Ausgabe 359
Editorial

Helle Leuchten

Von unserer Redaktion
Datum: 14.02.2018

"Rätätä, rätatä, morgen hamma Schädelweh!" lautet eine bei Fasnet-Freunden beliebte Volksweise. Am Aschermittwoch ist bekanntlich alles vorbei. Ein Wunsch, den momentan auch SPD und CDU hegen dürften, zumindest, was das Post-Koalitionsverhandlungs-Schädelweh angeht. Die Spezialdemokraten behalten zwar in der Disziplin "parteiinterne Konflikte nach außen tragen" die Nase vorn. Doch auch in der Union tobt eine Personaldebatte. Möglicherweise angeregt von unseren Nachbarn aus Österreich, wo die alpinen Konservativen mit einer juvenilen Lichtgestalt und rechten Spezln an die Regierung gelangt sind, wird gefordert: "Wir brauchen jetzt junge, unverbrauchte Köpfe in Regierung, Fraktion und Partei." So jedenfalls der JU-Vorsitzende Paul Ziemiak, der da womöglich an sich gedacht hat.

Jung. Unverbraucht. Union. Screenshot: Twitter/Julia Schramm
Jung. Unverbraucht. Union. Screenshot: Twitter/Julia Schramm

Von einer Lichtgestalt hat Ziemiak nur leider ebenso wenig wie der notorisch ins Spiel gebrachte FAZ-Liebling Jens Spahn. Nein, an dieser Stelle wollen wir dezent auf die wahren Hoffnungsträger der Union hinweisen, an die bislang aus völlig unerfindlichen Gründen offenbar noch niemand gedacht hat. Thomas Strobl zum Beispiel. Eine Lichtgestalt schon im Wortsinne, wappnet er sich doch mit regelmäßiger UV-Therapie gegen die Dunkelheit seines Geschäfts. Er besitzt neben jugendlichem Teint Geduld und Ausdauer, brauchte, nachdem er zwischenzeitlich von Guido Wolf ausgeknockt worden war, nicht erst eine Tochter namens Marie, um seinen Widersacher auszuschalten, sondern wartete einfach nur ab. Dass er ein Meister der Selbstinszenierung ist, der genau weiß, wohin die Kameras zielen, hat Kontext schon im vergangenen November hinreichend dokumentiert.

Und das ist noch längst nicht alles. Strobl besitzt auch die Fähigkeit, sich einen ganzen Nachmittag lang mit seinem Schwiegervater Wolfgang Schäuble anzuschweigen. Wer das kann, kann auch ein Land regieren. Als Zeichen ist ebenso zu deuten, dass Strobl vergangene Woche vor das Grobgünstige Narrengericht zu Stockach geladen war. 2001 wurde diese Ehre Angela Merkel zuteil. Vier Jahre später war sie Bundeskanzlerin.

Doch womöglich ist Strobl auch zu loyal. Vergangene Woche zeigte er sich gegenüber Marietta Slomka im "heute-journal" so voll des Lobes über die Kanzlerin, zog ob deren Verhandlungsgeschick "meinen nicht vorhandenen Hut vor ihr" (Minute 3:46), dass man zu glauben geneigt war, er würde ihr nach dem Ausscheiden aus der Politik als Privatsekretär in die Uckermark folgen. Und was Visionen angeht, ist bei dem Heilbronner auch eher Schmalhans Küchenmeister.

Ganz anders bei Günther Oettinger. Womit wir bei der zweiten Nachwuchshoffnung aus Südwest sind. Der ist zwar auch schon 64 und wäre ein Brüssel-Reimport wie der traurige Herr Schulz. Dafür schwätzt der Ditzinger Schwabe immer noch so schnell wie eine Kalaschnikow. Und Visionen sind ihm nicht fremd. Jüngst wurde ein zukunftsweisendes Projekt wieder ausgegraben: Stuttgart sollte nicht nur mit Stuttgart 21 einen formidablen neuen Durchgangsbahnhof bekommen, sondern endlich auch einen Hochseehafen, Oettinger 21. Damit seien "endlich auch Durchbindungen vom Polarmeer bis in die Karibik möglich, die bislang immer einen Bogen um die Landeshauptstadt machen mussten", kommentierten begeisterte Unterstützer des Vorhabens.

Und auch wir ziehen unsere nicht vorhandenen Hüte. Die Bundes-CDU sollte nicht lange zögern.


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