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Die Sekte der Ökonomen

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Die "Wirtschaftsweisen" sprechen gerne vom Wettbewerb. Nur für sie selbst gilt das nicht. Sie kennen nur eine Theorie, die Neoklassik, mit der sie das herrschende System absichern, sagt die Wirtschaftsjournalistin Ulrike Herrmann in ihrem neuen Buch.

Frau Herrmann, Ihr Buch trägt den Titel "Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung" – haben Sie jetzt die Seiten gewechselt?

Der Titel ist ironisch gemeint. Er spielt darauf an, dass in der heutigen Mainstream-Ökonomie der Kapitalismus überhaupt nicht vorkommt. Die sogenannte "Neoklassik" tut so, als würden wir uns in einer Art fiktivem Mittelalter befinden und als hätte es die Industrialisierung nie gegeben. In der herrschenden Theorie fehlt alles, was einen voll ausgereiften Kapitalismus ausmacht. Großkonzerne kommen nicht vor, auch die grassierende Spekulation wird ausgeblendet. Investitionen und Kredite spielen keine zentrale Rolle – ja selbst Geld und Gewinne sind völlig nebensächlich.

Also ein Glasperlenspiel im Elfenbeinturm.

Leider sitzen die Wirtschaftswissenschaftler nicht isoliert in einem Elfenbeinturm, wo sie keinen Schaden anrichten können. Im Gegenteil, sie sind so mächtig wie keine andere Disziplin. Sie beherrschen alle Expertengremien, beraten die Regierungen und lenken die Zentralbanken. Es ist nicht übertrieben: Die Irrtümer der Ökonomen kosten nicht nur Milliarden, sondern sogar Menschenleben. Allein die jüngste Finanzkrise hat weltweit Billionen gekostet. Dieser teure Crash war nur möglich, weil die Ökonomen eine Theorie vertraten, in der Finanzkrisen gar nicht vorkamen: Stattdessen wurde behauptet, dass die Finanzmärkte stets zur "Effizienz" und zum "Gleichgewicht" neigen würden.

Sie verstehen Ihr Buch als Brandrede gegen die Mainstream-Ökonomie, der sie blanke Ideologieproduktion vorwerfen.

Die heutige Ökonomie hat mit Wissenschaft nichts mehr zu tun – sondern ist eine Religion. Wer das Mantra vom Gleichgewicht nicht glaubt, kann an einer großen Universität keine Karriere machen. Alle wichtigen Lehrstühle sind von Neoklassikern besetzt. Deshalb ist auch nicht zu erwarten, dass sich die Ökonomie von innen erneuert. Generationen von Studenten werden indoktriniert: Derzeit sind in Deutschland 429 676 Studierende im Fach Wirtschaft eingeschrieben. Sie lernen nie, ihre Disziplin kritisch zu hinterfragen. Stattdessen müssen sie sich durch Lehrbücher quälen, die "Musteraufgaben" und "Musterlösungen" präsentieren – also suggerieren, dass es eine "Wahrheit" namens Neoklassik gäbe.

Aber es gibt doch viele verschiedene Schulen in der Ökonomie: Klassiker wie Adam Smith, Karl Marx und John Maynard Keynes haben sehr unterschiedliche Ansätze vertreten.

Zum Dogmatismus der Mainstream-Ökonomen gehört, dass sie die wichtigsten Theoretiker ihres eigenen Faches ignorieren. Adam Smith, Karl Marx und John Maynard Keynes werden an den Universitäten kaum, verzerrt oder gar nicht mehr gelehrt. Dabei haben diese Theoretiker ihre Disziplin begründet und umgewälzt. Ohne sie gäbe es die moderne Volkswirtschaftslehre überhaupt nicht. Natürlich waren Smith, Marx und Keynes auch Kinder ihrer Zeit, sodass manche ihrer Ideen durch die historische Entwicklung widerlegt wurden. Aber anders als die heutigen Ökonomen haben sie die wesentlichen Fragen gestellt – und sich in der realen Welt umgesehen.

Es müsste auch den Neoklassikern auffallen, dass sie mit ihrer Theorie zu kurz springen. Die Realität schlägt doch täglich zu.

Es hat eine politische Funktion, dass die Neoklassiker so nachdrücklich behaupten, dass die Wirtschaft stets zum Gleichgewicht tendieren würde: Dies entsorgt das leidige Thema "Macht". Plötzlich ist es keine Frage mehr, warum einige reich und viele arm sind. Jeder bekommt, was angeblich seiner "Leistung" entspricht. Die Neoklassik ist eine Theorie, die für die Privilegierten sehr bequem ist.

Können Smith, Marx oder Keynes erklären, warum die Armen arm und die Reichen reich sind und was dagegen unternommen werden kann?

Adam Smith hat bereits vor 240 Jahren klar erkannt, dass nicht die Intelligenz oder die "Leistung" erklärt, ob jemand arm oder reich ist. Stattdessen sah er genau, dass die Herkunft entscheidend ist – und dass Arbeiterkinder kaum Chancen haben. Karl Marx hat beschrieben, wie der Einsatz von Technik dazu führt, dass am Ende nur noch wenige Großkonzerne übrigbleiben, die ihre Branchen beherrschen. Der Wettbewerb wird ausgehebelt, und es entsteht ein Oligopol. Und Keynes hat erstmals die Macht der Finanzmärkte analysiert. Er gilt ja oft als "linker Spinner". Das ist eine völlig falsche Wahrnehmung. Keynes war selbst professioneller Spekulant und hat ein Vermögen von umgerechnet 22 Millionen Euro hinterlassen. Aber gerade weil er lebenslang mit Derivaten spekuliert hat, wusste er genau, dass man die Finanzmärkte sehr stark regulieren muss, wenn man verhindern will, dass eine kleine Elite sich auf Kosten der Mehrheit bereichert.

Wodurch entstehen Krisen und in welcher Situation befinden wir uns Ihrer Meinung nach?

Gefährliche Finanzkrisen entstehen immer dadurch, dass zu viele Kredite vergeben wurden. Dieser Schuldenberg lastet dann auf der Realwirtschaft. In genau dieser Situation befinden wir uns jetzt. Es hat sich eine "Superblase" aufgepumpt, die bis zum Zerreißen gespannt ist. Allen Bankern ist klar, dass es zu einer weiteren schweren Finanzkrise kommen wird. Genau deshalb ist jetzt die Angst so enorm groß, dass die Deutsche Bank in die Pleite schlittern könnte.

Aber wir wissen doch alle: Krisen gehören zum Kapitalismus.

Finanzkrisen lassen sich vermeiden: Man muss nur die Banken entmachten. Investmentbanken sind völlig überflüssig; Sparkassen reichen aus. Historisch lässt sich zeigen, dass das Wachstum immer dann am stärksten war, wenn es keinen "Freihandel mit Geld" gab, sondern Kapitalverkehrskontrollen dafür sorgten, dass man mit Devisen nicht spekulieren konnte.

Was ist von Smith, Marx und Keynes zu lernen?

Finanzminister Schäuble sollte unbedingt einmal Smith lesen, der schon vor 240 Jahren wusste, dass Exportüberschüsse unsinnig und extrem gefährlich sind. Smith war keineswegs ein radikaler Liberaler, obwohl die Neoklassiker immer so tun, als wäre er ihr Stammvater. Marx hat ganz klar gezeigt, dass der Kapitalismus keine Marktwirtschaft ist, weil es keinen Wettbewerb gibt – und auch nicht geben kann. Es ist daher extrem bedenklich, dass heute immerzu nach "Marktlösungen" gesucht wird und sich der Staat zurückzieht. In den letzten Jahren wurden fast alle öffentlichen Güter verkauft: Wasserwerke, Krankenhäuser, Elektrizitätswerke, Sozialwohnungen. Jetzt wird diskutiert, ob man auch die Autobahnen durch "Private-Public-Partnership" indirekt privatisiert. Besonders krass war die Riester-Rente, die exemplarisch zeigt, wer von diesen "Marktlösungen" profitiert: Die staatlichen Subventionen haben nur die Allianz und die Deutsche Bank reich gemacht. Von Keynes kann man lernen, wie ein Weltwährungssystem aussehen müsste, das die Devisenspekulation sofort beendet. Dieser Vorschlag ist brandaktuell: Momentan kreisen täglich fünf Billionen Dollar um den Erdball, um mit Währungen zu hantieren.

Wie streut man einer so großen und gut geölten Macht- und Propagandamaschine Sand ins Getriebe?

Ich setze auf Aufklärung. Mein Buch habe ich geschrieben, damit auch Nicht-Ökonomen verstehen, welche Theorien es gibt – und wie absurd der herrschende Mainstream ist.

 

 

Info:

Ulrike Herrmann, Jahrgang 1964, ist ausgebildete Bankkauffrau, hat Wirtschaftsgeschichte und Philosophie studiert, ist Wirtschaftskorrespondentin der taz und Autorin zahlreicher Bücher. Ihr neuestes ("Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung") ist im Frankfurter Westend Verlag erschienen, steht auf der Spiegel-Bestsellerliste und kostet 18 Euro. Am 10. 2. 2017 liest sie in der Stuttgarter Stadtbibliothek.


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11 Kommentare verfügbar

  • rudof
    am 02.02.2017
    Antworten
    Bin mehr oder weniger durch Zufall hier gelandet.
    Gefühlsmäßig redet fast jeder der Kommentatoren von einem anderen Kapitalismus . Findet sich bei Marx oder Smith dieser Begriff überhaupt?
    Wenn schon der Kapitalismus verschieden ist, ist das auch seine Negation. Zu Frau Herrmann schweige ich, da…
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