KONTEXT Extra:
BKA-Zeuge im NSU-Ausschuss: Keine Hinweise auf Islamisten

Für das BKA gibt es keinen "greifbaren Ermittlungsansatz", Hinweisen auf die Anwesenheit von Islamisten am Tatort und zur Tatzeit der Ermordung der Polizistin Michèle Kiesewetter am 25. April 2007 in Heilbronn nachzugehen. Während der 13. Sitzung des zweiten parlamentarischen Untersuchungsausschusses im Stuttgarter Landtag zu den Verbindungen des "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) nach Baden-Württemberg erläuterte ein Kriminalhauptkommissar des Bundeskriminalamts (BKA), wie Handy-Daten aus den Funkzellen in Heilbronn ausgewertet wurden.

Zu zwei eingeloggten Handynummern hatte es Spekulationen gegeben. Der Ausschussvorsitzende Wolfgang Drexler (SPD) musste allerdings bekannt geben, dass weder die Bundesnetzagentur noch angefragte Telekommunikationsfirmen sagen konnten, wem die beiden Nummern gehört hätten. Die Namen sind – bis auf einen Vornamen – gelöscht worden. Der Zeuge wiederum erklärte: "Es bleibt von diesen Rufnummern mit einem Islamismusbezug nichts übrig."

Mehrfach in den vergangenen Monaten hatten die Abgeordneten versucht, Berichten nachzugehen, Personen aus dem Umfeld der islamistischen Sauerlandgruppe hätten sich am Tattag in Heilbronn aufgehalten. Und in diesem Zusammenhang könnten auch US-Geheimdienst-Mitarbeiter auf der Theresienwiese gewesen sein. Würden Belege gefunden, etwa für die Theorie, Kiesewetter und ihr Kollege hätten die Übergabe eines Zünders gestört, wäre die Version der Bundesanwaltschaft erschüttert, die Beamtin sei von den Rechtsterroristen des NSU erschossen worden. (22.09.2017)


Demonstration gegen Abriss von Altbauwohnungen

Wohnen in Stuttgart ist teuer, und Gering- und Normalverdiener werden in Zukunft noch mehr aus der Stadt verdrängt werden – das fürchten die Mieterinitiativen Stuttgart angesichts der Pläne der Wohnungsbaugesellschaft SWSG, in den nächsten Jahren mehr als 200 Wohnungen im Hallschlag abzureißen. Bereits im Oktober 2018 soll damit begonnen werden. Die von SWSG-Geschäftsführer Helmuth Caesar selbst als "Laborversuch" bezeichneten Abrisspläne könnten nur der Anfang sein, diese Praxis auf die ganze Stadt auszudehnen, warnen die Initiativen. "Es ist schlimm genug, dass keine preisgünstigen Wohnungen neu gebaut werden und selbst die wenigen Sozialwohnungen bis neun Euro Kaltmiete kosten", kommentiert dies Matthias Ehm vom SWSG-Mieterbeirat. "Aber es ist ein Skandal, vor diesem Hintergrund die letzten Altbausiedlungen mit Kaltmieten um die sieben Euro systematisch zu zerstören." Auf diese Weise, so Ehm, beteilige sich die Stadt Stuttgart über die städtische SWSG "an der Preistreiberei auf dem Immobilienmarkt".

Gegen die Abrisspläne hat die Mieter- und Bürgerinitiative Hallschlag zu einer Protestkundgebung am heutigen Donnerstag, den 21. September, um 17.30 Uhr vor dem SWSG-Kundencenter Hallschlag (Rostocker Straße 2-6, 70376 Stuttgart) aufgerufen. Neben Matthias Ehm sprechen unter anderem der Linken-Stadtrat Tom Adler, der auch im SWSG-Aufsichtsrat sitzt, der Journalist Joe Bauer und Ursel Beck von der Mieter- und Bürgerinitiative. Im Anschluss gibt es einen Demonstrationszug durch den Hallschlag.

Über die fragwürdige Abrisspraxis der SWSG hat Kontext schon mehrfach berichtet, unter anderem in den Artikeln "Die Geschäfte des Herrn Föll", "Raumwunder gibt es immer wieder" und "Solide, seriös, sicher - SWSG". (21.9.2017)


"Tested by Winne Hermann"

Kontext hat öffentlich gemacht, dass Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann in Eigenregie Tests mit Hardware-nachgerüsteten Diesel-Modellen durchführen lassen wird. In Zusammenarbeit mit mehreren namhaften Herstellern und um der Automobilindustrie - im Idealfall - zu beweisen, dass sich Euro-5-Motoren auch auf Basis von Messungen im realen Straßenverkehr sehr wohl mit einem vergleichsweise überschaubaren Aufwand auf Euro-6-Norm umbauen lassen.

Die FDP, möglicherweise bald Koalitionspartner auf Bundesebene, macht sich lustig über den Grünen. "Ich reibe mir schon verwundert die Augen", so der verkehrspolitische Sprecher der Landtagsfraktion Jochen Haußmann, "wie ein Landes-Verkehrsminister dazu kommt, in den Test von Abgasanlagen-Nachrüstung einzusteigen." Er binde Personal- und Sachkosten seines Ressorts, obwohl das Land dafür nicht zuständig sei. Und Haußmann verlangt Aufklärung, wer genau mit welchem Engagement bei dem Vorhaben dabei sei: "Wir brauchen weder eine blaue Plakette noch ein Label bei Nachrüstsätzen nach dem Motto 'tested by Winne Hermann.'" Wie erkläre der Minister sein jetziges Tun den Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern?, will der Liberale weiter wissen.

Fragen über Fragen, denn: Wie erklärt die FDP ihren Sarkasmus DieselfahrerInnen, die auf eine Lösung für Euro-5-Motor hoffen? Und vor allem jenen innovativen Mittelständlern die ablehnende Haltung, die funktionierende Nachrüstsysteme in der Schublade haben, bisher bei den großen Autoherstellern aber abgeblitzt sind? Von den in Feinstaub-Innenstädten wohnenden BürgerInnen ganz zu schweigen.


Internationale Brigaden - der Film in der Geißstraße

Die Stuttgarter Fotografin Gerda Taro hat inzwischen einen Platz in ihrer Heimatstadt erobert. Seit 2014 erinnern Stelen und ein Ort mit ihrem Namen an die Frau, die gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Robert Capa den Bürgerkrieg in Spanien dokumentiert und das Leid der Bevölkerung festgehalten hat. Seit die Kulturwissenschaftlerin Irme Schauber die Frau an Capas Seite aus dem Dunkel geholt hat, ist auch in Stuttgart das Interesse an diesem Kapitel spanischer Zeitgeschichte gewachsen. Der Todestag von Gerda Taro jährt sich in diesem Jahr zum 80sten Mal wie auch die Bombardierung Guernicas durch Flugzeuge der Legion Condor. Die Stiftung Geißstraße zeigt aus diesem Anlass den Film "Vom Kämpfen und Sterben der Internationalen Brigaden" von Patrick Rotmann. Der Dokumentarfilm beleuchtet den Kampf der in den Internationalen Brigaden organisierten Freiwilligen, die ihr Leben für das spanische Volk aufs Spiel setzten und die Spanische Republik gegen den Staatsstreich der Franquisten verteidigten. Und natürlich spielt auch die Stuttgarter Fotografin Gerda Taro eine Rolle. (18.9.2017)

Dienstag, 19. September, 19 Uhr, Geißsstraße 7.


"Lüge, Hass, Manipulation – Was können wir den Medien noch glauben?“

Sechs Tage vor der Bundestagswahl greift der "Neue Montagskreis" ein in vielerlei Hinsicht bewegendes und gerade durch die neuesten Provokationen der "Alternative für Deutschland" (AfD) besonders aktuelles Thema auf: "Lüge, Hass, Manipulation – Was können wir den Medien noch glauben?" Unter der Moderation von Michael Zeiß diskutieren am Montag, den 18. September, um 19.30 Uhr im Stuttgarter Theaterhaus Gabriele Renz, Pressesprecherin im Landtag von Baden-Württemberg, und Wolfgang Schweiger, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Hohenheim, über die Kommunikation in Echokammern (mehr dazu hier), über die Verunglimpfung eines ganzen Berufsstandes ("Lügenpresse") oder darüber, wie sich Fake-News in Windeseile in den sozialen Medien verbreiten – nicht zuletzt durch Präsidenten wie Donald Trump oder Wladimir Putin – und kaum mehr einzufangen sind. Schweigers Fachgebiet sind die Mechanismen interaktiver Onlinekommunikation, und Renz kennt viele Facetten der Problematik: Sie war jahrelang Redakteurin und landespolitische Korrespondentin des "Südkurier" in Konstanz und Stuttgart. (16.9.2017)


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Die Wirtschaftsweisen aus dem Morgenland. "Die Anstalt" vom 9.12.2014. Screenshot: ZDF

Die Wirtschaftsweisen aus dem Morgenland. "Die Anstalt" vom 9.12.2014. Screenshot: ZDF

Ausgabe 247
Medien

Mal Nato-Hure, mal Putin-Pudel

Von Josef-Otto Freudenreich (Interview)
Datum: 23.12.2015
Drei Heilige aus dem Morgenland zerpflücken das Jahresgutachten der Wirtschaftsweisen. Das freut Millionen Menschen – wenn sie "Die Anstalt" sehen. Dietrich Krauß, einer der Macher, erzählt, wie eine Satiresendung zur Volkshochschule werden konnte. Und für ihn ein Teil der Gegenöffentlichkeit ist.

Herr Krauß, verraten Sie uns doch mal, wie die Ideen für "Die Anstalt" entstehen.

Max Uthoff, Claus von Wagner und ich sitzen zusammen an einem Kaffeetisch, haben viele Bücher und Zeitungen gelesen, regen uns gemeinsam auf, spinnen Ideen – und Max hat hoffentlich die Schokolade nicht vergessen.

Und schon treten die drei heiligen Könige aus dem Morgenland auf und zerpflücken das Jahresgutachten der fünf Wirtschaftsweisen.

Wir hatten den Blog des Journalisten Norbert Häring – sehr zu empfehlen – vom "Handelsblatt" gelesen, in dem er das Gutachten auseinandergenommen hat. Das war eine tolle Vorarbeit für unsere Sendung vor Weihnachten. Da treten ja auch Weise auf, also die aus dem Morgenland, und schon stand der Plot für eine Szene.

"Wir sind der kleine schmutzige Bruder des Journalismus." Foto: Joachim E. Röttgers
"Wir sind der kleine schmutzige Bruder des Journalismus." Foto: Joachim E. Röttgers

Uthoff sagt, "Die Anstalt" sei die Rache des Mainstream an sich selbst.

Wo Max recht hat, hat er recht. Zumindest machen wir Kabarett im reichweitenstärksten Medium. Nun arbeiten wir nicht in dem Sinne investigativ, dass wir vor Ort recherchieren. Aber wir sammeln Informationen, in den in- und ausländischen Medien, von wissenschaftlichen Quellen, sortieren sie, heben das heraus, was andere liegen lassen und spitzen satirisch zu. So gesehen sind wir der kleine schmutzige Bruder des Journalismus.

Und, zack, haben Sie eine Klage an der Backe wie jene von Josef Joffe, dem Herausgeber der "Zeit", den Sie einer Seilschaft von Amerikafreunden zugeordnet haben.

Die Grundlage der besagten Nummer war eine Studie von der Uni Leipzig. Wenn Sie so wollen, wissenschaftsbasiertes Kabarett und ausgerechnet dafür gab's ne Klage. Der Medienforscher Uwe Krüger hatte aufgelistet, welche deutschen Großpublizisten in welchen transatlantischen, nennen wir sie ruhig Lobbyverbänden sitzen. Unter anderen war Joffe neben Stefan Kornelius von der "Süddeutschen Zeitung" genannt. Das Ganze haben wir auf einer Schautafel aufgelistet. Joffe hat geklagt, und der juristische Streit dauert bis heute an.

Ein Streit, den kein Mensch kapiert.

Primär dreht er sich darum, ob die Anzahl der Striche auf unserer Tafel exakt mit der Anzahl seiner Mitgliedschaften in transatlantischen Organisationen zum Zeitpunkt der Sendung übereinstimmt. In den bisherigen Verfahren wurde festgestellt, es gehe hier um eine Differenz von maximal zwei Verbindungen. Mindestens ein halbes Dutzend vermochte man Joffe aber zuzuordnen. Joffes Homepage an der Stanford University, so haben wir gelernt, ist dabei als Quelle mit Vorsicht zu genießen: Dort steht bis heute, Josef Joffe sei bei der Atlantik-Brücke, diese Behauptung wird der Anstalt gerichtlich untersagt.

Gemeinerweise haben Sie auch noch nachgeschoben, jetzt sei klar, warum die "Zeit" nur einmal wöchentlich erscheine. Bei so vielen nebenberuflichen Verpflichtungen.

Wir machen eine Satiresendung und müssen sarkastisch sein. Wenn wir nur Fakten bringen, wäre das Arbeitsverweigerung. Aber Tatsache bleibt doch, dass diese Journalisten mit amerikaaffinen Thinktanks verbandelt sind. Selbst der stellvertretende Chefredakteur der "Zeit", Bernd Ulrich, hat dies jüngst in seinem Buch "Sagt uns die Wahrheit!" als problematisch bezeichnet. Wie kritisch er das bewertet – ungeachtet des Streits um einzelne Striche –, das hätten wir uns allerdings nicht träumen lassen. Darf ich Ulrich zitieren?

Aber bitte.

"Tatsächlich gibt es zahlreiche transatlantische Organisationen wie die Atlantik-Brücke, die Bilderberg-Konferenz und viele andere, in denen Politiker Militärs, Mitarbeiter amerikanischer Thinktanks und eben Journalisten zusammenkommen. Diese Veranstaltungen, von denen nicht berichtet werden darf, haben einen bestimmten Zweck – in der Regel: offiziell die Stärkung der transatlantischen Zusammenarbeit. De facto sind sie auch ein Transmissionsriemen für die amerikanische Denkart in der Außenpolitik, für die je angesagte Politik Washingtons. In diesen Netzwerken wurde in den Jahren der Mittelostkriege eine Politik vordiskutiert und rationalisiert, die aus heutiger Sicht als stellenweise durchgeknallt bezeichnet werden muss. [...] Durch dieses journalistische Eingebettetsein hat die außenpolitische Debatte hierzulande zuweilen einen merkwürdigen amerikanischen Akzent, oft gewinnt man beim Lesen den Eindruck, als würde einem in Leitartikeln etwas beigebogen, als gäbe es Argumente hinter den Argumenten, fast glaubt man, eine Souffleurstimme zu hören."

Wow, wir hätten es vielleicht nicht ganz so scharf formuliert.

Aufgespießt haben Sie auch den Leitartikler der "Zeit", Jochen Bittner.

Wenn Bittner erst an einem Papier eines transatlantischen Thinktanks mitarbeitet, das einen Strategiewechsel in der Außenpolitik fordert; wenn dieses Papier dann in die wichtige Rede von Bundespräsident Gauck auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2014 zur neuen Verantwortung Deutschlands einfließt und derselbe Redakteur danach in der "Zeit" durchaus wohlwollend über diese Rede schreibt, dann ist das, finden wir, ein merkwürdiges Rollenverständnis von Journalismus. Konkret wird vor Gericht mit Bittner vor allem um unsere satirische Zuspitzung gestritten, "er schreibe für die Zeit und für Gauck". Aber so viel Satire muss unserer Meinung nach unbedingt möglich sein – vor allem, wenn man vorher genau den Sachverhalt geschildert hat, um den es geht.

Das erwartet man eher in der recherchierenden Presse.

Wir hatten diesen Fakt aus der Internetzeitung "Telepolis". Sie sehen, wir sind auf gute Journalisten angewiesen. Fernsehsatire kann guten Journalismus, der manchmal in der Nische arbeitet, ohne ein breites Publikum zu finden, verstärken und ergänzen und Themen eine ganz andere Wucht geben. Es gibt viele tolle Journalisten und Wissenschaftler, von denen wir unsere Informationen beziehen, aber eben in den letzten Jahren auch bei wichtigen Themen in den Leitmedien – Eurokrise, Rentenpolitik etc. – oft ein sehr ähnliches Narrativ, das selbst dann unverändert bleibt, wenn vereinzelt ganz konträre Fakten berichtet werden.

Narrativ ist hübsch ausgedrückt. Wir könnten auch von uniformer Berichterstattung sprechen.

So erklären wir uns die starken positiven Reaktionen des Publikums auf "Die Anstalt": Hoppla, sagt es, so wie in der "Anstalt" habe ich das noch gar nicht gelesen oder gehört. Über den NSU, Griechenland, die Rente, den Giftgasangriff in Syrien. Da scheint mir offensichtlich einiges an Fakten und Zusammenhängen liegen gelassen worden zu sein.

"Wir erheben nicht den Anspruch, die Wahrheit zu verkünden." Foto: Joachim E. Röttgers
"Wir erheben nicht den Anspruch, die Wahrheit zu verkünden." Foto: Joachim E. Röttgers

Medienkritik ist ein heikles Geschäft.

Wenn sich Kritik gegen Medien richtet, treffen wir auf ein besonders empfindliches Personal. Auf Journalisten. Ich weiß, von was ich rede, ich bin ja selbst einer. Die waren es bisher gewohnt, in herausgehobener Position die Welt zu kritisieren, waren einsame Schleusenwärter für Themen und Meinungen, und plötzlich stellen sie fest, dass sie Konkurrenz bekommen; dass sie selbst kritisiert werden und ihnen vieles nicht mehr geglaubt wird. Weil man es via Internet mit anderen – auch dubiosen – Quellen vergleichen kann. Das ist durchaus eine zwiespältige Entwicklung.

Die viel mit einem Glaubwürdigkeitsverlust zu tun hat.

Wenn ich mich richtig entsinne, haben – laut einer Umfrage im Auftrag der "Zeit" – über 60 Prozent der Bevölkerung wenig oder gar kein Vertrauen in die Medien.

Bitte jetzt nicht mit der Lügenpresse kommen.

Das ist wirklich in jeder Hinsicht ein Unwort, auch weil dieses pauschale Ressentiment jede differenzierte Kritik an Medien verhindert. Aber wir sollten trotzdem nicht so tun, als wäre alles in Ordnung. Es hat doch seinen Grund, warum "Die Anstalt" oder die "heute-show" von vielen vermehrt als Informationsmedien wahrgenommen werden. Genauso wie der letzte Krimi von Wolfgang Schorlau, mit dessen Rechercheur wir inzwischen auch zusammenarbeiten. Das ist schon absurd, dass da wichtige Fakten zum Beispiel zum NSU in Unterhaltungsformaten auftauchen, die in der regulären Berichterstattung fehlen. Offenbar ist das Meinungsspektrum in den Leitmedien mitunter so schmal geworden, dass das Feld für die Gegenöffentlichkeit im Gewande der Satire und Unterhaltung immer breiter wird.

"Die Anstalt" im Zweiten Deutschen Fernsehen ist Gegenöffentlichkeit?

Ich weiß, das klingt absurd. Aber es zeigt auch, was in den etablierten Medien alles an Vielfalt möglich ist. Das ZDF, von kritischen Kreisen gern als Mainstreammedium gescholten, lässt uns bei der satirischen Arbeit völlig freie Hand. Das ist auch eine große Verantwortung. Ein Redakteur in Mainz federt alle Beschwerden heldenhaft ab. Wir kriegen davon eigentlich nichts mit. Die Welt ist also viel bunter, als Medienpessimisten vermuten. Vor allem, wenn man dazu ermuntert wird, Haltung zu beziehen, auch bei kontroversen Themen.

Auf der anderen Seite gibt es heillosen Streit. Stichwort Querfront. Wer mit Ken Jebsen spricht, ist flugs ein Rechter.

Ich beobachte eine irre Hysterie, als wären Gesprächspartner ansteckend. Der faktische Inhalt und die politische Auseinandersetzung treten darüber oft in den Hintergrund. Aber man darf sich davon nicht kirre machen lassen. Ich kann doch ein Thema nicht fallen lassen, in vorauseilender Angst, dass es von jemandem, der mir politisch nicht passt, unter anderen Vorzeichen auch behandelt wird. Ich plädiere einfach dafür, sich zunächst immer wieder ganz nüchtern die Fakten anzuschauen und zu präsentieren. Wie es dann bewertet wird, haben wir ohnehin nicht in der Hand.

Eigentlich eine vernünftige Einstellung, für die es immer wieder Prügel gibt.

Da herrscht ein unglaubliches Freund-Feind-Denken, sobald man eine Tatsache präsentiert, die dem politischen Gegner in die Hände spielen könnte: Für die einen sind wir im Zweifel wie nach der letzten Syrien-Nummer die "NATO-Huren", für die anderen nach den Ukraine-Sketchen die "Putin-Pudel". Als wir im Sommer eine Sendung pro Feminismus gemacht haben, ist ein gewaltiger Shitstorm über uns hereingebrochen. Viele aus der Netzgemeinde meinten allen Ernstes, der Feminismus sei eine Erfindung der CIA, um die Familie zu zerstören. Jetzt hätten uns die Amis endgültig eingekauft. Da steht man fassungslos daneben, welche politischen Positionen mittlerweile zusammengerührt werden.

Wir hätten jetzt eher den Vorwurf des Antiamerikanismus erwartet.

Sind wir schon antiamerikanisch, wenn wir von den (Geheim-)Abkommen erzählen, die den Alliierten Vorrechte bei der Spionage in Deutschland einräumen? Das hat der Historiker Josef Foschepoth in einer sehr spannenden Studie aufgearbeitet. Darüber machen wir eine Nummer, auch auf das Risiko hin, Beifall von der falschen Seite zu bekommen.

Dann machen wir's halt eine Nummer kleiner und sprechen von antieuropäisch. Sie erinnern sich an Ihren Griechenland-Schwerpunkt.

Das war phänomenal. Die Sendung sollte am Tag des Germanwings-Absturzes ausgestrahlt werden, wurde aus Pietät verschoben, aber schon vor der Ausstrahlung ins Netz gestellt. Sie wurde über zwei Millionen Mal in Griechenland abgerufen. Offenbar haben die Griechen danach gelechzt, endlich mal etwas anderes aus Deutschland zu hören. Sie haben einem Landsmann zugehört, der bei uns auf der Bühne saß und erzählt hat, wie er und mit ihm wohl Tausende um ihre Entschädigung als Naziopfer betrogen worden sind. Wie unser Gast Argyris Sfountouris mit finstersten juristischen Winkelzügen ausgetrickst worden ist, von einem Land, das jetzt als Richtmeister über sein Land auftritt. Über ein Land, von dem die EU unablässig Reformen verlangt, die nichts anderes als Armut für viele Menschen dort bedeuten.

Ist "Die Anstalt" eigentlich eine pädagogische Anstalt, eine Art Volkshochschule?

Warum nicht? Der Grimme-Preis, den wir gewonnen haben, stammt aus der Volkshochschulinitiative. Es ist doch wunderbar, wenn wir sehr viele Rückmeldungen von jungen Leuten, von Lehrern kriegen, die unsere Sendung als Unterrichtsmaterial abrufen. Exakt eine Dreiviertelstunde, passt bestens in den Stundenplan.

"Wir machen die Sendung mit der Maus für Klein und Groß."
"Wir machen die Sendung mit der Maus für Klein und Groß."

Politisches Kabarett als VHS – das klingt ziemlich altmodisch.

Und viele Jugendliche stehen genau da drauf. Ich könnte auch sagen, wir machen die Sendung mit der Maus für Klein und Groß. Bei uns versteht man, wie das mit der Rente funktioniert, wer hier mit wem um welchen Kuchen kämpft. Gibt's alles auf Schautafeln. Das sehen Sie so in keiner Talkshow, nicht in den "Tagesthemen", nicht in Magazinen, weil dort meist eine aktuelle Anbindung gefordert wird. Irgendwie fehlte für so grundlegende Analysen zumindest im Fernsehen bisher das richtige Format, die Chance haben wir wahrgenommen.

Die Hoffnung stirbt also zuletzt.

Die Kollegen von "Monitor", "Panorama" und "Frontal" arbeiten hart und müssen mit investigativen Geschichten Quoten machen. Wir haben den Vorteil, den man auch als Dekadenzphänomen bezeichnen könnte: Wir finden ein junges Publikum, weil wir politisch und satirisch also unterhaltsam sind. Viele ertragen harte Fakten und politische Aufklärung offenbar nur noch in unterhaltsamer Form. Aber wir sagen uns, besser so als gar nicht. Vor Kurzem habe ich einen Tweet bekommen: "An einer Haltestelle in einem oberbayerischen Dorf stehen Schüler um ein Smartphone und schauen 'Die Anstalt'. Ich hab Hoffnung." Und sie haben angeblich die ganze Busfahrt geguckt. Morgens um 6.45! 15-jährige Schüler! So was zu hören ist einfach toll.

Dietrich Krauß, 1965 in Gerabronn geboren, ist Doktor der politischen Philosophie, derzeit frei gestellter SWR-Redakteur und arbeitet für „Die Anstalt“ sowie die „heute show“ im ZDF. Zuletzt hat das Trio Krauß, Max Uthoff und Claus von Wagner den Grimme-Preis erhalten. Außerdem ist „Die Anstalt“ für den Deutschen Fernsehpreis 2016 nominiert.

Lesenswert ist die Begründung für den Grimme-Preis.


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