Ausgabe 15
Debatte

Freies Freiburg

Datum: 13.07.2011
Zwei Jahre lang ließ Oberbürgermeister Dieter Salomon über Freiburg als europäische Kulturhauptstadt 2020 hirnen. Jetzt ist der Grüne zum Schluss gekommen, die Bewerbung zu stoppen. Keinerlei Chancen sehe er, befindet Salomon, es fehle eine "Leitidee". Der Freiburger Schriftsteller Jürgen Lodemann will dieses Vakuum im Kopf füllen. Er hat eine Bürgerinitiative für die Kulturhauptstadt mit begründet. Für die Kontext:Wochenzeitung schreibt er, womit seine Stadt glänzen könnte.

Wahrzeichen von Freiburg: der Bau des Münsters war nicht die Tat eines Fürsten, sondern die Idee der Bürger der Stadt. Foto: Jo Röttgers

Wenn nun endlich klar ist, Freiburgs "grünes" Oberhaupt will das "Green City"-Projekt Kulturhauptstadt 2020 gar nicht mitmachen, weil es für Freiburg "keine Leitidee" gebe, dann nehmen wir dies doch als wunderbares Startsignal: In alter Tradition Freiheit den Freiburgern, nun erst recht! Ohne die Hilfe von ganz oben ist jetzt der Gemeinderat zur Einsicht zu bringen, wie sinnvoll Freiburgs Bewerbung wäre.

Als kürzlich hier das Hearing lief mit Experten in Sachen Kulturhauptstadt, da kam auch Oliver Scheytt, Musikant und Professor aus Essen, dem ich, als Essener, anfangs fast misstraut hatte, den ich dann aber durch das Hauptstadtjahr 2010 hindurch beobachtete und den ich heute bewunFreiburg als Stadt der Zukunft: Häuser in der Freiburger Solarsiedlung, entworfen vom Architekten Rolf Disch. Foto: Jo Röttgers dere, weil Scheytt mit Fritz Pleitgen derjenige war, der es schaffte, dass eine gestrenge Brüsseler Jury Essen und das Ruhrgebiet zur Kulturhauptstadt Europas ausrief, zu allseitiger Überraschung. Oliver Scheytt erzählte nun in Freiburg, dass schon der Wettbewerb der Ruhr große Vorteile gebracht habe, und den Freiburgern gab er den Rat, dass eine Stadt, die den Wettbewerb gewinnen wolle, "eine große, eine überraschende Geschichte zu erzählen haben müsse, eine mit einer Leitidee", eine Geschichte, die spannend sei, und zwar deswegen, weil sie in die Zukunft hinein erzähle, wegweisend nicht nur für Freiburg, sondern für alle.

Diese Geschichte samt Leitidee, die muss, meine ich, nicht erst erfunden werden, sie ist vorhanden, sie heißt "Frei Burg". Das ist eine Geschichte der Alternativen, der Freiheiten. Ausgerechnet eine Stadt im vermeintlichen südwestdeutschen Abseits, ausgerechnet eine Stadt mit, sagen wir es deutlich, mit erzkatholischer Fundierung, sie zeigt durch ihre fast tausendjährige Geschichte und auch noch in unserer problemreichen Gegenwart und in die Zukunft hinein hilfreiche Wege, entwickelt seit je Ideen in sozialem Geist.

Schon der Anfang, schon das Weltwunder in der Freiburger Mitte, schon die Errichtung des 113 Meter hohen gotischen Turms, der alle Erdbeben und alle Kriege märchenhaft überstand, auch den Bombenkrieg, und der derzeit, für alle sichtbar, zu leiden hat unter dem Missbrauch des Weltklimas, unter der Misshandlung der im Kosmos einzigartigen Lufthülle des Planeten Erde, schon dieser Turm war nicht etwa die Idee eines Fürsten, er wurde auch nicht allererst von der Kirche gestiftet, sondern dieser enorme Bau in einer relativ kleinen Stadt, er war eine Tat der Bewohner, war eine erste große Bürger-Kirche, ein Bau von Leuten, denen das Frei-Sein – frei von denen da oben – offenkundig wichtig war. Freiburg hätte durchaus auch so was werden können wie eine Gottesstadt, ein Vatikan nördlich der Alpen – die Dinge liefen anders, es galt hier offenbar von Beginn an "Nai, hemmer gseit".

Freiheitsideen und Humanismus in der stockkatholischen Stadt

Freiburg bekundete schon früh mit seinem wunderbaren Namen, dass man mit denen da oben wenig zu tun haben wollte, im westlichsten Winkel des katholischen Österreich gelang durch 500 Jahre hindurch immer wieder eine relative Freiheit, Rom und Wien so weit weg wie möglich. Und ausgerechnet hier, im Verein mit Basel und Straßburg, konnten in Zeiten, die dann Renaissance hießen, konnten ausgerechnet im vermeintlich stockkatholischen Freiburg Humanisten humaneres Miteinander vorausdenken und leben.

Die Fahrradgarage am Freiburger Hauptbahnhof. Die Brücke über die Gleise ist nur für Fußgänger und Radler freigegeben. Foto: Jo Röttgers

Ausgerechnet hier wurden dann auch 1848 die Freiheitsideen so lebhaft, dass der von Napoleon eingesetzte Landesfürst gegen seine eigenen Untertanen Truppen aus Preußen zur Hilfe holen musste (die leider schnell und reichlich kamen mit der neuen Eisenbahn, unter der Leitung dessen, den die Fürsten dann zum Kaiser wählten, zum Kaiser Wilhelm, schon weil der 1849 die Anführer der Freiheitsbewegung exekutieren ließ, sofern sie nicht hatten entkommen können). Dieses Fremde-Truppen-Holen hat offenbar Tradition, noch mal 2010 am 30. September, als Polizei aus Bayern auf Stuttgarts besonnene Bürger einschlug, die aufgestanden waren gegen den Irrsinn, für Milliarden Schulden-Euro den gut funktionierenden Kopfbahnhof zu vergraben.

Und als letzte und beste und aktuellste Pointe des alten Freiburger Eigensinns, da wird nun die vormalige Katholikenstadt zum Signal für Europa. Nach dem Widerstand gegen das Atomkraftwerk am Kaiserstuhl, wo abermals Nein gesagt wurde, nach diesen gemeinsamen Aktionen von Landleuten und Stadtleuten, und nachdem der Liberale Dahrendorf sehr zu diskutieren hatte mit einem wie Rudi Dutschke, da wurde ausgerechnet das schöne alte Traditionsnest Freiburg zum Ursprungsgelände der Neuen, der Grünen, und ist inzwischen "Green City", wurde wegweisend in all jenen Bereichen, zu denen unser Planet nun dringend andere Methoden finden muss, wenn humanes Leben noch eine Chance haben soll.

An der Spitze einer weltweiten Werte-Wende

Ausgerechnet auf einem alten Militärgelände der Nazis wurde aus der Schlageter-Kaserne das Viertel Vauban, das Viertel, in dem es in Deutschland die wenigsten Autos gibt und die meisten Kinder und wohin von weither in Busladungen Besucher kommen, um zu studieren, wie es gelingt, zukunftsfähige Energien zu gewinnen und Energie zu sparen, und wie in generationenübergreifendem Miteinander auch neue Wohnformen und Lebensweisen entstanden, etwa im einzigartigen Sonnenhof oder im viel beachteten Modell des Freiburger Mietshäuser-Syndikats, einer singulären Beteiligungsgesellschaft.

Neues auch im Rieselfeld oder im sich drehenden Wohngebäude der Gruppe Disch oder in deren "Sonnenschiff" oder im ersten wärmegedämmten Hochhaus oder im Fraunhofer-Institut für solare Energiesysteme oder oder oder – ausgerechnet das geschichtsschwere alte Freiburg, es wurde Pionierstadt. Spätestens seit der letzten Landtagswahl (im Vauban bekamen die Grünen 72 Prozent, die CDU drei Prozent) steht ausgerechnet die so beschauliche und hoch musikalische alte Stadt als "Green City" an der Spitze einer weltweiten Werte-Wende, der Wende ins Ökologische, auch ins Kleinteilige, ins Dezentralisierte, und zwar so überraschend, dass nach der Wahl im Südwesten die Regierung einer klugen Protestantin im Osten diese Wende meint mitmachen zu müssen.

Dies, Freunde, ist die Situation und die Pointe, die zu nutzen ist, Freiburgs Eigensinn wird Modell, und dies ist die Geschichte und Leitidee, die Freiburgs Bewerbung so erfolgreich wie sinnvoll macht. Freiburg biJürgen Lodemann.etet halt nicht nur Praktisch-Faktisches – die wenigsten Autos, die meisten Kinder –, sondern auch hohen Symbolwert: welch ein Anblick, dieser Weltwunderturm, wie der nun schon seit Jahren sichtbar geschützt werden muss, weil er zu leiden hat an der Klima-Misshandlung – machen wir was draus, bewerben wir uns für Europa als Alternativ-Burg, als Frei Burg, und zeigen, wie und wo es in Zukunft, trotz allem, doch noch weiter gehen kann, und sogar lebenswert.

Jürgen Lodemann wurde 1936 in Essen geboren, er lebt in Freiburg und Essen. Lodemann war von 1965 bis 1995 Filmemacher, Kritiker und Moderator beim Fernsehen in Baden-Baden. Als Autor zahlreicher Filme und Bücher bekam er den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik, den Literaturpreis Ruhrgebiet und den Literaturpreis der Landeshauptstadt Stuttgart. 2007 veröffentlichte er die Anthologie "Schwarzwaldgeschichten", 2008 den Roman "Paradies, irisch". Am 25. Juli erscheint bei Klöpfer & Meyer sein neuer Roman "Salamander", ein Polit- und Gesellschaftsroman und auch eine kritische Liebeserklärung an Frei-Burg.


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