KONTEXT Extra:
Lindenhof kriegt eine Million vom Land

Das Theater Lindenhof ist ein Unikum in der baden-württembergischen Bühnenlandschaft, ein Regionaltheater in dem nicht einmal 1000 Seelen zählenden Dorf Melchingen, das mit Aufsehen erregenden Inszenierungen, etwa 2016 einem Stück mit syrischen Geflüchteten, immer wieder weit ins Land hinaus wirkt. Seit langem allerdings stehen in dem 1981 gegründeten Theater umfangreiche Umbauarbeiten an, um die Standards für Zuschauer und Schauspieler auf ein zeitgemäßes Niveau zu heben, unter anderem einen barrierefreien Zugang zu gewährleisten.

Für dieses Vorhaben gibt es nun eine Förderung von einer Million Euro vom Land. Am Freitag überreichte Peter Hauk (CDU), Minister für den ländlichen Raum, Lindenhof-Intendant Stefan Hallmayer den Zuschussbescheid. Eine stattliche Summe, Hallmayer ist dennoch "nicht überrascht" über die Höhe. "Wir hatten ja Anträge in bestimmten Höhen gestellt, das ist alles vorbesprochen worden." Schon bisher wird das Theater von den Landkreisen Tübingen, Reutlingen und Zollernalb, der Sitzgemeinde Burladingen und vom Land gefördert, insofern entsprächen auch der Finanzierungsmix für den Umbau dieser Konstruktion. Trotzdem ist der Intendant ungeheuer froh über die jetzt bewilligte Landesförderung, denn immerhin habe es über acht Jahre von den ersten Plänen bis jetzt gedauert, die Umbaufinanzierung sicher zu stellen. "Es hat schon viel Überzeugungsarbeit bedurft", sagt Hallmayer, und auch nach dem Wechsel vom früheren zuständigen Minister Alexander Bonde (Grüne) zu Peter Hauk nach der Landtagswahl 2016 habe man wieder neuen Anlauf nehmen müssen. "Aber wir haben gemerkt, dass von allen Fraktionen eine außergewöhnliche Wertschätzung für das Theater da war."

Nun kann sofort mit dem Bauen begonnen werden, "der Bagger ist schon da", so Hallmayer. An den auf 2,5 Millionen Euro veranschlagten Baukosten beteiligen sich auch die angrenzenden Landreise und die Gemeinde Burladingen, und mit 750 000 Euro Eigenmitteln auch die Stiftung Theater Lindenhof. "Einen Teil davon haben wir schon", sagt Hallmayer, "für einen Teil wollen wir noch Unternehmen als Partner werben." (23.7.2017)


Fahrverbote: Unterstützung aus Bayern

Es wird immer enger für Dieselfahrzeuge. Seit Monaten kämpft Winfried Hermann hinter den Kulissen gegen eine Aushöhlung des Konzepts zur Luftreinhaltung in der Landeshauptstadt und damit auch für Beschränkungen an Feinstaubtagen. Jetzt hat der grüne Landesverkehrsminister Unterstützung ausgerechnet aus Bayern bekommen. Eine „Karte des Grauens“ nennen nicht nur Umweltschützer das Gutachten zur Luftqualität in München. Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), so der Vorwurf der Deutschen Umwelthilfe (DUH), hat es über drei Wochen zurückgehalten. Jetzt wurde es publik und offenbart, dass an 260 (!) Straßen im Stadtgebiet der Stickoxid-Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter überschritten wird. Darunter sind ein Viertel aller Hauptstraßen oder 123 von 511 Kilometern. An 50 Messstellen liegen die Werte sogar über 60 Mikrogramm pro Kubikmeter. Schon Anfang 2017 - nach einer Klage der DUH - ist der Freistaat nicht nur dazu verpflichtet worden, das Gutachten zu veröffentlichen, sondern auch ein Maßnahmenpaket zur Verbesserung vorzulegen.

Wie sich die Bilder gleichen: Seehofer und sein Südschienen-Partner Winfried Kretschmann (Grüne) möchten Fahrverbote für Dieselfahrzeuge verhindern. Die Realisten hingegen, darunter vorsichtig auch Münchens SPD-OB Dieter Reiter, halten diese Maßnahme angesichts des Ausmaßes der Luftverschmutzung ohnehin für nur noch schwer abzuwenden. Und Winfried Hermann wiederholt gebetsmühlenhaft, dass Fahrverbote nicht vom Tisch sind. Die EU weiß er an seiner Seite: Am Freitag wurde bekannt, wie die zuständige EU-Industriekommissarin Elzbieta Bienkowska alle manipulierten Fahrzeuge radikal aus dem Verkehr ziehen will – nicht irgendwann, sondern schon 2018. Zugleich nimmt die Polin die nationalen Prüfbehörden ins Visier und findet klare Worte: Die hätten versagt. (21.7.2017)


Der doppelte Martin

Wo war Martin Schulz am Montagabend? Die "Stuttgarter Zeitung" behauptet, der Kanzlerkandidat sei bei ihr gewesen. Bei "StZ im Gespräch". Die "Stuttgarter Nachrichten" schreiben, Schulz sei bei ihnen gewesen. Beim "Treffpunkt Foyer". Recherchen von Kontext haben ergeben, dass der Spitzengenosse tatsächlich bei beiden war. Zur gleichen Zeit am gleichen Ort bei den gleichen Besuchern. Gesagt hat er auch das Gleiche, nur die Überschriften waren anders. Bei der StZ greift Schulz die Kanzlerin scharf an, bei den StN bläst er zur Aufholjagd, und die Chefredakteure dürfen auf den Titelblättern verschieden von vorne gucken. Fritz Kuhn wiederum, der Oberbürgermeister, klatscht in beiden Zeitungen gleich. Es ist einfach immer wieder schön zu sehen, dass eine Gazette so tut als wäre sie zwei. Das ist wichtig, wegen der Presse- und Meinungsvielfalt. (18.07.2017)


Landesregierung zu Fahrverboten: Aus Ja wird Jein

Vier Tage vor dem nächsten Termin am Stuttgarter Verwaltungsgericht in Sachen Feinstaub steigt die Nervosität. "Bei der Diskussion um den Luftreinhalteplan steht der Gesundheitsschutz der Bürger im Vordergrund und das Gebot, die Luft, die wir alle atmen, sauber zu halten", sagt Andreas Schwarz, Fraktionschef der Grünen um Landtag. Und doch muss er zusehen, wie seiner Partei die schärfste Maßnahme, die Möglichkeit, Straßen an Feinstaubtagen für den Verkehr zu sperren, aus der Hand geschlagen wird. Bereits Anfang Juli hatte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) darüber informiert, dass er streckenbezogene Fahrverbote für rechtlich nicht zulässig hält, wenn durch die Kombination dieser Straßen de facto eine Fahrverbotszone gebildet wird. Dementsprechend sah der Anwalt des Landes jetzt die Notwendigkeit, dem Verwaltungsgericht im Vorfeld des Verfahrens am kommenden Mittwoch mitzuteilen, dass am Instrument der Fahrverbote nicht weiter festgehalten wird.

Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) will im Kabinett am Dienstag dagegen durchsetzen, im Luftreinhalteplan einen solchen Rückzieher nur für den Fall festzuschreiben, dass die Nachrüstung älterer Diesel-Fahrzeuge jenes Minus an Emission bringt, das auch Fahrverbote bringen würden. "Der Luftreinhalteplan, wie er von beiden Koalitionspartnern und den betroffenen grün- und CDU-geführten Ministerien vorgesehen ist", erläutert auch Schwarz, "macht noch einmal klar: Verkehrsbeschränkungen würde es dann geben, wenn die Nachrüstung verschleppt wird oder nicht die erwartete Wirkung bringt." Und der Kirchheimer Abgeordnete, der die Fraktion seit gut einem Jahr führt, spielt den Ball zurück an Dobrindt: Jetzt sei der Bund in der Pflicht, denn der müsse "dringend alle technischen und rechtlichen Fragen zur Nachrüstung für verbindlich erklären und die Blaue Plakette einzuführen, denn sie ist das beste Mittel, um allgemeine Fahrverbote zu vermeiden". (15.7.2017)


AfD fühlt sich durch bunte Ballons angegriffen

Eine anonyme Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den Rektor des örtlichen Schulverbunds sorgt seit gestern erneut für Turbulenzen in Burladingen. In einem Schreiben behauptet ein anonymer Verfasser, im Namen von zwölf weiteren Eltern zu sprechen, die sich gegen eine Luftballon-Aktion der Burladinger Schulen aussprechen. "Letztlich ging es hier um eine politische Aktion, die gegen die AfD gerichtet war", so der Text, das sei ein "klarer Missbrauch der Kinder für politische Zwecke".

Was war passiert? Am 28. Juni hatten sich mehrere Schulen, Kindergärten, das Theater Lindenhof und mehrere Privatpersonen an der Aktion "Burladingen ist bunt" beteiligt. Mit bunten Luftballons warben die Burladinger für Offenheit und Toleranz in ihrer Stadt, die derzeit gegen ihr rechtes Image kämpft (Kontext berichtete), erst recht seitdem der umstrittene Bürgermeister Harry Ebert Sympathiebekundungen für die AfD verlautbaren lässt. An der Aktion beteiligt waren alle drei Rektoren des Schulverbunds. Doch nur gegen Michael Linzner richten sich die anonymen Vorwürfe.

Für den zuständigen Schulamtsdirektor Gernot Schultheiß in Albstadt ein ungewöhnlicher Fall. Noch nie habe ihn eine anonyme Dienstaufsichtsbeschwerde erreicht, so Schultheiß gegenüber Kontext: "So habe ich ja niemanden, dem ich antworten kann." Ungewöhnlich auch, dass das Schreiben an das Kultusministerium in Stuttgart ging, an die beiden Lokalzeitungen und an das Tübinger Regierungspräsidium. Dringenden Handlungsbedarf sieht Schultheiß allerdings nicht. Kein Kind sei gefährdet, auf keinem der Ballons sei gestanden, "gegen die AfD", das ganze habe in der Pause statt gefunden und keiner habe die Kinder gezwungen, einen Ballon steigen zu lassen. Im übrigen sei Linzner seit Jahrzehnten als engagierter und erfolgreicher Lehrer bekannt, der für seine Überzeugungen stehe und kein Blatt vor den Mund nehme. "Interessant ist", schreibt der Schwarzwälder Bote, "dass Michael Linzner am Wochenende bei der Schulentlassungsfeier Kritik an Bürgermeister Harry Ebert geäußert hatte, weil dieser kurzfristig abgesagt hatte."

Die AfD-Landtagsfraktion sah sich heute zu einer Pressemitteilung herausgefordert: "Die Luftballon-Aktion, an der Michael Linzner als treibende Kraft beteiligt war, richtete sich laut anonymem Hinweis gezielt gegen die AfD". Schulamtsdirektor Gernot Schultheiß sieht auch dies gelassen: "Sicher nutzen das manche nur, um auf sich aufmerksam zu machen." Initiiert hat die Aktion übrigens nicht der Rektor, sondern die Burladinger Bürgerin Tipsy Peucker. (13.7.2017)

Dazu: Rechtsabbiegen in Burladingen, Kontext-Ausgabe 323


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Herr über Verschwörungstheorien und Rechtspopulismus: Verlagschef Jochen Kopp. Foto: Kopp-Verlag

Herr über Verschwörungstheorien und Rechtspopulismus: Verlagschef Jochen Kopp. Foto: Kopp-Verlag

Ausgabe 160
Gesellschaft

Brücke nach rechts

Von Anna Hunger
Datum: 23.04.2014
Der Kopp-Verlag in der Bischofsstadt Rottenburg am Neckar ist für die einen ein Hort der Spinner, für die anderen ein Grenzgänger auf rechts außen. Seine Gegner sagen, er verbreite Geschichtsrevisionismus und Nazipropaganda. Verlagschef Jochen Kopp sagt, er verkaufe "unterdrückte Wahrheiten". Kontext hat ihn besucht, in seinem kargen Verlagsgebäude inmitten saftiger, grüner Idylle. Von dort aus führt er seine Geschäfte. Und die laufen gut.

An einem sonnigen Nachmittag steht Jochen Kopp in der Versandhalle seines Verlags, sie ist grau und karg mit haushohen Metallregalen. Das Buch "Schwarz auf weiß" stapelt sich an einem Fließband, es ist eine Schrift über "hochdramatische Abläufe einer schier unglaublichen Geheimpolitik". Jochen Kopp ist der Chef des Kopp-Verlags in Rottenburg am Neckar, 40 Kilometer südlich von Stuttgart, viel Fachwerk, kleine Gässchen, eine Stadt wie ein Spitzendeckchen. Er ist Herr über 5000 Quadratmeter Verschwörungstheorie, Ufoliteratur, Eurokritik und eine Menge Rechtspopulismus. Seine Topseller im Eigenverlag heißen "Geheimbasis Area 51", "Eine Welt ohne Krebs – die Geschichte des Vitamin B 17 und seiner Unterdrückung" oder "SOS Abendland – Die schleichende Islamisierung Europas". Hinter der Versandhalle beginnen Felder und Wiesen, eine kleine weiße Kirche steht auf einem saftig grünen Berg in der Sonne. Aus Jochen Kopps Aussicht könnte man eine Postkarte machen.

"Das Hauptquartier der deutschen Spinner" titelte 2011 das Nachrichtenportal "News.de" über seinen Verlag. "Quatsch mit brauner Soße", nannte die "AG Entschwörung", eine Antifa-Gruppe, einen Sonderdruck zu Kopp. Seine Gegner sagen, Kopp verbreite Geschichtsrevisionismus und Nazipropaganda, weil er in seinem Verkaufsprogramm neben eigenen Büchern auch eine Vielzahl Publikationen aus rechten Verlagen wie dem Tübinger Grabert-Verlag, Ares, Arnd oder Pour le Mérite verkauft und auf seinem Online-Auftritt "bewegende Augenzeugenberichte" von Mitgliedern der Totenkopf-SS anpreist. Kopp selbst sagt, er verkaufe "unterdrückte Wahrheiten". Ansonsten, das ist ihm wichtig, biete er das komplette Programm der Datenbank "Verzeichnis lieferbarer Bücher (VLB)" an, geführt vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Auch Gregor Gysi sei im Programm.

Leuchtet knallrot bis zur nahen Bundesstraße: das Kopp-Verlagsgebäude in Rottenburg. Foto: Joachim E. Röttgers
Leuchtet knallrot bis zur nahen Bundesstraße: das Kopp-Verlagsgebäude in Rottenburg. Foto: Joachim E. Röttgers

Er ist 48 Jahre alt, ein leiser Mann mit hellen Augen und weichem Gesicht. Er ist freundlich, hält Türen auf, geht als Zweiter durch und zeigt zumindest offiziell Verständnis dafür, dass man ihm skeptisch begegnet. Das läge in der Natur der Sache, wenn man unbequeme Informationen verbreite, sagt er.

Zum Zeitpunkt des Gesprächs liest er ein Buch über alternative Krebsheilung. Der müsse man eine Chance geben, zumal Chemotherapien reine Geldmacherei der Pharmaindustrie seien. Und als Klatschblätter Mitte der Neunziger in fast jedem Heft über Menschen berichteten, die von Ufos entführt worden sein sollten, reiste Kopp in die USA, um die Entführten persönlich zu treffen, erzählt er. Hätte sich ja sonst kaum einer die Mühe gemacht, denen zuzuhören. "In jeder Meinung, und sei sie noch so abstrus, kann immer ein Körnchen Wahrheit stecken", sagt er. Das ist seine Verlagsphilosophie.

Nur wenn man ihn fragt, ob es den Holocaust gegeben hat, sagt er: "Dazu gibt es in Deutschland eine gesetzlich festgeschriebene Meinung. Als gesetzestreuer Bürger teile ich diese selbstverständlich."

Kopp hat sich seine eigene kleine Medienlandschaft aufgebaut

Kopp zeigt auf ein großes Tuch, das von einem der Versandregale bis auf den Boden hängt – verschnörkelte Blumenmuster in Rosa und Lila, damit seine Mitarbeiter keinen deprimierenden Blick auf Metallregale haben, sondern auf etwas Fröhliches. Kopp, das erzählt man sich auch in Rottenburg, sei ein guter Arbeitgeber. Außer dem knallroten Schriftzug und ein paar meterhohen Palmen, die er sich in den Flur seines Verlagsgebäudes gepflanzt hat, ist dieses Tuch das einzig Bunte in seinem Haus. Der Rest ist weiß, verglast, leer, fast steril, hinten die Versandhalle, vorne drei Stockwerke sauber gestapelte Büroräume. 

In den Büros wird unter anderem die kleine Medienlandschaft produziert, die den Kopp-Verlag umgibt und den manipulativen "Mainstream-Medien" ein paar gut gefilterte Kopp-Wahrheiten entgegensetzen will: Die Nachrichtenseite "Kopp Online" und das achtseitige gedruckte Heft "Kopp Exklusiv", 52 Ausgaben im Jahr für 250 Euro, als Kopp-Kunde zahlt man nur 150.

Vor allem auf dem Kieker der Kopp-Online-Autoren: die "Politische Korrektheit", die Medien und Bürgerschaft derart im Griff habe, dass sich niemand mehr traue, "die Wahrheit" zu äußern. "Die Deutschen haben nach allen Studien Angst vor Spannungen, welche ihnen Migranten bringen werden. Doch darüber spricht man besser nicht. So werden die Deutschen zum kranken Volk", schreibt einer. Unter dem Titel "Deutschlands Zukunft: jung, männlich, orientalisch und kriminell" ist zu lesen: "Junge Mitbürger mit Migrationshintergrund sind bundesweit ein Problem." In einem Text zur Reaktorkatastrophe in Fukushima schreibt einer der Kopp-Autoren: "Die Verantwortlichen (beim Betreiber der AKW, den Behörden, der Regierung) gehören vor ein Tribunal. Wenn es mit einigermaßen rechten Dingen zugeht, dürfte es nur ein Urteil geben: die Todesstrafe."

Vor allem auf dem Kieker der Kopp-Online-Autoren: die "Politische Korrektheit". Screenshot
Vor allem auf dem Kieker der Kopp-Online-Autoren: die "Politische Korrektheit". Screenshot

Kopp kommt aus dem benachbarten Dorf Wurmlingen, dort lebt seine Familie. Früher war er Polizist in Stuttgart, aber irgendwann, sagt er, habe er nach einem sinnvolleren Beruf für sich gesucht. Also schmiss er seine Polizeikarriere und wurde Mitte der Neunziger Verleger.

Initialzündung, erzählt er, sei der öffentliche Umgang mit dem Ufologen Erich von Däniken gewesen. Erst beliebt, mit einem Weltbild, das die immer mal wieder auftretende Skepsis der Bevölkerung in Bezug auf staatliche Wahrheiten eine Zeit lang gut unterfütterte, dann von der Wissenschaft als Betrüger geächtet. Jochen Kopp hat ihn aufgesammelt. Seitdem schart er diejenigen um sich, die er schon immer gern mochte: "Autoren abseits des Mainstreams." Die gesellschaftlich, wissenschaftlich, politisch Geächteten. "Auch die, denen Linke Rechtsextremismus vorwerfen, obwohl sie nur eine andere Meinung haben", sagt Jochen Kopp. Denen möchte er "eine Stimme geben".

Ein gut ausgebautes Netzwerk an Rechtspopulisten

Jan van Helsing beispielsweise, mit Klarnamen Jan Udo Holey. 1996 ermittelte die Staatsanwaltschaft Mannheim wegen Volksverhetzung gegen Holey. Im Verfassungsschutzbericht 2004 wird er als "rechtsextremistischer Esoteriker" bezeichnet, einige seiner Bücher werden verboten. Kopp Online widmete ihm mindestens zweimal Platz auf der Homepage. 

Nachdem Eva Herman sich mit umstrittenen Äußerungen zu Hitlers Familienpolitik ins Aus manövriert hatte, moderierte sie die mittlerweile eingestellten Kopp-Nachrichten auf Kopp Online – Weltverschwörung in seriöser Tagesschauoptik. Oder Udo Ulfkotte. Er war Redakteur der FAZ. Sein Buch "Der Krieg in unseren Städten. Wie radikale Islamisten Deutschland unterwandern" erschien zuerst im Eichborn-Verlag, wurde wegen eines Antrags der Islamischen Föderation auf einstweilige Verfügung beim Berliner Landgericht vom Markt genommen, anschließend klagten eine ganze Reihe von Islamvereinen gegen den Verlag. Mittlerweile erscheinen seine Bücher im Kopp-Verlag, und man kann ihn gut und gerne als dessen Zugpferd beschreiben: Er ist Vielschreiber auf Kopp Online und Chefredakteur von Kopp Exklusiv.

Jochen Kopps Vorzeigeautoren und sein ganzer Stolz sind Wilhelm Hankel, Wilhelm Nölling, Karl Albrecht Schachtschneider, Dieter Spethmann und Joachim Starbatty, Personal aus dem Dunstkreis der Partei Alternative für Deutschland. 2010 hatten sie gemeinsam und medienwirksam Verfassungsbeschwerde gegen das Währungsunions-Finanzstabilisierungsgesetz zur Griechenlandrettung eingelegt.

Karl Albrecht Schachtschneider ist einer der Vizepräsidenten des Studienzentrums Weikersheim, das als umstrittene Denkfabrik und Schmelztiegel konservativer und rechtsextremer Strömungen viele Jahre lang in keinem Verfassungsschutzbericht fehlte. Der Naziexperte Anton Maegerle, Besitzer eines der bundesweit größten Archive über rechte Netzwerke, bezeichnet ihn als "Grenzgänger zwischen Rechtspopulismus und Rechtsradikalismus". Er steht beispielhaft für das, was auch für den Kopp-Verlag oft gilt: bestens vernetzt, ein gut geöltes "Scharnier" zwischen rechtskonservativ und ganz rechts. Genau das, sagen Rechtsextremismus-Experten wie Stefan Braun (SPD), sei "Strategie der neuen Rechten": gut getarnt und mit Personal aus der konservativen Wirtschafts- und Politikelite rechtspopulistische Ansichten in gesellschaftlich akzeptierte Sphären zu heben.

Auch NPD-nahe Onlinehändler bieten Kopp-Bücher an

"Harte Kante zeigen", nennt Jochen Kopp das, was in seinem Verlag, in Kopp Exklusiv und auf Kopp Online gegen den politischen Mainstream poduziert wird. In letzterem Falle wird die verlinkt und verbreitet auf einschlägigen Blogs wie Politically incorrect, auf der Seite der "Jungen Freiheit" oder auch dem rechten Michael-Mannheimer-Blog. Kopp-Bücher gibt es auch im Sortiment von Grabert/Hohenrain, im rechten Klosterhaus-Verlag oder beim Nordsachsenversand. Der Nordsachsenversand gehört Kai Rzehaczek. Sein Sohn Paul ist Landesvorsitzender der Jungen Nationalen Sachsen, des Jugendverbands der NPD.

Online-Seite des "Nordsachsenversands": Der Kopp-Verlag ist rechts außen beliebt. Screenshot
Online-Seite des "Nordsachsenversands": Der Kopp-Verlag ist rechts außen beliebt. Screenshot

Da könne er ja nichts dafür, sagt Jochen Kopp entrüstet. Für Verlinkungen sei er nicht verantwortlich. Außerdem, sagt Kopp im libertären Duktus seiner Gesinnungsgenossen, dürfe in einer Demokratie wie Deutschland ja jeder schreiben – und vor allem lesen – und damit auch verlinken, was er möchte.

Außer es geht um den Verlag selbst. Denn wenn "wieder einmal Lügen verbreitet werden, die den Verlag in eine rechte Ecke stellen sollen", lässt der Chef seine Anwälte los, und seine Autoren veröffentlichen in konzertierter Aktion Mailadressen, Anschriften und Telefonnummern der Kopp-Gegner auf Kopp Online. Eine seiner Gegner, der linke Rottenburger Stadtrat Albert Bodenmiller, erhielt daraufhin eine Flut rechtsradikal motivierter Schmähpost samt Morddrohungen. Wenn man ihn als rechts beschimpft, kann er sauer werden, der sonst so freundliche Herr Kopp.

Kopp trägt Karohemd und Jeans, er sieht ein bisschen wie ein Reiter aus, nicht wie ein Rechter. Aber wer will da mittlerweile noch unterscheiden, bei rechten Bewegungen wie den Autonomen Nationalisten im Antifa-Outfit und bunt beschlipstem Spitzenpersonal von den Rändern der Mitte-Konservativen. Und vielleicht ist Jochen Kopp auch gar kein originär Rechter, vielleicht hat er nur ein gutes Geschäftsmodell entwickelt, das im Kielwasser von Thilo Sarrazin, der AfD und der damit einhergehenden neuen "Das wird man ja wohl mal sagen dürfen"-Attitüde mit jedem Zentimeter Rechtsruck der Gesellschaft besser funktioniert. Die Haltung, verordnete Toleranz gegenüber Minderheiten – Schwulen, Lesben, womöglich Frauen und ganz sicher Zuwanderern – würde die Hoheit der "normalen" Mehrheit und deren Familien- wie Gesellschaftsbild unterwandern, ist im Moment ja sehr en vogue: siehe die aktuelle Bildungsplandebatte um die Akzeptanz sexueller Vielfalt oder die aktuelle Begeisterungswelle für den Autor Akif Pirinçci und sein Buch "Deutschland von Sinnen – Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer", eine "grölend vorgetragene Menschenverachtung", wie ein Rezensent schreibt, die aktuell reißenden Absatz findet. Eine gute Zeit für einen wie den Kopp-Verlag. 

Ein erfolgreicher Nischen-Player auf der Populismus-Welle

Kopp ist mit 3000 Büchersendungen täglich und rund 60 Mitarbeitern zwar keine besonders große Nummer verglichen mit Großversendern wie Amazon, aber sein Haus ist der "Abseits des Mainstreams"-Verlag Deutschlands schlechthin, ein erfolgreicher Nischen-Player. Wie viel Umsatz er macht, weiß keiner. Über Geld, sagt Kopp, spricht er nicht, aber arm ist er auch nicht. Er wirbt beispielsweise regelmäßig im auflagenstarken rtv-Fernsehmagazin, Einhefter, sechzehnseitig, für mindestens 50 000 Euro pro Veröffentlichung, rechnet die Dame in der rtv-Werbeabteilung vor. Früher hat er im Naturkostmagazin "Schrot und Korn" geworben, vor langer Zeit sogar mal im "Spiegel". 2013 hat Kopp expandiert und zog aus dem Rottenburger Industriegebiet Siebenlinden I ins neu erschlossene Siebenlinden III und baute dort seinen grauen Würfel (Kontext berichtete) mit Versandhalle.

Kritiker sagen, Kopps Autoren seien Rechtspopulisten, Scharlatane, Antidemokraten. Aber Kritiker gibt es nicht so viele. Die meisten Leute um Kopp herum mögen ihn ganz gern.

"Deutsche Opfer – alliierte Täter": Jochen Kopp hat eine ganze Reihe Bücher aus rechten Verlagen im Programm. Screenshot
"Deutsche Opfer – alliierte Täter": Jochen Kopp hat eine ganze Reihe Bücher aus rechten Verlagen im Programm. Screenshot

Rottenburg ist stolz darauf, in der NS-Zeit einen Bischof gehabt zu haben, der sich gegen das Naziregime stellte. Eugen Bolz gehört zu den Rottenburger Ehrenbürger. Eigentlich also sollte diese Stadt einen Riecher haben für antidemokratische Tendenzen. Bei Kopp riechen die meisten nur sein Geld.

Oberbürgermeister Stephan Neher (CDU) sitzt in seinem barocken Rathaus, es ist geranienbepflanzt und lachsfarben. Er ist Chef über die Gewerbesteuer von Jochen Kopp und hat ihm sehr gerne das Grundstück in seinem Industriegebiet verkauft. Jochen Kopp sei nett, sagt er, was er verkaufe, sei seine Sache. "Es ist nicht Aufgabe einer Stadt, zu zensieren. Eine Demokratie muss auch abstruse Meinungen aushalten", sagt Neher. Außerdem gebe es ja auch Pornos und Ballerspiele.

Kopp sponsert zudem "eine ganze Reihe von Schulen, Vereinen und sozialen Einrichtungen, hauptsächlich im regionalen, aber auch im überregionalen Bereich". Er gehörte zu den Sponsoren des Turnvereins Rottenburg 1861 (TVR) und beendete seine Unterstützung, als sich der bereits erwähnte Stadtrat Albert Bodenmiller gegen die "Geschichtsrevisionisten aus der Bischofsstadt" einzusetzen begann. Der Stadtrat schade dem Verlag, "dem Sport, dem Verein und der Stadt", sagte Norbert Vollmer, der Geschäftsführer des TVR, damals. Außerdem ließ Vollmer wissen, sei der Turnverein nicht Wächter über die Demokratie.

Kopp bezahlt auch eine Sonderveröffentlichung zu einem Weinfest in Wurmlingen, einer dieser süffigen Veranstaltungen mit Henkelgläsern in idyllischer Kulisse. Ein protegierter Winzer ist Anton Brenner, Stadtrat für die Linke im Tübinger Gemeinderat, sonst ein "Moralapostel erster Klasse", sagt man. Aber hier? Die Kopps seien sehr wertgeschätzte Wurmlinger Bürger, sagt Brenner. Kopp-Bücher könne man auch in der Osianderschen Buchhandlung bestellen. In diesem Falle brächte sie der Fahrradbote, nein, sogar der "antifaschistische Fahrradbote", ätzt der Linke und findet, von Kopp könne man sich ruhig sponsern lassen. Zumal in einer Demokratie.

Kopp steht in einem seiner Besprechungsräume im ersten Stock, am Rande dieser Spitzendeckchenstadt, in der er so viele Freunde und Unterstützer hat. Links unten seine Lagerhalle, mittendrin die Palmen, drum herum Felder und Wiesen, und wenn er am Fenster steht, so wie an diesem Nachmittag, und das Wetter klar ist, sieht er die kleine weiße Kirche auf ihrem grünen Hügel leuchten. Dort, zwischen den saftigen Reben in der Sonne, wird im Juni auch das Wurmlinger Weinfest stattfinden. "Schön, nicht", sagt Kopp. "Vor allem, wenn morgens der Nebel aufzieht."


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