Christiane Wendt hat Stuttgarts bekanntestem Krabbeltier ein Denkmal gesetzt: dem Juchtenkäfer, hier als Brosche zum Anstecken. Zur Fotostrecke geht es mit Klick auf das Bild.

Thomas Putze: Konsumkritik, Umweltverschmutzung und Machtverhältnisse sind seine Themen. Da balanciert ein Pinguin auf einer alten Heizplatte als würde er surfen.

Adolf, das dicke, schwere Urvieh, entwickelt sich prächtig innerhalb der heutigen Welt.

Auch der Primat, ein grober Klotz und geschient mit orthopädischen Gelenkschonern, scheint seine Rolle gefunden zu haben.

Guido Messer: Der Hund, eigentlich Tier des Menschen, in Herrscherpose über den Schimpansen.

"Oben" und "Unten" sind maskiert. Was passiert, wenn beide Seiten die Masken fallenlassen?

Andreas Welzenbach: Meerschweinchen-Sex auf Sockeln in rotem Licht.

Tierisch menschlich?

Daniel Mijic: Der eigene Hund im Profil einmal von rechts, einmal von links. Er knurrt und bellt und winselt sich selbst an in einer nicht enden wollenden Videoschleife. Welche Seite wird wohl nachgeben?

Abi Shek: Die Krähen auf dem Triptychon stellen dar, was das "politikon" meint: Sie sind Wesen, die eine Gemeinschaft bilden. Und doch sitzt jeder auf seinem eigenen kleinen Ast.

Kornelia Thümmel: Die Kuh war früher einmal ein Tier. Heute ist sie Hochleistungsmaschine eines maßlosen Wirtschaftssystems.

Andreas Ilg: Sein Thema ist Gewalt und deren Ausübung. Hier dargestellt als kleine Drohne, als Dröhnchen, das übers Äffchen kreist. Nett anzuschauen, in dieser Galerie in Stuttgart. Die brutale Wirklichkeit ist sehr weit weg.

Joachim Stallecker: Die "Arme Laika", das erste Tier im Weltall, eingequetscht in ihrem winzigen Raumschiff.

Friederike Gross: Karikatur, erschienen in der "Stuttgarter Zeitung".

Ausgabe 309
Schaubühne

Tierisch politisch

Von Anna Hunger
Fotos: Joachim E. Röttgers
Datum: 01.03.2017
Es gab ihn auf Buttons, auf Protest-Plakaten, als plüschiges Kuscheltier und sogar als Brosche zum Anstecken: den Juchtenkäfer, von Fans liebevoll "Juchti" genannt, Stuttgarts berühmtestes Krabbeltier und Symbol der Bewegung gegen Stuttgart 21. Drei Exemplare sitzen nun hübsch ausgeleuchtet in einer Vitrine im Kunstbezirk. Inmitten einer illustren Schar politischer Tiere.

Ein zoon politikon, das ist bei Aristoteles der Mensch – geboren und veranlagt, eine politische Gemeinschaft zu bilden und zu leben. Der Stuttgarter Kunstbezirk hat unter selbigem Titel das politische Tier aus den Werken zeitgenössischer Künstler extrahiert und ihm eine ganze Ausstellung gewidmet. 

Tiere als Hindernisse sind zu sehen, als Streitobjekte, als Maschinen, Metaphern, Symbole oder Monster. Da stehen drei Kühe auf weißen Podesten, seltsam Anorganisches wächst aus Bäuchen und Eutern. Ein Eber windet sich am Boden, rote Besenborsten drücken sich durch seine Haut, die harten Haare einer Drahtbürste wachsen als Hitlerbärtchen über seiner Oberlippe. Hinten in der Ecke kopulieren hölzerne Meerschweinchen, beleuchtet von rotem Licht, immer paarweise aufeinander, quer und längs. Dahinter an der Wand liegen sie dann einzeln, ein Männchen und ein Weibchen, einsam und schwarz-gegrillt, die verkokelten Füßchen nach oben, auf silbernen Servierplatten. Inspiriert vom Stuttgarter Rotlichtviertel gleich um die Ecke, ist es eine kleine, meerschweinische Geschichte von Lust und Gier, eine Erzählung vom menschlich-animalischen Fressen und vom Gefressen werden.

Und dann hängt da noch das Abbild der "Armen Laika" von der Decke. Die gescheckte Hündin war das erste Lebewesen, das erfolgreich ins All geschossen wurde und zumindest eine Weile überlebte, bis es irgendwo im Orbit verendete. Aus Lederfetzen zusammengeflickt und mitleiderregend eingequetscht in eine Sputnik-Kapsel, schaut Laika einen durch die Frontscheibe ihres Mini-Raumschiffs an. Und dann steht man da, in diesem Knopfaugen-Blick, nach einem Rundgang durch diese tierische Ausstellung und schämt sich fast dafür, ein Mensch zu sein.

In der Galerie im Gustav-Siegle-Haussind die Werke der 13 KünstlerInnen noch bis zum 16. März zu sehen.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

6 Kommentare verfügbar

  • Schwabe
    am 04.03.2017
    Ich kann den beiden Kommentaren von Bernhard Meyer nur zustimmen.
    Wenn ich obigen Artikel richtig verstehe, geht es um Kunst, wobei das "politische Tier" (und hier insbesondere der Juchtenkäfer) im Mittelpunkt steht.
    Weshalb sollte dann die Analyse der politischen Instrumentalisierung und damit der Ablenkung vom Wesentlichen (auch mit Blick auf andere Politikfelder) in den Kommentaren nicht diskutiert werden? Gut, Trump ist ein Mensch, politisch gesehen aber vielleicht doch eher ein Tier ;-).

    Der Relativierung von Frau Hunger hinsichtlich Autobahnprivatisierung stimme ich nicht zu, den schließlich wurde über S 21 auch eine Art "Feigenblattjournalismus" betrieben ohne das der Bevölkerungsmehrheit deutlich und informativ vor Augen geführt wurde welche Auswirkungen/Konsequenzen S 21 in vielen Bereichen für sie hat (z.B. Rückbau des ÖPNV, finanzielle Belastung).
  • Zaininger
    am 03.03.2017
    "Es rettet uns kein höheres Wesen, kein Käfer, kein Tribun..."

    oder sollte der Kommentar besser zum jüngsten Karl-Marx-Film passen... ???
  • Anna Hunger/Kontext Redaktion
    am 02.03.2017
    Lieber Bernhard Meyer,
    das ist nicht richtig. Hier eine Artikel-Auswahl zum Thema Autobahnprivatisierung/Länderfinanzausgleich. Desweiteren würden wir uns freuen, wenn die Kommentare unter einem Artikel sich mit dem Thema des Textes befassen würden.

    http://www.tagesspiegel.de/politik/bundesautobahngesellschaft-im-bundestag-wachsen-die-zweifel/19412708.html

    http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.bundesrechnungshof-plaene-fuer-fernstrassengesellschaft-inkonsequent.0c8cb69b-f1d2-44ee-8a2c-f01e80fa91db.html

    http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/autobahnen-bundesrechnungshof-warnt-vor-privatisierung-durch-die-hintertuer-a-1130589.html

    http://www.taz.de/!5361705/
  • Bernhard Meyer
    am 02.03.2017
    Grad mach'e s'Maul zu! Schreibt doch der Jens Berger von den NachDenkSeiten wie wir durch die Trump-Hetze von der Autobahnprivatisierung abgelenkt werden sollen:

    Jens Berger: "Deutschlands Edelfedern sind in heller Aufregung. Man sorgt sich darum, dass die Checks & Balances der Verfassung nicht mehr funktionieren könnten und die Demokratie im Lande in akuter Gefahr sei. Das stimmt, aber wo bitte schöne steht das, werden Sie nun denken. Stimmt, die Rede ist natürlich nicht von Deutschland, sondern von den USA, denen die ungeteilte Aufmerksamkeit der deutschen Leitmedien gilt. Dass die Demokratie in Deutschland momentan unterminiert wird und die Bundesregierung munter dabei ist, die Checks & Balances des Grundgesetzes auszuhebeln, findet indes gar keine Beachtung. Dabei zieht die Große Koalition in Berlin just in diesem Moment ein Schurkenstück ersten Grades durch: Man schafft die Grundlagen für eine Autobahnprivatisierung über den Umweg der Novellierung des Länderfinanzausgleichs. So kann man das Grundgesetz ohne große öffentliche Debatte ändern und Fakten schaffen, ehe die Wähler überhaupt ahnen, was da passiert ist. Und unsere Qualitätszeitungen debattieren indes weiterhin, ob dieser oder jener Trump-Vertraute Verbindungen nach Russland hat. Was braucht es noch, um von einem kollektiven Versagen der vierten Gewalt zu sprechen? Von Jens Berger."
    Der ganze Text hier: http://www.nachdenkseiten.de/?p=37235
  • Bernhard Meyer
    am 02.03.2017
    @ Markus Hitter
    Volle Zustimmung, gut analysiert.

    Was machen wir mit der Erkenntnis? Passiert sowas Ähnliches noch bei anderen Themen? Oder laufen andere Tricks, aber mit ähnlichem Ziel? Kann es sein, dass der Anti-Trump-Feldzug dazu gehört? Dass überhaupt immer wieder gegen irgendjemanden gehetzt wird? So unangenehm die AfD und andere Rechten sind, dient "der Kampf gegen Rechts" nicht vielleicht der Ablenkung von ganz anderen tatsächlichen politischen Verbrechen? Von der Zerstörung des Sozialstaats durch Rot-Grün, der Privatisierung öffentlichen Eigentums, von der Abkehr einer Außenpolitik mit "vetrauensbildenden Maßnahmen" in das Zurückfallen in eine Politik der Abschreckung, des Säbelrasselns, der Bedrohung von Nachbarn? Dass "Nie wieder Krieg" zu "Nie wieder Krieg ohne uns" entstellt wurde? Haben wir in Wirklichkeit nicht ganz andere "Feinde" als Trump, Putin, die Rechten?
  • Markus Hitter
    am 01.03.2017
    Mit der Verniedlichung und Fokussierung auf den Juchtenkäfer sind die Kopfbahnhoffreunde den Strategen der Befürworter so richtig auf den Leim gegangen. Weg vom fehlenden Brandschutz, weg von der zu geringen Leistungsfähigkeit, weg von den Tunnelrisiken, weg von den exorbitanten Kosten, alles auf diesen Käfer projizieren. Trivialisierung und Ablenkung wie aus dem Rhetorik-Lehrbuch.

    So mancher Tunnelbahnhoffreund glaubt noch heute, dass es die Kritik am 6,5-Milliarden-Projekt nur deshalb gibt, weil dabei ein paar Juchtenkäfer-Bäume in Gefahr waren. Entsprechend kurz ist der Schritt, den Kritikern einen Vogel zu zeigen. Mission accomplished! (für die Befürworter)

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.JETZT ANMELDEN

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!