Bunt, international und solidarisch ist der Protest auf dem Kronprinzplatz. Politisch sind die Jugendlichen, aber kaum welche in Parteien. Zur Fotostrecke geht's per Klick aufs Bild.

Besonders präsent ist der Studiengang Figurentheater aus Stuttgart – hier sind viele von Gebühren fürs Zweitstudium betroffen. Das soll ab Herbst 650 Euro pro Halbjahr kosten.

Viele Studierende klagen über einen teuren Lebensunterhalt und insbesondere die Mietpreise in Stuttgart – bei noch mehr Kosten ist Studieren für viele nicht mehr drin.

Heiner (21) wünscht sich noch mehr Internationalität und kulturelle Vielfalt an den Hochschulen – der Gesetzesentwurf sei da rückwärtsgewandt.

Marie (22) studiert Philosophie und Geschichte. Sie ist demoerfahren, für Parteipolitik kann sie sich nicht begeistern: "Ich will mir da keine Linie vorgeben lassen."

Viele sehen im Bauerschen Vorstoß einen ersten Schritt zur Wiedereinführung der allgemeinen Studiengebühren.

Zusätzliche Hürden braucht es keine, für Kinder aus armen Elternhäusern, meinen die Demonstrierenden.

Caren (28) kommt aus Kenia und studiert Planung und Partizipation. Ihre jüngere Schwester will auch nach Stuttgart. Weil sie nicht rechtzeitig hier war, kann sie sich das nicht leisten.

Marie (22) findet, die Gebühren treffen die Falschen. Kinder aus reichen Elternhäusern werden weiter kommen können – die Armen werden ausgeschlossen.

Dass Haushaltslücken auf Kosten der Studierendenschaft gestopft werden sollen, empfinden die Demonstrierenden als Unverschämtheit.

Simon (20) studiert erneuerbare Energien, legt wert auf Klimaschutz. In einer Partei fühlt er sich nicht gut aufgehoben: "Zu viel Lobbyismus."

Laura (23) ist in der Flüchtlingshilfe aktiv, den Gesetzesentwurf findet sie klar diskriminierend. Der sei zudem ein völlig falsches Signal, gerade bei der aktuellen politischen Stimmung.

Ob durch die Gebühren überhaupt nennenswert Geld zusammen kommt, ist fraglich. Immerhin bleibt das Studium in anderen Bundesländern kostenlos. Auch das Wissenschaftsministerium rechnet mit "gewissen Ausweicheffekten".

Ausgabe 303
Schaubühne

Kein Bock auf Partei

Von Minh Schredle
Datum: 18.01.2017
Es riecht nach Bewegung: Bunt und kreativ ist der Protest der knapp 400 Demonstrierenden am Stuttgarter Kronprinzplatz. Sie wehren sich gegen Studiengebühren. Sie sind jung, politisch, aber haben keine Lust auf Parteien, weil sie keiner trauen. Von fehlenden attraktiven Angeboten ganz zu schweigen.

Zu den grünen Idealen gehörten einmal die solidarische Gesellschaft, internationale Freizügigkeit und Bildungschancen – unabhängig vom Elternhaus. Aber die Regierung Kretschmann entfernt sich davon zunehmend, zum Verdruss des linken Parteiflügels und der Jugend im Besonderen.

Exemplarisch zeigt sich das am Vorstoß von Wissenschaftsministerin Theresia Bauer, die Studierende von außerhalb der EU ab dem kommenden Wintersemester zahlen lassen will. 1500 Euro pro Halbjahr. Von diesem Betrag sollen den Universitäten je 300 Euro zukommen, die restlichen 1200 sind für Lücken im Landeshaushalt vorgesehen. Wegen Schuldenbremse und Schwarzer Null.

Eigentlich könnte das die muntere Truppe auf dem Kronprinzplatz kalt lassen. Die Bauer-Gebühr trifft nur künftige Studis, die ab dem nächsten Herbst anfangen wollen. Und dennoch sind sie da, direkt vor dem Wissenschaftsministerium, begleitet von GEW, DGB, IG Metall, SPD, der Linken und der Grünen Jugend. Bis auf Andreas Stoch, den ehemaligen SPD-Kultusminister, ist kein prominentes Personal vor Ort. Theresia Bauer, die nur ein paar Schritte hätte gehen müssen, auch nicht.

Die Distanz ist spürbar. "Sobald sie in der Regierung sind, werden alte Ideale über Bord geworfen", lautet einer der Vorhalte gegen Parteien. Kaum einer hier ist dort aktiv. Heißt das aber, dass die Jugend politisch desinteressiert ist? Zutreffender ist: sie ist parteiverdrossen.

Ähnlich sieht das der Soziologe Michael Hartmann. Er spricht von einer "gefährlichen Ignoranz" der Parteien, die den Jungen wenig anzubieten hat. Wer ihre Versammlungen kennt, weiß, warum sie nicht kommen. Mag sein, dass die jüngeren Generationen nicht so politisch sind wie die 60er und 70er – aber sie sind durchaus sensibel für soziale Konflikte. Und vor allem: im Durchschnitt deutlich weltoffener als die Älteren.

Auf dem Kronprinzplatz ist es selbstverständlich: "Bildung muss barrierefrei sein. Auch international." Wie gesagt, die meisten hier sind von den Plänen der Landesregierung nicht selbst betroffen. Sie haben sich aus Solidarität versammelt, an einem Freitagvormittag bei Schneefall, mit der gemeinsamen Forderung, dass ein Studium nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen darf.

Das kann, sagt Hartmann, ein Auslöser für eine soziale Bewegung sein. Und die wäre, angesichts der schreienden Ungleichheit, von der zur Zeit vor allem Rechtspopulisten profitieren, dringend nötig. Also: Statt den Bildungsbereich zu ökonomisieren, wäre eine andere Steuerpolitik nötig, damit der Staat für gleiche Chancen sorgen kann.

Nach den jüngsten Schätzungen von Oxfam besitzen 36 Milliardäre in Deutschland so viel wie die 40 Millionen, die die ärmere Hälfte der Bevölkerung ausmachen. Was aber tut Landesvater Kretschmann? Er winkt eine Erbschaftsteuerreform durch, die superreiche Familiendynastien privilegiert, und er ist entschiedener Gegner einer Vermögensteuer. Stattdessen wartet seine Regierung mit einer exklusiven Ausländergebühr auf, die nicht einmal der CSU in den Sinn gekommen ist. Da braucht sich keiner zu wundern, wenn sich bei jüngeren Generation ein Eindruck verfestigt: die Parteien nicht für sie da.


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4 Kommentare verfügbar

  • Klaus-P. Kolloch
    am 23.01.2017
    Lieber Herr Dr. Gscheidle,

    hätte ich gewusst, dass es Im Ländle doch noch solche aufrechte, redliche und rechtschaffene Respektspersonen gibt, wäre ich nicht vor über 30 Jahren aus Angst vor der beginnenden moralisch/geistigen Verwahrlosung Baden-Württembergs nach Italien ausgewandert.

    Bleiben Sie standhaft, verteidigen Sie weiter unsere hehren schwäbischen Werte und verzeihen Sie die bodenlose Ignoranz einiger ungebildeter Kommentatoren.

    Mit schwäbischem Gruss

    Klaus-P. Kolloch

    P.S. Ihr Brief und auch Ihre Website stimmen mit meinen Werte-Anschauungen zu 100% überein.
  • Hans-Josef Weiß
    am 20.01.2017
    Ich gehe mal einfach davon aus, daß der Kommentar des Herrn
    Dr. Diethelm Gscheidle zu den, zur Zeit häufig kursierenden, Fake-Meldungen gehört. Wenn nicht und es hat kein Anderer in seinem Namen geschrieben und der Herr existiert wirklich!
    Dann kann ich dazu nur auf gut schwäbisch sagen: Guat Nacht am sechse.
  • gesders
    am 18.01.2017
    es gibt so aus den 60igern eine these, dass hauptschueler die studenten subventionieren. - hat mir damals prinzipiell eingeleuchtet. das war so im umfeld summerhill usw. - bezog sich zwar auf lateinamerika, war aber erstmal nicht unvernuenftig.
  • Dr. Diethelm Gscheidle
    am 18.01.2017
    Sehr geehrte Damen und Herren,

    bitte beachten Sie, dass Studiengebühren sehr redlich sind! Sie setzen einen Anreiz für die größtenteils faulen Studenten, endlich ihr Studium durchzuziehen. Außerdem haben ausgebildete Akademiker ein viel höheres Einkommen, so dass es voll gerechtfertigt und außerdem äußerst sozial ist, diese Besserverdienenden an ihrer Ausbildung hierfür zu beteiligen.

    Aber ich kenne das ja: Der größte Teil der Studenten ist faul und arbeitsscheu, studiert 26 Semester lang und will nie arbeiten - dass solche Leute natürlich dagegen sind, dass ihr Schlendrian vom Steuerzahler finanziert wird, ist natürlich klar! Und als solch ein Bummelstudent hat man natürlich auch die Zeit, auf unredliche Demonstrationen zu gehen, anstatt sich auf den Hosenboden zu setzen und für sein Studium zu lernen!

    Aus meiner Sicht sollten allgemeine Studiengebühren erhoben, sowie nur noch redliche Verbindungs-Studenten zum Studium zugelassen werden - Studentenverbindungen und Burschenschaften sind bekanntlich äußerst redlich und sorgen neben der Erziehung zu Anstand, Ehre, guten Sitten, Respekt, Redlichkeit und Keuschheit auch dafür, dass die Studenten fleißig sind und ihr Studium in kurzer Zeit absolvieren!

    Mit freundlichen Grüßen

    Dr. Diethelm Gscheidle
    (Verkehrswissenschaftler, Dipl.-Musikexperte, sowie Alter Herr einer redlichen, selbstverständlich schlagenden und farbentragenden Studentenverbindung)

    P.S.: Bei der im Artikel genannten Liste der an dieser Demonstration beteiligten Organisationen sieht man deutlich, dass hier so ziemlich jede Organisation, die Faulheit und Schlendrian fördert, vertreten ist!

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