KONTEXT Extra:
Ganz schlechte Noten für Kultusministerin Susanne Eisenmann

Joachim Straub, Florian Kieser und Jan Pfeiffer sind demokratisch legitimierte Vertreter von 1,5 Millionen Schülern und Schülerinnen im Land. Experten, die Erfahrungen vor Ort sammeln und selber direkt betroffen sind von allen bildungspolitischen Entscheidungen. Und die Jungs vom Landesschülerbeirat (LSBR) sind diplomatisch: Denn eigentlich hat Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) mindestens eine Fünf verdient, weil die das LSBR-Konzept für die anstehende Reform der Oberstufe nicht ein einziges Mal mit ihnen besprochen hat. Tatsächlich bekommt die Neustrukturierung des Wegs zum Abitur ab 2018/2019 nur magere eins bis drei Punkt oder das, was früher "Mangelhaft" hieß.

Als offizielles Beratungsgremium des Ministeriums hat sich der LSBR intensiv befasst mit der heiklen Thematik. Dafür habe es zweimal ein "Vielen Dank" aus dem Ministerium gegeben, berichtet Straub. "Wie kann das sein?", fragt sich der LSBR-Vorsitzende. Aus den Medien habe man erfahren, "dass die ganze Sache gelaufen ist". Das Vorgehen Eisenmanns hat System. Denn auch der Landeselternbeirat (LEB), als zweites offizielles und wichtiges Beratungsgremium des Kultusministeriums, war nicht befasst, sondern "eiskalt außenvor", berichtete dessen Vorsitzender Carsten Rees.

Eltern wie Schüler und Schülerinnen hätten so Manches beizutragen gewusst. Gerade dem Schülerbeirat passt die ganze Richtung nicht, weil die Allgemeinbildung künftig zu kurz komme. Anders als von der Kultusministerin entschieden, wird verlangt, dass Mathematik und Deutsch schriftliche Pflichtfächer bei der Abiturprüfung bleiben. Und dass die neuen Niveaukurse, "mehr Individualität gewährleisten", damit Schülerinnen und Schüler "ihren Interessen, allgemein, sprachlich, naturwissenschaftlich, gesellschaftswissenschaftlich nachgehen" können. Genau das sieht aber die Reform mit ihrem neuen naturwissenschaftlichen Schwerpunkt nicht vor. Das sei, sagt Straub, eine "ganz klare Diskriminierung der Geisteswissenschaften" und unverständlich gerade angesichts der zunehmenden gesellschaftspolitischen Kontroversen. (20.10.2017)

Mehr zum Thema Bildung im Artikel "Zurück in die Kreidezeit".


Jetzt weiß es auch die CDU: So viele bezahlbare Wohnungen fehlen

Baden-Württembergs Wirtschaftsminister Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) ist zufrieden: Weil die neue Wohnbau-Förderung im Land dazu geführt habe, dass "2017 nach knapp sechs Monaten Programmlaufzeit bereits Anträge für den Neubau von deutlich über 800 Sozialmietwohnungen sowie beantragte Bindungsbegründungen im Umfang von mehr als 300 Wohneinheiten vorliegen". Tatsächlich müsste sie hell entsetzt sein angesichts solcher Zahlen. Denn aus einer Studie, die die von ihr selber beförderte "Wohnraum-Allianz" in Auftrag gab, geht ein deutlich höherer Bedarf im Land hervor. Auch der Versäumnisse wegen, die frühere CDU-geführte Landesregierungen verantworten.

"Die Bestandsentwicklung im sozialen Wohnungsbau ist in Baden-Württemberg stark rückläufig", schreiben die Autoren. Ausgehend von 137 000 Wohnungen im Jahr 2002 sei es zu einem Rückgang auf rund 60 000 preisgebundene Wohnungen im Jahr 2015 gekommen. Weil weitere aus der Mietbindung fallen, wird es 2020 überhaupt nur noch 22 000 Einheiten im ganzen Land geben: "Vor diesem Hintergrund ist eine Verstärkung und Verstetigung der sozialen Wohnraumförderung über einen längeren Zeitraum von entscheidender Bedeutung." Der Stabilisierung und "sukzessive Weiterentwicklung" der angespannten urbanen Wohnungsmärkte komme auch eine "sehr wichtige" sozialpolitische Rolle zu. Nur um den Status quo von 60 000 mietgebundenen Wohnungen zu erhalten, müssen 1500 im Jahr umgewidmet oder gebaut werden. Um den tatsächlichen Bedarf zu decken, wären bis zu vier Mal so viele notwendig.

Hoffmeister-Kraut setzt bisher vor allem auf aufgestockte Mittel des Bundes, auf Investoren oder auf Förderungen, die auch einkommensschwächere Familien in Stand setzen, Eigentum erwerben zu können. Das Analyse-Institut Prognos rät ebenfalls zur "Gewinnung und Aktivierung privater Mittel, aber auch zur Verstetigung der Mittel des Landes". Auf einer Reise des Städtetags, der auch in der Allianz vertreten ist, konnten sich kürzlich VertreterInnen zahlreicher Städte und Gemeinden in der österreichischen Bundeshauptstadt Wien von einem ganz anderen Weg überzeugen: Dort wird sozialverträglicher Wohnungsbau Marktmechanismen weitgehend entzogen. Pro Jahr entstehen mehr als 10 000 neue, bezahlbare Einheiten. "Das wirkt preisdämpfend", heißt es in einer aktuellen Darstellung der Wohnbau-Strategie, "schafft zusätzliche Angebote und sichert außerdem mehr als 20 000 Arbeitsplätze." (17.10.2017)

Mehr dazu in den Artikeln "Besser wohnen in Wien" und "Friede den Hütten".


Punktlandung: Erster Feinstaub-Alarm im Herbst 2017

Nach den Regeln der Landeshauptstadt für die Ausrufung von Feinstaubalarm kann dies jeweils vom 15. Oktober an geschehen. Unter dem Aspekt der Sensibilisierung in der aufgeheizten Debatte für und wider Fahrverbote ist auf Petrus so gesehen jedenfalls Verlass: Das stabile Hoch lässt die Emissionen am Neckartor seit Tagen kontinuierlich ansteigen. Jetzt wurde für Montag, 16. Oktober, 0.00 Uhr, für den Autoverkehr und ab 18.00 Uhr für die Verwendung von Komfortkaminen Feinstaub-Alarm ausgelöst. Der Verzicht auf erstere ist freiwillig, der auf zweitere Pflicht.

An maximal 35 Tagen im Jahr darf die Feinstaubkonzentration über dem Limit von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft liegen. Am Neckartor ist diese Schwelle aber schon in den ersten dreieinhalb Monaten 2017 mit 39 Tagen überschritten worden. Dennoch geht die Landesregierung, gedrängt von der CDU, gegen einen mit den Anwohnern am Neckartor im Sommer 2016 geschlossenen Vergleich vor, der ab dem 1.1.2018 eine Verringerung des Verkehrs an Feinstaubtagen um 20 Prozent vorsieht. Das Argument der grün-schwarzen Landesregierung lautet, es stünden entgegen der in diesem Vergleich gemachten Zusage keine "rechtmäßigen Maßnahmnen" zur Verfügung. Im November wird darüber vor dem Stuttgarter Verwaltungsgericht verhandelt. Wie die Stadt weiter mitteilte, bietet der VVS ab 16. Oktober für die gesamte halbjährige Feinstaub-Periode und nicht nur an Alarmtagen das neue, um rund 40 Prozent verbilligte "UmweltTagesTicket" an. Außerdem geht die Stadtbahnlinie U19 von Neugereut bis zum Neckarpark mit einem Zehn-Minuten-Takt werktags zwischen sechs und 20 Uhr ab Montag, den 16.10., in den Dauerbetrieb. Vom Dezemeber an wird zudem die U12 bis nach Remseck verlängert und mit den neuen 80-Meter-Zügen ihre Kapazitäten verdoppeln. Außerdem sollen das Projekt "Straßenreinigung Feinstaub" für 600 000 Euro fortgesetzt und die Fahrspuren und Gehwege rund um das Neckartor abgesaugt werden, um belastbare Daten darüber zu erhalten, ob dieses Vorgehen zu geringeren Schadstoffemissionen führt. Im grüngeführten Verkehrsministerium gibt es deutlich weitergehende Überlegungen: Die Fahrspuren an der B 14 zwischen Cannstatt und Innenstadt könnten verknappt werden, was den Verkehr zwangsläufig reduzieren und Platz für einen neuen Expressbus auf eigener Spur schaffen würde. (14.10.2017)


Neckartor Bürgerinitiative: Erler steigt vom Reitzenstein herab

Nachdem es den Anwohnern in Europas Feinstaub-Hochburg am Stuttgarter Neckartor Anfang September nicht gelungen ist, in der Villa Reitzenstein ihre Forderungen nach einer wirksamen Luftreinhaltung im Talkessel loszuwerden, nimmt sich jetzt die Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung der Sache an: Es wird ein Gespräch mit Vertretern der Bürgerinitiative Neckartor geben. Gisela Erler (Grüne) will das Vorgehen der Landesregierung und vor allem des grünen Verkehrsministers Winne Hermann erläutern, darunter auch, warum – vorerst – keine rechtmäßigen Möglichkeiten gefunden wurden, um den Verkehr in der hochbelasteten B 14 ab 1.1.2018 an Feinstaub-Tagen um 20 Prozent zu reduzieren. Dieses Versprechen war Gegenstand eines Vergleichs aus dem April 2016, den die damals neue grün-schwarze Landesregierung einstimmig angenommen hat. Später ruderte die CDU, in der Koalition genauso wie im Gemeinderat, zurück. Inzwischen halten auch die Grünen, der Ausweichverkehre wegen, Fahrverbote oder Verkehrsbeschränkungen für nicht rechtmäßig. "Das heißt aber nicht, dass wir uns mit den Grenzwert-Überschreitungen abfinden", sagt Erler. Das Verkehrsministerium habe ein umfangreiches Maßnahmen-Paket ausgearbeitet. Dem allerdings verweigert der kleinere Regierungspartner noch die Zustimmung. (12.10.2017)

Mehr zum Thema im Artikel "Übel bleibt Übel".


Protest gegen Militärmesse in Stuttgart wächst

Hauptsponsor ist die Rheinmetall, Deutschlands umsatzstärkster Rüstungskonzern. Präsentiert werden Drohnentechnik, Raketenabwehrsysteme und andere Erfindungen, mit denen sich Menschen im 21. Jahrhundert möglichst effektiv gegenseitig umbringen können: In Köln musste die internationale Waffenmesse ITEC nach vehementen Protesten von Rüstungsgegnern, SPD, Grünen und Linken die Segel streichen. Und hat sich als Ersatz-Austragungsort ausgerechnet Stuttgart ausgesucht, vom 15. bis zum 17. Mai 2018.

Nachdem schon im Juli 2017 die SÖS/Linke-Stadtratsfraktion und Anna Deparnay-Grunenberg von den Grünen gegen die Messe protestiert hatten (Kontext berichtete ausführlich), legt jetzt die Grüne Jugend nach: "Dem werden wir auf keinen Fall still zuschauen", erklärt die Jugendorganisation mit dem wütenden Igel im Logo. Auf der Kreismitgliederversammlung hat sie einen Antrag gegen die Messe gestellt. Zwar wurde er mit großer Mehrheit angenommen und die Stuttgarter Grünen fordern den Aufsichtsrat der Messe auf, den Vertrag mit der ITEC zu kündigen und keine Messe mit ähnlich militärischem Bezug mehr in Stuttgart stattfinden zu lassen. Verhindern lassen wird sich der Rüstungszauber aber vermutlich nicht mehr. Proteste sind den Waffenbauern aber sicher. Die Grüne Jugend jedenfalls kündigt an, der ITEC zu zeigen, "dass sie in Stuttgart nicht willkommen ist." (06.10.2017.)

Dazu: "Die heimliche Militärmesse", Kontext-Ausgabe 328: https://www.kontextwochenzeitung.de/wirtschaft/328/die-heimliche-militaermesse-4470.html


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Das Amtsgericht, Station auf Ülkü Süngüns Flüchtlingsroute und Ort der Angst – vor der Abschiebehaft.

Das Amtsgericht, Station auf Ülkü Süngüns Flüchtlingsroute und Ort der Angst – vor der Abschiebehaft.

Ausgabe 281
Schaubühne

Fluchtwege durch Esslingen

Von Dietrich Heißenbüttel
Fotos: Joachim E. Röttgers
Datum: 17.08.2016
In einem Forschungsspaziergang durch Esslingen führt die Künstlerin Ülkü Süngün an Orte, die für Flüchtlinge wichtig sind. Sie hat unglaublich viel bewegt, seit sie noch im Studium an der Stuttgarter Kunstakademie einen Wettbewerb für eine Gedenkstätte gewann.

"Wollen Sie wirklich da reingehen", fragt Ülkü Süngün, die Künstlerin. Sie steht vor der blauen Container-Unterkunft für Flüchtlinge in der Esslinger Weststadt. "Kommen Sie sich nicht ein bisschen wie Voyeure vor?" Die Teilnehmer werden unsicher. Aber sie wollen dann doch, werden neugierig begrüßt von jungen Männern ganz unterschiedlicher Herkunft, die sich oft mehr schlecht als recht mit ein paar Brocken Deutsch oder auf Englisch verständigen können.

Der Rundgang gehört zum Projekt "Good Space" der Villa Merkel.
Der Rundgang gehört zum Projekt "Good Space" der Villa Merkel.

Ülkü Süngün hat eine etwas andere Stadtführung entworfen. Denn um den Stadtraum richtig zu erfassen, reichen Pläne und Modelle nicht aus, sagt der Schweizer Soziologe Lucius Burckhardt. Erst indem man sich aufmerksam durch die Stadt bewegt, wird diese in ihren relevanten Aspekten erfahrbar. An seiner Methodik – der sogenannten Promenadologie – orientiert sich Ülkü Süngün und zeigt die Stadt Esslingen aus einer speziellen Perspektive: aus der Wahrnehmung der Geflüchteten, von denen mehr als 900 im Vorjahr in Esslingen ankamen.

"Good Space" lautet der Titel der Ausstellung in der Städtischen Galerie Villa Merkel in Esslingen. Süngüns Spaziergang gehört zum Begleitprogramm. Der gute Raum bemisst sich nicht nach der euklidischen Geometrie als Produkt von Länge, Breite und Höhe. Er zeigt sich im Öffentlichen, in den Dimensionen des Teilens und der Begegnung. Dazu gehört auch der Raum der Kunst: der Ausstellungsraum in der ehemaligen Fabrikantenvilla, der angrenzende Park. Aber darüber hinaus auch der Stadtraum.

Flüchtlingsweg zum Ausländeramt und zum Rathaus.
Flüchtlingsweg zum Ausländeramt und zum Rathaus.

Süngüns Weg führt zu den für sie wichtigsten Orten: Polizei, Ausländeramt, Rathaus, Amtsgericht: Letzteres ein Ort der Angst, auf den häufig nur noch die Abschiebehaft folgt. Wer ankommt, muss sich zuerst bei der Polizei melden. Der Pass wird einbehalten. "Warum tun die das freiwillig?", will ein Teilnehmer wissen. Nun, sie wollen Asyl beantragen. Anders geht das nicht. Sie müssen ihr Handy vorzeigen, sich die Fingerabdrücke abnehmen lassen, werden ins Ausländerzentralregister eingetragen mit Name, Foto, Herkunftsort und Reiseweg. Innerhalb von drei Tagen muss sich jeder in der Landeserstaufnahmestelle (LEA) in Karlsruhe melden. Wer kein Geld hat, bekommt vom Sozialamt ein Ticket und etwas Taschengeld. Nach drei Monaten in der LEA werden sie auf die Unterkünfte verteilt.

Die Containersiedlung in der Esslinger Weststadt ist die erste Station von Ülkü Süngüns Führung. Dort kommt plötzlich Unruhe auf. "No photo, no photo!", ruft einer: Doch es ist schon zu spät. Die Sache hat einen ernsten Hintergrund. In den blauen Containern leben viele Gambier. Ihre Bleibeperspektive ist alles andere als sicher, obwohl sie ihr Land nicht ohne Grund verlassen haben: Der Präsident Yahya Jammeh verfolgt gnadenlos Oppositionelle und Homosexuelle. Ein Foto im Netz kann auch Angehörige in Gefahr bringen.

Container-Siedlung in der Esslinger Weststadt.
Container-Siedlung in der Esslinger Weststadt.

Babette Ulmer vom Kulturzentrum Dieselstraße kann ein Lied davon singen. Seit sie 2014 die Stage Divers(e) & United Unicorns ins Leben gerufen hat, ist ihr schon mehr als ein Gambier verloren gegangen. Die gemischte Truppe probt im Kulturzentrum Komma, der letzten Station auf Süngüns Tour, und hat schon bei verschiedenen Gelegenheiten mit Musik, Tanz, Theater und Akrobatik ihr Publikum begeistert. Darüber hinaus hat Ulmer es geschafft,15 Geflüchteten Jobs im Bundesfreiwilligendienst in Esslinger Kultureinrichtungen zu verschaffen. Und doch sind einige inzwischen abgeschoben worden.

Auf einmal holen die Bewohner der Unterkunft bunte Stühle hervor. Es sind "Begegnungsstühle", wie Flyer in Esslinger Briefkästen einige Tage später verraten. Im Begegnungscafé oder einer Begegnungshocketse sollen Esslinger Bürger und Flüchtlinge auf den Stühlen Platz nehmen, um sich kennenzulernen. Es ist eine Aktion einer Zürcher Künstlerin: von Süngüns künstlerischer Praxis meilenweit entfernt.

Süngüns Weg

Süngün kam zur Kunst, weil sie nach ihrem Erststudium der Verfahrenstechnik in Istanbul und Aachen noch einmal etwas anderes machen wollte und bei Edward Zoworka Kunstunterricht nahm. Der Beuys-Schüler nahm alle ernst, ob sie als Rentner Blumenstillleben malen wollten oder ambitioniertere Ideen mitbrachten. Er riet Süngün, sich mit ihrer türkischen Identität zu beschäftigen. Daraus wurde später, nach dem Studium an der Stuttgarter Akademie, ihre Diplomarbeit: eine aufwendig arrangierte Installation aus Fotos von Objekten aus Import-Export-Läden.

Ülkü Süngün.
Ülkü Süngün.

Noch im Studium gewann sie einen Wettbewerb zur Erweiterung einer Gedenkstätte im Killesberg-Park für die von dort aus deportierten 2000 jüdischen Mitbürger. Um den Gedenkstein, eine 1962 entstandene Granitstele des Bildhauers Ludwig Albrecht von Hauff, zog sie einen Kreis aus Stahl, als "Erinnerungskörper" in den Boden eingelassen. Ein solches öffentliches Werk ist, auch wenn es sich um eine einfache geometrische Figur handelt, eine komplexe Angelegenheit. Viele wollten mitreden: nicht nur die Initiative Killesberg, von der die Initiative ausging, auch das Garten- und Friedhofsamt oder die israelitische Religionsgemeinschaft.

Drei Monate hat es gebraucht, bis die Vereinbarung unter Dach und Fach war. 45 000 Euro Spendengelder hat die Initiative gesammelt. Erst da war klar, dass das Projekt realisiert wird. Aber Süngün war schon einen Schritt weiter. Sie wollte Schüler nach der richtigen Art des Gedenkens fragen und wandte sich zu diesem Zweck an die Landeszentrale für politische Bildung.

Auf Gedenkorte folgt die Gegenwart im Flüchtlingsgetto.
Auf Gedenkorte folgt die Gegenwart im Flüchtlingsgetto.

Lange suchte sie nach einer Schule, um unter dem Titel "Der lebendige Gedenkort" ein Modellprojekt durchzuführen. Schließlich fand sie im Mörike-Gymnasium eine interessierte Kunstlehrerin. Mit der Schulklasse ging sie ins Stadtarchiv. Vor den originalen Dokumenten wurden die Schüler mucksmäuschenstill. Bisher waren sie sich, etwa beim Besuch des Mahnmals von Elmar Daucher am Karlsplatz, nur wie schmückendes Beiwerk zu einer Pflichtveranstaltung vorgekommen. Dies war real.

Aus dem Projekt ist unter anderem GO-Stuttgart hervorgegangen: Vier Schüler entwickelten die Idee einer App, die zu den Orten der nationalsozialistischen Geschichte in Stuttgart führt. Die App, die erst später mithilfe des Webdesigners Alexander Kranz realisiert werden konnte, ist seit Januar im Netz und wird von einer siebenköpfigen Redaktion weiter bearbeitet. Ülkü Süngün ist inzwischen längst wieder mit anderen Dingen beschäftigt.

Mit 50 Schülern des Schlossgymnasiums Kirchheim unter Teck und jungen Geflüchteten erarbeitete sie eine "Museumsbesetzung" im Haus der Geschichte und zwei Ausstellungen in Kirchheim. In einem Blog konnten auch die Schüler ihre Sicht der Dinge und ihre Erfahrungen darlegen. 400 Besucher kamen zur Eröffnung in die Städtische Galerie im Kornhaus. Darunter ein Mann, der seine eigene Kunst zum Verkauf anbieten wollte.

Im ersten Moment, als sie die Tiere, Rosen und Kirchen sah, die der Georgier Sergio Pipia in flachem Relief aus faustgroßen Flusskieseln herausgearbeitet hatte, schreckte sie ein wenig zurück. Doch dann fragte sie sich: "Wer sagt denn, was Kunst ist?" Und schon war sie mittendrin in ihrem nächsten Projekt. Acht Monate lang begleitete sie Pipia, wie er im Tal der Lauter nach geeigneten Steinen suchte, besuchte ihn und seine Frau in der Unterkunft und machte daraus ihre Debütausstellung im Bahnwärterhaus der Villa Merkel: mit seinen Steinen und ihren Fotos.

Roman ohne Happy End

Dazu entstand nach einem Format, das zur Zeit ihrer Kindheit in der Türkei sehr populär war, ein Fotoroman. Der ironische Titel: "Die besten Romane schreibt das Leben." Der Roman hatte kein Happy End. Pipia war nach Deutschland gekommen in der Hoffnung, seiner an den Rollstuhl gefesselten Frau eine medizinische Behandlung zu ermöglichen. Eigentlich sollten Ärzte jeden behandeln, der Hilfe benötigt, unabhängig von ethnischer Herkunft und Staatsangehörigkeit. Pipias Frau wurde im Krankenhaus jedoch zurückgewiesen. Das Ehepaar konnte nur wählen zwischen freiwilliger Ausreise und Abschiebung.

Dieses Erlebnis hat die Künstlerin geprägt. Sie nahm Kontakt zu politisch aktiven Refugees auf wie dem in Schwäbisch Gmünd engagierten Nigerianer Rex Osa, den Netzwerken "Karawane" und "The Voice", der Initiative "Refugees for Refugees" oder Marina Naprushkinas "Neuer Nachbarschaft Moabit" in Berlin.

"Mir fehlt da immer etwas: die Stimme der Geflüchteten", sagt Süngün. Auf ihrer Tour soll man sie hören.
"Mir fehlt da immer etwas: die Stimme der Geflüchteten", sagt Süngün. Auf ihrer Tour soll man sie hören.

Einige von ihnen wie Osa oder La Toya Manly-Spain, die 1994 vor dem Bürgerkrieg in Sierra Leone geflüchtet war und nun mit dem "Schwabinggrad Ballett & Arrivati" auf Hamburger Straßen und Plätzen Aktionskunst macht, hat sie auch am 17. Juni zu einem Symposium an der Kunstakademie eingeladen; ebenso den Künstler Ulf Aminde, der an Kunsthochschule Weißensee in Berlin Mappenkurse für Flüchtlinge gibt, um sie auf die Bewerbung an einer Akademie vorzubereiten.

Es war der zweite Teil einer Veranstaltung zum Thema "Fluchtpunkte. Kunst Handeln Denken in der Krise", den ersten hatte Professor Felix Ensslin gestaltet. In der Nähe der Akademie sind im Juni um die 130 Geflüchtete in die Container der "Roten Wand" eingezogen. Seit dem Wintersemester 2015/16 gibt Süngün auch ein Seminar an der Akademie. Sie will von ihren Studierenden wissen, welche Fragen sie an das Thema haben, und die geschichtliche Entwicklung der politischen Aktionskunst aufarbeiten. Für das Symposium haben ihre Teilnehmer eine Performance entwickelt.

Süngün hat auch die Veranstaltungen der Stadt Stuttgart zur Kulturarbeit mit Flüchtlingen besucht. "Mir fehlt da aber immer etwas", moniert sie, "die Stimme der Geflüchteten." Sie fragt: "Was ändern alle diese Projekte am Leben der Geflüchteten hier?" Mit ihren Studierenden will sie politisch diskutieren und stellt fest: Es gibt da einen großen Bedarf. 


Info:

Die Ausstellung in der Villa Merkeluft noch bis Sonntag, 21. August, dienstags von 11 bis 20 Uhr und mittwochs bis sonntags von 11 bis 18 Uhr.


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