Der Liedermacher und Politaktivist Walter Moßmann in Wyhl. Foto: Meinrad Schwörer

Der Liedermacher und Politaktivist Walter Moßmann in Wyhl. Foto: Meinrad Schwörer

Ausgabe 230
Zeitgeschehen

"Wir müssen die Résistance studieren"

Von Walter Moßmann
Datum: 26.08.2015
Wyhl und Walter Moßmann waren eins. Der Freiburger Liedermacher gehörte zu den meistgehörten Aktivisten im Kampf gegen das Atomkraftwerk am Kaiserstuhl. In seinem Brief an Rebecca, datiert von 1980, schreibt er über das "Dreyeckland". Es ist so aktuell wie vor 35 Jahren. Teil 3 der literarischen Sommerreise.

Am Basler Rheinufer neben dem Grenzübergang Weil/Friedlingen kann man das "Dreiländer-Eck" besichtigen. Das ist der strategisch interessante Punkt auf der Landkarte, wo sich die Grenzen der Bundesrepublik Deutschland (D), der République française (F) und der Confoederatio Helvetica (CH) treffen. Weil dieser Punkt, bloß auf den Kai gemalt, nichts hermachen würde, hat die Stadt Basel für die Touristen eine Attraktion hingestellt, ein Monument. Sieht aus wie eine silberne, startbereite Rakete mit drei Flügeln. Jeder Flügel zeigt in die Richtung, wo ein nationales Mekka liegt (Paris, Bern, Berlin) und trägt das Hoheitszeichen der jeweiligen Luftwaffe. So weiß jeder Bescheid, Luft und Wasser schmecken zwar rundum nach Chemie, aber rechts stinkt es deutsch, links französisch und hinten eidgenössisch.

Nicht überall in der Region kann man sich so leicht orientieren. Im Leymental zum Beispiel, südlich von Basel, überquert die Straße alle paar Hundert Meter eine Grenze, und ich weiß oft nicht, auf welchem Hoheitsgebiet ich mich gerade befinde; die Landschaft ist überall gleich freundlich, die Dörfer haben ganz ähnlichen Charakter, die Leute sprechen alemannischen Dialekt. Wenn ich über die Felder gehe, finde ich plötzlich einen verwitterten Grenzstein. Der sieht dann ziemlich albern aus, irgendwie überflüssig.

Das können die Nationalstaaten allerdings überhaupt nicht leiden, dass man sie übersieht oder gar überflüssig findet. Deshalb haben sie im Dreyeckland für klare Unterscheidungen gesorgt: es gibt dreierlei Fahnen, dreierlei Ortsschilder, dreierlei Geldscheine und Münzen (dieses Durcheinander im Geldbeutel!), dreierlei Grenzer-Uniformen, Polizisten-Uniformen, Soldaten-Uniformen; die Zeitungen unterscheiden streng zwischen "Inland" und "Ausland"; die Sonnenstrahlen der ARD-Wetterkarte brechen exakt über der Rheingrenze ab (im Elsass gibt es kein Wetter); wenn im Fernsehen elf Kicker aus Straßburg gegen elf Kicker aus Hamburg spielen, zittern die Fußball-Fans in Kehl für die Hanseaten, weil das "die Deutschen" sind, die "Unsrigen"; wenn die Nachbarn im Elsass Schwierigkeiten mit dem Salz aus den Kaligruben haben, geht die Meldung von Mülhausen nach Paris, von Paris nach Bonn und von Bonn nach Freiburg. Unterwegs wird sie immer kürzer.

Die Nationalstaaten legen sich mächtig ins Zeug, um Land und Leute nach Staatszugehörigkeit zu sortieren. Denn je mehr National- und Staatsbewusstsein sie in die Köpfe pflanzen, umso weniger müssen sie fürchten, dass die Leute in der Region selbstbewusst werden. Wie sollte man sie noch am Zügel führen, wenn sie die Spanischen Reiter an der Grenze umstoßen, wenn sie sich vermischen und die Region zwischen Schwarzwald, Jura und Vogesen als ihr Land ansehen?

Der elsässische Liedermacher François Brumbt ("Ich brumme, du brummst, er brumbt") hat das selbstbewusste Wort "Dreyeckland" erfunden. Er hat die drei Ecken der Nationalstaaten zusammengesetzt und gesehn: "Hoppla! 's baßt, do hemmrs Dreyeckland!"

Die Unteren haben sich gegen die Oberen verbündet

Die Idee lag aber schon länger in der Luft, seit 1974. Am 20. September 1974 sind wir auf den Bauplatz der CWM (Chemische Werke München – d. Red.) in Marckolsheim gegangen und haben ihn besetzt. Das war das erste befreite Gebiet des Dreyecklandes. Die nächsten Plätze haben wir in Wyhl und Kaiseraugst behauptet. Das waren nun keine bewaffneten Aufstände, aber es waren Aufstände. Und zwar gegen die Machtzentralen von drei äußerst protzigen Industriestaaten. Der Skandal: Die Unteren haben sich über die Grenze weg verbündet gegen ihre Oberen. Und das auch noch mit Erfolg!

Seit Juli 1977 halten wir die Ätherwellen besetzt, und zwar UKW 100 bis 104 Megahertz, jeden Donnerstag und Freitag ab dreiviertel acht und Sonntag ab 11 Uhr. Radio Verte Fessenheim, unser Sändr üssm Dreyeckland, versteht sich als Stimme der Region und redet mit vielen Zungen, auf alemannisch, deutsch und französisch.

Was wir wollen?

Wir verlangen Kompetenzen zurück, wie das der Jean sagt. Wir beharren darauf, für unser eigenes Leben selber zuständig zu sein. Wir machen denen "oben" das Recht streitig, an unserer Stelle zu entscheiden, und denen "drüben" auch.

Wenn 50 Prozent der betroffenen Bevölkerung im Katastrophengebiet eines AKW nichts zu sagen haben, weil sie Ausländer sind, dann liegt der Fehler an der Grenze. Die Grenze ist der Fehler. Die Elsässer geht Wyhl (D) was an, die Badener geht Fessenheim (F) was an. Und wenn die Grenzer aus Marseille oder Kiel mit arrogant gesträubtem Schnurrbart erklären, dass es uns "Ausländern" nicht zusteht, Forderungen geltend zu machen, dann betrachten wir die Uniformierten als bewaffnete Organe einer Besatzungsmacht. Denn wir hier im Grenzland müssen doch die Suppe auslöffeln, die uns im "nationalen Interesse" von den Metropolen eingebrockt wird.

Manchmal denk ich, du nimmst das nicht ernst, wenn ich "Besatzungstruppen" sage. Was mich betrifft, ich nehm dieses Wort ernst. Klar geworden ist mir das zunächst nicht hier, sondern im Landkreis Lüchow-Dannenberg, im Wendland. Da stand ich an der Elbe und schaute betreten zum anderen Nationalstaat rüber. Sah diesen schrecklichen Grenzzaun, sah die Wachtürme, wusste, dass die Posten angehalten sind, auf jeden Menschen zu schießen, der von einem Flussufer zum anderen will; wusste, dass die da drüben gar nicht wissen, was um Gorleben rum los ist, obwohl sie genau so betroffen sind wie die Westler. Und dann wurde das Gefühl im Rücken immer schlimmer. Ich wusste nur zu gut, wie es diesseits der Elbe aussieht. Ständig 2000 Mann Besatzungssoldaten. Immer mehr Betonfestungen mit Schießscharten und einem planierten Streifen vor den Mauern, freies Schussfeld. An jedem Alltag fahren Truppenkonvois durch die Dörfer; ständig irgendwo Kontrollen. Ein Bauer wird im Wald zusammengeschlagen, weil er bei der Arbeit keinen Ausweis bei sich hatte. Am 4. Juni 1980 hat sich die Truppenstärke auf 7000 erhöht, und das in einer Region, in der 45000 Menschen leben. Ein Soldat auf sechs Einwohner ...

Die Besatzungsmacht will uns an die Gurgel

Ihr habt zwei Besatzungszonen, wir haben drei. Bei euch hat sich die Sache schon gewaltig zugespitzt, bei uns liegt der Atomstaat noch unterm Tarnnetz.

Ich hab als Kind eine Besatzungszeit erlebt, die war schlimm. Von "Widerstand" war da nicht die Rede, nur vom Überleben. Und damals wäre der Widerstand noch schlimmer als Besatzung gewesen, nämlich Nazi-Werwolf.

Heute ist das anders: Die Besatzungsmacht hat nicht vor, wieder wegzugehn, die gräbt sich hier ein, die wird immer größer werden, die will uns an die Gurgel. Widerstand ist eine Frage des Überlebens. Wir müssen die Résistance studieren. Uns bleibt nichts anderes übrig.

Die Leute, die hier gegen die Atomindustrie kämpfen, sagen, dass sie ihre "Heimat" verteidigen oder die "Raumschaft" oder die "Region". Dafür sind sie kompetent. Wenn der Meinrad mir den Rheinauewald zeigt, der dem AKW weichen soll, die Eichen, Buchen, Erlen, Weiden, Silberpappeln, oder den Eisvogel, den Kormoran, den Fischadler, dann begreife ich, um was es geht. Wenn mir der Michel auf einer Jurawiese 21 verschiedene Orchideenarten zeigt. Wenn mir die Lore in Weisweil ihre verschiedenen Apfelsorten erklärt und wie man Most macht und wie sich eine Weinessig-Mutter bildet. Wenn mir der Handwerker Pierre Spenlehauer im Sundgau die Zweckmäßigkeit der Fachwerkhäuser beweist und die Dauerhaftigkeit eines Kachelofens. Wenn ich seh, wie hartnäckig und auf eigene Faust der Werner in Sasbach seine Sonnenkollektoren herstellt und verbreitet ...

Ich denke, das ist eine ganz entscheidende Frage: Wir Untertanen haben uns schon gefährlich lang einschüchtern und ausschalten lassen von Leuten, die für irgendetwas "kompetent" sein sollen. Diese Manager und Ingenieure etwa, die uns das Wirtschaftsministerium ständig auf den Hals hetzt, für was sind sie denn wirklich zuständig? Die haben doch nur gelernt, wie man menschliche Arbeitskraft und Natur gewinnträchtig ausbeutet, dafür haben sie ihre Diplome erworben, und damit hat sich's. Oder diese Arbeitsplatz-Strategen: Was wissen die denn von der Wirklichkeit der Arbeitsplätze? Jetzt planen sie das Ruhrgebiet am Oberrhein, sie "versorgen" uns mit Arbeitsplätzen. So machen sie Geschichte.

Aber wer fragt die Menschen, die solche Arbeitsplätze erleiden müssen? [...] Also wenn ich Atompolitiker wär und hätt einen Hass auf die Kaiserstühler, weil sie so widerspenstig sind in Sachen Wyhl, dann würde ich Folgendes sagen:

"Mitbürger, Freunde, Kaiserstühler, hört mich an! Ihr produziert hier einen guten Wein, aber die Arbeit ist hart und der Lohn gering. Lasst uns das ändern. Ich mach in ganz Plattdeutschland und noch weiter weg Reklame für 'badischen Wein, von der Sonne verwöhnt!'. Dann wird die Nachfrage steigen, und ihr könnt mehr verkaufen. Dazu muss aber auch mehr produziert werden, ist doch klar, oder? Also weg mit Obstbäumen (die locken eh nur die Vögel an), weg mit Getreide, Gemüse, Wald, Wiesen fürs Vieh, brauchen wir nicht. Alles, was ihr zum Essen braucht, werden euch die Supermärkte liefern. Das wird zwar ein paar Tausend Kilometer hierhertransportiert, die Hälfte verkommt unterwegs, und damit der Rest nicht auch verreckt, braucht es jede Menge Konservierungsmittel, aber, Freunde: Es wird billig sein! Denn es kommt von Monokulturen, und die sind rationell, fortschrittlich, zukunftweisend."

Liebe Winzergenossen, lasst uns riesengroße Tanks bauen

Das ist der erste Schritt. Gesetzt den Fall, sie tun, was ich sage, würde ich etwa so fortfahren:

"Liebe Winzergenossen, ihr seid noch zu sehr zersplittert. Wir brauchen jetzt eine zentrale Winzergenossenschaft. Da schütten wir alles, was hier wächst, zusammen; so habt ihr keine Überschüsse mehr. Lasset uns in Breisach schöne, moderne, riesengroße Tanks bauen, und was da drin passiert, braucht euch nicht weiter belasten. Dafür mieten wir Chemiker und Spezialisten. Wir bauen hier eine richtige Weinfabrik hin. So braucht ihr nur noch Trauben produzieren. Niemand muss mehr die Kunst lernen, wie man einen Wein ausbaut, das ist altmodischer Kram. Lasst uns nur machen!"

Nun besteht die Gefahr, dass die zu Traubenbauern reduzierten Winzer bemerken, dass es ihnen noch gar nicht besser geht. Dann würde ich folgenden Vorschlag machen:

"Auf, auf zum großen Sprung nach vorn! Jetzt wird der Berg umgebaut! Wir machen aus dem Kaiserstuhl einen Kunstberg mit riesigen Terrassen, breiten, asphaltierten Straßen und schmeißen so viel Chemie auf die Pflanzen, bis sie das Doppelte hergeben. Dazu kauft ihr euch paar neue Maschinen (und wir in der Zentrale auch, versteht sich), und dann ersäuft die Welt im badischen Wein. Leider werdet ihr zunächst nicht mehr so viel verdienen, denn alles hat seinen Preis, und Investitionen müssen sein, aber in ein paar Jährchen seid ihr fein raus."

Und dann würde ich abwarten. Zum Beispiel könnte ja bald Folgendes eintreten: Der kalifornische Wein, der in Paris schon die höchsten Auszeichnungen gewonnen hat, überschwemmt den europäischen Markt. Der Markt kriegt eine Laune und nimmt den Kaiserstühler nicht mehr auf, besonders da er in den Tanks meiner Zentralkellerei immer schlechter geworden ist. Und so ein Umschwung kann über Nacht kommen. Dann trete ich als Retter auf:

"Liebe Landeskinder, nun hat euch das Schicksal getroffen. Der Wein geht nicht mehr hinaus aus meinen Tanks, und wir müssen ihn in den Rhein schütten, so viele Tausend Hektoliter, dass noch in Köln die Alkoholiker am Ufer schlabbern wie die Hunde. Ihr aber, meine Lieben, habt ja gar nichts mehr, auch keinen Gemüsegarten, nicht einen Weizenhalm auf dem Feld und keine Kuh im Stall, keinen Kirschbaum und keine Brombeerhecke. Wer wird nun für euch sorgen? Ich werd's euch offenbaren: Vater Staat hilft seinen Kindern. Nach Wyhl holt er ein AKW, südlich und nördlich machen wir eine Industriezone, da bisschen Chemie, dort bisschen Plastik, hier ein Aluwerk und da die Pharma. Lauter saubere Arbeitsplätze auf Lebenszeit. So habt ihr endlich mal wieder Feierabend, und dafür stell ich 26 Fernsehprogramme zur Verfügung, und ihr trinkt in Ruhe euren kalifornischen Wein." Und wenn sie dann aus der Fabrik nach Flause kommen, würd ich im Fernsehen Filme zeigen, die einen stolz machen können auf unsre Industrie, die deutsche! Sagt da jemand "Planstaat"? Na, na, na, bei uns muss ja niemand in die Fabrik. Kann sich ja beim BGS bewerben oder so. [...]

Walter Moßmann, 1941 in Karlsruhe geboren, war Liedermacher, Journalist, Autor und aktiv in basispolitischen Bewegungen, unter anderem als Mitbegründer der Bürgerinitiative "KKW Nein" in Freiburg. Seit Mitte der 90er-Jahre konnte er wegen eines Kehlkopfkrebses nicht mehr singen. Moßmann ist am 29. Mai 2015 gestorben. Der Text ist dem von Manfred Bosch herausgegebenen Buch "Oberrhein-Geschichten" (Verlag Klöpfer & Meyer) entnommen.


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