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Politsekte unbeobachtet

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Im württembergischen Herboldshausen verbreitet die rechtsextreme Weltan- schauungsgemeinschaft "Bund für Gotterkenntnis (Ludendorff) e.V." ihr rassistisches Gedankengut. Im Verfassungsschutzbericht des Landes sucht man vergeblich nach Informationen über die Schulungsstätte der religiös-völkischen Politsekte.

Der mehrere hundert Mitglieder umfassende "Bund für Gotterkenntnis" (BfG) bezeichnet sich als Weltanschauungsgemeinschaft. Praktiziert wird ein sektenhaftes Verhalten, Öffentlichkeit und insbesondere Journalisten sind bei Veranstaltungen unerwünscht. Der BfG sieht es als seine Aufgabe an, "die religionsphilosophischen Einsichten der Gotterkenntnis Mathilde Ludendorffs unter allen Menschen, die dafür aufgeschlossen sind, durch Wort und Schrift zu verbreiten und in der Gemeinschaft zu pflegen." (Satzung vom 1. Juli 2014) Gemeint ist eine krude Melange aus wirren antisemitischen und rassistischen Verschwörungstheorien, germanisch-heidnischen Glaubensansätzen mit ethnopluralistischen Vorstellungen und brauner Esoterik.

Die Ärztin und "Philosophin" Mathilde Ludendorff (1877-1966), Schöpferin der Gotterkenntnis, gilt als "Urgroßmutter des deutschen Antisemitismus" ("Spiegel") und als "gedankliche Wegbegleiterin des Nationalsozialismus" (WDR). Ludendorffs Ideologie zufolge soll ein "artgemäßer deutscher Glaube" das Christentum, das sie als rassefremde Irrlehre verdammte, ersetzen. Ludendorff entwickelte eine Rassenlehre, in der jede Rasse, darunter "Edelinge" (wozu die Germanen gehören) und "Niederrassen" (wozu sie vornehmlich die Juden zählt), ihr ureigenes Gotterlebnis via Rassenerbseele weitergeben. Rassenvermischung sei deshalb "Volksvergiftung" und führe zum Verlust der Möglichkeit von Gotterkenntnis. "Blutsvermischung" zwischen "Licht- und Schattenrassen" ende als "Volkstod". 

1939 gab Ludendorff das Machwerk "Die Judenmacht, ihr Wesen und Ende" heraus. Darin schwadroniert sie vom "Abwehrkampf der Deutschen Rasse gegen das jüdische Volk". In ihrer Autobiographie gibt sie preis, dass der Gedanke einer "jüdischen Weltverschwörung" ihr wie eine Erlösung von persönlichen Nöten vorgekommen ist. In ihren düsteren Verschwörungstheorien heißt es: "So haben sie (die Juden) sich denn mit ihren geheimen Komplicen, den eingeweihten Erzbruderschaften der Freimaurer, Jesuiten, Rosenkreuzer und anderer okkulter Logen, seit je wie die Geier auf die Großen der Wirtsvölker, die sie vernichten wollten, gestürzt, gar oft sehr eifrig unterstützt von machtgierigen, grausamen Priestern Roms."

Der BfG wurzelt ideologisch in der völkischen Bewegung des 19. Jahrhunderts. Der Verein bestand schon zur Zeit des Nationalsozialismus. Zehntausende zählten in den 20er und 30er Jahren zu Ludendorffs Glaubensanhängern. 1951 wurde der Verein von Ludendorff wiedergegründet. 1961 verboten die Innenminister der Länder den Bund als verfassungsfeindlich. Wegen Verfahrensfehlern wurde das Verbot durch ein bayerisches Verwaltungsgericht 1977 wieder aufgehoben. Der rechtsextreme Verein hat seinen Sitz im bayerischen Tutzing am Starnberger See. Er ist in das Vereinsregister des Amtsgerichts Starnberg unter der Nummer 0467 eingetragen.

Wichtigster Stützpunkt der Ludendorffer in Süddeutschland ist das sogenannte "Jugendheim Hohenlohe", ein mehrstöckiges ehemaliges Bauernhaus in der Ortsmitte von Herboldshausen bei Kirchberg an der Jagst im Landkreis Schwäbisch Hall. Regelmäßig finden auf dem Anwesen, das seit Anfang der 70er Jahre im Besitz der Ludendorffer ist, Veranstaltungen statt. Die Ludendorffer treffen sich in dem 4295 Einwohner zählenden Dorf zu Schulungswochenenden, Volkstanz, der Durchführung von Ferienlagern, dem Feiern von Sonnwendfeiern und anderen Brauchtums-Ritualen wie Erntefeste und Laternenumzüge sowie zur Abhaltung von Seminaren und Tagungen. Der Standort in Herboldshausen ist gut gewählt: Die Autobahn Heilbronn-Nürnberg liegt direkt vor der Tür.

Der BfG pflegt laut Satzung seine Weltanschauung unter anderem durch "Schulungen der Eltern und Erzieher im Hinblick auf die Eigenart der Kinderseele und im Hinblick auf die Verantwortung gegenüber dem Sinn des Lebens." Der Schutz der deutschen Volksseele gegen alles Fremde und nicht "Artgemäße" beginnt deshalb schon in der Kinderstube. Kindern und Jugendlichen wird von den Ludendorffern sogenannter "Lebenskunde"-Unterricht erteilt. Angesagt ist ein völkisches Erziehungsideal. Kinder sollen im Lichte der Gotterkenntnis erzogen, sprich indoktriniert, werden.

Gemeinschaftliches Erleben ist großgeschrieben, daher die Pflege des Volkstanzes und das gemeinsame Absingen alter deutscher Lieder. Der Verein wirbt nicht öffentlich, sondern richtet sich direkt an ihm bekannte rechtsextrem eingestellte Familien, die Kontakt zu ihresgleichen suchen. Meist kommen zu Veranstaltungen so ganze Familien vom Opa bis zum Enkelkind. Beobachtern bietet sich in Herboldshausen bei Veranstaltungen des BfG eine Szenerie wie aus den 50er Jahren: Jungen in Knickerbocker-Hosen und Mädchen mit Zöpfen und Dirndl-Kleidern.

Weitere Immobilien unterhält der Verein unter anderem in Schierensee (Schleswig-Holstein), Kirchmöser (Brandenburg) und Tutzing (Bayern). Im Gegensatz zu Baden-Württemberg wird beziehungsweise wurde in den Verfassungsschutzberichten dieser Bundesländer in den letzten Jahren immer wieder über das rechtsextreme Treiben der Ludendorffer informiert. Seit 2010 wird der BfG von der 1962 geborenen Apothekerin Gudrun Klink aus Ingelfingen (Hohenlohenkreis) geführt. Auch ihr Mann, der Augenarzt Hartmut Klink, fühlt sich der Gotterkenntnis von Ludendorff verpflichtet.

Ludendorff, geborene Spiess, verwitwete von Kemnitz, geschiedene Kleine, heiratete 1926 Erich Ludendorff. 1937 erhielt Ludendorff, der im Ersten Weltkrieg General und danach zeitweise Hitlers Wegbegleiter war, ein Staatsbegräbnis. Zusammen mit Hitler führte er am 9. November 1923 von München aus einen misslungen Putschversuch "Marsch auf die Feldherrnhalle" gegen die Reichsregierung an. Später entzweiten sich die beiden Braunen. In Schriften hetzte Erich Ludendorff ganz im Stile seiner Frau über das "Unheil der Rassenmischung" und das "volkszerstörende Treiben der überstaatlichen Mächte des jüdischen Volkes".

Vor ihrer Liaison mit Erich Ludendorff soll sich die verwitwete Kemnitz Hitler "als Führerin" angeboten haben. Ihr sei aber bedeutet worden, "dass dafür in der NSDAP keine Verwendung bestünde", so der später in Nürnberg gehenkte NSDAP-Ideologe Alfred Rosenberg. Nach der militärischen Zerschlagung des Nationalsozialismus wurde Mathilde Ludendorff von einer bayerischen Spruchkammer "wegen außerordentlicher Begünstigung des Nationalsozialismus" als "Belastete" eingestuft. Die Hälfte ihres Vermögens musste sie als Beitrag zur Wiedergutmachung abtreten.

Der Verlag Hohe Warte GmbH im oberbayerischen Pähl ist der unternehmerische Zweig des BfG. Er verbreitet die Weltanschauung der Ludendorffer über Bücher, Bilder und Postkarten. Dazu zählt auch die seit 1961 herausgegebene BfG-Zeitschrift "Mensch und Maß - Drängende Lebensfragen in neuer Sicht" (Auflage: circa 2000 Exemplare).

Über lange Jahre wurde der Verlag vom Freiherrn Franz Karg von Bebenburg (1910 - 2003), dem Schwiegersohn von Mathilde, geführt. 1980 war Bebenburg Mitunterzeichner eines Aufrufes der DVU-Aktionsgemeinschaft "Volksbewegung für Generalamnestie" (VOGA), die "den überfälligen Schlussstrich durch Generalamnestie für jedwedes behauptete oder tatsächliche Unrecht im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg" forderte. Der Name des Freiherrn fand sich auch in der Abonnentenkartei der wüst antisemitischen und Holocaust-leugnenden Zeitschrift "Die Bauernschaft". Herausgeber des Blattes war Thies Christophersen, vormals SS-Sonderführer im Vernichtungslager Auschwitz.


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5 Kommentare verfügbar

  • Ansgar
    am 28.09.2016
    Antworten
    Die waren ja sogar den Nazis zu krude und darum ironischerweise auch NS-verfolgt. Nun ist Religion eine heikle Sache. Die Frage ist, welche Gefahr heute von dieser Sekte ausgeht.
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