Ausgabe 275
Gesellschaft

Kein Heiliger

Von Anna Hunger
Fotos: Joachim E. Röttgers
Datum: 06.07.2016
Der Schönbühl liegt am Ende von Serpentinenstraßen, die von Weinstadt den Berg hinaufführt. Idyllische Lage, einerseits. Andererseits könnte genau dort auch der Arsch der Welt sein. Der Immobilienmakler Thomas Barth wollte auf dem Gelände ein Ökodorf bauen, jetzt ist es eine Flüchtlingsunterkunft. Barth würde am liebsten ein ganzes Dorf daraus machen.

Kürzlich hat Thomas Barth 50 Fahrräder für die Kinder gekauft. Die Räder fanden Riesenanklang, die 50 Fahrradhelme weniger. Helm??? Auf keinen Fall! Weil Barth es aber gefährlich findet, wenn Kinder ohne Kopfschutz auf Feldwegen herumsausen, kassiert er mittlerweile jedes Rad ein, das helmlos befahren wird. Wer seines wiederhaben will, muss mit der verhassten Kopfbedeckung wiederkommen. 

Thomas Barth ist der Besitzer des Schönbühls und des Saffrichhofs bei Weinstadt, und die Steppkes, die er da beschenkt hat, sind Flüchtlingskinder, die mit ihren Familien in den Häusern auf dem Berg untergebracht sind. Und das ist die Geschichte von einem ausgewiesenen Kapitalisten, der mit Herz und Hand aus Not Tugend macht.

Der Schönbühl mit seinen 12 Gebäuden hat eine lange Historie. 1866 wurde er gegründet als "Rettungsanstalt für besonders entartete und verbrecherische Knaben evangelischer Confession", in der Nazizeit war die Hitlerjugend dort, dann ein Arbeitserziehungslager, später wieder ein Jugendheim. Ab 2003 standen die Gebäude leer und der Schönbühl war ein Ort, an dem Halbwüchsige sich heimlich zum Kiffen trafen.

Der Schönbühl (vorne) mit Saffrichhof (hinten) von oben. Foto: www.leo-bw.de
Der Schönbühl (vorne) mit Saffrichhof (hinten) von oben. Foto: www.leo-bw.de

Das Gelände gehörte dem KVJS, dem Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg, der es nach Jahren des Leerstands verkaufte. Der Schebbes-Verein, ein Zusammenschluss ehemaliger Heimkinder und Freunde des Gehöfts, wollte das Gelände kaufen, hatten aber das Geld nicht. Die Stadt Weinstadt hatte das Vorkaufsrecht, bot aber nur vier Millionen Euro. Thomas Barth, der Immobilienmann, bot fünf.

Vor zwei Jahren hat er den Schönbühl gekauft, ein altes Hofgut, Stallungen, eine große Gärtnerei, eine Werkstatt und den Saffrichhof, sechs Mehrfamilienhäuser etwas unterhalb am Hang, in dem die Lehrer und Erzieher früher wohnten. 15 Hektar Land gehören Barth insgesamt.

Eigentlich wollte er alles abreißen, eine autarke Siedlung mit Plusenergiehäusern bauen, die mehr Strom erzeugen, als sie verbrauchen. Manche nennen die Planung im Rückblick eine großartige grüne Mustersiedlung, andere berichten von einer Gated Community mit Elektrozäunen um ein nahezu futuristisches Neubaugebiet, hinter denen Dobermänner reiche Leute vor Eindringlingen schützen.

Der Schebbes-Verein klagte, ein "Stück württembergische Sozialgeschichte" würde mit dem Abriss vernichtet, Anwohner hatten Angst, dass der Autoverkehr zur Siedlung unerträglich würde. Thomas Barth hielt Bürgerversammlungen ab, versprach nur lärm- und emissionsarme Elektroautos, diskutierte und stritt, und irgendwann war die Idee mit der Ökosiedlung passé. Dafür kamen Tausende Flüchtlinge ins Land, und Barth vermietete an den Landkreis. Zuerst nur ein Gebäude auf dem Schönbühl zum symbolischen Preis von einem Euro, eine Ausnahme vonseiten der Mieter, denn die Zweckbestimmung des Gebäudes ist eigentlich die Unterbringung von Jugendlichen, nicht von Flüchtlingen.

Der Überlassungsvertrag lief bis Mai dieses Jahres, wurde verlängert bis Dezember und läuft dann aus. Vielleicht. Die Stadt und der Landkreis wünschen sich "eine andere Entwicklung" für das alte Gehöft.

Am 12. Dezember 2015 zogen die ersten Geflüchteten ein. Im Artikel "Anpacken im Winterquartier" haben wir darüber berichtet.

Zum Artikel.

Die sechs großen Häuser des Saffrichhofs, die ein Stück entfernt liegen vom Schönbühl, wurden vom Landkreis saniert und auf zehn Jahre angemietet. Inzwischen leben auf Barths Gelände rund 350 Frauen und Männer, darunter 50 Kinder, fast wie in einem Dorf.

Es gibt einen medizinischen Behandlungsraum, einen Fitnessraum, eine Tischtennisplatte, eine Art Café, in dem goldfarbener Tee in kleinen Gläsern serviert wird, zwei Klassenzimmer mit bunten Kinder-Handabdrücken an den Wänden, für die Deutschkurse.

Mittwochs kommt der Freundeskreis Asyl und betreibt in einer der alten Werkstätten eine Fahrradreparatur. Im Gebäude daneben trainiert das Rote Kreuz seine Hundestaffel. Ansonsten kommen nur wenige Deutsche auf den Berg. Wie kann Integration über die Distanz gelingen?

Das ist das größte Problem dieses Ortes und der Stadt, die Angst hat vor "Ghettobildung". Der Weg in die Stadt sei sehr weit, klagen auch die Flüchtlinge, und der Bus, den das Landratsamt für Schulkinder und Stadtbesucher stündlich dort hoch und runter fahren lässt, sei nur bis in den frühen Abend unterwegs. Mit dem Rad ist runter zwar schön, aber hoch eine Tortur.

Ob Thomas Barth da ist, sieht man am Porsche-Cabrio, das dann auf dem Hof steht. Barth ist ein streitbarer Typ. Ein Schaffer und Macher, ein Einmischer und Getriebener. Ein Geschäftsmann, der Mieter auszahlt und rauswirft, wenn er eine andere Idee hat für ein aufgekauftes Haus. Es gibt eine Menge Leute, die ihn regelrecht hassen. Er sitzt im "Café", einem großen Raum mit zusammengewürfeltem Mobiliar an einem Tisch. "Irgendwann habe ich einen merkantilen Vorteil von dem hier", sagt er. Einen Heiligenschein lehnt er ab.

Mehrere Sozialarbeiter, Hausmeister und Securitys arbeiten auf dem Gelände. Barth ist der Typ mit dem großen Vermögen, der richtet, was mit Geld und Nachdruck zu richten ist. Manchmal sind es Dinge, manchmal auch Seelen.

Er erzählt von einem Eimer Farbe, den er auf normalem Wege beantragen wollte. "Dazu muss man einen Antrag schreiben, auf Englisch mit drei Durchschlägen." Da reicht's ihm schon. Dauert zu lang, da geht er lieber selbst in den Baumarkt. "Dann ist es erledigt." Geduld ist nicht seine Stärke.

Die Bewohner eines Hauses haben mit der Farbe die Wände rosa gestrichen. Ganz hinten an der Wand steht in schnörkeliger Schönschrift "Willkommen".



Die meisten Männer, die hier leben, können nähen. Also hat Barth Nähmaschinen besorgt und viele Meter Stoff, aus denen sie Gewänder schneidern und Kleider für die Kinder.

Als Thomas Barth einmal Männer auf dem Flur knien und beten sah, kam er am nächsten Tag mit ein paar Perserteppichen. Seitdem gibt es auf dem Schönbühl zwei Gebetsräume. Einen hübschen, hellen mit einer kleinen Bibliothek für die Männer. Und ein sehr karges Kämmerlein mit grünem Teppich für die Frauen. Der Imam ist ein schüchterner, feiner Mann aus Pakistan. Bis Ende des Jahres wird er noch auf dem Schönbühl leben.

Ein altes Küchenbrett aus Plastik hängt an der Wand und zeigt die Gebetszeiten an.

Barth hat den Bewohnern ein Gewächshaus zur Verfügung gestellt. Dort wachsen nun Gurken, Zucchini, Tomaten, mannshohe Bohnengewächse, Paprika, sogar Pepperoni. In Beeten außerhalb bauen sie Salat an, Kohlrabi und Zwiebeln. Irgendwann könnte es auf dem Saffrichhof sogar eine Laden geben, in dem das Gemüse angeboten wird. "Eine richtige Ladenstraße", sagt Thomas Barth, mit Bäcker, Gemüseangebot, Tante-Emma-Geschäft. Noch eine Idee für sein Projekt. Nur: Das Gewächshaus liegt auf dem Schönbühl-Gelände, das offiziell nicht zweckgemäß genutzt und dessen Belegung nur toleriert wird. "Die Gärtnerei, und das ist ein Statement, werde ich nicht hergeben", sagt Barth und klingt sehr kämpferisch.

Hunderte Blumen haben die Bewohner auf freie Flächen rund um den Hof und die großen Wohnäuser des Saffrichhofs gepflanzt und dort wo der Bus hält, einen Platz mit Bänken angelegt und eine Skulptur aus Holz darauf gebaut. Drei Stelen, davor ein herzförmiges Beet. Es soll rot bepflanzt werden.

Was er gelernt hat, sagt Barth, ist, das Geld nicht nur dazu da ist, um etwas zu kaufen. Es verschafft auch Respekt und die Autorität, die es vielleicht manchmal im engen Zusammenleben von 350 Menschen braucht.

"Was ist denn hier los?", ruft er, als sich der Busfahrer des Schulbusses beschwert, weil die Kinder die ganze Fahrt über Radau gemacht haben.

Thomas Barth ist nicht nur beliebt mit seinem Engagement. Manche sagen, es würdige ehrenamtliches Engagement herab, wenn einer so mit Geld um sich wirft. Andere flüstern, er würde sich nur profilieren wollen auf Kosten der Flüchtlinge, sein Ego streicheln mit der Not dieser Menschen. Einige werfen ihm vor, er sacke nur satt Miete ein, alles andere wäre Mache. Sechs Euro bekommt er pro vermietetem Quadratmeter im Monat, 3000 sind es, macht 18 000 Euro gesamt. Das ist günstig.

"In meinem früheren Leben konnte ich beeinflussen, was ich tue", sagt Barth dazu. "Heute kann ich nur beeinflussen, ob es den Leuten gut geht, die hier leben. Wenn da das Ego in den Vordergrund rückt, kann ich das nicht weiter machen." 

Manchmal bringt er Schokolade mit, für alle. Als es kürzlich heiß war, kam er mit 150 Eis auf den Hof gefahren. Eine alte Dame, die mit einem Beutel Süßigkeiten auf dem Weg herauf gewesen sei, habe umgedreht und sei wieder gegangen, erzählt Barth. "Das ist doch blöd." Denn eigentlich ist ihm doch jeder willkommen.

Barth ist an seiner neuen Aufgabe sichtlich gealtert. Vielleicht an der Tiefe dessen, was er hier vom Leben erfährt.

Er erzählt von einem Jungen, der in seiner Heimat den Kopf aus dem Fenster streckte und dem ein  vorbeifahrender Bus das halbes Gesicht wegriss. "Dann steht er vor mir und zeigt auf sein schiefes Schnütle", sagt Barth und zuckt hilflos mit den Schultern. Er erzählt von dem Schuhmacher, der einem Mann mit Klumpfuß extra Schuhwerk angefertigt hat. Eine Ärztin hatte den Kranken zuvor weggeschickt, Klumpfuß behandle man hier nicht, soll sie gesagt haben. Er erzählt von dem schwachen Kind, das in seinem "Bettle liegt, wie eine Fee" und es nicht mehr lange machen wird, und von den zwei Familien, die sich nicht verstanden. Der eine Mann trat der anderen Frau in den runden Bauch. Barth quartierte eine der beiden Familien in einer anderen seiner vielen Immobilien ein, weit weg. Das Baby wurde tot geboren. "Wer bestattet so ein Kind?", fragt Barth. Letztlich hat er einen Friedwald ausfindig gemacht und eine kleine Beerdigung organisiert.

Er erzählt das alles nicht mit der Tragik und Schwere, die solchen Geschichten innewohnen. Es sind einfach Dinge, die passieren, und Aufgaben, die erledigt werden müssen in einer so großen Unternehmung. Und das tut er. Mit Hand und Herz und auf diese nachdrücklich, autoritäre Art und Weise, die man an ihm hassen oder mögen kann.

Das größte Problem mit den Flüchtlingen sei deren Religion, sagt er. Weil die Deutschen den Islam nicht verstünden. "Die Leute verstehen oft nichtmal, dass jemand mich auch dann schätzt, wenn er mir nicht die Hand geben möchte." Es ist das einzige Mal an diesem sonnigen Tag, dass Traurigkeit über sein Gesicht huscht. "Wir Deutschen müssen noch sehr viel lernen", sagt er.

Draußen auf der Straße vor dem Hof saust eine Gruppe Kinder auf Fahrrädern vorbei. Alle mit Helm.

Info:

Am Sonntag, 10. Juli, laden die Bewohner von 11 bis 16 Uhr zum großen Sommerfest für alle ein. Es gibt Filmvorführungen, eine Ausstellung mit Kinderbildern, eine Spielstraße, eine historische Ausstellung zum Gelände, Musik und Spezialitäten als allen möglichen Ecken der Welt.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!
botMessage_toctoc_comments_9210
KONTEXT per E-Mail:  

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail. Datenschutz-Hinweis

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!