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Das Zittern der Lehrer

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Sie sind jung, motiviert, neugierig auf die Herausforderungen des Berufs, manche bringen Auslandserfahrung mit, andere sind Experten, die auf verschlungenen Pfaden den Weg in die Schule gefunden haben. Und sie werden vertröstet von Jahr zu Jahr. Lehrkräfte über die Schulferien in den Arbeitslosenstatus zu versetzen ist eine Unsitte, die ausgerechnet im grün regierten Baden-Württemberg grassiert.

An warmen Worten ist kein Mangel: "Für ihre verantwortungsvolle Aufgabe brauchen sie [die Lehrkräfte] eine hochwertige Ausbildung, verlässliche Rahmenbedingungen und eine hohe Wertschätzung", heißt es im grün-schwarzen Koalitionsvertrag. Oder: "Wir haben eine besondere Verantwortung für angehende Lehrkräfte. Wir werden ihren Übergang in den Beruf und ihre Arbeitsbedingungen beim Berufseinstieg verbessern." Oder: "Baden-Württemberg bleibt das Land der Freude am Lernen – und damit stark und erfolgreich." So stark allerdings auch wieder nicht, dass die neue Landesregierung sich daranmachte, diese erzwungene Arbeitslosigkeit abzustellen. Schon Grün-Rot hatte deshalb viel Ärger nicht nur mit den Verbänden und den Gewerkschaften, sondern auch mit Schulen und Eltern vor Ort.

Mit zwischen sechs und 27 Millionen Euro pro Jahr wäre laut Ex-Kultusminister Andreas Stoch (SPD) die Unsitte abzustellen, alljährlich zu Ferienbeginn Lehrkräften zu kündigen, um sie am Ferienende neu anzustellen. Diese Bandbreite der Kosten belegt, dass niemand genau weiß, wie viele betroffen sind. Die Bundesagentur für Arbeit hat im vergangenen Januar eine aktuelle Statistik veröffentlicht, wonach sich im Sommer 2015 rund 7000 Pädagogen bundesweit zusätzlich zur normalen Fluktuation arbeitslos gemeldet haben. Inoffiziell dürften es aber deutlich mehr sein. "Denn zu den Gemeldeten kommen jene hinzu, die wegen fehlender Leistungsvoraussetzungen gar kein Arbeitslosengeld erwarten und auf einen Anschlussvertrag nach den Ferien hoffen", so Marlies Tepe, die Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Aus ihrer Sicht besonders skandalös ist die Praxis ausgerechnet in Baden-Württemberg.

Jedenfalls kommt einer von drei Betroffenen aus dem reichen Südwesten, was nach einer Analyse der Landes-GEW vor allem damit zu tun hat, dass seit einigen Jahren nur noch etwa die Hälfte aller BewerberInnen verbeamtet wird. Im Bundesvergleich überdurchschnittlich viele "junge, gut ausgebildete und motivierte Menschen" könnten nur dann im erlernten Beruf arbeiten, "wenn sie eine befristete Beschäftigung als Krankheitsvertretung ergatterten". Bezahlt würden sie als Tarifbeschäftigte des Landes Baden-Württemberg deutlich schlechter als ihre KollegInnen im Staatsdienst. Bei vielen wiederhole sich der Wechsel aus befristeter Beschäftigung und Arbeitslosigkeit über mehrere Jahre hinweg, teilweise mit mehreren Verträgen pro Schuljahr. Ein Hauptgrund: "Es gibt immer noch zu wenig fest eingestellte Vertretungslehrkräfte." Die GEW fordert seit Jahren, die ständige Vertretungsreserve auf fünf Prozent zu erhöhen. Die grün-rote Landesregierung ist dem nur halb nachgekommen, weshalb die Reserve in der Regel mit Schuljahresbeginn verteilt ist. Auch die Dunkelziffer ist der GEW zufolge zwischen Main und Bodensee überdurchschnittlich hoch.

In wenigen Wochen könnten tatsächlich statt der erfassten gut 2000 rund 10 000 Pädagogen arbeitslos werden, darunter 7000 Referendare. Viele Krokodilstränen sind in der Vergangenheit von vielen Bildungspolitikern vergossen worden. Aus "rein sozialen Gründen", so Stoch im Sommer 2014, spreche alles dafür, LehramtsanwärterInnen ohne zeitliche Unterbrechung in einem Ausbildungs- und Beschäftigungsverhältnis zu übernehmen. Das dafür nötige Geld wollte die grün-rote Landesregierung indessen nicht in die Hand nehmen. Und muss sich deshalb nachsagen lassen, dass sie in diesem Punkt ihren eigenen Koalitionsvertrag von 2011 verletzt und ihr Versprechen ignoriert hat, im Bildungsbereich nicht nach dem Gießkannenprinzip zu investieren, sondern zielgenau.

Eben davon hätte die Grund- und Hauptschullehrkraft gern profitiert, der die Auslandserfahrung nicht angerechnet wird, die in einer Inklusionsklasse gemeinsam mit einer Heilpädagogin unterrichtet, beliebt ist bei Kindern, Eltern und Kollegen und doch bis zum Schuljahresende zittern muss, ob ihr nach sechs Wochen sommerlicher Arbeitslosigkeit ein Vertrag ab Herbst angeboten wird. Oder die Mutter einer kleinen Tochter, die mit ihrem Mann an den Großraum Stuttgart gebunden ist und bereits vier befristete Verträge hinter sich hat. Oder die 30-Jährige, die in Verona studiert, in Paris unterrichtet hat und mit der Fächerkombination Französisch und Italienisch wie ein Wanderpokal als Vertretung von Gymnasium zu Gymnasium mal in Stuttgart, mal nördlich, mal südlich herumgereicht wird. Alle Schulleiter sind mit ihr zufrieden, aber keiner darf sie auf Dauer einstellen, weil diese Möglichkeit nicht vorgesehen ist in Baden-Württemberg. Der Nettoverdienst beträgt höchstens 2000 Euro, für die Überbrückung der Sommerferien muss er mit reichen. Denn in diesen sechs Wochen gibt es nicht einmal einen Anspruch auf Arbeitslosengeld, denn die befristeten Anstellungen sind naturgemäß immer kürzer als das dafür geforderte volle Jahr. Wer ein Jahr Unterrichten ohne Unterbrechung nicht vorweisen kann, muss mit Hartz IV zufrieden sein.

Zuwanderung könnte die miese Praxis beenden

LehrerInnen ohne Perspektive, ohne Planungssicherheit, ohne die Chance, einen Urlaub zu finanzieren – manche ziehen aus Geldmangel sogar wieder bei den Eltern ein. Darunter leiden nicht nur sie selbst, sondern auch ihre KollegInnen. Vielfach kommen Zusagen für zusätzliche Kräfte durch die Regierungspräsidien erst in allerletzter Minute vor Beginn des neuen Schuljahrs. Solche Verhältnisse schlagen unvermeidlich auf die Qualität des Unterrichts nach den Ferien durch – zum Beispiel, weil Stundenpläne nur provisorisch sein können, Lehrkräfte Klassen noch einmal wechseln und so beträchtliche Unruhe entsteht an vielen Schulen.

Die Bundesagentur für Arbeit hat herausgefunden, dass neben Baden-Württemberg auch die vergleichsweise reichen Länder Hessen und Bayern ihre Pädagogen gern nach der Methode "Fire and hire" behandeln. 62 Prozent der bundesweit im August 2015 arbeitslos Gewordenen waren unter 35 Jahre alt, 71 Prozent weiblich. "In den ostdeutschen Bundesländern zeigt sich das Phänomen ebenfalls", heißt es weiter, "fällt jedoch deutlich geringer aus als in den meisten westlichen Ländern." Betroffene in Baden-Württemberg berichten, dass sich immer mehr Vertretungskräfte wegbewerben, vor allem dorthin, wo die Ferien früher beginnen und enden, weil dann die Überbrückungszeit kürzer ist. Vor allem bei Hochqualifizierten mit ungewöhnlichen Fächerkombinationen wäre ein Wechsel als wissenschaftliche Mitarbeiter an eine Uni möglich. Häufig kreuzen sich aber die Termine. Der Anruf, dass ein befristeter Vertrag doch möglich ist, kommt oft vor der Entscheidung der Hochschulen. "Der Spatz in der Hand", sagt eine Stuttgarter Gymnasiallehrerin zu dieser Situation, "ist sicherer als die Taube auf dem Dach."

Die Hoffnung, dass sich die neue grün-schwarze Landesregierung des Problems doch schneller annehmen wird – trotz des Verzichts auf eine Festlegung im Koalitionsvertrag –, wird genährt ausgerechnet vom Thema Zuwanderung. Denn viele der befristetet Beschäftigten sind für den sensiblen Unterricht in Vorbereitungsklassen an allgemeinbildenden Schulen oder im sogenannten "Vorqualifizierungsjahr Arbeit und Beruf" an beruflichen Schulen verantwortlich. "Diese Praxis muss ein Ende haben", verlangt GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz und erinnert daran, wie wichtig es ist, sich in besonderer Weise traumatisierter Kinder und Jugendlicher anzunehmen. Grundsätzlich sei eine "wesentlich größere feste Vertretungsreserve" nötig, bekräftigt sie den alten GEW-Appell an die Adresse der neuen Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU). Die müsste sich eigentlich nur an die vom bildungspolitischen Sprecher der CDU-Fraktion Georg Wacker geäußerte regelmäßige Kritik an Grün-Rot im Zusammenhang mit Unterrichtsversorgung und Vertretungsreserve erinnern. Und sie könnte zumindest in diesem Punkt aufräumen mit der unrühmlichen Praxis, dass Parteien gerade in heiklen bildungspolitischen Fragen in der Regierung viel zu selten das tun, was sie zuvor in der Opposition vehement fordern.


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6 Kommentare verfügbar

  • Rike
    am 07.06.2016
    Antworten
    Ich habe das selber 5 Jahre erleben dürfen, eine absolute Sauerei. Vor allem, dass die Regierungspräsidien keine Zahlen veröffentlichen und man nie weiß, wo man steht, lässt einen bisweilen verzweifeln.
    Gerade in einer Phase des Lebens, in der man eigentlich mal planen will.
    Ich war in dieser Zeit…
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