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Sie sind noch unter uns

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Jahrzehnte nach der Befreiung vom Nationalsozialismus sorgen ehemalige Mörder der Waffen-SS noch immer für bundesweite Schlagzeilen. Denn viele der einstigen Schergen der SS und des NS-Apparats können weiterhin ungeschoren von deutschen Gerichten ihren Lebensabend genießen.

Einzelne Unbelehrbare unter ihnen sind sogar weiterhin in rechtsextremen Kreisen aktiv und glorifizieren als Zeugen der Erlebnisgeneration ihr damaliges verbrecherisches Handeln.

Auf der achtköpfigen Liste der weltweit meistgesuchten NS-Verbrecher des Simon Wiesenthal Center mit Hauptsitz in Los Angelos findet sich der gebürtige Däne Sören Kam (Jahrgang 1921). Der meistgesuchte Kriegsverbrecher Dänemarks, seit 1956 bundesdeutscher Staatsbürger, lebt seit Jahrzehnten unter seinem richtigen Namen, ordentlich gemeldet im bayrischen Kempten. In Dänemark wurde der ehemalige SS-Obersturmführer und Ritterkreuzträger nach Kriegsende in Abwesenheit wegen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Bestraft oder auch nur vor Gericht gestellt wurde er im Freistaat Bayern nie. Zuletzt hat das Oberlandesgericht München im Februar 2007 die Auslieferung von Kam in sein Heimatland abgelehnt.

Der Kopenhagener Kam war ab 1937 Mitglied der Jugendorganisation der Dänischen Nationalsozialistischen Arbeiterpartei (NSU). Im April 1940 gehörte Kam zu den ersten 40 Dänen, die sich freiwillig zur Waffen-SS (SS-Nummer 456059) meldeten. 1943 führte er zeitweilig die Schalburg-Schule in Höveltegaard nahe Kopenhagen. Diese Schule gehörte zum Schalburg-Korps, wie die Bezeichnung für die Germanische SS in Dänemark lautete. In dieser Zeit war Kam sowohl an der Gefangennahme von dänischen Juden als auch bei einer sogenannten Säuberungsaktion beteiligt. Die deutschen Besatzer und ihre dänischen Kollaborateure ermordeten bei dieser "Säuberungsaktion" im Herbst 1943 mindestens 125 Menschen. Eines der Opfer war der Journalist und Widerstandskämpfer Carl Henrik Clemmensen. 

Clemmensen, während der deutschen Okkupation Reporter der Zeitung "Berlingske Tidende", war kurz vor seiner Ermordung einem Journalisten von dem Naziblatt "Fadrelandet" begegnet. Er soll vor dem Kollaborateur ausgespuckt und diesen als Landesverräter beschimpft haben. Daraufhin wurde er am Abend des 30. August 1943 in Lyngby bei Kopenhagen von Kam und zwei weiteren Waffen-SS-Kameraden ermordet. Der Ablauf der Tat ist genau bekannt. Das Trio hatte das Mordopfer zunächst bis zu dessen Wohnung verfolgt, dann entführt, gequält und schließlich an einem Straßenrand mit acht Schüssen niedergestreckt. Vier der Einschüsse, die bei der Autopsie im Leichnam des Journalisten gefunden wurden, stammten aus Kams Pistole.

Die Entscheidung des OLG München vom Februar 2007, Kam nicht nach Dänemark auszuliefern, sei "ein weiterer Fall von unangebrachtem Wohlwollen der deutschen Justiz für einen verachtenswerten Nazikollaborateur", sagte Efraim Zuroff, der Direktor des Simon Wiesenthal Center in Jerusalem. Die deutsche Justiz habe "alles in ihrer Macht Stehende unternommen, ihn seiner gerechten Strafe zu entziehen." Das OLG München hatte den Auslieferungsantrag des dänischen Justizministeriums mit den Worten abgelehnt, dass Totschlag nach deutschem Recht verjährt sei. Für Mord gebe es keinen hinreichenden Tatverdacht, so das Gericht. Gegen die Entscheidung sei kein Rechtsmittel zulässig. Ein erstes, mehrere Jahre dauerndes Ermittlungsverfahren gegen Kam war im April 1971 aus Beweisgründen eingestellt worden.

Dass der in Vergessenheit geratene Kam nach mehr als zwei Jahrzehnten erneut ins Blickfeld der Justiz und erstmals ins Visier der Öffentlichkeit geriet, hat sich der SS-Mann selbst zuzuschreiben. Seine Leidenschaft, Treffen mit Ewiggestrigen zu besuchen, riss ihn aus seiner bayerischen Heimeligkeit. Im Oktober 1995 nahm Kam, geschmückt mit dem im Februar 1945 verliehenen Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes, an der "Ulrichsberg-Gedenkfeier" bei Klagenfurt in Österreich teil. Bei der Feier zu Ehren gefallener Soldaten des Zweiten Weltkrieges marschieren alljährlich ehemalige Wehrmachtssoldaten, SS-Veteranen, Burschenschafter und Neonazis aus der ganzen Welt auf. Aus der Bundesrepublik sind regelmäßig Angehörige der "Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit ehemaliger Angehöriger der Waffen-SS", des "Kameradenwerkes Korps Steiner", der "Ordensgemeinschaft der Ritterkreuzträger" und der "Kameradschaft Freikorps Oberland" zugegen.

Logiert wurde wie in den Jahren zuvor im Hotel Rosenheim. Vor Ort war auch Gudrun Burwitz, die Tochter von Reichsführer SS Heinrich Himmler. Zu diesem Zeitpunkt wirkte Burwitz als Grande Dame für die "Stille Hilfe für Kriegsgefangene und Internierte", eine Gefangenenhilfsorganisation für Nazis und NS-Kriegsverbrecher. Filmaufnahmen dieses Treffens gelangten an die Öffentlichkeit, und Kam wurde von dänischen Journalisten erkannt. Diese suchten Kam in seinem Reihenhausbungalow in Kempten auf. Kam erzählte ihnen, dass er CSU-Stammwähler und früher Verkaufsleiter einer bayerischen Brauerei gewesen sei.

Im Jahr 2000 verfasste Kam das Geleitwort für das beim rechtsextremen Munin-Verlag erschienene Buch "Europas Freiwillige der Waffen-SS". In dem Buch werden in "beeindruckender Genauigkeit" die "persönlichen und militärischen Lebensläufe" der "europäischen Freiwilligen anhand originalen Quellenmaterials recherchiert und in spannenden und gut lesbaren Einzelbiografien wiedergegeben", so die Verlagswerbung. Kam beendet seinen Beitrag mit den Worten: "Wir sind davon überzeugt, dass unser Kampf für ein freies Europa eines Tages seine gerechte Würdigung findet."

Im baden-württembergischen Göppingen-Bartenbach wohnt Wilhelm Langsam. Der Veteran des Deutschen Afrikakorps spricht bis heute in rechtsextremen Kreisen "über seine bewegte Zeit in Nordafrika". Einen seiner jüngsten Referatsaufritte hatte Langsam am 15. März 2014 bei der "Identitären Bewegung" im schwäbischen Ellwangen (Regierungsbezirk Stuttgart). Vor Ort hatten sich 90 Personen, darunter auch Gäste aus der Schweiz, eingefunden. Am Ende des zweistündigen Vortrags dankte das Publikum dem Ewiggestrigen "mit kräftigem Applaus" für den "unverfälschten Einblick in diese bewegte Zeit", so ein Szenebericht.

Über einen Diavortrag von Langsam war auf der Homepage des NPD-Kreisverbandes Heilbronn (Regierungsbezirk Stuttgart) zu lesen: "In einem konservativ und christlich geprägten bäuerlichen Elternhaus in der Nähe von Cottbus aufgewachsen, imponierte ihm die durch den Nationalsozialismus entstandene Ordnung und Solidargemeinschaft. ... Er meldet sich freiwillig zur Waffen-SS. ... Er bedauerte zutiefst, dass sein Vaterland Deutschland, diesen ihm aufgezwungenen Kriege, gegen eine ungeheure Übermacht, letztlich verlieren musste. ... Nach langem Bemühen konnte er mit den Verantwortlichen der NPD Kontakt aufnehmen. Seine bisherigen Eindrücke vom politischen Wollen dieser Partei und dies, auch und gerade, im Zusammenhang mit der Entwicklung unseres Volkes und Staates, ließen ihn jetzt zu der Erkenntnis kommen, dass seine Lebensmaximen und die der NPD im wesentlichen Deckungsgleich sind" (Fehler im Original). Seinen Vortrag beendete Langsam mit den Worten: "Ich bin einer von Euch."

Unter konspirativen Umständen fand am 11. Mai 2013 in Sachsen ein von Neonazis veranstalteter sogenannter Zeitzeugenvortrag statt. Geladen neben dem Dauerreferenten Langsam war Rudolf Schneider aus dem sächsischen Stauchitz (Landkreis Meißen). Schneider war als 19-jähriger Obergefreiter Fahrer des Generalfeldmarschalls Erwin Rommel. Für die Sprengung eines britischen Munitionslagers wurde der heute 91-Jährige mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse, der dritthöchsten Auszeichnung für Wehrmachtssoldaten, ausgezeichnet. Dem 2013 erschienenen Buch "Als Flaksoldat beim Afrikakorps: Von Thüringen nach Tobruk" steuerte Schneider ein Geleitwort bei. Unbeirrt von der Realität vertritt die Schneider die Auffassung: "Wir haben nicht gewusst, dass die in Berlin Verbrecher waren. Das lastet man uns heute noch an, und das ist nicht in Ordnung." 

Im Dezember 2013 wurde der im schwäbischen Aalen lebende gebürtige Litauer Hans Lipschis (Jahrgang 1919; Geburtsname: Antanas Lipsys) vom Landgericht Ellwangen wegen Demenz nach siebenmonatiger Haft aus der Untersuchungshaft entlassen. Er muss sich nicht vor Gericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart hatte Lipschis vorgeworfen, zwischen 1941 und 1943 in zwölf Fällen zum heimtückischen und grausam begangenen Mord an 10 510 Menschen Hilfe geleistet zu haben. Der einstige KZ-Wachmann im Vernichtungslager Auschwitz tat wahrscheinlich auch Dienst an der berüchtigten Rampe des Lagers. Lipschis, von Beruf Bäcker, will in Auschwitz jedoch lediglich "als Koch" die SS-Wachmannschaften versorgt haben.

Von der industriell betriebenen Massenvernichtung von Menschen will er nur gehört haben. Gesehen habe er nichts, behauptete er vor Jahren gegenüber den Medien. Der SS-Rottenführer, der der 6. SS-Totenkopf-Kompanie angehörte, war Anfang der 1980er-Jahre aus den USA ausgewiesen worden. 8200 SS-Angehörige waren in Auschwitz Teil der Mordmaschinerie. Bis Mai 2014 wurden von diesen Tätern nicht einmal 50 vor deutsche Gerichte gestellt. 

Von seiner Vergangenheit wird am 21. September der in der Hansestadt Breckerfeld im nordwestlichen Sauerland wohnhafte ehemalige niederländische SS-Unterscharführer Siert Bruins alias Siegfried Bruns (Jahrgang 1921) eingeholt. An diesem Tag jährt sich der 70. Jahrestag der Ermordung des 37-jährigen niederländischen Widerstandskämpfers Aldert Klaas Dijkema. Der heutige Deutsche Bruins soll gemeinsam mit einem bereits nicht mehr lebenden Mittäter als Angehöriger einer Polizeieinheit im niederländischen Delfzijl (Provinz Groningen) Dijkema am 21. September 1944 erschossen haben. Das Opfer wurde auf der "Flucht" von hinten erschossen, die Hände noch in den Taschen.

Um an diese ungesühnte Tat zu erinnern, soll in Breckerfeld eine antifaschistische Demonstration stattfinden. In den Niederlande ist Bruins wegen seiner Brutalität bei der Bekämpfung des örtlichen Widerstands als "Henker von Appingedam" bekannt. So war er nach seinem Einsatz an der Ostfront beim Sicherheitsdienst (SD) in der Hafenstadt Delfzijl bei Appingedam tätig und jagte untergetauchte Juden. Wegen Beihilfe zum Mord an zwei niederländischen Juden in Delfzijl saß er später fünf Jahre Haft ab. Der Waffen-SS-Freiwillige flüchtetet kurz vor der Befreiung der Niederlande nach Deutschland. Ein niederländisches Gericht verurteilte ihn 1949 in Abwesenheit zum Tod, das Urteil wurde später in lebenslänglich umgewandelt.

Am 8. Januar 2014 hat das Landgericht Hagen entschieden, das Verfahren gegen Bruins einzustellen. Das Gericht sah sich außerstande nachzuweisen, dass das Mordmerkmal der Heimtücke vorhanden war. Nur Totschlag war nachweisbar. Und der ist – wie im Fall Sören Kam – verjährt. Obwohl das Gericht bestätigte, dass Bruins am Tatort war und geschossen hat, konnte der Täter unbestraft das Gericht verlassen.


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2 Kommentare verfügbar

  • Habnix
    am 14.08.2014
    Antworten
    Ohne Lohntüte und nur ein Konto bei einer Bank ohne Bankgeheimnis, dann ist das so als wenn mein Portmonnaie bei der Bank irgend ein X-beliebigen Dritter hat, den ich nicht kenne und jeder Gangster sieht rein ob noch was zu holen ist.

    Am 1. April 2005 verschwand das Bankgeheimnis in Deutschland…
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