Ausgabe 156
Politik

Warten auf Wolf

Von Johanna Henkel-Waidhofer
Datum: 26.03.2014
Fürs Protokoll ist der Landtagspräsident die letzte große Nummer der Schwarzen im Land. Er hat die Insignien der Macht, einen Mercedes, einen Fahrer, er hat Humor und nach Einschätzung vieler in der Union das Zeug, Winfried Kretschmann 2016 erfolgreich herauszufordern. Allein Guido Wolf kommt nicht aus der Deckung.

Wer den verheirateten 52-Jährigen mit der markanten Brille unterschätzt, hat schon verloren. Fast immer lächelnd tritt er auf, im Präsidenten-Outfit mit dunklem Anzug und Krawatte, ein Handschlag da, ein freundliches Wort dort, landauf, landab unermüdlich unterwegs. Zum ersten Mal in der Geschichte Baden-Württembergs müsse eine Generation von CDU-Politikern aus der Opposition heraus für ihre Ideale kämpfen, jammerte jüngst der Landesvorsitzende Thomas Strobl. Wolf muss das nicht.

Der Landtagspräsident ist überall willkommen, sitzt immer in der ersten Reihe, übergibt Preise und Auszeichnungen am laufenden Band, macht sich bekannt. Er ist beliebt in einem Land, in dem die CDU wie der Ministerpräsident nicht müde werden daran zu erinnern, wer in sämtlichen Wahlkreisen die Mehrheit hat. Die Rolle sei ihm zur Vorbereitung auf Höheres auf den Leib geschneidert, sagen seine Fans, sie verleihe ihm Ruhe und Geduld.

Schlummernde Kampfeslust

"Der Wolf versucht, sich seinem Beutetiere unbemerkt bis auf geringe Distanz zu nähern", steht in Brehms Tierleben. Und weiter: "Das Opfer wird im Normalfall möglichst vollständig gefressen." Natürlich geht es so keinesfalls zu in der baden-württembergischen CDU. Aber die Internetadresse Wolf-im-Revier gibt doch einen Fingerzeig auf die schlummernde Kampfeslust. Ebenso diese Gedichtzeile: "Ich bin der Wolf / drum bin ich hier." Landtagspräsident wurde er als Nachfolger von Willi Stächele, der das schöne Amt quittieren musste, weil er als Finanzminister mit seiner verfassungswidrigen Unterschrift den EnBW-Milliardendeal am Parlament vorbei besiegelt hatte. Konsequent spielt der Wolf seither mit dem Wolf. Sein Anspruch sei, "von möglichst vielen Menschen wahrgenommen zu werden", verkündet er und lässt Wolfsmasken verteilen. Seine Homepage zieren ein Wolfskopf mit schwarzer Brille oder die Überschrift "Ein Wolf, ein Wort". Nach seiner Erfahrung verbinden "die Leute keine negativen Assoziationen mit dem Raubtier, solange es nicht unangenehm auffällt".

Nicht auffallen. Noch nicht. Dabei lässt seine Strategie nur einen Schluss zu: Er will der mächtigste Mann in der Südwest-CDU werden, Spitzenkandidat und am besten gleich auch noch Landes- und Fraktionschef dazu. Denn wollte er nicht, hätte er die Personaldebatte längst austreten und seiner Partei die Hängepartie vor den Kommunal- und Europawahlen ersparen müssen. Stattdessen brilliert er als Meister der ungenutzten Gelegenheiten. Die aktuell letzte ihrer Art ließ er am Wochenende in Donaueschingen verstreichen. Zum 65. Landesparteitag lud die Südwest-CDU, zur Tour d'Horizon, bei der viele sich bemerkbar machten, darunter Promis von Günther Oettinger bis Wolfgang Schäuble.

Nur Wolf mochte nicht reden, nicht zu Europa, nicht zu den Kommunalwahlen, nicht zu Straßenbau, Bildungspolitik oder Haushaltsanierung. Wie angetackert saß er auf dem Podium, unüberwindbar die acht Meter bis zum Rednerpult – wie ein Krater zwischen Wollen und Müssen, zwischen Können und Sollen. "Wir warten seit Wochen auf ein Zeichen", klagte eine Delegierte aus Südbaden, und "drei sind zwei zu viel", analysierte ein smarter Jungunionist.

Die drei von der Zankstelle. Strobl ist der Einzige, der seinen Hut für die Spitzenkandidatur 2016 schon in den Ring geworfen hat. Viele Parteifreunde verdrehen jedoch die Augen bei dem Gedanken, dass der Mann mit dem Schmiss die CDU in den nächsten Landtagswahlkampf führen könnte. Der Zweite im Bund ist Peter Hauk. Für ihn spräche die Macht der Gewohnheit, aus dem Fraktions- den nächsten Regierungschef zu machen, wie immer seit 1978. Die Regel aus der Zeit, als die Welt der Schwarzen noch in Ordnung und die Macht in ihren Händen war, ist in der Opposition Makulatur.

Träte Wolf am 8. April zur turnusmäßigen Wahl des Fraktionschefs gegen den Amtsinhaber an, hätte er nicht nur nach Meinung seiner Unterstützer gute Chancen. Und zugleich ein Problem: Der Präsident müsste herunter von seinem Stuhl in die offene Feldschlacht, müsste die Frohbotschaften, die er gastgeschenkgleich zwischen Main und Bodensee verteilt auf seinen vielen Touren, eintauschen gegen Kampf und Keile. Er sei alles andere als ein Weichei, ließ er neulich einen verdutzten Abgeordnetenkollegen wissen. Allerdings habe jede Tonlage ihre Zeit.

Lyrik statt Wahlkampfgetöse

Die Tonlage des Spitzenbeamten (an der Seite von Verkehrsminister Thomas Schäuble), des Bürgermeisters (in Nürtingen), des Landrats und Präsidenten ist zumindest auch der Reim. Wolf schmiedet seit den Tagen als junger Assessor witzige Verse. Im Vorwort zu seinem Buch "Politikergeschwätz" erinnert er sich an den ersten stürmischen Beifall: Bei der Einweihung eines Wasserwerks musste er seinen Chef vertreten, "pflichtbewusst und in grenzenlosem Bemühen, alles richtig und besonders gut zu machen", arbeitete er sich in jedes Detail ein, nur um zu erleben, wie seine Vorredner sich ähnlich vorbereitet hatten und alle mehr oder weniger das Gleiche sagten. Woraufhin der kesse Mittzwanziger den Blitzdichter gab und reimte: "Druck den rota Knopf ganz schnell, s'sprudelt schon. Ihr höret's, gell?"

Auch politische Spuren hat er hinterlassen auf dem klassischen CDU-Weg nach oben. Der gebürtige Weingartener war an jenem Landratsamt in Tuttlingen, dessen Chef er 2002 wurde, schon als junger Beamter tätig. 1992 wechselte er als persönlicher Referent ins Verkehrsministerium von Thomas Schäuble, von da ging's weiter als Spitzenbeamter in die Villa Reitzenstein, mit 34 wurde Wolf Erster Bürgermeister in Nürtingen und ein bekennender Anhänger von mehr Bürgerpartizipation. Dann Landrat mit hervorragendem Leumund und ohne Scheu vor der Direktwahl ("Ich würde bayrische Verhältnisse in diesem Punkt sehr begrüßen"), seit 2006 ist er Landtagsabgeordneter. "Einer unserer Allerbesten", urteilt sein Vorgänger Franz Schumacher. Hartnäckig hält sich das Gerücht, Wolf sei der eigentliche Vater der Teufel'schen Verwaltungsreform von 2003 – und des daraus erwachsenen Machtzugewinns für die baden-württembergischen Landräte.

In seiner ersten Legislaturperiode hält er dennoch nur 22 Reden, mit einem breiten Themenspektrum allerdings, von A wie Arbeitnehmer bis W wie Wahlrecht. Einmal wettert er gegen bis heute nicht realisierte Vorgaben zur besseren Frauenpräsenz im Landtag, ein anderes Mal nimmt er sich in seltsamer Fürsorge die SPD-Landesvorsitzende Ute Vogt zur Brust, weil er sie mitverantwortlich macht für den Rücktritt des damaligen SPD-Chefs Franz Müntefering. Langzeitarbeitslose will er zum Straßenkehren verpflichten, er ist gegen Mindestlöhne, für das dreigliedrige Schulsystem und natürlich für Stuttgart 21 samt dem zweispurigen Ausbau der Gäubahn.

Naturschützer waren seine Freunde nie, wohlfeile Sonntagsreden zur höchstprioritären Haushaltssanierung sind schnell vergessen, wenn ein Sparvorschlag, wie der zu den Musikhochschulen, im eigenen Wahlkreis aufschlägt. "Lupus magnus" nennt ihn ein Parteifreund dennoch regelmäßig. Bei Stächeles unfreiwilligem Abgang wächst dessen Appetit. Anstatt einer Kollegin den Vortritt zu lassen – Monika Stolz und Friedlinde Gurr-Hirsch waren im Rennen – und Baden-Württemberg zu seiner ersten Landtagspräsidentin zu verhelfen, genießt er den Karrieresprung. "Dann schon lieber selber Geschichte schreiben", sagt er damals, schmunzelnd immerhin. In seiner Antrittsrede nennt er "Optimismus, Zuversicht und Humor" als politische Kardinaltugenden. Und mahnt, parteipolitische Auseinandersetzungen nicht zum Selbstzweck verkommen zu lassen.

Da hätte er so manche Gestaltungsmöglichkeit. Der Ton im Landtag ist buchstäblich verlottert, seit CDU- und vor allem FDP-Redner immer wieder zur verbalen Schlammschlacht blasen. Dazu überschütten die Oppositionsfraktionen verschiedene Ministerien mit wortgleichen Reihenanfragen und -anträgen zu Ärztedichte oder Polizeireform, zu Verwaltung der Landesimmobilien oder zu regionalen Petitessen wie einer Saatkrähenplage in Bühl. Der Präsident könnte nach der Geschäftsordnung eingreifen, unternimmt aber nichts gegen dieses absurde Beamten-Beschäftigungsprogramm.

Überhaupt redet der gerne und nach Einschätzung seiner Zuhörerschaft – nicht zuletzt dank ambitionierter Redenschreiber – auch gut. Sich darüber hinaus in Prozesse oder Debatten gestaltend einzumischen, das ist seine Sache nicht. Als der Landtag im Februar die "Tour vor Ort" startet, bleibt wieder so eine Gelegenheit ungenutzt, Profil und Engagement zu zeigen. Bei der Diskussion sitzt der Präsident zwar auf dem Podium, bleibt aber merkwürdig unbeteiligt. Selbst aus internen Sitzungen berichten Abgeordnete und Mitarbeiter von der "Distanz zu politischen Alltagsthemen". Die Mutmaßungen schießen ins Kraut, bis hin zu dem Verdacht, Wolf wolle doch längst gar nicht mehr Spitzenkandidat werden – das Präsidentenamt gefalle ihm viel zu gut, er fühle sich darin wie der "Landrat von Baden-Württemberg".

Der Kluftinger-Fan bewundert Gorbatschow und Kretschmann

Leidenschaft wird spürbar, wenn er im kleinen Kreis sein harmoniebestimmtes Politikverständnis entwickelt. Und eine überraschende Vielfalt an Interessen. Gern wäre er Wissenschaftler geworden oder Entdecker, erzählt er einmal. Dann nennt er den Komiker Heinz Erhardt als jenem Menschen, den er "mit Freuden" zu seinem Freundeskreis gezählt hätte. Er kann, keineswegs üblich unter Unionsspitzenpolitikern seines Alters, kochen und bügeln, ist Kluftinger-Fan, bewundert Gorbatschows Perestroika und irgendwie sogar Winfried Kretschmann.

Bei einem der unzähligen Schulbesuche fragen ihn zwei Jugendliche, warum der besser sei als Mappus. "Anders", verbessert Wolf knitz, um dann doch noch ein Lob für den "aufgeschlossenen und kompromissbereiten" Regierungschef hinterherzuschicken. Und seine Antwort auf eine Frage zur Bürgerbeteiligung hört sich an wie die Paraphrasierung des grünen Bekenntnisses zur Politik des Gehörtwerdens.

Wolf – der schwarze Kretschmann? Jedenfalls rühmen seine Anhänger bei ihm genau diejenigen Eigenschaften, die sie als publikumswirksam identifiziert haben: das landesväterliche Image, das schwäbische Idiom, das demonstrativ Unaufgeregte. "Die Gegentonlage zu Mappus", wünscht sich einer aus der Fraktion. Zugleich sei ihm zuzutrauen – dann endlich nach dem Outing als Herausforderer –, in den "moderaten Angriffsmodus" zu verfallen. "Außerdem ist er 13 Jahre jünger als Kretschmann", sagt eine Europaabgeordnete und verlangt, dass sich für die Wählerschaft am Spitzenkandidaten ablesen lasse: "Ja, wir haben verstanden, was 2011 passiert ist."

Der Lyriker im Präsidenten hat schon mal seine Bewerbung abgegeben, aus der dieses Bekenntnis zum personellen Neustart in der Südwest-CDU herauszulesen ist: "Das Ende indessen, dies hat seinen Sinn / ist oftmals nicht Ende, ist oftmals Beginn / Im Ende liegt vielfach der Anfang verborgen / der Aufbruch zu ganz neuen Ufern von morgen."


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1 Kommentar verfügbar

  • Ulrich Frank
    am 01.04.2014
    Ein informatives und lesenswertes Portrait welches Facetten des Politikers und möglichen Kandidaten Wolf beleuchtet. Und Hoffnungen weckt. -

    Große Skepsis ist jedoch angebracht ob sich letzere gegebenfalls realisieren werden und sich der angedeutete Feinsinn durchhält. Und der Feinsinn nicht nur effektiv ein Späßle ist, als welches sich die Vorwahlerkenntnisse aus der philosophischen Ader des derzeitigen Amtsinhabers herausstellten. Und sich dann eine fragwürdig zusammengekommene "Mehrheit" ohne große Umstände über die "Wahrheit" erheben darf und eine Platitüde aus der Welt der Gastronomie draufgesetzt wird. Wie ja "Gehörtwerden" zur fassadenhaften Leerformel geworden ist.

    Und auch Herr Wolf nicht aussetzt oder losschwimmt zu neuen Ufern da man, insbesondere in seiner Partei - und in dieselbe, das hat er gezeigt, ist er sehr eingebunden - , im überaus komfortablen Zustand nicht naß werden will.

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