Ausgabe 229
Editorial

Im Hinterland der "Lügenpresse"

Von unserer Redaktion
Datum: 19.08.2015

Nein, wir schreiben keinen Nachruf auf Gerhard Mayer-Vorfelder, der am Montag gestorben ist. Das übernehmen andere, in der notwendigen Ausgewogenheit. Wenn wir nach rechts blicken, erinnern wir lieber an den Kopp-Verlag in Rottenburg am Neckar. Die Experten für Hirngespinste, scheinbar unterdrückte Wahrheiten und Populismus betreiben auf 5000 Quadratmetern einen Buchversand mit einer eigenen Online-Nachrichtenseite und einer Menge Esoterik, 9/11-Verschwörung, germanischem Geistheilertum.

Die Rottenburger rund um ihren konspirativen Chef Jochen Kopp, Kontext berichtete, sind ein fleißig wachsendes Erfolgsunternehmen mit teils prominenter Autorenschaft wie dem ehemaligen FAZ-Journalisten Udo Ulfkotte. Mit seinen antiislamistischen Büchern, herausgegeben von Kopp, landet der Rechtspopulist immer wieder mal auf der "Spiegel"-Bestsellerliste.

Der Kopp-Verlag spricht vor allem Leute an, die sich von den sogenannten Mainstream-Medien hintergangen und manipuliert fühlen. Solche, die eine "Wahrheit hinter der Wahrheit" suchen. Die jüdische Weltverschwörung hinter der Finanzkrise, die "Überfremdung" durch Migranten oder auch die Gefahr im Gebiss, wie jüngst bei Kopp-Online zu lesen: "Seit Langem ist bekannt (oder wird zumindest gemutmaßt), dass das Metall in Zahnfüllungen oder Zahnklammern als Antenne fungieren kann." Ganz schön gruselig.

Diese Art der Leserschaft wird nicht nur von Kopp bedient. Der Verlag ist einerseits Nukleus seines eigenen fragwürdigen Sonnensystems, andererseits auch Teil eines erfolgreichen kleinen Medienuniversums, das seinen Lesern eine "Gegenöffentlichkeit" zur etablierten Presse verheißt.

Die Otto-Brenner-Stiftung hat die Akteure dieses dubiosen Geflechts – von Compact-Chef Jürgen Elsässer über Jochen Kopp bis zum Youtube-Blogger Ken Jebsen – in ihrer jüngst erschienenen Studie "Querfront – Karriere eines politisch-publizistischen Netzwerks" untersucht.

Der Autor und Wissenschaftler Wolfgang Storz, ehemals Chefredakteur der Gewerkschaftszeitung "Metall" und der "Frankfurter Rundschau", beschreibt auf rund 40 Seiten, wie innerhalb dieses Netzwerks Politik gemacht wird. Wie die klaren Grenzen zwischen Verschwörungstheoretikern, Rechten, Linken und Antisemiten verschwimmen. Und wie dieses explosive Gemisch seinen Anhängern eine "mediale Vollversorgung" geschaffen hat, die sich im Off der traditionellen Medien bewegt. Quasi im Hinterland der "Lügenpresse".

"Je mehr Parteien, Verbände, Stiftungen, Initiativen, politische Akteure oder soziale Gruppen ohne Filter oder Vermittlung durch Dritte ihr Publikum direkt im Netz suchen und je erfolgreicher sie dabei sind, desto stärker zerfällt das, was eine funktionierende Demokratie so dringend benötigt: eine gemeinsame Öffentlichkeit", schreibt Jupp Legrand, Geschäftsführer der Otto Brenner Stiftung, im Vorwort zur Studie. "Vor diesem Hintergrund wiegt es noch schwerer, dass die traditionellen Medien, die sich der Aufgabe der Qualitätssicherung und Orientierung zu stellen haben, kontinuierlich nicht nur an Auflage und Reichweite, sondern bei ihrem breiten Publikum auch an Reputation und Vertrauen verlieren."

Die gesamte Studie ist hier zu lesen.


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