Wendelin Wiedeking vor dem Landgericht. Fotos: Joachim E. Röttgers

Wendelin Wiedeking vor dem Landgericht. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 239
Wirtschaft

Entenhausen war einmal

Von Jürgen Lessat
Datum: 28.10.2015
Früher baute er Porsche. Heute backt er Pizza, fertigt Schuhe, sponsert Bedürftige – und sitzt seit Kurzem auf der Anklagebank. Vor dem Landgericht Stuttgart holt Wendelin Wiedeking der Wirtschaftskrimi aus seiner Zeit als Chef der Zuffenhausener Sportwagenschmiede ein.

Der Lauf des Lebens zwingt manchmal dazu, neue Wege einzuschlagen. Für Wendelin Wiedeking ist es eine mehr als unangenehme Richtung, zu der ihn seine berufliche Vita derzeit zwingt. Jahrelang nahm der Ingenieur mit Doktortitel vom heimatlichen Bietigheim aus die erste Ausfahrt auf Stuttgarter Gemarkung, von der es nur noch ein Katzensprung in die Vorstandsetage des Sportwagenbauers Porsche war. Seit vergangener Woche muss der Fahrer des 63-Jährigen den Panamera, den ihm die Firma immer noch kostenlos überlässt, vorbei an Zuffenhausen steuern, weiter auf der B 27 ins staugeplagte Zentrum der Landeshauptstadt. Mitten hinein ins Gerichtsviertel, wo Wiedeking in der vergangenen Woche die Vergangenheit als Porsche-Chef eingeholt hat: Der Zampano aus Zuffenhausen, wie ihn mal das "Handelsblatt" nannte, drückt dort vor dem Landgericht Stuttgart die Anklagebank.

Zusammen mit Ex-Finanzvorstand Holger Härter ist er eines "Kapitalverbrechens" angeklagt: Die Manager sollen laut Staatsanwaltschaft den "Markt manipuliert" haben, damals vor sieben Jahren, als die kleine Sportwagenschmiede den großen Weltkonzern VW schlucken, beherrschen sowie an dessen Gewinnen verdienen wollte. Dafür drohen bis zu fünf Jahre Haft oder hohe Geldstrafen.

Der Privatier Wiedeking

Trotz der ernsten Vorwürfe hat der erste Prozesstag auch seine komischen Momente. Etwa, als Wiedeking über seine persönliche Situation spricht. "Meine wirtschaftlichen Verhältnisse sind geordnet", betont er, was zu Gekicher im Publikum führt. Galt der Bietigheimer als Porsche-Chef doch als höchstdotierter Manager Europas. Die aktuelle Anklageschrift verrät laut "Spiegel", dass er im Geschäftsjahr 2007/2008 als erster deutscher Manager die 100-Millionen-Euro-Grenze knackte.

Wiedeking im Landgericht.
Wiedeking im Landgericht.

Demnach erhielt der "König von Zuffenhausen", ein weiterer von den Medien verliehener Titel, ein Festgehalt von zwei Millionen Euro und eine Tantieme von 500 000 Euro. Der Rest des Rekordgehalts sei durch eine Gewinnbeteiligung von rund 98 Millionen Euro zustande gekommen, die auf das Jahr 1992 zurückgeht. Damals haftete Wiedeking mit seinem Privatvermögen, um dem zu dieser Zeit angeschlagenen Autobauer dringend benötigte Kredite zu beschaffen, wie er auch am ersten Prozesstag erwähnt. Dafür zeigten sich die Eigentümerfamilien Porsche und Piëch mit der Gewinnbeteiligung erkenntlich.

Noch immer kursiert die Anekdote, wonach der Stammsitz des Unternehmens in Entenhausen umbenannt werden sollte, weil mit dem Autobauen so viel zu verdienen sei, wie Dagobert Duck in seinem legendären Geldspeicher lagere. Von einem Bad in Goldmünzen ist zwar nichts bekannt, aber gereicht hätte es, auch nach dem unfreiwilligen Abgang im Juli 2009. Trotz angehäufter Milliardenschulden versüßte das Unternehmen Wiedekings Rücktritt mit 50 Millionen Euro. Kollege Härter wurde der Abschied mit 21 Millionen Euro Abfindung vergoldet.

Beide Manager konnten seitdem bei keinem Unternehmen mehr anheuern. "Wie auch, wenn zwei Wochen nach dem Rauswurf die Polizei zur Hausdurchsuchung anrückt und den beiden seitdem die Staatanwaltschaft im Nacken sitzt", heißt es aus dem Umfeld der Angeklagten. Selbst unternehmerisch tätig sind die einstigen Manager jetzt, wie sie vor Gericht erklärten. Arbeiten gehen bräuchten sie zwar nicht, zu Frührentnern scheinen beide aber auch nicht geboren.

Wiedeking war schon vor Porsche-Zeiten unternehmerisch tätig. Ordentlich Geld verdiente er in seiner Geburtsstadt Beckum, nordöstlich von Dortmund, unter anderem mit der Immobilien- und Bauträgerfirma Gipa-Wohnbau GmbH & Co KG. Deren Geschäfte führen bis heute seine Brüder Günter und Heinz-Josef Wiedeking. Im Jahr 2005 übernahm Wiedeking zusammen mit dem ehemaligen IBM-Manager Norbert Lehmann die exklusive Schuhmanufaktur Herbert Dinkelacker in Bietigheim und bewahrte diese so vor dem Konkurs.

Als Privatier erweiterte Wiedeking sein Firmenimperium. Ende 2012 startete er mit der Italo-Restaurantkette Tialini durch. Doch mit Pizza und Pasta tut sich der frühere Porsche-Chef schwer. Im Namensstreit mit dem Konkurrenten Vapiano musste er klein beigeben, und an Geschmack wie Servicequalität üben Gäste auf Bewertungsportalen bis heute Kritik. Nach früheren Medienberichten sollte Tialini schnell auf 20 Dependancen wachsen. Bislang ist die Kette in Stuttgart, Karlsruhe und Ludwigshafen nur mit drei Restaurants vertreten. Zudem kaufte sich Wiedeking in mehrere Reiseportale im Internet ein, die Feriendomizile und Kreuzfahrten vermarkten. Bei allen Beteiligungen erledigen Geschäftsführer das operative Tagesgeschäft.

Persönlich kümmert sich der Ex-Porsche-Chef um drei Stiftungen, die er mit seiner Frau Ruth gegründet hat und in die mit 35 Millionen Euro seine Abfindung nach Abzug der Steuern geflossen ist. "Seit Gründung dieser Stiftungen wurden viele soziale Projekte gefördert und mehrere Millionen Euro an Bedürftige und förderungswürdige Projekte ausgezahlt", erklärt Wiedekings Sprecher auf Nachfrage. Unterstützt wurden etwa die Stuttgarter Obdachlosenzeitung "Trottwar", der Verein Straßenkinder Leipzig sowie der Bildungsbereich von Kontext. Stiftungsgelder ermöglichten dem TSV Phönix Lomersheim an der Enz den Bau eines Kunstrasenplatzes, die Anschaffung von Spiel- und Lerngeräten in kommunalen Kindergärten in Mühlacker, die Nachwuchsförderung am Institut für Weltwirtschaft in Kiel oder den Erwerb des Brandstätter-Nachlasses durch das Haus der Geschichte Baden-Württemberg.

Wiedeking mit seinen Anwälten.
Wiedeking mit seinen Anwälten.

Zeit für seine Geschäfte und Wohltaten hat Wendelin Wiedeking vorerst weniger. 16 Beweisaufnahmetermine mit 19 Zeugen und einem Sachverständigen hat die 13. Strafkammer im Verfahren 13 KLs 159 Js 69207/09 bis Ende Januar kommenden Jahres angesetzt. Wiedeking hat bereits angekündigt, dass er nach seinen Einlassungen zum Prozessauftakt den Fortgang des Verfahrens schweigend verfolgen wird.

Die Anklage der Staatsanwaltschaft

Den Vorwurf der Marktmanipulation begründet die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklageschrift. Um die Milliarden für den kühnen Plan an der Börse zu beschaffen, sollen Wiedeking und Härter die VW-Mehrheitsbeteiligung im Jahr 2008 in fünf Fällen mit "unrichtigen Mitteilungen" in Interviews und Kommuniqués dem "verständigen Marktteilnehmer verschleiert" haben. Sprich, Investoren belogen haben, um den Kurs der VW-Aktie in ihrem Sinne zu beeinflussen.

Mit einer Pressemitteilung vom 26. Oktober 2008 sollen die beiden dagegen den Kurs des Papiers bewusst nach oben getrieben haben. In der fraglichen Verlautbarung publizierte Porsche überraschend, seinen VW-Anteil auf 42,6 Prozent erhöht zu haben. Darüber hinaus gab das Unternehmen bekannt, weitere 31,5 Prozent der Konzernanteile über Optionen zu kontrollieren. Damit wäre Porsche insgesamt zu 74,1 Prozent an VW beteiligt. Weil das Bundesland Niedersachsen gleichzeitig 20 Prozent der Aktien hält, war auf dem Markt nur noch ein geringer Streubesitz von nicht einmal sechs Prozent verfügbar, was den Preis des VW-Papiers an den folgenden Börsentagen von 200 auf zeitweilig über 1000 Euro hochschnellen ließ.

Für den Ersten Staatsanwalt Heiko Wagenpfeil veröffentlichten die Angeklagten die Übernahmeabsicht bewusst zu diesem Zeitpunkt, um den Kursverfall der VW-Aktie zu stoppen. Die hatte in den Tagen zuvor die Hälfte ihres Werts eingebüßt. Je weiter die Notierung sank, umso mehr Geld musste Porsche wegen der laufenden Optionsgeschäfte der Frankfurter Maple-Bank überweisen. Durch die Nachschussforderungen sollen die Barreserven der Porsche SE Holding Mitte Oktober 2008 von 4,2 Milliarden auf 326 Millionen Euro zusammengeschmolzen sein. "Die verbliebenen liquiden Mittel wären innerhalb der nächsten zwei Bankarbeitstage verbraucht gewesen", so Staatsanwalt Wagenpfeil.

Die Börsenturbulenzen im Oktober 2008

So aber füllten Wiedeking und sein Finanzvorstand die Porsche-Kasse fast ohne Ende. Die VW-Beteiligung zahlte sich als Rekordbilanz im Geschäftsjahr 2007/2008 aus: Der Vorsteuergewinn erreichte 8,57 Milliarden Euro – wobei allein die VW-Anteile 6,83 Milliarden einbrachten. Im Kerngeschäft trat Porsche hingegen auf der Stelle, am Autobauen verdiente man in Zuffenhausen "nur" rund eine Milliarde Euro.

Andere Anleger dagegen, die auf fallende VW-Kurse gesetzt hatten, fuhren immense Verluste ein. Allein Hedgefonds sollen fast 15 Milliarden Euro verloren haben. Dramatisch verspekuliert hatte sich auch der schwäbische Unternehmer Adolf Merckle, der auch auf sinkende VW-Kurse aus war und mit Put-Optionen rund eine Viertelmilliarde Euro in den Börsensand setzte. Durch die Finanzkrise geriet auch Merckles Unternehmensgruppe in Schieflage, zu der damals der MDAX-Konzern HeidelbergCement und das Ulmer Pharmaunternehmen Ratiopharm gehörten. Merckle nahm sich wegen der Finanzprobleme am 5. Januar 2009 auf der Schwäbischen Alb das Leben.

Das Besondere am Stuttgarter Porsche-Prozess

Deutsch-Banker Jürgen Fitschen, Ex-Karstadt-Chef Thomas Middelhof: Immer wenn Wirtschaftskapitäne vor Gericht stehen, macht das Schlagzeilen. Auch zum Prozessauftakt gegen Wiedeking war das Medieninteresse gewaltig. Doch nicht nur Journalisten füllten die 120 Sitzplätze in Saal 1, dem größten des Gerichtsgebäudes. Auch etliche Staranwälte, zu deren Mandantschaft Hedgefonds zählen, saßen im Publikum und schrieben mit, was Angeklagte und Verteidiger sagten. Denn dem Stuttgarter Prozess wird Signalwirkung zugeschrieben auf Verfahren vor dem Landgericht Hannover, in denen "Heuschrecken" rund zwei Milliarden Euro Schadenersatz von der Porsche SE Holding fordern. Aus diesem Grund ist das Unternehmen in Stuttgart auch als Prozessbeteiligter zugelassen, obwohl es selbst nicht unter Anklage steht.

Ex-Finanzvorstand Holger Härter.
Ex-Finanzvorstand Holger Härter.

Dass nicht nur für ihn persönlich viel auf dem Spiel steht, weiß auch Wiedeking. Nach dem Motto Angriff ist die beste Verteidigung trat er in einer knapp anderthalbstündigen Erklärung "den Thesen der Staatsanwaltschaft entschieden entgegen". Sie träfen alle "ausnahmslos nicht zu". Die Beteiligung an VW sei für Porsche mittelfristig eine Überlebensfrage gewesen und entspreche unternehmerischer Logik, auch wenn anfangs nicht eine 75-Prozent-Beteiligung auf der Agenda gestanden habe. Ein Übernahmedrehbuch, wie die Staatsanwaltschaft unterstelle, habe es nie gegeben. "Ein solch abenteuerliches Machwerk hat niemand beauftragt, hat niemand geschrieben", betont Wiedeking. Die damals mangelnde Kooperationsbereitschaft des VW-Managements habe Porsche gezwungen, seine Beteiligung schrittweise zu erhöhen. Letztlich leiste die Anklage nur Schützenhilfe für Hedgefonds. "Die Staatsanwaltschaft hätte sich vor Anklageerhebung einmal kritisch hinterfragen sollen, auf wessen Seite sie sich da geschlagen hat", ätzte Wiedeking. Immerhin hätten diese Fonds die Wirtschafts- und Finanzkrise mitverursacht. "Wir waren Visionäre, wir waren keine Spieler", diktiert Wiedeking den Journalisten die passende Überschrift für ihre Berichte in den Block.

Das Verhältnis zum VW-Patriarchen

Erstmals äußerte sich der Ex-Porsche-Chef auch öffentlich über seinen größten Gegenspieler Ferdinand Piëch. Hoch her ging es demnach während der Sitzungen des Porsche-Aufsichtsrats, in denen die Eigentümerfamilien Porsche und Piëch nur selten einer Meinung waren. "Die Familien treten nach außen als Einheit auf, tatsächlich tobte ein Zweikampf", so Wiedeking. Das persönliche Verhältnis zum VW-Patriarchen verschlechterte sich immer mehr. "Piëch hintertrieb offen unsere strategischen Überlegungen. Zudem hat er heftige Attacken über die Presse gegen meine Person geritten", schildert Wiedeking vor Gericht. Gegenüber Journalisten soll Piëch im Laufe des Jahres 2008 angekündigt haben, Wiedeking absetzen zu wollen. Daneben ließ er sich damit zitieren, dass er "sein Lebenswerk bei VW und Audi nicht von einem angestellten Manager ruinieren lasse".

"Das ist schon bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass in meiner Amtszeit aus den Familien Porsche und Piëch Milliardäre wurden – nur so viel zur gescheiterten Übernahme", lässt Wiedeking einen gekränkten Stolz erkennen. Im Übrigen sei keine Entscheidung über den Erwerb von VW-Aktien ohne die Zustimmung des Aufsichtsrats getroffen worden.

Das Ende der Übernahmeschlacht

Bekanntlich pokerten die Visionäre aus Zuffenhausen zu hoch. Selbst Wiedeking und Härter konnten die Lehman-Pleite und die Finanzkrise 2008 nicht vorhersehen, die Banken vorsichtiger und Kreditlinien für Porsche schwieriger machten. Mit der Folge, dass der Sportwagenbauer 11,4 Milliarden Euro Schulden anhäufte – und plötzlich selbst am Abgrund stand. Am 6. Mai 2009 begräbt Porsche seine Pläne zur VW-Übernahme.

Am 23. Juli 2009 triumphiert Volkswagen endgültig: Wiedeking und Härter müssen gehen, ihre Vorstandsämter in Porsche Holding und AG übernehmen VW-Manager wie Martin Winterkorn. Am 13. August 2009 ebnen die Aufsichtsräte beider Unternehmen den Weg für ein neues Autoimperium, in dem Porsche als eigenständige Marke im VW-Konzern erhalten bleiben soll. Am 1. August 2012 veräußert die Porsche Holding ihre restliche Beteiligung an der Porsche AG für rund 4,49 Milliarden Euro an Volkswagen. Über die Holding besitzen die Familien Porsche und Piëch noch 52,2 Prozent der stimmberechtigten Stammaktien der Volkswagen AG. Sie sind die Gewinner.

 

Aktualisierung 29.10.2015: In einer früheren Textversion war der Verlust, den der Unternehmer Adolf Merckle durch VW-Optionsgeschäfte im Oktober 2008 erlitt, noch höher beziffert worden. Zahlreiche Medien hatten damals von einem Verlust von einer Milliarde Euro berichtet. Die Merckle-Unternehmensgruppe verweist aktuell darauf, dass die Klageforderung gegen die Porsche SE circa 240 Millionen beträgt. Zudem wird betont, dass die Optionsgeschäfte nicht Ursache für die Schieflage der Unternehmensgruppe in 2008 waren.


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