Trotz florierender Wirtschaft leben acht Millionen Menschen in Deutschland am Existenzminimum. Zur Bildstrecke geht es mit einem Klick auf das Foto von Karin Powser.

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Nach Alkoholproblemen wurde Sebastian Blei mehrfach in eine Bremer Psychiatrie eingewiesen. Sein "Reso-Flipper" stellt den Klienten als Kugel dar.

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Dorél Dobocan wurde nach Fluchtversuchen aus Rumänien als politischer Gefangener inhaftiert und in die Zwangspsychiatrie eingewiesen. Seine Kohlezeichnung eines bitterarmen Bettlers zeigt einen seiner Bekannten.

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Die Bildhauerin Liesel Metten zeigt in ihren Werken gerne Architektur-Utopien wie Luftkolonien. Die "Wohnungsräder für Obdachlose" fallen deutlich düsterer aus.

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Nicht im Atelier, sondern vor Ort porträtiert Harald Birck in seiner Serie "Auf Augenhöhe" wohnungslose Menschen.

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Er zeige "Gegenstände, die (...) Überleben sichern", erklärt Fotograf Wolfgang Bellwinkel seine Auseinandersetzung mit dem Thema Obdachlosigkeit.

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Die Malerei von Wilhelm Neußer trägt den bitterbösen Titel "Homebanking".

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Die Schlaftonne ist nicht einmal schulterbreit, die Polsterung keinen Daumen dick: Mit den Notquartieren "Instant Housing" will Winfried Baumann Kunst und Nutzen verbinden.

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Ausgabe 320
Schaubühne

Existenz am Minimum

Von Minh Schredle
Datum: 17.05.2017
Aus der Bahn geraten, ausgegrenzt, vereinsamt: Extreme Armut ist auch in den reichen Regionen der Republik keine Randerscheinung. Die Zahl der Wohnungslosen in Deutschland steigt beständig. Die Ausstellung "Kunst trotz(t) Armut" zeigt nicht nur die Betroffenen – sondern deren eigene Perspektiven.

Zusammengekauert schläft ein Mann auf der Straße, direkt unter dem Plakat eines Modelabels, das "Wohnkomfort im neuen Stil" bewirbt und stolz "stimmungsvolle Fensterbeispiele der neuen Herbstkollektion" präsentiert. Was wirkt wie ein Kampagnenbild, ist die schonungslose Dokumentation einer obszönen Ungleichheit zwischen arm und reich in einem der wohlhabendsten Länder der Welt. Fotografiert von Karin Powser, die selbst mehr als ein Jahrzehnt auf der Straße lebte und heute, neben ihrer Fotografie, ehrenamtlich wohnungslose Menschen berät und betreut.

Es ist diese Perspektive der Betroffenen, die einen anderen, ungewohnten Blickwinkel offenbart auf ein Problemfeld, bei dem gerne weggeschaut wird: das prekäre Leben am Existenzminimum. Mehr als 330 000 Menschen in Deutschland sind wohnungslos. Selbst in einer reichen Stadt wie Stuttgart ist jeder Zehnte überschuldet. Bundesweit besitzen 40 Millionen Menschen, die Hälfte der Bevölkerung, kein nennenswertes Vermögen. Sie leben von der Hand in den Mund, sind, wie der linke Soziologe Christoph Butterwegge es formuliert, "nur eine Kündigung oder schwere Krankheit von der Armut entfernt".

Obwohl aber ein schwerer Schicksalsschlag jeden treffen kann, wird persönliches Scheitern oft durch eigenverantwortliches Versagen erklärt. "Wir setzen nicht mehr an den Schwächen und Defiziten unserer Klientel an, sondern sehen ihre Stärken und Fähigkeiten", sagt Andreas Pitz. Der Sozialpädagoge ist Projektleiter der Wanderausstellung "Kunst trotz(t) Armut". Diese umfasst rund 140 Werke, nicht nur von renommierten Künstlern, sondern auch von den Betroffenen selbst. Seit dem Start im Herbst 2007 in Berlin waren die Fotografien, Gemälde und Skulpturen, Plastiken und Installationen in über 30 Städten zu sehen. Aktuell in Stuttgart. In unserer Schaubühne zeigen wir eine Auswahl.

 

Info:

Die Ausstellung "Kunst trotz(t) Armut" ist auf zwei Standorte aufgeteilt. In der Leonhardskirche wird sie von Dienstag bis Freitag jeweils von 11 bis 18 Uhr gezeigt. Im Kunstbezirk (Gustav-Siegle-Haus) an den gleichen Tagen zwischen 15 und 19 Uhr. Der Eintritt ist frei. "Damit Armut nicht nur Thema ist, sondern die davon betroffenen Menschen hier auch tatsächlich Teilhabemöglichkeiten haben", heißt es dazu im Programm.


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