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Die "Lügenpresse" lässt grüßen

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Der 3. Mai ist der "Welttag der Pressefreiheit". Ein guter Tag, um darüber nachzudenken, wie diese Freiheit genutzt wird. Die Bandbreite reicht von seriösem Journalismus bis zur "Lügenpresse", kommentiert unser Autor.

Der Blogger Stefan Niggemeier hat es fünf Tage nach dem Absturz von Germanwings-Flug 4U 9525 auf den Punkt gebracht: "Man konnte in den vergangenen Tagen den Eindruck gewinnen", schrieb er, "dass die real existierende ,Newswelt' jeden Skrupel, jedes Maß, jeden Halt – kurz: den Verstand verloren hat."

In der Tat lieferte diese Katastrophe ein weiteres Beispiel für erschreckende Entwicklungen in der deutschen Medienbranche, die sich schon seit Längerem massiven Vorwürfen ausgesetzt sieht. Seit das Netz den Leserinnen und Lesern, den Nutzerinnen und Nutzern die Kanäle für Kritik in Echtzeit bietet, scheint der etablierte Journalismus in weiten Teilen der Öffentlichkeit unter massivem Vertrauensverlust zu leiden. Die "Lügenpresse" lässt grüßen. Und leider liefert der Journalismus den Kritikern mehr Stoff, als ihm guttut.

In diesen Tagen begehen die Vereinten Nationen den "Welttag der Pressefreiheit". Im entsprechenden Aufruf heißt es: "Die Botschaft des 3. Mai lautet, dass jeder Journalist überall auf der Welt das Recht haben muss, frei und ohne Angst berichten zu können. Eine Beschränkung der Pressefreiheit ist immer auch eine Beschränkung der Demokratie."

In Deutschland allerdings reden wir nicht über die Verfolgung von Journalisten. Wir reden, wenn es um Pressefreiheit geht, über deren wirkliche oder angebliche Bedrohung von innen: durch Kampagnen-Journalismus, politische und ökonomische Abhängigkeiten oder den Einfluss mächtiger Interessengruppen auf die Berichterstattung.

Mit leichter Hand ist die Kritik nicht abzuwehren

Vieles von dem, was die Kritiker uns Journalisten entgegenhalten, ist zutreffend und sollte nicht so leicht abgetan werden, wie manche Kolleginnen und Kollegen das versuchen. Zugleich aber gilt es, den professionellen Journalismus und seine Bedeutung für das Funktionieren der demokratischen Öffentlichkeit gegen diejenigen zu verteidigen, die ihn pauschal abqualifizieren und für überflüssig halten.

Zurück zum Beispiel Germanwings. Neben dem voyeuristischen Zoomen auf Trauernde (zum Beispiel in Haltern) war es vor allem die volle Namensnennung des Kopiloten durch viele Medien, die im Internet auf Erstaunen und Empörung stieß. Immerhin sahen die Kritisierten sich genötigt, zu reagieren. So versuchte die Online-Ausgabe der "FAZ" zu begründen, warum sie schon wenige Tage nach dem Ereignis den Nachnamen des Verdächtigen nannte. "Die Opfer und die Öffentlichkeit haben ein Recht darauf zu erfahren, wer das Unglück ausgelöst hat", schrieb der Internet-Verantwortliche des Blattes, Mathias Müller von Blumencron. "Die Lösung ist nach gegenwärtigem Stand nur in der Person des Kopiloten zu finden. Wir müssen uns mit ihm beschäftigen, wir müssen ihn ansehen, wir dürfen ihn sehen."

Wer wundert sich über die anschwellende Medienkritik, wenn sich der Online-Macher einer wichtigen Zeitung derart unverhohlen von allen Qualitätsstandards verabschiedet? Weder scheint ihn die im deutschen Pressekodex verankerte Regel zu interessieren, dass Vermutungen "als solche kenntlich zu machen" sind – und eine Vermutung bleibt die Schuld des Mannes so lange, bis die Justiz darüber befunden hat. Noch scheint er einen Gedanken darauf zu verwenden, was die Namensnennung für die Angehörigen des Kopiloten bedeuten muss. Und schließlich begibt sich der "FAZ"-Macher direkt auf Boulevardniveau, wenn er so tut, als sei die Beurteilung der Katastrophe davon abhängig, dass wir das Gesicht des mutmaßlichen Täters sehen.

Auch seriöse Medien folgen dem Vorbild des Boulevards

Was allerdings manche Kritiker, die gern pauschal "Lügenpresse" skandieren, gerne übersehen: Es waren und sind nicht "die Medien". Viele blieben dabei, den Namen nicht zu nennen (darunter auch die gedruckte "FAZ"). Und die Kritik fand ihren Niederschlag sehr wohl auch in den Medien selbst. Wenn das kleine Selbstzitat erlaubt ist: "Die Abwägung, wo die Informationspflicht endet, wo Sensationsgier und medialer Voyeurismus beginnen, ist nicht immer einfach", hieß es im Leitartikel der "Frankfurter Rundschau". "Das birgt die Gefahr von Fehlern, schlimm genug. Schlimmer aber ist das, was jetzt auch geschieht: Bis hinein in angeblich seriöse Medien, so scheint es, findet die Abwägung entweder gar nicht mehr statt, oder – noch schlimmer – sie endet mit der bewussten Entscheidung, dem schmutzigen Vorbild des Boulevards zu folgen. [...] Es grenzt an Zynismus, so etwas mit ,Aufklärung' zu begründen."

Aber genügt das, um die etablierten Medien nun so pauschal zu verteidigen, wie andere sie kritisieren? Nein. Germanwings war ja nicht der einzige Grund zur Unzufriedenheit. So gab es seit Beginn der Ukraine-Krise mehr als genug undifferenziertes Kriegsgeschrei und ein vielfaches Russland-Bashing, das über die berechtigte Kritik an der schleichenden Annexion der Krim und dem autokratischen Herrschaftssystem in Russland weit hinausging – der reißerische "Spiegel"-Titel "Stoppt Putin jetzt!" war nur ein Beispiel von vielen.

Ja, da geht vieles an den Regeln eines seriösen Journalismus vorbei. Wer das mit Recht beklagt, sollte sich allerdings seinerseits seriöser Argumente bedienen. Platte Pauschalurteile helfen so wenig wie fröhliche Verschwörungstheorien. Wer glaubt, auf den Journalismus – die professionelle Recherche, die Einordnung und Orientierung durch Analysen und Kommentare – verzichten zu können, hat die Rolle der Medien als Mittlerinstanz einer demokratischen Öffentlichkeit nicht verstanden.

Die Mangelerscheinungen der Medienwelt bestehen keineswegs einfach darin, dass das Gros der Journalistinnen und Journalisten käuflich oder zumindest in herrschenden Kreisen zu vernetzt wäre, um noch unabhängig denken zu können oder zu wollen. Sie bestehen auch nicht darin, dass "meist jüngere, wenig etablierte Journalisten" am Werk sind, "denen keine andere Wahl bleibt, als dieses schmutzige Geschäft mit zu betreiben", wie Albrecht Müller sagt, der Herausgeber des medienkritischen Online-Portals "Nachdenkseiten".

An beidem – übermäßige Nähe zur Macht und Anpassungsdruck durch prekäre Aussichten im Beruf – ist natürlich etwas dran. Allerdings greift solche Kritik aus zwei Gründen zu kurz.

Zum einen entlässt sie uns Medienleute – ganz entgegen ihrer Intention – zu leicht aus der Verantwortung. Wir leben trotz aller Zwänge nicht in einer Diktatur. Wir haben immer noch mehr Freiräume für kritischen und unabhängigen Journalismus, als wir gelegentlich in vorauseilendem Gehorsam glauben. Es ist unsere Verantwortung, die Grenzen dieser Freiheit immer wieder zu testen.

Zum anderen kommt häufig gerade die strukturelle Dimension zu kurz. Denn Herdentrieb und Anpassungsdruck haben ja Ursachen: Sie hängen allemal mit der privatwirtschaftlichen Organisation der meisten Medien zusammen. Jürgen Habermas hat schon vor Jahren treffend beschrieben, dass diese Organisationsform auch mit Interessen verbunden ist: "Im Maße ihrer Kommerzialisierung und der ökonomischen, technologischen wie organisatorischen Konzentration", so der Sozialphilosoph schon 1962, "sind sie ... zu gesellschaftlicher Macht geronnen, sodass gerade der Verbleib in privater Hand die kritischen Funktionen der Publizistik vielfach bedrohte".

Es wäre sinnvoll, über Genossenschaften nachzudenken

Es ist schon erstaunlich, wie viele Journalistinnen und Journalisten sich offensichtlich gern in Abhängigkeit von Werbeetats und betriebswirtschaftlichen Kalkülen befinden, während sie jeden Gedanken an andere, womöglich öffentlich-rechtliche, genossenschaftliche oder anderweitig kollektive Organisationsformen weit von sich weisen (die öffentlich-rechtlichen gern unter Hinweis auf Funk und Fernsehen, als ließe sich das nicht demokratischer machen als bei ARD und ZDF).

Sich darüber Gedanken zu machen, also über die Rettung des Qualitätsjournalismus durch neuartige Garantien für seine Unabhängigkeit – das wäre sowohl für die Medien als auch für ihre Kritiker ein fruchtbares Feld. Stattdessen verschanzen sich die einen hinter den bröckelnden Mauern der klassischen Medienhochburgen, während die anderen zu glauben scheinen, dass es mit täglicher Selbstbestätigung eigener Ansichten in den Blogs, Foren und angeblich so sozialen Netzwerken getan sei.

Auch dazu hat Jürgen Habermas Entscheidendes gesagt. Zwar begrüßte er (2014 im Interview mit der "FR") die neuen Möglichkeiten der digitalen Kommunikation ("Aus Lesern werden Autoren"). Allerdings, fügte er hinzu, bildeten die Kommunikationsgemeinschaften Gleichgesinnter oder Gleichinteressierter "im Meer der digitalen Geräusche weit verstreute Archipele", und: "Den in sich abgeschlossenen Kommunikationsräumen fehlt das Inklusive, die alles einbeziehende Kraft einer Öffentlichkeit. Für diese Konzentration braucht man die Auswahl und kenntnisreiche Kommentierung von einschlägigen Themen, Beiträgen und Informationen. Die nach wie vor nötigen Kompetenzen des guten alten Journalismus sollten im Meer der digitalen Geräusche nicht untergehen."

Was uns das lehrt? Wir Medienleute sollten uns viel öfter des "guten alten Journalismus" erinnern. Dann könnten wir vielleicht selbst die "Lügenpresse"-Schreier überzeugen, dass eine Demokratie ihn braucht.

 

Info:

Stephan Hebel, langjähriger Redakteur der "Frankfurter Rundschau", arbeitet als freier Autor unter anderem für die FR, die Wochenzeitung "Der Freitag" und das Deutschlandradio. Er ist Mitglied der Jury zum "Unwort des Jahres", die für das Jahr 2014 den Begriff "Lügenpresse" rügte. "Deutschland im Tiefschlaf – Wie wir unsere Zukunft verspielen" heißt Hebels neuestes Buch zur Politik der großen Koalition und zur Lage gesellschaftlicher Protestbewegungen. Es ist im Westend Verlag, Frankfurt am Main, erschienen. Nähere Informationen finden Sie hier.

Über das Thema "'Lügenpresse' – Unwort oder gelungene Beschreibung?" diskutiert Stephan Hebel am Donnerstag, 7. Mai, in Köln mit dem Autor und Medienkritiker Walter van Rossum. Das Streitgespräch beginnt um 19.30 Uhr im Kölner DGB-Haus am Hans-Böckler-Platz. Mehr unter diesem Link.


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13 Kommentare verfügbar

  • Andromeda
    am 08.05.2015
    Antworten
    Vielen Dank Herr Schwabe für den Link zu den Nachdenkseiten , Kündigungsschreiben und Begründungstext eines langjährigen Abonnenten aufgrund Rußlandhetze in allen Ressorts der Süddeutschen und Briefwechsel mit Chefredakteur Cornelius.
    Kurze Anmerkungen. Kontext hat ja schon berichtet über den…
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