Regenwasser nutzen birgt Widerstand. Fotos: Joachim E. Röttgers

Regenwasser nutzen birgt Widerstand. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 268
Wirtschaft

Revolution auf dem stillen Örtchen

Von Jürgen Lessat
Datum: 18.05.2016
Die Wasserversorger sitzen auf dem Trockenen, weil die Deutschen beim Klospülen sparen. Einem Wernauer Ingenieur ist das nicht ökologisch genug: Stefan Prakesch will nicht nur an stillen Örtchen kostbares Trinkwasser durch Regenwasser ersetzen.

Für Stefan Prakesch kommt alles Gute von oben. Aus grauen, oft tief hängenden Wolken: meist als plätschernde Regentropfen, im Winter auch als eisige Schneeflocken. Beides sieht der Ingenieur aus Wernau südlich von Stuttgart als Geschenk des Himmels, um eine noch wertvollere Ressource zu schonen. "Mit Regenwasser lässt sich täglich bis zu 50 Liter pro Person an kostbarem Trinkwasser sparen", betont er. Das schone nicht nur den Geldbeutel, sondern auch das natürliche Wasservorkommen in Böden, Flüssen und Seen. Aus ihnen werden in Deutschland jährlich rund 33,1 Milliarden Kubikmeter Wasser (Stand 2010) für Haushalte und Industrie entnommen.

Regenwasser-Aktivist Stefan Prakesch.
Regenwasser-Aktivist Stefan Prakesch.

Das Nass aus Himmelsschleusen sei vielseitiger einsetzbar als gemeinhin angenommen, sagt Prakesch, der für die Grünen im Wernauer Gemeinderat sitzt. Regenwasser taugt nicht nur fürs Blumengießen oder Bewässern von Parks und Äckern. Es sei sinnvoll für Toilettenspülung und auch zum maschinellen Wäschewaschen, wo es als weiches Wasser viel weniger Waschmittel verlange. Zudem eigne es sich hervorragend als Reinigungs-, Kühl- und Prozesswasser in Industrie und Gewerbe, wo die empfindlichen Anlagen nach hochreinem Wasser verlangen. "Regenwasser enthält keine Fremdstoffe, Mineralien und Phosphate", erläutert der Fachmann.

Trinkwasser müsse energie- und kostenaufwendig aufbereitet werden, damit Kühlkreisläufe nicht vorschnell korrodieren. Prakeschs Firma Aris bietet ausgefeilte technische Systeme, mit denen sich Regenwasser in Industrie und Haushalt genauso komfortabel und sicher einsetzen lässt wie Trinkwasser. Zu den Referenzobjekten zählt die Stuttgarter Mercedes-Benz-Arena, wo nur noch ein kleiner Teil des Gesamtverbrauchs Trinkwasser ist, seit alle 200 Toiletten mit Regenwasser gespült werden.

Wasserverbrauch ist dramatisch zurückgegangen

Doch trotz aller Vorteile und technischer Lösungen plätscherte die Regenwassernutzung in Deutschland zuletzt vor sich hin. "In den vergangenen dreißig Jahren sind rund 1,7 Millionen Regenwasseranlagen verbaut worden, vor allem in Ein- und Zweifamilienhäuser", sagt Dietmar Sperfeld von der Fachvereinigung Betriebs- und Regenwassernutzung. Das klingt zunächst imposant. Bei insgesamt 40 Millionen Haushalten hierzulande relativiert sie sich die Zahl jedoch. Die Boomzeit der Regenwassernutzung liegt lange zurück. Plante die Wohnungswirtschaft früher bei jedem zweiten Neubauprojekt auch eine Regenwasseranlage, so weist diese Sonderausstattung heute nur jedes fünfte Vorhaben auf.

Schuld daran ist auch die Politik, die das Interesse am ökologischen Wassereinsatz verloren hat, sagt Sperfeld. "Bis zum Jahr 2005 wurde die Regenwassernutzung in allen Bundesländern gefördert", veranschaulicht er. Heute schießt nur noch Bremen Geld zu, wenn Hausbesitzer oder Unternehmen Zisternen bauen wollen. Handfeste Probleme bei der Trinkwassergewinnung bewegen den Stadtstaat dazu: Bei zu hoher Trinkwasserentnahme drückt Salzwasser in den Grundwasserhorizont. "Die Politik konzentriert sich ökologisch heute zu einseitig", kritisiert Sperfeld. Nur auf Energiewende und Klimaschutz habe sie ihren Fokus gerichtet.

Lokus im Fokus: Vor allem für die Toilettenspülung ist Trinkwasser unnötig.
Lokus im Fokus: Vor allem für die Toilettenspülung ist Trinkwasser unnötig.

Aus Sicht von Stefan Prakesch drücken auch die Wasserversorger auf die Bremse. Aus ureigenen Motiven. "Der Wasserverbrauch ist in den letzten Jahren fast schon dramatisch zurückgegangen", erläutert der Ingenieur. Zapften die Bundesbürger im Jahr 1991 im Schnitt noch 141 Liter Trinkwasser pro Person und Tag, sank der tägliche Verbrauch je Einwohner auf heute 121 Liter. Nicht nur genügsamere Geräte, so verbrauchen Geschirrspüler heute rund 40 Prozent weniger Wasser als noch vor 20 Jahren, und Spartasten bei der Toilettenspülung lassen Stadtwerke und private Versorger auf dem Trockenen sitzen. Auch Appelle, Wasser zu sparen, fielen auf fruchtbaren Boden: Statt Vollbad genügt vielen heute, kurz zu duschen. Am sparsamsten sind heute die Ostdeutschen mit Trinkwasser: Die Sachsen verbrauchen nur 86 Liter am Tag. Mit 138 Litern lassen es die Hamburger am großzügigsten aus den Hähnen sprudeln. Die Baden-Württemberger sind mit 116 Litern Mittelmaß.

Auch im gewerblichen Bereich sank der Wasserabsatz. Produktionsverlagerungen ins Ausland sowie ein effizienteres Wassermanagement lassen die Wasseruhren immer langsamer rotieren.

Kommt demnächst die Flatrate für Trinkwasser?

Aus Sicht von Prakesch fahren die Versorger inzwischen eine raffinierte Strategie, um weitere Verbrauchsrückgänge und Umsatzverluste zu stoppen. "Die Unternehmen erhöhen die Grundgebühr überproportional zu den Verbrauchsgebühren, um Wassersparen unattraktiver zu machen", erläutert er. Tatsächlich stieg laut Statistischem Bundesamt die Grundgebühr zwischen 2005 und 2013 um fast 19 Prozent, während das Trinkwasserentgelt je Kubikmeter im gleichen Zeitraum nur um rund acht Prozent erhöht wurde. "Inzwischen ist schon eine Flatrate für Trinkwasser im Gespräch", berichtet Prakesch. "Sollte sie kommen, dann kann man jeden Gedanken ans Wassersparen vergessen", befürchtet er.

Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), das wichtigste Sprachrohr der Branche, betont die hohe, sichere und nachhaltige Leistungsfähigkeit der hiesigen Wasser- und Abwasserversorgung. "In Deutschland steht den Bürgerinnen und Bürgern Trinkwasser stets in hervorragender Qualität und ausreichender Menge zur Verfügung", heißt es im aktuellen Branchenbild der Wasserwirtschaft 2015. Eine Sprecherin ergänzt, dass von den landesweit verfügbaren Wasserressourcen von 188 Milliarden Kubikmetern nur ein geringer Teil ausgeschöpft werde. So verbraucht die gewerbliche Wasserversorgung mit 28 Milliarden Kubikmeter nur 14,9 Prozent der Vorkommen. Mit 5,1 Milliarden Kubikmeter schöpft die öffentliche Wasserversorgung lediglich 2,7 Prozent ab.

Wassersparen sei unwirtschaftlich, meckern die Kommunen.
Wassersparen sei unwirtschaftlich, meckern die Kommunen.

Bis auf einige punktuelle Gebiete, etwa in Brandenburg oder im Südschwarzwald, wo aufgrund klimatischer und geologischer Besonderheiten tatsächlich Wassermangel auftritt, schwimmt Deutschland also in Wasser, bestätigt auch das Umweltbundesamt. "Wir haben keine Wasserknappheit", sagt ein Sprecher der Behörde. Wassersparen und Regenwassernutzung sei sinnvoll, aber alles in Maßen und unter Beachtung hygienischer Vorschriften, insbesondere bei der Installation eines zweiten Leitungsnetzes für Regenwasser im Haushalt. Mancherorts stinkt die Sparwut der Deutschen beim Wasser offenbar schon zum Himmel – als Faulgas aus trockengefallenen Abwasserkanälen. Vor allem in heißen Sommermonaten müssen manche Kanalsysteme mit frischem Trinkwasser gespült werden.

Wasser ist mehr als eine Handelsware

Unumwunden gestehen die Wasserversorger zu, dass ihnen der sinkende Wasserverbrauch sowie die demografische Entwicklung, die in Teilen Ostdeutschlands schon heute die Bevölkerung schrumpfen lässt, und der Klimawandel gewaltige Probleme bereiten. Die Unternehmen müssten trotzdem für den Spitzenbedarf entsprechende Kapazitäten und eine hierauf ausgelegte Infrastruktur zur Verfügung stellen. "Daher ist eine politisch geforderte weitere Reduzierung des Wassergebrauchs gerade im wasserreichen Deutschland nicht sinnvoll", heißt es wörtlich im Branchenreport.

Betont wird auch, dass Wasserversorgung und Abwasserentsorgung in Deutschland Kernaufgaben der öffentlichen Daseinsvorsorge in der Zuständigkeit der Gemeinden oder anderer öffentlich-rechtlicher Körperschaften seien. Es seien demokratisch legitimierte Organe, die Entscheidungen über Organisationsformen, Beteiligungen und Kooperationen treffen. Entgelte, Qualität, Umweltauflagen sowie Wasserentnahmerechte und Einleitrechte unterlägen strenger staatlicher Kontrolle. Gebühren und Preise würden maßgeblich durch spezifische regionale und lokale Rahmenbedingungen bestimmt.

Für Regenwasserverfechter Prakesch werfen sich die Wasserversorger nur allzu schnell das Mäntelchen der Guten über. "Wasser ist zu allererst ein öffentliches Gut und keine Handelsware", betont der Ingenieur. Es zu schätzen und sorgsam zu behandeln sollte kein Widerspruch sein, sagt er. Dietmar Sperfeld von der Fachvereinigung glaubt, dass in Zeiten des Klimawandels mit häufiger auftretenden Wetterextremen kein Weg am Ausbau der Regenwassernutzung vorbeiführt.

Im Regen liegt die Zukunft.
Im Regen liegt die Zukunft.

Bei heftigem Starkregen stoße die vorhandene Kanalisation vielerorts an Grenzen. Es drohten schwere Überschwemmungen. "Zisternen für Regenwasser können Niederschlagsspitzen kappen", erwähnt er. Hauseigene Speicher seien zudem deutlich kostengünstiger als große Regenrückhaltebecken zu realisieren. Und an Universitäten werde bereits an der Regenwassernutzung der Zukunft geforscht: an digital vernetzten Zisternensystemen, die sich das Niederschlagswasser gegenseitig zu- und abpumpen. Je nachdem, ob es gerade heftig gewittert oder die Waschmaschinen auf Hochtouren laufen.


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