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Tierisch politisch

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 Fotos: Joachim E. Röttgers 

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Es gab ihn auf Buttons, auf Protest-Plakaten, als plüschiges Kuscheltier und sogar als Brosche zum Anstecken: den Juchtenkäfer, von Fans liebevoll "Juchti" genannt, Stuttgarts berühmtestes Krabbeltier und Symbol der Bewegung gegen Stuttgart 21. Drei Exemplare sitzen nun hübsch ausgeleuchtet in einer Vitrine im Kunstbezirk. Inmitten einer illustren Schar politischer Tiere.

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Ein zoon politikon, das ist bei Aristoteles der Mensch – geboren und veranlagt, eine politische Gemeinschaft zu bilden und zu leben. Der Stuttgarter Kunstbezirk hat unter selbigem Titel das politische Tier aus den Werken zeitgenössischer Künstler extrahiert und ihm eine ganze Ausstellung gewidmet. 

Tiere als Hindernisse sind zu sehen, als Streitobjekte, als Maschinen, Metaphern, Symbole oder Monster. Da stehen drei Kühe auf weißen Podesten, seltsam Anorganisches wächst aus Bäuchen und Eutern. Ein Eber windet sich am Boden, rote Besenborsten drücken sich durch seine Haut, die harten Haare einer Drahtbürste wachsen als Hitlerbärtchen über seiner Oberlippe. Hinten in der Ecke kopulieren hölzerne Meerschweinchen, beleuchtet von rotem Licht, immer paarweise aufeinander, quer und längs. Dahinter an der Wand liegen sie dann einzeln, ein Männchen und ein Weibchen, einsam und schwarz-gegrillt, die verkokelten Füßchen nach oben, auf silbernen Servierplatten. Inspiriert vom Stuttgarter Rotlichtviertel gleich um die Ecke, ist es eine kleine, meerschweinische Geschichte von Lust und Gier, eine Erzählung vom menschlich-animalischen Fressen und vom Gefressen werden.

Und dann hängt da noch das Abbild der "Armen Laika" von der Decke. Die gescheckte Hündin war das erste Lebewesen, das erfolgreich ins All geschossen wurde und zumindest eine Weile überlebte, bis es irgendwo im Orbit verendete. Aus Lederfetzen zusammengeflickt und mitleiderregend eingequetscht in eine Sputnik-Kapsel, schaut Laika einen durch die Frontscheibe ihres Mini-Raumschiffs an. Und dann steht man da, in diesem Knopfaugen-Blick, nach einem Rundgang durch diese tierische Ausstellung und schämt sich fast dafür, ein Mensch zu sein.

In der Galerie im Gustav-Siegle-Haussind die Werke der 13 KünstlerInnen noch bis zum 16. März zu sehen.


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6 Kommentare verfügbar

  • Schwabe
    am 04.03.2017
    Antworten
    Ich kann den beiden Kommentaren von Bernhard Meyer nur zustimmen.
    Wenn ich obigen Artikel richtig verstehe, geht es um Kunst, wobei das "politische Tier" (und hier insbesondere der Juchtenkäfer) im Mittelpunkt steht.
    Weshalb sollte dann die Analyse der politischen Instrumentalisierung und damit…
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