Anahita Azizi hat die Stille hassen gelernt. Sie war vier Jahre alt, als sie mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern in den 1990er-Jahren den Iran verließ und die Familie politisches Asyl in Deutschland bekam. An viel kann sie sich nicht erinnern. Es sind Bruchstücke: ihre Wohnung in Teheran, Aufmärsche, die sie vom Fenster verfolgte. Nur eines bleibt ihr bis heute in Erinnerung: das Flüstern. "Meine Eltern haben ständig geflüstert." Manchmal, erzählt sie, hätten sie mitten in einem Gespräch ihre Stimmen plötzlich gesenkt. "Dieses Flüstern war so dunkel, so schwer." Noch schlimmer war es für sie, wenn ihre Eltern schwiegen. Selbst Jahre später, als sie längst in Deutschland lebten, habe ihre Mutter bei vielen Themen noch immer geflüstert.
Auch jetzt erträgt sie die Stille nur schwer. Einen Monat ist es her, dass Israel und die USA den Iran bombardierten. Ihre Ziele: Militärstützpunkte, Flugplätze, Nuklearanlagen. Israel erklärte, es wolle damit die Bedrohung durch das iranische Atomprogramm ausschalten. Iran sei kurz vor der Fertigstellung der Atombombe, begründete Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu die Angriffe. Ob das stimmt, ist unklar. Klar ist jedoch, dass Israel auch gezielt hochrangige Militärkommandeure ins Visier nahm – und wohl auch Irans geistliches Oberhaupt Ajatollah Ali Chamenei. Der Iran schoss daraufhin Raketen auf Israel. In der Nacht zum 22. Juni griffen dann die USA in den Krieg ein und warfen bunkerbrechende Bomben auf die iranischen Atomanlagen in Fordo, Natanz und Isfahan. Zwei Tage später verkündete US-Präsident Donald Trump eine Waffenruhe. Beide Seiten beendeten ihre Angriffe und erklärten ihren Sieg. Mindestens 20 Anführer der iranischen Armee und der Revolutionsgarden starben bei den Angriffen, berichtet Israel. Aber auch über 400 Zivilisten. Chamenei überlebte in einem Bunker.
Seitdem herrscht Ruhe. Ein angespannte Ruhe. "Es ist so unheimlich still", sagt Anahita. Sie hört kaum etwas von Freunden und Familienmitgliedern, die noch dort leben. Doch Schweigen, das hat sie gelernt, bedeutet selten etwas Gutes. Sie ist sich sicher: "Das war nicht alles, da kommt noch was." Auch Ramin vertraut der Ruhe nicht. "Alle Seiten sprechen zwar von Sieg, aber ich bin überzeugt davon, dass niemand seine Ziele bisher erreicht hat. Weder Israel, noch der Iran, noch die USA." Schließlich sei Chamenei noch am Leben und ungewiss, wie groß der Schaden an Irans Atomanlagen wirklich ist. Und aufgeben, dass kündigte der iranische Präsident Massud Peseschkian bereits an, will der Iran sein Atomprogramm "unter keinen Umständen".
Immer in Sorge um die Familie
Ramin lebt seit zwei Jahren in Deutschland, machte in Heidelberg seinen Master. Verlassen wollte er den Iran schon viel früher, doch es dauerte, bis ihm die Ausreise gelang. Seinen richtigen Namen will er nicht in der Zeitung lesen, um Familienmitglieder zu schützen. Mehr als einmal sorgte er sich schon um Verwandte und Freunde. Bereits sein Vater wurde verhaftet – zur Zeit der Islamischen Revolution Ende der 1970er-Jahre, die damals zum Sturz der Monarchie unter Schah Mohammad Reza Pahlavi führte und zur Rückkehr Ruhollah Chomeinis aus dem Exil. Er baute den Iran zu einer Islamischen Republik um und zerschmetterte damit die Hoffnungen vieler linker Gruppierungen, die in der Revolution für einen liberaleren Staat gekämpft hatten.
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gerhard manthey
am 20.07.2025