Klingeling – wer ist da? Mehr Klingeln gibt es mit Klick auf das Foto.

Ausgabe 308
Schaubühne

Klingelputz von arm nach reich

Von Anna Hunger (Protokoll)
Fotos: Joachim E. Röttgers
Datum: 22.02.2017
Das Entree eines Hauses sagt viel aus über die Menschen, die in ihm leben. Über deren soziale Situation und den Grad der Teilhabe an einer Hausgemeinschaft oder der Gesellschaft. Unser Fotograf hat Stuttgarter Klingelschilder abgelichtet – solche von sehr reichen Menschen und andere in eher armen Gegenden. Dazu eine soziologische Betrachtung der Psychologin und Wohnforscherin Antje Flade.

"In Norddeutschland, auf den Nordfriesischen Inseln zum Beispiel, wo man sich kennt, ist die Klönschnack-Tür sehr verbreitet. Sie ist zweigeteilt: Wenn sie oben geöffnet wird, kann man sich unterhalten, der Hausbewohner oder die Hausbewohnerin lehnt auf dem unteren Teil, und dann wird geklönt. Die Tür ist zwar offen, aber sie lässt keinen herein. Eine Tür ermöglicht Privatheit. Sie macht einen Einlass möglich, kann aber auch Abschirmung gegen das Außen sein.

Die Klingel ist etwas, das den Zugang ermöglichen soll, und ein einfaches Mittel, Zugang zu regulieren. Wenn es klingelt, kann man aufmachen, oder auch nicht. Klingelstreiche sind ja ein unheimlich großes Vergnügen für Kinder. Sie drücken ein Machtgefühl aus. Gerade Kinder, die sonst keine Macht haben, können zeigen: Guck mal, ich hab dich ganz schön im Griff.

Aber eine Klingel drückt auch viel über die soziale Position aus. Klingelschilder oder Beschläge von noblen Leuten glänzen oft, sie sehen edel aus, bei Rechtsanwälten oder Notaren beispielsweise. Es zeigt dem Klingelnden, der draußen steht, dass er es hier mit bedeutenden Leuten zu tun hat. Mit Wohlstand. Das macht beklommen.

Bei sehr reichen Menschen steht oft nicht einmal mehr der Name auf dem Klingelschild. Höchstens die Initialen. Wenn es ganz vornehm wird, gibt es schließlich nicht einmal mehr eine Klingel. Das ist eine gewählte Anonymität. Wer dort wohnt, möchte nicht erkennbar sein, denn mit dem Namen an der Tür gibt man seine Identität preis: Hier lebt Herr Meier.

Die Klingelgestaltung bei Einfamilienhäusern ist selbst gewählt, sie drückt Individualität und Identität aus. Anderes bei den gewaltigen Klingeltableaus von Hochhäusern. Dort ist kein Beweis für die eigene Identität mehr möglich, der Einzelne geht in der Masse unter. Individualität ist erst hinter der Wohnungstüre ersichtlich, davor ist alles gleich und vorgegeben, wie es zu sein hat, es ist genormt. Klingeln gehören bei solchen Häusern schon fast zum öffentlichen Raum, und es kommt zu einer Diffusion von Verantwortung: Warum soll ich mich kümmern, das ist doch kein Privatraum mehr. Solche Klingeln sehen meistens gepflegt aus, weil es einen Hausmeister gibt, der auf das gute Image eines Hauses achtet. 

Anders bei Klingeln, an denen die Knöpfe abgefallen sind, oder Namen einfach durchgestrichen werden, wenn jemand auszieht, und mit neuen beklebt werden, wenn es einen neuen Bewohner gibt. Es macht den Eindruck, als komme es hier eh nicht mehr drauf an. Das kann Ausdruck eines negativen Selbstbildes sein: Es ändert ja doch nichts, wenn ich es hier schön mache, es ist nur notwendig, dass ein Name zu lesen ist, damit die Post ankommt.

Wie bei sehr reichen Häusern kann es auch bei sehr armen vorkommen, dass es überhaupt keinen Namen mehr an der Klingel gibt. Wohlhabende Menschen wünschen die Anonymität, sehr arme aber geben dadurch ihre Identität auf. Man möchte sich nicht damit identifizieren, dass man so wohnen muss. Da bleibt man lieber anonym und ist lieber gar nicht erst da. Bei ganz armen Menschen macht das die Hilflosigkeit. Denn gegen das Gefühl, am Rande der Gesellschaft zu stehen, kann man kaum etwas tun. Es vernichtet einen."


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