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Zahlen fürs Malen

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 Fotos: Joachim E. Röttgers 

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Das hat das grüne Wissenschaftsministerium deutschlandweit exklusiv: eine Ausländergebühr fürs Studium. Betroffen sind 16 000 junge Menschen. An den Hochschulen herrscht allgemeines Schweigen – nur an der Kunstakademie Stuttgart gibt’s Widerstand.

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Jin Joo Lee zwingt sich zu einem kleinen Lächeln. "Einfach ist das schon jetzt nicht", sagt die 28-jährige Koreanerin, sprich: das Studium zu stemmen und gleichzeitig den Lebensunterhalt zu finanzieren. Seit fast fünf Jahren lebt sie in Deutschland. Zuerst in Berlin, wo sie gearbeitet und Deutsch gelernt hat, dann in Stuttgart, wo sie im siebten Semester an der Kunstakademie eingeschrieben ist. Um über die Runden zu kommen, ist sie auf Nebenjobs angewiesen. Erst als Küchenhilfe in asiatischen Restaurants, jetzt als Aufseherin im Naturkundemuseum.

Jin Joo ist eine von rund 16 000 Nicht-EU-Ausländern, die zum Studieren nach Baden-Württemberg gekommen sind. Nach den Plänen der Landesregierung sollen sie ab dem nächsten Wintersemester mit 1500 Euro pro Halbjahr zur Kasse gebeten werden. Das soll Löcher im Haushalt stopfen helfen, 48 Millionen Euro soll das Wissenschaftsministerium dazu beitragen, denn "die Haushaltskonsolidierungen stehen im Zeichen der Schuldenbremse", so der Amtssprech.

Ministerin Bauer war einst gegen Studiengebühren

Richtig ist, dass sich alle Bundesländer dem Spardiktat unterworfen haben, richtig ist aber auch, dass nur im Südwesten eine exklusive Ausländergebühr in Vorbereitung ist. Wohlgemerkt: Unter der Federführung der grünen Ministerin Theresia Bauer, die mit 41 Prozent der Stimmen das Direktmandat in der internationalen Studentenstadt Heidelberg gewonnen hat. Noch 2012 meldete sie als großen Erfolg: "Studiengebühren in Baden-Württemberg gehören der Vergangenheit an." 2013 schaffte Niedersachsen als letztes Bundesland die Gebühren ab. Seitdem sind nicht einmal aus den unionsgeführten Regierungen vergleichbare Vorhaben bekannt geworden.

Immerhin: Aus dem linken Lager der Grünen kommt Kritik. "Keine Studiengebühren für niemand", fordert Kai Gehring, Hochschulsprecher der Bundestagsfraktion. Die Sprecherinnen der Grünen Jugend, Lena Schwelling und Leonie Wolf, sehen in Bauers Vorstoß einen "weiteren Schritt, das Attribut 'sozial' aus dem grünen Selbstverständnis zurückzudrängen". Unterstützt werden sie von den Verfassten Studierendenschaften aus Konstanz, Mannheim, Freiburg, Biberach und Karlsruhe, die sich hinter der Forderung versammeln: "Bildung an und für sich ist ein Grundrecht und muss allen offenstehen." Hochschulen haben sich an dem Aufruf nicht beteiligt, bei den Parteien fand sich nur die Linke zur Unterschrift bereit.

An der Kunstakademie Stuttgart will das Lehrpersonal die Ausländergebühr nicht widerspruchslos hinnehmen. "Das hätte ich vielleicht von der AfD erwartet, aber doch nicht von den Grünen", kritisiert Cordula Güdemann. Die Professorin für Malerei unterrichtet hier seit mehr als 20 Jahren. Aus dem Stegreif zählt sie eine ganze Reihe von StudentInnen aus dem Nicht-EU-Ausland auf, die für herausragende Leistungen mit dem Akademiepreis der Hochschule ausgezeichnet worden sind. Ilker Basirli aus der Türkei, Sae Esashi aus Japan, Jingfang Li aus China, Seunghee Hong aus Südkorea oder Tesfaye Urgessa aus Äthiopien.

"Sie alle tragen einen erheblichen Teil zur Reputation unserer Akademie bei, gerade international", betont die Professorin. Tesfaye Urgessa beispielsweise gehöre zu den erfolgreichsten Künstlern in der Galerie Marko Schacher in Stuttgart. "Wenn er pro Semester 1500 Euro Gebühren hätte bezahlen müssen, hätte er hier nie studieren können", erzählt sie und legt nach: Die bürokratischen Hürden seien schon jetzt sehr hoch, gegenüber den Ämtern müssten monatlich Nachweise über die finanzielle Lage erbracht und mindestens 700 Euro vorgewiesen werden. Für zwei Studierende hat sie selbst eine Bürgschaft übernommen.

Die Professorin wartet bis heute auf eine Antwort

Im Oktober hat Güdemann einen entrüsteten Brief an Ministerin Bauer verfasst, auf eine Antwort wartet sie bis heute. Gerne hätte sie auch eine von Staatssekretärin Petra Olschowski gehabt, die zuvor Rektorin der Kunstakademie war. Aber: "Auch hier kein Wort", klagt Güdemann. Auf Anfrage von Kontext verteidigt Olschowski die Gebühren. Diese würden den Hochschulen helfen, das Aufgabenfeld Internationalisierung anzugehen, sagt sie. "Nicht zuletzt geht es derzeit aber auch darum, wie in Zeiten der Schuldenbremse verantwortungsvolle Politik umgesetzt werden kann", teilt sie mit. 

Verantwortungsvoll finden diese Politik allerdings nicht alle. So wird Güdemann von zahlreichen KollegInnen an der Kunstakademie unterstützt. Unter anderem von Holger Bunk, ebenfalls Professor für Malerei. "Viele meiner talentiertesten Studenten kommen nicht aus Europa", sagt er, "davon profitieren wir alle." Darunter gebe es zwar auch welche, die den Auslandsaufenthalt von reichen Eltern finanziert bekommen, aber die meisten müssten hart arbeiten, um sich das Leben hier leisten zu können – "gerade in einer so teuren Stadt wie Stuttgart". Stephan Rößler, der an der Kunstakademie als Fachkoordinator zwischen Lehre und Verwaltung vermittelt, ergänzt: "Studenten dürfen maximal 20 Stunden pro Woche arbeiten. Die Verdienstmöglichkeiten sind also ohnehin stark eingeschränkt. Wie soll das denn funktionieren, wenn pro Monat noch 250 Euro an Kosten dazukommen?"

Alle drei sind sich darin einig, dass die geplanten Gebühren dem Standort Baden-Württemberg schaden. Für viele Betroffene wäre die Wahl des Studienplatzes dann keine Frage mehr der Präferenz, sagt Bunk, sondern des finanziell Machbaren: "Ausgeschlossen werden die Ärmsten." Auch seine Briefe an das Ministerium blieben unbeantwortet.

Während die Kunstakademie Flagge zeigt, halten sich die Universitäten bedeckt; womöglich aus der Sorge heraus, selbst Opfer des Rotstifts zu werden, wenn sie sich allzu laut dazu äußern. Der Rektor der Uni Stuttgart, Wolfram Ressel, der außerdem Vorsitzender der Landesrektorenkonferenz Baden-Württemberg ist, mag auf Anfrage keinen Kommentar abgeben. Bekannt ist nur seine Einschätzung vom Juni dieses Jahres, die besagte, dass er den Ausländeranteil an seiner Universität ohnehin zu hoch findet und insbesondere die Chinesen "zur Ghettobildung neigen". Ein Trostpflaster hat das Wissenschaftsministerium noch parat: Es soll Ausnahmeregelungen für Bedürftige geben. Wie die aussehen werden, ist allerdings offen.

Für die Betroffenen ist das belastend. "Die Ungewissheit ist schlimm", sagt Jin Joo Lee, "wir wüssten gerne, was auf uns zukommt." Sie bemüht sich, zu lächeln. Sie sitzt auf einem kleinen Hocker zwischen Staffeleien und Skizzen. Hier, im Raum 206 der Kunstakademie, ist ihr Zuhause. "Ich arbeite gerne mit Kontrasten, mit Widersprüchen – und dem Grotesken", erzählt sie. Ihre Bilder werden in ihrer Heimat ausgestellt, bis vor Kurzem waren sie auch in Stuttgart zu sehen. "Ich bin wirklich glücklich über die Möglichkeiten, die ich hier habe", sagt sie, und man merkt ihr die Dankbarkeit an. Aber auch ihre Sorgen. 


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14 Kommentare verfügbar

  • Fritz
    am 20.11.2016
    Antworten
    Liebe Marie,

    "Puh"

    Eine klare Ansage!

    Ich bin wohl ganz bestimmt ein Oberlehrer, aber zumindest lese ich die Artikel hier vorher durch und predige nicht einfach in einem Kommentar zu einem Thema los, das nichts damit zu tun hat.

    Und Mehrdeutigkeiten in seinem Text sollte man als…
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