Ausgabe 231
Zeitgeschehen

Heimat ist das Land der Kindheit

Von Erhard Eppler
Datum: 02.09.2015
Erhard Eppler, der Grandseigneur der SPD, lebt mit seiner Frau in Schwäbisch Hall. Wieder, denn dort ist er aufgewachsen. In einem Brief an Lisa, verfasst 1994, beschreibt er, wie diese Stadt zu ihm spricht. Teil vier der literarischen Sommerreise.

Liebe Lisa,

fast alles, was ich Dir aus meiner Kindheit und Jugend zu erzählen habe, spielt in Schwäbisch Hall. Erst der Militärdienst hat mich aus der stolzen Reichsstadt herausgerissen. Dass Deine Großeltern auf ihre alten Tage nach Hall zurückgekehrt sind, zeigt, wie sehr sie an ihrer Heimatstadt hängen.

Heimat – das klingt ziemlich altmodisch. Immerhin konnte sogar Ernst Bloch mit diesem Wort etwas anfangen. Auch für ihn war es vor allem das Land der Kindheit. Aber was heißt dies? Dass Häuser, Treppen, Gassen, Türme, Kirchen, Tore, Steine, Bäume zu uns sprechen, Erinnerungen wecken an die Kindheit. Auf dem Galgenberg, den viele Haller Friedensberg nennen – seit 1811 die Württemberger den städtischen Galgen abgerissen hatten –, verlaufen die Wege heute noch genauso wie 1935, als wir morgens durch das Wäldchen hinunter in die Schule rannten.

In seinem Garten baut Erhard Eppler Gemüse an. Foto: Joachim E. Röttgers
In seinem Garten baut Erhard Eppler Gemüse an. Foto: Joachim E. Röttgers

Der Ahorn, den ich rammte, als ich Rad fahren lernte, ist zwar viel größer geworden, die Schramme ist nun viel höher, aber sie ist noch sichtbar. Das Rondell, wo wir Prellball gespielt haben, manchmal auch Fußball, ist noch genauso wie damals. Von den Sandkästen rund um die Linde in der Mitte des Rondells sind nur noch ein paar Randsteine zu sehen; einige davon haben die Wurzeln der Linde schräg in die Höhe getrieben. Aber wenn ich nur ein bisschen mit dem Schuh am Boden kratze, dann kommt der Sand hervor, in dem meine kleinen Schwestern ihre Burgen und Kanäle bauten.

In dem großen Garten, wo Dein Großvater jetzt Tomaten und Zucchini zieht, hat er kürzlich beim Umgraben die Sandplatten eines Weges entdeckt, den er vor mehr als fünfzig Jahren angelegt hatte – Archäologie in eigener Sache.

Und die Stadt selbst – für mich immer das, was innerhalb der Stadtmauer lag –, sie ist fast noch so, wie ich sie als Kind erlebt habe, nur schöner, denn inzwischen haben die Haller manches Fachwerk, manche Teile des Stadtgrabens oder der Stadtmauer wieder sichtbar gemacht, die dickfellige Beamte im 19. Jahrhundert hatten übertünchen, zuschütten oder überbauen lassen. Das barocke Rathaus, von dem nur noch die Fassaden standen, als ich aus dem Krieg heimkam, schaut wieder so stolz wie früher zum romanischen Turm der Michaelskirche hinauf, zu der Kirche, in der ich konfirmiert und getraut wurde.

Dazwischen liegt der Marktplatz, wo die Bäuerinnen aus dem Hohenloher Land heute noch Dahlien und Herbstastern aus ihren Gärten feilbieten, was mich als Kind dazu veranlasste, die Mutter auf den Markt zu begleiten. Und oben am Marktplatz, zur Kirche hinauf, beginnen die 52 Stufen der Freitreppe, die wir einmal, als viel Schnee lag, mit dem Schlitten herunterfuhren – nur einmal, denn das Tempo war so beängstigend, dass wir nur mit Mühe links am Rathaus vorbei das Schuhbäck-Gässle hinabsteuern konnten.

Es klingt natürlich arg provinziell, wenn ich behaupte, ich hätte nirgendwo einen schöneren, geschlosseneren Marktplatz gesehen. Aber zum einen bin ich mit dieser Meinung nicht ganz allein, zum anderen hat das eben mit dem zu tun, was man Heimat nennt: Für mich gibt es keinen Platz, der mein Raumgefühl so befriedigt und überdies so exemplarisch Mittelpunkt einer Stadt ist. Denn nicht nur Rathaus und Kirche stehen sich ganz eigenständig gegenüber, das Rathaus im Westen, die Kirche im Osten, auch die Bürgerhäuser im Norden und im Süden können sich gegen beide durchaus behaupten, sogar die jüngeren aus dem 18. Jahrhundert, die, wie das Rathaus, nach dem großen Brand von 1728 gebaut wurden. Der Pranger am Marktbrunnen erinnert mich an jene Neunhundertjahrfeier der Stadt, als, um Historie lebendig zu machen, ein geduldiger Haller sich die eiserne Halskrause anlegen und mit Tomaten und Eier bewerfen ließ.

Viel gegraben: Epplers Hände. Foto: Joachim E. Röttgers
Viel gegraben: Epplers Hände. Foto: Joachim E. Röttgers

Dass es im NS-Staat andere, brutalere Formen des mittelalterlichen Prangers gab, merkte ich dort ein paar Jahre später, es war wohl 1942, als ich über diesen Marktplatz ging: Da war gerade ein kahlköpfiges Mädchen dabei, seine Haare zusammenzukehren. Es war, wie eine Tafel verkündete, geschoren worden, weil es sich "mit einem polnischen Fremdarbeiter eingelassen" hatte. Das sollte abschreckend wirken, und das tat es wahrhaftig. Aber wovor? Dass dies ein widerliches Schauspiel war, spürten die meisten. Fast niemand blieb stehen und gaffte, alle, auch ich, drückten sich schweigend vorbei. An derselben Stelle saß dann im Mai 1945 der Kreisleiter, von den Siegern zur Schau gestellt.

Übrigens hat dieses Hall erst in der Nazizeit seinen offiziellen Namen bekommen: Die Stadt der Salzsieder war schon zu staufischen Zeiten das schwäbische Hall genannt worden, obwohl seine Einwohner Franken waren und ihren hällisch-hohenlohischen Dialekt bis heute pflegen, etwa bei den Siedersfesten. Aber es lag im Heiligen Römischen Reich am Nordrand des "Schwäbischen Kreises". Diese Einteilung in Kreise blieb bis zum Ende des Reiches wichtig, vor allem, wenn der Kaiser Soldaten brauchte. Aber der offizielle Name blieb Hall – bis schwäbische Nazis fanden, es müsse offiziell Schwäbisch Hall heißen.

Und das soll so gekommen sein: Als Hitler auf einer Großkundgebung auf dem Cannstatter Wasen reden wollte, zwickten Arbeiter die Übertragungskabel ab. Es dauerte einige Zeit, bis der brüllende Führer bemerkte, dass nur noch wenige seine kostbaren Worte hören konnten. Aber dann packte ihn eine solche Wut, dass er es den Schwaben heimzahlen wollte. Das alte Württemberg sollte ausgelöscht, sein nördlicher Teil sollte einem Großgau Franken zugeschlagen werden, auch Hall und das Hohenloher Land. Um dem vorzubeugen, machten die Stuttgarter Nazis Hall offiziell zum schwäbischen Hall. Auch solche Grotesken gehören zu den zwölf Hitler-Jahren.

Kocher vor Fachwerk. Foto: Andreas Scholz, CC-BY 3.0
Kocher vor Fachwerk. Foto: Andreas Scholz, CC-BY 3.0

Die Haller hätten ihre Stadt auch dadurch vor Verwechslung mit Hall in Tirol bewahren können, dass sie es mit dem Namen des Flusses verbunden hätten, an dem das fränkische Hall liegt. Der Kocher ist zwar kein so bedeutender Strom wie der Neckar, an dem Du aufgewachsen bist, aber doch einer seiner stattlichen Nebenflüsse, ohne den auch die Salzsiederei nicht floriert hätte. Denn auf dem Kocher wurde das Holz herangeflößt, von Süden, aus den Limpurger Bergen, mit dem in 111 Pfannen die Salzsole gesotten, verdunstet wurde, bis das kostbare Salz übrig blieb, das die Sieder bis nach Straßburg und Heidelberg verfrachteten.

Vielleicht war in meiner Kindheit ein Fluss noch etwas anderes als heute. Ich habe im Kocher schwimmen gelernt, denn ein Freibad mit einem Becken gab es erst später, als ein Haller aus Amerika seiner Stadt das Geld dafür spendete. Wie stolz war ich, als ich zum ersten Mal ohne Schwimmgürtel den Fluss überquert hatte. Dass er schon damals ziemlich schmutzig war, zumal die Abwässer weiter südlich einfach in den Fluss geleitet wurden, hat uns nicht gestört, auch nicht, dass wir wieder ganz verschwitzt waren, bis wir eine halbe Stunde zu Fuß von den Kocherwiesen über die Unterlimpurg zurück auf den Friedensberg getrottet waren. [...]

Besonderen Spaß machten mir die – allerdings seltenen – Stadtgeländespiele im Jungvolk, immer in der Abenddämmerung. Da sind wir durch Winkel der alten Stadt geschlichen oder gekrochen, die uns bisher verborgen geblieben waren, am Scharfrichterturm, am Winzerturm, im Weiler, im Froschgraben. Später, als wir anfingen, Mädchen nachzuschauen, flanierten wir durch die Neue Straße. Alles, was in Hall "neu" heißt, ist uralt.

Die Neue Straße war nach dem Brand von 1728 kerzengerade von der Henkersbrücke den Hang hinauf in Richtung Marktplatz gebaut worden, sie wurde so etwas wie die Hauptstraße, die Geschäftsstraße, aber auch die Straße, auf der man sich sehen ließ – so man es wollte. Und wir, Pennäler von kaum vierzehn Jahren, wollten, vor allem nach dem "Dienst" im Jungvolk. Die Ecken, an denen wir uns den Titel "Eckensteher" erwarben, sehen heute noch genauso aus wie damals, nur werden heute, wo seinerzeit eine Metzgerei war, Süßigkeiten angeboten, wo der alte Helmreich seine Bücher verkaufte, sind jetzt Kinderkleider zu haben.

Eppler zu Hause. Foto: Joachim E. Röttgers
Eppler zu Hause. Foto: Joachim E. Röttgers

So gehöre ich zu den wenigen Menschen, die nicht nur das Glück haben, da aufzuhören, wo sie angefangen haben, sondern zu den noch selteneren, die ihren Heimatort noch so antrafen, wie sie ihn in Erinnerung hatten. Da gibt es natürlich, auf der Höhe im Osten und im Westen, ganz neue Stadtteile, und der Friedensberg, früher am Rande der Stadt, liegt jetzt eher in der Mitte, aber der Stadtkern, die alte Reichsstadt im Kochertal ist weder von Bomben noch von Bürokraten zugrunde gerichtet worden. Und diese Stadt spricht zu mir. Sie spricht von meiner Kindheit, und je mehr ich mich in ihre Geschichte vertiefe, auch von den letzten tausend Jahren.


Erhard Eppler (88), SPD-Urgestein, hat den Text für den Band "Als Wahrheit verordnet wurde. Briefe an meine Enkelin" (Insel Verlag) geschrieben. Obigen Auszug haben wir dem Buch "Geschichten aus Hohenlohe und Tauberfranken" entnommen. Für die freundliche Genehmigung sei dem Tübinger Verlag Klöpfer & Meyer gedankt. 


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