Klassenlehrerin Ulrike Deyhle (links), ein Vabo-Schüler mit Tonangel und Kontext-Redakteurin Anna Hunger. Bilder: Screenshots aus dem Film

Ausgabe 280
Gesellschaft

Neues Deutschland

Von Anna Hunger
Datum: 10.08.2016
Am Anfang war ein Artikel in Kontext. Danach haben Kontext-Redakteurin Anna Hunger und der Kameramann Steffen Braun eine Schulklasse mit jungen Flüchtlingen das Schuljahr über begleitet. Jeden Mittwoch haben sie voneinander gelernt. Und am Schluss gemeinsam einen Film gedreht. Rückschau auf ein ungewöhnliches Bildungsprojekt.

Eines darf auf keinen Fall fehlen in unserem Film: der Running Gag. Es ist mucksmäuschenstill in der Vorbereitungsklasse der Gottlieb-Daimler-Berufsschule in Sindelfingen. Auf Tischen und Stühlen sitzen 14 Schülerinnen und Schüler, zwei Jungs stehen in der Mitte des Klassenzimmers, einer mimt den Deutschen, der andere den Flüchtling. Der Kameramann ruft: "Und bitte!"

Der Deutsche fragt: "Wie lange bist du schon in Deutschland?"
Der Flüchtling: "Ein Jahr und zwei Monate."
"Oh, du sprichst aber gut Deutsch."
"Aber der Artikel ist schwer. Und Dativ auch."
"Ach, das wird schon, das können nicht mal die Deutschen richtig."

Schon bei "Dativ" prustet die Klasse los, das "richtig" ist kaum noch zu hören, weil alle wiehern und sich kugeln vor Lachen. Denn das ist der Satz, den diese Jungs und Mädels am häufigsten hören. Wir haben ihn als i-Tüpfelchen an den Schluss unseres kleinen Films gehängt, den wir mit der Vabo 2, einer der Sprachklassen der Gottlieb-Daimler-Schule, gedreht haben.

Sechs Monate haben wir beide nun mit dieser Klasse gearbeitet. Wir haben Ideen gesammelt, uns Fragen für Interviews überlegt, Moderationstrainings gemacht, gezeigt, wie ein Schnittprogramm aufgebaut ist, wie eine Kamera funktioniert und eine Tonangel. Wir haben über Pressefreiheit, das deutsche Mediensystem und über Politik gesprochen. Wir alle haben viel voneinander gelernt.

Den Film, der dabei entstanden ist, dürfen wir nicht öffentlich zeigen, weil einige der Jugendlichen politisch verfolgt sind. Dabei wäre es lehrreiches Material. Gerade jetzt, wo über jugendliche Axtmörder und Selbstmordattentäter gesprochen wird, wäre es hilfreich, diejenigen einmal kennenzulernen, um die sich die Diskussion dreht.

Ein Boot voller toller Leute

Nicht alle in unserer Klasse sind Flüchtlinge, aber viele von ihnen. Es gibt ein Mädchen aus Brasilien, eines aus den USA, einen Kroaten, zwei junge Frauen aus Mazedonien, einen Kurden, einen Afghanen, zwei aus dem Kosovo, zwei aus Gambia, einen Inder, einen Kurden, Syrerinnen und Syrer. Manche waren zu Beginn unseres Projekts, im Januar dieses Jahres, erst drei Monate da. Einige sind mit ihren Familien gekommen, andere leben in betreuten Einrichtungen, weil sie alleine hier sind und minderjährig.

Wir sehen bei unserem ersten Besuch vor allem Nachrichtenbilder vor uns sitzen: Armut, IS, zerbombte Häuser. Wir sagen: "Mensch, ihr könnt aber schon gut Deutsch." An der Tür zum Klassenzimmer klemmt eine Postkarte. "Das Boot ist voll" steht darauf, "voller toller Leute". An den Wänden hängen selbst gemachte Fotoporträts von den SchülerInnen in Drucktechnik sowie die ganze Riege der deutschen Bundespolitik mit Name, Funktion, Foto. Mit der Zeit kommen bunte Plakate mit Wünschen und Träumen dazu.

Einer möchte Schreiner werden, ein anderer Schweißer, ein Mädchen Journalistin, ein Junge Arzt, ein anderer vor allem ein guter Fußballer. "Was ist dein Traumberuf?", fragen wir einen zarten Siebzehnjährigen aus Kosovo. "Ich möchte in einem Frisörsalon arbeiten", sagt er schüchtern, ein kleines Lächeln unter akkurat geföhnter Haartolle. "Wie war dein Weg nach Deutschland?" "Es war kalt. Sehr kalt", sagt er und schlingt die Arme um den Oberkörper.

Viele von ihnen waren in ihren Heimatländern schon auf der Schule, auch der Junge aus dem Kosovo. Er erzählt uns, wie er nach einigen Jahren nicht mehr hingehen konnte, weil die Familie das Geld nicht mehr hatte für den Bus und die Bücher. Manche haben eine geübte Handschrift mit Schwüngen und Häkchen, andere schreiben, als hätten sie erst selten einen Stift in der Hand gehabt. Manche können Power-Point-Präsentationen erstellen, andere haben noch nie etwas von Google gehört. Einmal drücke ich einem Schüler einen USB-Stick in die Hand. Er ruft mir nach, "Was ist das?" Ich sage: "Na, ein USB-Stick, da ist ein Film drauf." Er schaut den Stick an, zieht den Deckel ab. "Da drin?"

In Deutschland haben sogar Hunde einen Ausweis

Sie lernen von uns. Der Kameramann erzählt von meinem Hund Bert und davon, welche Rasse in seinem Hundepass steht. Ein Ausweis für einen Hund? Im Ernst? Eine Woche später geben wir das blaue Heftchen mit den EU-Sternen durch die Reihen. "Gassi gehen" steht an der Tafel. Und "Tierheim". Ein Ort für Tiere, erklärt Steffen Braun, damit sie nicht auf der Straße rumlaufen. Verständiges Nicken. "Gute Idee."

Und wir lernen von ihnen. Die Klassenlehrerin Ulrike Deyhle, die diese Klasse mit viel Herzblut durch ihr erstes Schuljahr in Deutschland lotst, erzählt uns, sie wollte in einer Stunde Geografie machen, hat eine Weltkarte aufgehängt. Das ist Europa, sagte sie. Und ihre Schüler sagten: Da sind wir mit dem Schiff angekommen, dort lang gelaufen, da haben sie mir meine Jacke geklaut, und da war ich schon, und dort auch. "Daran hatte ich überhaupt nicht gedacht", sagt die Lehrerin.

Wir erklären die Kehrwoche, "die haben die Stuttgarter erfunden". Ein Gambier sagt, in dem Ort, aus dem er kommt, würden die Leute auch immer samstags die Straße fegen. Wenn einer nicht fegt, klopfen die anderen an seine Tür, bis er rauskommt. Die Brasilianerin mit den langen, dunklen Locken zeigt Aufnahmen, auf denen sie Samba tanzt, wie eine junge Göttin. Später wird sie eine unserer Kamerafrauen.

Ein Syrer erzählt uns atemlos, wie er "sexy Videos" drehen musste, Vergewaltigungen, die Waffe eines IS-Manns an der Schläfe. Der junge Mann sitzt im Rollstuhl. Es gibt immer einen in der Klasse, der ihn schiebt, und wenn er lacht, ist es so ansteckend, dass alle mit einfallen. Seit drei Jahren lebt er in Deutschland. Eines davon hat er dafür gekämpft, von einer Schule für Körperbehinderte auf die Berufsschule wechseln zu können, weil er Kontakt zu nicht behinderten Menschen haben wollte. Seine Betreuerin seufzt, wenn sie von dieser gewaltigen Anstrengung erzählt, und sagt dann mit einem Lächeln, er sei eben eine sehr starke Persönlichkeit.

Unser Tontechniker ist Kurde, der Moderator Afghane

Es gibt einen Afghanen in der Klasse. Vier Monate war er nach Deutschland unterwegs. Ein junger Mann mit Lederarmband, klug, interessiert, immer gut angezogen und ungewohnt höflich für einen 17-Jährigen. Wenn er auf ein weißes Blatt Papier schreiben soll, zieht er mit Lineal und Bleistift gerade Linien und setzt erst dann die geschwungene Handschrift darüber. Seine Aufschriebe sehen aus wie Gemälde. Er lebt in einer betreuten WG. Die Wohnung ist hübsch, aber karg. Keine Poster, kein Schnickschnack, weil die vier jungen Männer, die dort leben, kaum etwas besitzen. Der Afghane ist einer unserer Moderatoren vor der Kamera, "hallo, Leute!", strahlt er ins Objektiv und gibt eine Führung durch die Gottlieb-Daimler Schule – Foyer, Werkraum, Cafeteria mit Billard und Tischkicker. Er würde gerne einmal die Freunde besuchen, mit denen er hierher geflohen ist, aber sie leben verteilt auf ganz Deutschland. Als er einmal versuchte, eine Genehmigung zu bekommen, musste er so viele Fragen beantworten, dass er es irgendwann sein ließ.

Einer der Tontechniker ist Kurde, meist ist er mit dicken schwarzen Kopfhörern unterwegs und hält seinen Mitschülern ein Mikrofon unter die Nase. Einmal zeigt er ein Musikvideo seines Lieblingsrappers. Es spielt in einem Gerichtssaal, der Angeklagte ganz klein, der Richter riesig auf der Richterbank. So habe er sich bei der Anhörung für das Asylverfahren gefühlt, sagt einer der Gambier.

Der Kurde kommt aus Syrien. Er erzählt uns, wie seine Mutter zum Abschied sagte: "Junge, du bist noch so klein. Aber geh und mach deine Schule fertig." Mit seinen Kumpels ist er abgehauen, Schiff, Zug, laufen, Zug, laufen, und immer wieder einen neuen Schlepper finden, der einen noch mal über eine Grenze bringt, die man am Tag vorher schon überquert hat. "Bakschisch", schreibt die Lehrerin an die Tafel. "Schmiergeld." Am Anfang sei es schwer gewesen in Deutschland, sagt er, dann habe er sich gewöhnt. Woran? "An das Alleinesein."

Wir haben Recherchieren geübt und Vorträge über die Heimatländer der SchülerInnen erarbeitet, damit alle die Geschichten ihrer MitschülerInnen kennen. Wie es bei ihnen zu Hause aussieht, welche Probleme es gibt, welche Orte sie dort lieben und vermissen. Wir sehen alte Kulturdenkmäler in Syrien, einen See in Afghanistan, auf dem Familien mit Booten fahren, die aussehen wie bunte Enten. Auf einem Bildschirm ist ein alter Mann mit Turban und traditionellem afghanischem Gewand zu sehen. "So sehen die Leute bei euch aus?", fragt ein Schüler mit großen Augen.

Lieblingsessen: Kartoffeln mit Quark

Ein Kosovare zeigt auf dem Beamer das Bild eines Mannes, der im Müll nach Metall sucht. Einer der Gambier beschreibt, wie es sich anfühlt, wenn man nicht sagen darf, was man denkt, immer auf der Hut zu sein. Der Kroate erzählt, wie sehr ihm das Gemeinschaftsgefühl fehlt, das Zusammensitzen in der Familie, mit Freunden, Bekannten. "Die Deutschen" sagt er, "gehen immer nach Hause und sind alleine." Der Junge aus Indien zeigt eine Prozession mit Hunderten bunten Lichtern auf einem Fluss und schluckt schwer. "Deutschland ist toll", sagt er, "aber nicht so schön wie zu Hause."

Zwei Mädchen aus Syrien und die Brasilianerin haben einen Vortrag vorbereitet, in dem es um Frauenrechte geht. Das Titelbild zeigt zwei Augen hinter Gefängnisstäben. Eines der Mädchen trägt Kopftuch, immer in anderen bunten Farben, und für uns ist es komisch zu hören, wie sie beschreibt, wie gefangen Frauen unter einer Burka sind. Ein paar Jungs kichern, als einer erzählt, dass es Männer gibt, die ihre Frauen das erste Mal in der Hochzeitsnacht sehen. "Surprise", sagt ein Syrer, hebt ein imaginäres Stück Stoff in die Höhe, kuckt verschreckt. Es wird der Gag des Vormittags. In einem Interview fragt ihn seine Mitschülerin aus den USA, was sein Lieblingsessen sei: "Das internationale syrische Nationalgericht", sagt er. "Okay, und Kartoffeln mit Quark."

13 Minuten lang ist der Film geworden. Das Filmzentrum Bären in Böblingen hat uns einen Kinosaal zur Verfügung gestellt, in dem wir mit Popcorn und Cola eine interne Premiere feiern konnten. Zum Abschied haben der Kameramann und ich Bücher verschenkt, die der Rowohlt-Verlag uns gespendet hat. Wir haben viel Unterstützung erfahren für unser Projekt.

Nach den Sprachprüfungen der SchülerInnen schickt die Klassenlehrerin eine begeisterte WhatsApp-Nachricht: "Die Ergebnisse waren sensationell! Sie sollten A 1 schaffen, sieben haben dann sogar A 2 erreicht und unglaubliche acht Leute schon B 1!!!" "Ja, die können schon gut Deutsch", sage ich. Der Kameramann grinst und sagt: "Nur der Artikel ist schwer. Und Dativ auch. Aber das können ja selbst die Deutschen nicht richtig."


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1 Kommentar verfügbar

  • Insider
    am 12.08.2016
    Kontext-Redakteurin Anna Hunger und der Kameramann Steffen Braun haben wirklich ein ungewöhnliches Bildungsprojekt umgesetzt. Die pädagogische Arbeit von Klassenlehrerin Ulrike Deyhle scheint von besonderem Erfolg gekrönt zu sein und verdient Respekt und Anerkennung.

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