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Ausgabe 299
Schaubühne

Seltsame Weihnachten

Von Anna Hunger
Fotos: Joachim E. Röttgers
Datum: 21.12.2016
Seit 2006 beschenken Mitglieder der US-Streitkräfte von Africom Kinder zu Weihnachten. Bedürftige, die vom Jugendamt betreut werden, Kinder aus Hartz-IV-Familien. Seit dem vergangenen Jahr auch Flüchtlingskinder. Den Rest des Jahres sind die Soldaten Drohnenkrieger, zuständig für Afrika.

"BOOAAHH!" ruft ein Elfjähriger aus Sri Lanka ins allgemeine Knüllen und Reißen und fördert einen Fußball aus den Tiefen eines Geschenkpapierhaufens, "BOOAAHH, noch was!!" - und einen hellblauen Torwarthandschuh gleich hinterher. Ein winziges Mädchen aus Syrien schleppt eine Tüte hinter sich her, in die sie selbst dreimal hineinpassen würde: "Ein Kinderwagen" sagt sie und zeigt stolz den rosafarbenen Inhalt. Ihr Bruder hat einen Roller bekommen, eine Zehnjährige schält begeistert ein Barbie-Einhorn aus gestreiftem Papier.

Im Bürgerhaus Rot in Stuttgart-Zuffenhausen ist schon eine Woche vor Heilig' Abend Bescherung. Auf der Bühne steht links der Nikolaus mit Bart und goldenem Nikolausstab, rechts eine Weihnachtstanne, darunter und dahinter türmen sich Geschenke, mannshoch, mit Schneeflocken, Weihnachtsmännern, Engeln und Sternen drauf, in grün, rot und rosa, mit und ohne Schleifchen, riesige eckige Kartonagen neben winzigen runden Päckchen.

Fast 300 Kinderwünsche auf grünen Zetteln hat das Stuttgarter Kinderbüro für die jährliche Geschenkeaktion gesammelt. Die eine Hälfte wurde an einem Baum im Stuttgarter Rathaus aufgehängt, die andere an Christbäume bei Eucom und Africom, den US-Stützpunkten in Stuttgart. Von dort konnten die Wünsche von Erwachsenen gepflückt werden, die an diesem Abend jedem Kind ein individuelles Geschenk machen.

Beide Stützpunkte sind im Zuge der NSA-Affäre zu trauriger Berühmtheit gelangt. Eucom in den Patch Baracks in Vaihingen ist unter anderem der Sitz der NSA-Europa-Büros. Africom, in den Möhringer Kelley Barracks, ist die Kommandozentrale der Amerikaner für den afrikanischen Kontinent. Von hier aus wird entschieden und befohlen, welcher mutmaßliche Terrorist zu welchem Zeitpunkt per Drohne hingerichtet wird. Beispielsweise in Somalia, schreiben Autoren der Süddeutschen Zeitung in einem großen Enthüllungsartikel Ende 2013

"Es ist schön zu sehen, wie die Kinder sich freuen", sagt Roy Weidanz, Mitarbeiter und Organisator der Kinder-Aktion für das Africom und macht einen schnellen Schritt zur Seite, als sich ein Knirps mit Paket im Arm an ihm vorbeidrückt. Regierungen, sagt er, als er wieder fest steht, seien nicht aufgebaut, um Menschen direkt zu helfen. "Das muss jeder einzelne selbst leisten." Ob es nicht zynisch sei, Kinder zu beschenken, für deren Flucht man irgendwie selbst verantwortlich ist? "Ich weiß nicht, ob wir das verursacht haben", sagt Weidanz. "Ich kann nicht verhindern, was unsere Regierungen tun. Ich kann nur beeinflussen, was hier passiert und den Kindern ein Lachen schenken. Wenn man etwas Gutes tut, motiviert das vielleicht andere Menschen, auch etwas Gutes zu tun."

Mahammed kommt aus Somalia. Er ist neun und befühlt die knallroten Stollen seiner neuen Fußballschuhe. Er hält den Schuhkarton ins Licht, streicht mit den Fingern über die glänzende Oberfläche. "Kuck mal, wie schön die sind", sagt er.


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