Ferdinand Ludwig vor seinem Modell. Fotos: Martin Storz

Ferdinand Ludwig vor seinem Modell. Fotos: Martin Storz

Ausgabe 216
Gesellschaft

Der Baum-Hausbauer

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 20.05.2015
Seit gut zehn Jahren erforscht Ferdinand Ludwig die Baubotanik, das Bauen mit lebenden Pflanzen. In seinem Büro an der Stuttgarter Wagenhalle entwickelt er Konzepte auch für das Gebiet vor der eigenen Haustür: den Inneren Nordbahnhof.

Wie lässt sich dem Klimawandel entgegenwirken? Die verblüffend einfache Antwort: durch pflanzliches Wachstum. Nur durch Photosynthese kann Kohlendioxid, das die Ozonschicht der Erdatmosphäre schädigt, in Sauerstoff zurückverwandelt werden. Es müssten also Millionen von Bäumen gepflanzt werden. Doch die Realität sieht anders aus: Nirgends ist der Flächenverbrauch gestoppt, von der Rodung tropischer Regenwälder ganz zu schweigen.

Auch das Mikroklima in einer Großstadt wie Stuttgart lässt zu wünschen übrig. Feinstaubrekordwerte schädigen die Gesundheit. An heißen Sommertagen heizen sich Asphalt und Steine den ganzen Tag auf, sodass es dort, wo Grünflächen fehlen, selbst nachts nicht zur Abkühlung kommt. Pflanzen, vor allem alte, ausgewachsene Bäume, können hier nachweislich helfen. Viele Straßenbäume wurden allerdings in den vergangenen Jahrzehnten gefällt: um Raum für Parkplätze zu schaffen, weil sie nicht mehr als standsicher eingestuft wurden oder auch, weil Krankheiten einzelnen Arten im belasteten Stadtklima immer wieder stark zusetzen.

Eine Antwort auf den Klimawandel heißt "Pflanzenaddition"

Nun braucht ein Baum einige Jahrzehnte, bis er seine volle Größe erreicht hat und damit seine Wirkung auf das Stadtklima entfalten kann. Eine kurzfristig, wenn auch weniger wirksame Alternative kann eine Fassadenbegrünung sein. Ferdinand Ludwig ist dabei, ein System zu entwickeln, das die Vorzüge von beidem vereint. Das Prinzip heißt Pflanzenaddition: Auf Gerüsten bis zur Höhe eines ausgewachsenen Baums stellt er geschossweise Kübel mit Baumsetzlingen, die an Kreuzungspunkten mit Klemmen oder Schrauben zusammengepresst werden und im Lauf von zehn Jahren fest zusammenwachsen. Dann kann das Gerüst entfernt werden, und die Wurzeln der untersten Etage versorgen die gesamte pflanzliche Konstruktion bis in die höchsten Wipfel mit Wasser. Dabei stabilisiert sich die gitterartige Struktur selbst und kann hohe Windlasten aufnehmen, auch wenn die einzelnen Stämme noch weit vom Durchmesser eines ausgewachsenen Baumstamms entfernt sind.

Die "Pflanzenaddition" in freier Natur.
Die "Pflanzenaddition" in freier Natur.

Wie sich Bäume als tragende Bauteile verwenden lassen, das lässt sich nicht oder jedenfalls nicht allein auf dem Papier oder am Bildschirm herausfinden. Pflanzen sind lebende Wesen, die sich im Lauf der Zeit verändern und auf ihre Umwelt reagieren. Dies zeigt sich bereits am allerersten Versuchsobjekt, einem Steg in Wald-Ruhestetten bei Pfullingen, wo Ludwig aufgewachsen ist. Auf einem Gelände, das der Bildhauer Cornelius Hackenbracht für sein Projekt "Neue Kunst am Ried" erworben hat, plante Ludwig mit Oliver Storz, der mit Hannes Schwertfeger, ebenfalls an der Wagenhalle, seit 2010 das Büro Baubotanik betreibt, einen Steg, der allein von lebenden Weidenstämmen getragen wird. In Bündel von 12 bis 15 Setzlingen legten die Architekten ein Edelstahlrohr, in das wiederum ein Stahlgitterrost eingehängt ist. Mittlerweile sind die Bündel an vielen Stellen um das Stahlrohr herum zu festen Stämmen zusammengewachsen. Da die Schösslinge allerdings, um die Konstruktion von Anfang an tragfähig zu machen, sehr dicht gesetzt wurden, stehen sich die Bäumchen nun gegenseitig im Weg.

An einem neun Meter hohen Turm, ebenfalls in Wald-Ruhestetten, erprobte Ludwig erstmals das Prinzip der Pflanzenaddition. Ein Stahlrohrgerüst trägt die Konstruktion, bis die in Setzkästen auf sieben Ebenen gepflanzten Silberweiden-Triebe zusammengewachsen sind. Dies ist bis heute – der Turm wurde 2009 errichtet – noch nicht ganz erreicht. Drei eingezogene Ebenen dienen der Pflege, denn pflanzliche Konstruktionen können nicht einfach sich selbst überlassen werden, auch wenn die Bewässerung automatisch erfolgt. Erstmals konnte Ludwig nachweisen, dass die rautenförmig überkreuzten Stämmchen im Lauf der Zeit zu einer einzigen, stabilen und autarken Pflanzenkonstruktion zusammenwachsen.

Nur Hochhäuser lassen sich mit Pflanzen nicht bauen

Es müssen nicht unbedingt Weiden sein. Der bisher größte Bau ist der zur Landesgartenschau 2012 errichtete Platanenkubus in Nagold: ein Würfel von zwölf Meter Seitenlänge, auf drei Ebenen begehbar und im Inneren nach oben hin zumindest so lange offen, bis sich eine dichte Baumkrone gebildet hat. Ludwig hat mit weiteren Gehölzen experimentiert, der Hainbuche zum Beispiel, deren sehr hartes Holz schnell zusammenwächst. Sie wird allerdings nicht höher als 25 Meter, während eine Platane bis zu 50 Meter erreichen kann.

Hochhäuser lassen sich mit lebenden Pflanzen nicht bauen: Höher als die jeweilige Baumart kann die Konstruktion nicht werden. In seiner Promotion bei Gerd de Bruyn am Institut Grundlagen moderner Architektur, wo das Forschungsgebiet Baubotanik angesiedelt ist, hat sich Ludwig nach eigenen Angaben mehr mit Biologie als mit Architektur beschäftigt. Der Zweitgutachter Thomas Speck lehrt als Biologe an der Universität Freiburg und leitet dort den Botanischen Garten. Er habe versucht, so Ludwig, sich wenigstens so weit in die Materie einzuarbeiten, dass er mitreden kann, wenn Biologen sich unterhalten.

Eine lebende Wand
Eine lebende Wand.

Derzeit ist er allerdings wieder mehr mit genuin architektonischen Fragen beschäftigt. Es geht darum, die bisher nur in Versuchsbauwerken erprobten Prinzipien für die praktische Anwendung nutzbar zu machen. Mit seinem Partner Daniel Schöne untersucht der Architekt im Projekt "Klimawandel und modellhafte Anpassung in Baden-Württemberg" (Klimopass) an fünf Modellfällen auf Stuttgarter Stadtgebiet, welche planerischen Grundsätze berücksichtigt werden müssen: im Auftrag der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz (LUBW) und gefördert vom Umweltministerium des Landes.

Dazu gehören ein Wohnareal nördlich des Hoppenlaufriedhofs, das Gewerbegebiet am Westbahnhof und die Umwandlung des Parkhauses Züblin im Leonhardsviertel, das ohnehin früher oder später aufgegeben werden soll, in ein grünes "Park-Haus". Der Vorteil: Während für mehrgeschossige baubotanische Konstruktionen sonst ein eigenes Gerüst aufgebaut werden muss, lässt sich hier mit den vorhandenen Geschossebenen arbeiten.

Besonders spannend sind die Entwürfe für den Inneren Nordbahnhof. Hier handelt es sich um den Kern des geplanten Stadtteils Rosenstein: das größte Baugebiet der Stadt, mit dem sich hohe Erwartungen verbinden. Und es handelt sich um ein Areal, das Ferdinand Ludwig tagtäglich vor Augen hat. Im Moment erstreckt sich vor den Toren der Wagenhalle, zwischen Gäubahntrasse und Nordbahnhofstraße, ein undefinierbares Brachland. Es besteht aus Bauvorbereitungsflächen für Stuttgart 21, einer staubigen Schotterpiste, Containern hie und da sowie kahlen Freiflächen mit ein wenig Wildwuchs. Noch braucht es ein wenig Fantasie, um sich vorzustellen, dass dort in einigen Jahren ein Wohngebiet entstehen könnte, dem vielleicht einmal weltweit Modellcharakter zukommt.

Mehr saubere Luft auf dem Balkon

Aber die Häuser der Expo "Wohnen 2000", entstanden zur Internationalen Gartenbauausstellung 1993 als Beitrag zum "verantwortungsbewussten Umgang mit der Natur in der Stadt", sind nur wenige Hundert Meter entfernt: eine Tradition, an die sich anzuknüpfen lohnt.

Ludwig ist zwar der Meinung, dass unmittelbar vor der Wagenhalle ein Freiraum erhalten bleiben sollte. Er geht jedoch der Einfachheit halber vom städtebaulichen Masterplan des Büros von Franz Pesch aus, der 2005 den Wettbewerb gewonnen hat. Wo aber auf Peschs Masterplan Straßenbäume eingezeichnet sind, schlägt Ludwig vor, dichter an den Häusern baubotanische Strukturen aufzubauen. Sie könnten auf Anhieb ein größeres Grünvolumen bereitstellen und würden doch weniger Straßenraum in Anspruch nehmen. Je nach Himmelsrichtung könnten die pflanzlichen Konstruktionen als grüner Laubengang vor der Fassade stehen, der die Wohnungen auf allen Geschossebenen erschließt. Oder aber sie umranken als Sichtschutz, Staubfilter und Sauerstoffproduzent private Balkone.

Das "Grüne Zimmer" in Ludwigsburg.
Das "Grüne Zimmer" in Ludwigsburg.

Ludwig untersucht verschiedene zeitliche Abläufe, also, ob die Baubotanik vor, während oder nach der Bauzeit ins Werk gesetzt wird. Würde sie mit oder nach den Wohnhäusern entstehen, könnten die Pflanzenkübel statt auf einem eigens erstellten Gerüst auf privaten Balkonen stehen. Oder sie könnten an der Fassade aufgehängt werden.

Damit verbunden ist eine wichtige Frage: Schon so mancher Baum ist im Land der Kehrwoche abgesägt worden, weil Herbstlaub als Dreck aufgefasst wird, dessen Beseitigung nur Arbeit verursacht. Baubotanische Konstruktionen bedürfen, anfangs mehr, später immer weniger, einer gewissen Wartung und Pflege. Darüber, wer diese Aufgaben übernehmen soll, hat sich Ludwig einige Gedanken gemacht. Sein vorläufiges Resultat: In einem großflächig von Investoren hochgezogenen Mietwohngebiet ist das Problem aufgrund des halb öffentlichen Charakters der Konstruktionen und der Fluktuation in der Mieterschaft nicht einfach zu lösen.

Ideal wären Baugemeinschaften, deren Teilhaber sich nicht nur mit den eigenen vier Wänden, sondern mit dem ganzen Haus identifizieren. Da die Gewächse alle Etagen und Wohnungen verbinden, könnten die Baumkonstruktionen als Gemeinschaftsaufgabe ganze Nachbarschaften zusammenwachsen lassen.

Die Möglichkeiten sind damit keinesfalls ausgeschöpft: Als Demonstrationsobjekt hat Ludwig am Ludwigsburger Rathausplatz ein "Grünes Zimmer" mit lebenden Wänden gestaltet. Schon in seiner Diplomarbeit beschäftigte er sich mit der Idee einer "lebenden Luftbrücke" nach dem Vorbild einer im Nordosten Indiens seit vielen Jahrhunderten praktizierten Bauweise. Baubotanik könnte aber auch in Parks zum Einsatz kommen: etwa indem lebende Pflanzen die Stahlrohre und Totholz-Konstruktionen von Spielplätzen ersetzen. Oder als tragende Konstruktion einer Gartenwirtschaft auf mehreren Ebenen, bis hinauf in die Baumkronen.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!
botMessage_toctoc_comments_9210
KONTEXT per E-Mail:  

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail. Datenschutz-Hinweis

Letzte Kommentare:






Ausgabe 402 / Feel the Schpirit / Karl Krützmann / vor 1 Tag 8 Stunden
Kleine Korrektur - Feel the Sprit










Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!