikel "Vom Verfassungsschutz vergessen") und nun zuletzt mit dem Rechtsextremisten Günter Deckert beschäftigt. Die werden in anderen Bundesländern erwähnt, warum also nicht in Baden-Württemberg? Zumal "Der Dritte Weg" in Heidelberg gegründet wurde, die Ludendorffer im württembergischen Herboldshausen ein Schulungszentrum besitzen und der Holocaust-Leugner Günter Deckert in Weinheim bei Heidelberg wohnt.

"Das heißt nicht, dass wir nicht beobachten", sagt Frank Dittrich auf Kontext-Anfrage. Darauf legt der Leiter der Abteilung Rechts-, Linksextremismus des Landesamts für Verfassungsschutz (LfV) wert. "Das ist eine Frage der Abwägung, wer ist es wert, im Jahresbericht des LfV erwähnt zu werden und wer nicht." Die Ludendorffer Gemeinschaft sei zu unbedeutend, nicht jeder "Kleckerlesverein" werde genannt, denn sonst könnten die rechten Vereine bedeutender erscheinen als sie in Wirklichkeit seien und damit ein falscher Eindruck entstehen.

Die Parteineugründung "Der Dritte Weg" sei zwar in Baden-Württemberg erfolgt, aber in Rheinland-Pfalz und Bayern habe die Partei größere Aktivitäten entwickelt. Deshalb werde sie dort auch, anders als in Baden-Württemberg, namentlich aufgeführt. Doch sogar der VS-Bericht von Hamburg widmet sich der neonazistischen Neugründung. Sind die Baden-Württembergern also zu zurückhaltend? "Jedes Landesamt entscheidet für sich", sagt Dittrich. Die Baden-Württemberger haben sich für Zurückhaltung entschieden, auch wenn das manche als Totschweigen verstehen können.

Warum der mehrfach rechtskräftig verurteilte Holocaust-Leugner Günter Deckert nicht genannt werde, sei mit dem Persönlichkeitsrecht zu erklären. "Einzelpersonen müssen in besonderem Maße relevant sein", so Dittrich. Auffällig ist jedoch, dass im VS-Bericht immer seltener Rechtsextremisten namentlich erwähnt werden. Dass die Klagefreudigkeit vieler Rechten dabei eine Rolle spiele, weist der zuständige VS-Mann des Landes zurück. "Die Furcht vor Klagen kann nicht unser Leitmotiv sein", so Dittrich.
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4 Kommentare verfügbar

  • Markus Müller
    am 08.09.2014
    Antworten
    Herr Kretschmann,"tillupp" hat vollkommen recht,nutzen Sie die Zeit,die Ihnen noch bleibt,denn eine Grüne Landesregierung wird es auf absehbare Zeit nicht mehr geben.
    Und wenn die CDU wieder regiert,ist den Nazis wieder der Weg bereitet.
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