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Iranischer Protest in Stuttgart

Frau, Leben, Freiheit

Iranischer Protest in Stuttgart: Frau, Leben, Freiheit
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 Fotos: Jens Volle 

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Im Iran demonstrieren Frauen und Männer gegen das Mullah-Regime. Als Auslöser gilt der Tod der kurdischen Iranerin Mahsa Amini, die am 13. September in Teheran von der Sittenpolizei festgenommen und starb kurz darauf. Weltweit protestieren Menschen mit, auch in Stuttgart.

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Tränen, wütende Parolen, hoffnungsvolle Lieder – mehr als 1.000 Frauen und Männer protestierten am Samstagnachmittag auf dem Schillerplatz und ließen alle Gefühle raus. Die Stuttgarter Iraner:innen wollten einander Trost und Mut geben, sie wollten ihren kämpfenden Landsleuten in der Heimat aus der Ferne Zeichen der Solidarität schicken. Und die deutsche Politik zum Handeln auffordern.

Als kurz vor 14 Uhr eine kleine Gruppe junger Iranerinnen und Iraner dabei ist, die Technik für die Kundgebung aufzubauen, stehen um die 200 Menschen um sie herum. Iman, ein junger Archtiekt, hilft beim Aufbau. Er sagt: "Wir sind keine Organisation, wir sind hier lebende Irani und wollen die Frauen unterstützen, egal wo." Mehr Zeit hat er nicht, er eilt zur Polizei, die wissen will, wer auf dem Schillerplatz die Verantwortung hat. Aus den Lautsprechern erklingt das chilenische Partisanenlied "El pueblo unido" ("Das vereinte Volk") auf Persisch, und so manche singen die Lippen bewegend lautlos mit. Der Platz füllt sich nun schnell, die Menschen stehen dicht an dicht, als suchten sie Halt. Am Ende werden es über 1.000 Frauen und Männer sein, fast ausschließlich Irani. Mona Sharifi, angehende Schauspielerin, erzählt, sie habe seit zwei Wochen keinen Kontakt mit ihren Eltern in der Heimat gehabt. Mit Freundinnen im Land jedoch habe sie Nachrichten austauschen können, und die hätten berichtet, dass vor allem in der Provinz Kurdistan die Menschen auf der Straße seien.

Auf den Stufen des Schillerdenkmals stehen Fotos von Frauen und Männern, die in den vergangenen Tagen bei ihrem Protest getötet wurden, vor den Bildern liegen Nelken. Azin Sadati-Schmutzer tritt mit dem Mikro vor die Menschen. Sie berichtet auf deutsch, wie ihr Vater vor 14 Jahren ins Gefängnis kam, weil er gegen die Vollverschleierung demonstriert hatte. Damals hätten die Leute in ihrem Dorf nichts getan. Ihre Stimme bricht, sie fängt sich wieder. Heute aber seien die Menschen auf der Straße – wegen Mahsa Amini. Sie sei stolz. Ihre gesamte Rede gibt es hier.

Die 37-Jährige lebt seit fünf Jahren in Deutschland. Im Iran hat sie Kunst studiert und als Bildhauerin gearbeitet. Sie gehört einer Minderheitenreligion an, dem Gonabadi-Orden. "2018 wurden Mitglieder unserer Gemeinde attackiert", erzählt sie, danach habe sie ihr Land verlassen. In Stuttgart absolvierte sie eine Ausbildung zur Bürokauffrau und freut sich nun auf ihre neue Arbeitsstelle. Mittlerweile trägt die Künstlerin eine FDP-Fahne über der Schulter. "Ja, ich bin aktiv bei den liberalen Frauen", sagt sie lächelnd. Frauenrechte sind ihr Thema, und so kritisiert sie, dass iranische Frauen nicht nur in ihrem Heimatland, sondern auch in Deutschland offenbar nicht als eigenständige Menschen angesehen werden: "Wenn iranische Frauen hier einen deutschen Mann heiraten, müssen sie eine Einwilligung ihres Vaters vorlegen. Das ist Diskriminierung."

"Wir haben keinen Selenskyi"

"Bella Ciao" wird eingespielt, auch dies auf Persisch, die Menge singt mit, ein junger Mann animiert die Menge, mit großen Armbewegungen stimmt er Parolen an: "Jin! Jiyan! Azadi! Frau! Leben! Freiheit!" Der Slogan aus dem Freiheitskampf kurdischer Frauen hat sich auch im Iran durchgesetzt. "Das ist die Melodie der freien Frau", ruft die Kurdin Gülistan Ates. Dieser Slogan der kurdischen Frauenbewegung zeige: "Die Epoche der Angst ist vorbei!"

So geht es weiter: Rednerin, Musik, Parolen. Auch spontan treten Frauen und Männer vor die Menge, bekommen das Mikro. "Dies ist eine Rede an alle westlichen Länder", ruft ein junger Mann, der sich Stichworte auf dem Handy notiert hat. "Wir haben keinen Selenskyi, wir haben keinen Botschafter, der für uns eintritt. Wenn Sie schweigen, sind Sie mitschuldig." Applaus, sofort werden wieder Parolen angestimmt: "Weg! Weg! Mullah muss weg!", "Solution? Revolution!"

Ein älterer Mann tritt vor, er zieht seine Jacke aus, fängt an zu singen, bricht ab. Er weint, junge Männer führen ihn zur Seite, nehmen ihn in den Arm. Mit zwei iranischen Fahnen in den Händen tanzt eine Frau zu dem Lied "Baraye" ("für"), das der Sänger Shervin Hajipour zu den aktuellen Protesten aus Twitter-Nachrichten kreierte. "Für tanzen auf den Straßen. Für meine Schwester. Für den Sonnaufgang nach den langen dunklen Nächten", heißt es darin. Das Lied wird an diesem Nachmittag mehrmals angestimmt. Hajipour, dessen Lied auf Instagram millionenfach geklickt wurde, ist mittlerweile offenbar verhaftet worden, heißt es auf Twitter. "Er sitzt in demselben Gefängnis wie damals mein Vater", berichtet Azin Sadati-Schmutzer.

Haare fallen, Tränen fließen

Zwei junge Frauen kommen nach vorne, halten Scheren in die Höhe. Sie schneiden sich Haarsträhnen ab. Es fallen rote Locken, blonde Strähnen, schwarze lange Haare, Männer fahren sich einmal mit dem Rasierer über den Kopf, eine ältere Frau mit Kurzhaarfrisur tastet nach einem kleinen Haarbüschel. Es fließen Tränen. Gülistan Ates ergreift das Mikro: "Wir schneiden uns die Haare ab, um zu erklären: Das gehört uns. Niemand hat die Macht, zu sagen, was wir mit unseren Körpern tun."

Die Menge strahlt nicht nur Sorge, sondern auch Entschlossenheit aus. Die Ingenieurin Elli fasst ihre Verfassung so zusammen: "Ich habe ein Doppelgefühl. Ich bin traurig über die vielen Toten und Verletzten und ich bin froh, denn die Proteste sind der richtige Weg." Proteste gegen das Mullahregime gibt es im Iran immer wieder, seitdem 1979 die islamische iranische Republik gegründet wurde. 1999 wurden Studierende, die für die Pressefreiheit demonstrierten, brutal niedergeknüppelt.

Die Grüne Bewegung gegen Wahlmanipulation 2009 ging in Regierungsgewalt unter, Tausende Oppositionelle wurden verhaftet. Hunderte Demonstrierende wurden auch 2019 getötet, als sie spontan zunächst gegen teures Benzin auf die Straßen gingen. Woher also nimmt Elli ihren Optimismus? "Ob es wirklich die Chance für Demokratie gibt, kann keiner sagen. Aber die Proteste jetzt sind sehr groß, nicht nur in Großstädten, auch in vielen kleinen Orten gehen Menschen auf die Straße. Seit mehr als 14 Tagen!"

Furcht vor noch mehr Repression

Im Iran geht das Regime derweil immer härter gegen Protestierende vor. Die Sharif-Universität in Teheran wurde abgeriegelt, es wird von Gewalt gegen Studierende und Professoren berichtet. In der Hauptstadt sollen Tausende Menschen demonstriert haben, berichtet die "Süddeutsche Zeitung". Laut der in Oslo ansässigen Organisation Iran Human Rights (IHR) wurden bisher 133 Menschen getötet. Auf dem Schillerplatz appelliert eine junge Iranerin an die deutsche Politik. Sie soll den Iran isolieren. "Die Hardliner setzen sich durch, sie mischen sich in Nachbarländer ein, in Syrien, sie unterstützen Russland mit Drohnen. Unser Land steht am Rande des Zusammenbruchs. Helfen Sie uns!"

Auch wenn aus westlicher Sicht noch mehr Hardlinertum kaum vorstellbar ist, dürfte auch die Befürchtung vor dem nächsten religiösen Führer die Proteste anfeuern. Irans oberster Führer, Ali Chamenei, hat die jüngsten Unruhen im Land als Verschwörungsoperation der USA, Israels und der "iranischen Verräter im Ausland" dargestellt. "Eine junge Frau ist ums Leben gekommen, und das war sehr bitter und bedauerlich", sagte Chamenei. Er ist 83 Jahre alt, über seinen Gesundheitszustand wird viel spekuliert. Nachfolger will sein Sohn Mojtaba Chamenei werden, und der gilt als extrem islamistisch. Es lägen also Umbrüche in der Luft, sagt Azadeh Zamirirad von der Stiftung Wissenschaft und Politik im aktuellen SWP-Podcast "Kopftuchzwang und inneriranischer Kulturkampf".

Deutschland hat mittlerweile mit Frankreich, Dänemark, Italien, Spanien und Tschechien den Partnern in der EU 16 konkrete Vorschläge unterbreitet, gegen welche Einzelpersonen und Organisationen im Iran Sanktionen verhängt werden sollten. Beschlossen werden könnten sie beim nächsten EU-Außenministertreffen am 17. Oktober.


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2 Kommentare verfügbar

  • Reinhard Gunst
    am 05.10.2022
    Antworten
    Natürlich haben Menschen das Recht gegen die Willkür der iranischen Sittenwächter zu prot- estieren. Doch all der Protest nützt nichts, wenn die Ursache dieses Gewaltausbruches nicht abgestellt wird.

    Wer hier nach der amerikanischen Marionette, dem Schauspieler Selenskyi als Heilsbringer ruft,…
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Ausgabe 609 / Über den Gleisen / Andreas Spreer / vor 2 Tagen 23 Stunden
Sehr interessant!


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