Ausgabe 359
Wirtschaft

Der geliebte Nazi-Tüftler

Von Ulrich Viehöver
Datum: 14.02.2018
Zu schön, um wahr zu sein. Bis heute werden Ferdinand Porsche und sein Schwiegersohn Anton Piëch als brave Mitläufer im NS-Staat gezeichnet. Jüngstes Beispiel: Wolfram Pyta mit seinem Buch "Porsche – Vom Konstruktionsbüro zur Weltmarke".

Schon die Überschrift verrät die Tendenz: Ein Lebenswerk, das vom Garagenbetrieb in Stuttgart zur Weltmarke emporwächst, kann nicht schlecht sein. Es klingt nach amerikanischer Erfolgsstory. Ein paar tote und misshandelte Zwangsarbeiter links und rechts des Weges und ein vergessener Mitgründer der Firma Porsche jüdischen Glaubens sind da offenbar zweitrangig.

Ferdinand Porsche, 1940. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-2005-1017-525, CC-BY-SA 3.0

Der angeblich so begnadete und kreative Konstrukteur, wie ihn die Nazis für ihre Herrschaft auch als Vorbild für die Jugend brauchten, erfährt stets mehr Gnade als etwa ein einfacher Handwerker, Buchhalter oder Ingenieur. Bewunderung für den Hightech-Mann von damals auch heute – selbst wenn er und sein Schwiegersohn über Leichen gingen. Der Wiener Anton Piëch war ein glühender Anhänger der Nazis, frühes NSDAP-Mitglied und oberster kaufmännischer Leiter des VW-Werks neben seinem Schwiegervater Porsche. Anwalt Piëch hatte auch keine Skrupel, nach Tausenden von KZ-Häftlingen für die VW-Fabrik zu rufen, um die Menschen bei todbringender Schufterei zu verheizen.

Obwohl die Entwicklung und der Bau des Volkswagens und seiner militärischen Ableger komplett aus dem gestohlenen Vermögen damaliger Gewerkschaften im Rahmen des Freizeitprogramms der sogenannten "Kraft durch Freude" (KdF) finanziert wurde, nehmen Pyta und seine Mitautoren Jutta Braun und Nils Havemann daran wenig Anstoß. Kritikwürdig wäre etwa, dass das "Unternehmen KdF" der NSDAP zugeordnet war, Porsche und Piëch sozusagen im Sold der Nazi-Partei arbeiteten. Was soll's! Auch Nazi-Geld stinkt nicht.

Porsche ist den Nazis in den Hintern gekrochen

Was zählen schon moralische Bedenken im Vergleich zum Bau eines KdF-Wagens samt riesiger Fabrik mitten im Nichts von Niedersachsen? "Das Genie Porsches … habe sich an der souveränen Meisterung der ihm von Hitler selbst übertragenen Aufgabe grandios bewährt – er hat sie mit der ihm eigenen Genialität und Zähigkeit gelöst", zitiert das Autorenteam aus Lobgesängen von Nazi-Größen, als Porsche 1938 der Deutsche Nationalpreis für Kunst und Wissenschaft verliehen wurde. "Ideologische Linientreue" sei für diese Auszeichnung "nicht erforderlich" gewesen, behaupten die Historiker. Richtig!

Porsche musste keine SS-Uniform tragen, aber den NS-Führern von Hitler abwärts bei gegebenem Anlass tief in den Hintern kriechen, diese Bräunung erwartete das Regime mindestens von ihm als Dank. Und der angeblich so schöpferische Genius gehorchte und kroch. Zu dieser verbrecherischen Seite nimmt das Autoren-Trio keine analytisch distanzierte Haltung ein. Stattdessen verfällt es zu oft in eine propagandistische Gloriensprache. "Die kreative Zeugung des späteren Erfolgsautos fand mithin in Stuttgart statt …" Häufig findet der Lobgesang hinter Zitaten von Bewunderern im NS-Regime statt. Zum Beispiel diese PR: "Der geniale Konstrukteur ist ein Künstler, der Formen, Beanspruchungen, Vorgänge fühlt … Wer einmal beobachtet hat oder gar im persönlichen Zusammensein miterleben durfte, wie Dr. Porsche technische Dinge anschaut und bedenkt, der steht tief unter dem Eindruck des instinktiven Wirkens eines begnadeten Künstlertums." Was soll ein solches Zitat bei Leserinnen und Lesern bewirken?

Ferdinand Porsche (rechts) mit Adolf Hitler.
Porsche (rechts) mit Adolf Hitler. Foto: Porsche-Archiv

Wie selbstverständlich beschäftigten Porsche/Piëch im rasant wachsenden Stammwerk in Stuttgart-Zuffenhausen im Krieg mehrere hundert Zwangsarbeiter. Und in der "Stadt des KdF-Wagens" (heute: Wolfsburg) wurden Zehntausende Arbeitssklaven mörderisch ausgebeutet. Hier wie dort hießen die obersten Akteure Ferdinand Porsche nebst Schwiegersohn Anton Piëch. Für eine historische Betrachtung sollte es zwingend sein, das brutale, unethische Agieren dieser Machtmenschen scharf herauszuarbeiten und kritisch zu würdigen. Stattdessen werden die schweren Verbrechen der beiden im KdF-Werk milde beschrieben. Immerhin soll Piëch bei Himmler persönlich mehrere Tausend KZ-Häftlinge angefordert haben. Ebenso konnte Porsche dieses grauenvolle Elend in Wolfsburg nicht übersehen haben. Doch statt Aufklärung und Einordnung liefert das Autoren-Trio hier eine verwirrende akademische Diskussion darüber, wann ein Nazi als NSDAP- und SS-Mitglied ein wahrer Nazi ist und wann nicht.

Für Zuffenhausen gibt es eine Generalamnestie

Ohne nachvollziehbare Begründung für den Leser "schält sich" bei Pyta und Co. "der Eindruck heraus, dass im Vergleich zur Behandlung der Zwangsarbeiter im Volkswagenwerk ein erheblicher qualitativer Unterschied bestand". In der KdF-Stadt habe ein Klima der Einschüchterung, Erniedrigung und gewalttätigen Repression "im Umgang mit den ausländischen Arbeitskräften" geherrscht, was in Zuffenhausen "nach den vorliegenden Quellenbefunden nicht einmal im Ansatz" nachzuweisen sei.

Diese Generalamnestie ist völlig unhaltbar. Erstens dürfen die mörderischen Taten von Porsche und Piëch im Zusammenhang mit dem Volkswagen-Projekt nicht isoliert betrachtet werden. Und zweitens schilderte ein Zwangsarbeiter aus Polen dem Autor dieses Artikels persönlich, dass er und seine Mitgefangenen im Porsche-Werk sehr wohl eingeschüchtert und erniedrigt worden seien. Und die "Russen" (Militärs) in der so genannten Russen-Baracke seien noch viel strenger behandelt worden. Der "Nationalsozialistische Musterbetrieb" gehorchte in Stuttgart-Zuffenhausen so perfekt wie in Wolfsburg. Eine Trennung der Taten Porsches und seines Schwiegersohns in KdF-Stadt dort und im Stammbetrieb hier mutet so schizophren wie gekünstelt an.

Der Jude Rosenberger wird kalt abserviert

Auch die Gliederung des Buches ist befremdlich. So stellt Historiker Pyta erst im Kapitel 12 (von 14) auf Seite 305 (von 400 Seiten Lauftext) die für eine Studie zur NS-Zeit entscheidende Frage: "War Ferdinand Porsche ein Nationalsozialist?" Die Antworten geben klar die (Un-)Taten des Tüftlers seit 1933 bis zur "Entnazifizierung". Porsche habe keine "innere Bindung zu den Kernzielen des Regimes verspürt", urteilt Pyta. Doch ohne die Porsches, Piëchs und die Millionen großer und kleiner tatkräftigen Führer hätte das Mörder-Regime nicht funktionieren können. Da ist jeder Funke Sympathie zu viel.

Adolf Rosenberger. Foto: Mercedes-Benz Classic
Adolf Rosenberger. Foto: Mercedes-Benz Classic

Zu einem milden Urteil gelangen die Geschichtsschreiber auch im krassen "Fall Rosenberger". Der Pforzheimer Unternehmer war 1931 Mitgründer der Porsche-Firma. Dieser Gesellschafter, Kaufmann und Ex-Rennfahrer war es auch, der das junge Unternehmen mit seinem Geld und seinen guten Kontakten zur Autoszene vor der Pleite rettete. Adolf Rosenbergers Makel: Er war jüdischen Glaubens. Ob der Finanzier hauptsächlich wegen seiner Religionszugehörigkeit (Arisierung) oder aus anderen Gründen von Porsche und Piëch aus dem Betrieb gedrängt wurde, lässt sich nicht mehr eindeutig klären.

Fakt ist, dass Rosenberger im Sommer 1935 mit 3000 Reichsmark abgespeist wurde. Das entsprach lediglich dem Wert, den der Mitgründer 1931 ins Stammkapital eingezahlt hatte. Sein Nachfolger erhielt 1937 für den gleichen Anteil das Neunfache (27 000 Reichsmark). Schließlich hatte sich die Lage durch den VW-Auftrag grundlegend gebessert – auch bereits 1935. Rosenberger und seine Frau konnten froh sein, durch die Flucht ins Ausland ihre Haut retten zu können.

Neue Dokumente tauchen auf

Mit Adolf Rosenberger hat sich auch der SWR-Redakteur Eberhard Reuß beschäftigt. Im vergangenen Jahr konnte er in Los Angeles Dokumente einsehen, die Rosenberger hinterlassen hat. Darunter einen Brief vom 18. Februar 1950, in dem der Mitgesellschafter den "Herren Porsche und Piëch" vorwirft, sie hätten sich seiner "Mitgliedschaft als Jude bedient, um mich billig los zu werden".

Der Nachlass liegt bei einer Familie Esslinger, die ihn von Rosenbergers Witwe Anne bekommen hat. Wolfram Pyta bestätigt, dass eine Mitarbeiterin einmal Kontakt mit der Familie gesucht habe. Dabei sei es aber geblieben. Von den Dokumenten in den USA erwartet er sich jedoch keinen "qualitativen Erkenntnisgewinn". Wären sie belastbar gewesen, hätte sie Rosenberger in den Abfindungsprozess mit Porsche/Piëch eingebracht, meint Pyta. Er habe sich hier nichts vorzuwerfen, er habe auch keinen Grund, sich schützend vor Porsche zu stellen. (jof)

Als Alan A. Robert meldete sich der Porsche-Mitgründer nach dem Krieg aus den USA zurück. Er hoffte auf eine Vertriebslizenz für Volkswagen und eine gerechte Entschädigung für seine Gesellschafteranteile. Optimistisch baute der Vertriebene auf ein großzügiges Entgegenkommen seiner früheren Freunde. Immerhin half er dem Unternehmen einst aus finanzieller Not. Doch da hatte er auf Sand gebaut. Die Porsches, nun unter der Regie von Porsche-Sohn Ferry, weigerten sich, mit Rosenberger ins Geschäft zu kommen. Sie zogen ihn eiskalt in einen zähen Abfindungsprozess hinein. Als Mittelsmänner bedienten sich Ferdinand und Nachfolger Ferry Porsche sowie die Piëchs mit Vorliebe ihrer alten Kameraden aus der Nazi-Zeit. Am langen Ende wurde der Retter von damals für seinen Geschäftsanteil mit 50 000 DM und der Option auf einen Sportwagen im Wert von 9850 DM abgespeist.

Was hatte der Mitgründer und enge Geschäftspartner verbrochen, dass Rosenberger bis heute von Porsche/Piëch rabiat geschnitten und in der offiziellen Firmengeschichte kaum erwähnt wird? Selbst im sogenannten Porsche-Museum findet der Pforzheimer neben all dem gleißenden Glorienschein auf Sportwagen und Autorennen keinen adäquaten Platz. Dieses dunkle Kapitel der Nachriegszeit hätten die Historiker Pyta und Co. wesentlich gründlicher ausleuchten müssen, weil es untrennbar mit der Gründungsphase verbunden ist. Und weil es die Protagonisten wahrhaftig in düsterer Weise charakterisiert. Dankbarkeit und menschliche Wärme gehörten offenbar nie zu den typischen Eigenschaften dieser nach Ruhm und Profit strebenden Fabrikanten.

Ein schmeichelnder Blick auf den Tüftler

Wie so viele Historiker und Journalisten verfällt auch das Autoren-Trio um Pyta dem Charme der Tüftler und ihrer Techniken. Dieser schmeichelnde Blick blendet die raue Realität der Nazi-Diktatur teilweise aus. Durch diese Perspektive bringen die Historiker aus Stuttgart die verschiedenen Lebenswirklichkeiten und -wahrheiten von Haltung und Handlung Porsches kaum zusammen. Hier die "Schöpfungskraft" eines "Genies", dort die Zerstörungswut einer Gewaltherrschaft, welcher der Firmengründer und sein Schwiegersohn bedingungslos dienten. Hier der private Technikfreak, dort der glühende Aktivist für alles Tödliche wie Panzer, Militärwagen oder Raketen. Pyta, Havemann und Braun breiten fleißig einen Flickenteppich aus zig Informationen und Geschichten aus, sie reportieren viel. Aber sie analysieren zu wenig, vernachlässigen den zeitgemäßen Kontext.

Bei dieser gnädigen Sicht flitzen die Verbrechen Porsches und Piëchs unter dem Radar ethisch-menschlicher Maßstäbe durch. Alles passt zum positiven Image, das bis heute den Porsches schmeichelt. Porsche bleibt uns wie gewohnt als der ewig geliebte Nazi-Tüftler erhalten. Seit 2014 unterstützt die Porsche AG laut Klappentext des Buches "Pytas unabhängiges Forschungsprojekt".

 

Ulrich Viehöver, Buchautor und Wirtschaftsjournalist, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Unternehmen Porsche und seinen Eigentümern. Dem hier vorliegenden Artikel werden zwei weitere Beiträge folgen: Porsche und die Zwangsarbeiter in Zuffenhausen sowie der Neustart nach dem Krieg auf Kosten der Mitarbeiter, Lieferanten und Gewerkschaften.


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