Ausgabe 270
Schaubühne

Bilder vom Warten

Von Hasan Al Hussein (Text und Fotos)
Datum: 01.06.2016
"Wohin des Weges?" Das fragt das Ensemble des Theaters Lindenhof auf der Schwäbischen Alb im gleichnamigen Theaterstück seit seiner Premiere am 18. Mai. Zusammen mit anderen Geflüchteten steht auch Hasan Al Hussein aus Syrien auf der Bühne und bringt Geschichten über Flucht und Exil ins Scheinwerferlicht. Der 21-jährige ist im April 2015 nach Deutschland gekommen und hat seinen anstrengenden Weg mit einer Kamera dokumentiert.

"Dies ist in Syrien im Dorf von meinem Vater. Wir haben Opa und Oma besucht. Der Junge heißt Selah Aldin. Er ist der Sohn von meinem Onkel. Sein Vater kämpft für die Kurden im Krieg und ist selten zu Hause. Der Junge liegt vor einem Lehmofen, wo Brot gebacken wird. Ich mag ihn. Er macht immer alles anders als andere Kinder – möchte wie ein Großer sein, stark! Damals wussten wir, dass wir aus Syrien weggehen wollten, aber noch nicht, wann. Im Dorf selbst gab es keinen Krieg. Aber es wurde immer schwerer, an Essen zu kommen, alles war teurer als früher."

"Das war vor der Abreise. Ich bin mit meinem Onkel raus aufs Land in unseren Garten und habe Tomaten und Gemüse geholt. Alle waren froh. Die ganze Familie war zusammen. Es war auch schwer, aber besser als jetzt. Jeder war in einem Land, und man konnte sich immer sehen."

"Als die IS in die Nähe meiner Stadt kam, haben alle Leute ihre Sachen eingepackt und sind mit Autos zur Grenze zwischen Kurdistan und dem Irak gefahren. Ich bin mit Mama, Papa, zwei von meinen Brüdern und zwei Schwestern los."

"Kurz vor der Grenze konnten die Autos nicht weiterfahren. Es gab nur drei bis vier von diesen kleinen Pick-ups. Ein Mann vermietete das Auto und nahm Gepäck mit, aber man musste viel bezahlen. Es war Sommer und sehr heiß. Über die provisorische Brücke ging der Weg zur Grenze. Kurdische Peschmerga sorgten dafür, dass nicht zu viele auf einmal über die Brücke gingen. Es war so heiß, und es gab kein Wasser. Manche haben das Wasser aus dem Fluss getrunken. Wenn den Leuten das Gepäck zu schwer wurde, haben sie es einfach fallen lassen. Auf der Brücke bin ich über Taschen, Fernseher, Fotos gelaufen ... auch ein totes Kind. Die Grenze war zu. Und es wurden immer mehr Leute. Meine Eltern haben gesagt, wenn die Grenze geöffnet wird, soll ich zuerst gehen, da ich, wenn ich bleibe, in der kurdischen oder syrischen Armee oder für die Opposition kämpfen muss. Als sie endlich geöffnet wurde, bin ich schnell mit zwei Koffern los. Es war sehr eng. Ich habe mich dann hinter der Grenze hingesetzt und habe gewartet. Zwei Stunden. Dann habe ich meine Mutter und Schwester gesehen. Dann mussten wir warten, bis uns Fahrzeuge zum Camp gefahren haben. Es kamen Busse, Taxis, Armeefahrzeuge, Lastwagen, aber es waren einfach zu viele Leute. Wir haben von morgens bis abends gewartet. Um 21 Uhr konnten wir mit."

"Wir haben zusammen ein Zelt mit Matratzen bekommen. Anfangs konnte man im Zelt nicht kochen. Die Regierung verteilte Essen an die Leute. Jeden Tag musste man anstehen und auf das Essen warten. Irgendwann konnten wir selbst kochen. Aber es ist sehr gefährlich. Jeden Monat brennt ein Zelt."

"Das Leben im Zelt war sehr schwer. Im Sommer war es sehr heiß – bis 50 Grad. Wenn ich jetzt in Deutschland in meiner Wohnung sitze oder was zu essen kaufe, dann bin ich immer froh und denke daran, wie es im Camp ist. Zwei Jahre habe ich im Camp gelebt. Meine Familie ist jetzt drei Jahre dort. Ich wollte raus nach Deutschland. Im Irak gibt es keine Arbeit für mich und Zukunft. Mein Vater hat gesagt, ich soll gehen. Er hatte nur Angst vor dem Meer. Er hat gesagt, gehe nicht über das Meer. Ich bin alleine losgegangen. In die Türkei mit einem Schlepper. Einen Tag durch die Berge zu Fuß. Das war der schwerste Tag auf der ganzen Reise. Es war so heiß. Ein Tag und eine Nacht. Wegen der kurdischen Armee und der türkischen Armee durfte man keinen Laut machen. Es waren auch Frauen und Kinder mit. Ich wollte unterwegs nicht mehr. Der Schlepper hat uns in eine Wohnung in einem Untergeschoss in Istanbul gebracht. 15 Leute in einer Wohnung, die alle warten. Jeden Tag hieß es, heute gehen wir los. 15 Tage ging das so."

"Das war auf einem Hügel neben dem Flüchtlingslager. Da haben wir ein kurdisches Fest gefeiert. Das war am 21. März. Abends macht man ein Feuer. Wir haben das Feuer gemacht, und dann kam die Polizei und sagte, es geht nicht. Aber wir haben Musik gemacht und getanzt, und ein bisschen konnte man das alles um sich herum vergessen."

"Die Kinder im Camp haben eine schlechte Zukunft. Es gibt eine Schule im Camp, aber keine guten Lehrer. Die Kinder sehen neben dem Camp ein Dorf und fragen sich, warum sie im Zelt wohnen müssen und nicht auch im Haus. Sie bleiben nicht im Zelt, sie gehen immer raus und sind im Camp unterwegs und spielen. Im Camp gab es sehr viele Kinder. 15 000 Leute gab es, davon 90 Prozent Familien. Bei uns haben die Familien viele Kinder. Ich habe im Camp ein bisschen für Save the Children gearbeitet in der Kinderbetreuung. Wenn ich durch das Camp gelaufen bin, haben die Kindern auf mich gezeigt und gesagt: 'Das ist mein Lehrer.' Die Arbeit mit den Kindern hat sehr viel Spaß gemacht."

"Das Bild habe ich auf einem Berg oberhalb des Camps gemacht. Jeden Nachmittag sind mein Freund und ich hochgestiegen und wir haben uns gefragt: 'Warum sind wir hier?', 'Was machen wir hier?', 'Wie kann eine Familie in einem Zelt leben?' In Syrien haben wir ein Haus, Zimmer, ein Garten. Und jetzt ein Zelt. Kochen, Schlafen, Bad, alles in einem Zelt. In Syrien, wenn wir da Camps im Fernsehen gesehen haben, haben wir uns gefragt, wie das geht. Wir dachten, es geht nicht."

"Das war sozusagen das Bad in einem Familienzelt. Eine Schüssel und ein Behälter, mit dem man Wasser über sich gießen kann. Aber nicht immer gab es Wasser. Die Wasserleitung war sehr langsam. Deshalb musste man das Wasser zum Zelt tragen. Jedes Zelt hatte dafür einen Behälter. Wir haben viel Wasser gebraucht, da es so heiß war."

"Von Istanbul bin ich sieben Tage im Lastwagen auf Kartons nach Deutschland gefahren. Mit einem Schlepper. Beim ersten Mal haben sie uns entdeckt und wir mussten zurück. In Deutschland war ich eine Woche in Dortmund, in Karlsruhe im Zelt und dann einen Monat in Meßstetten. Im Herbst kam ich nach Mägerkingen. In Syrien hatten wir auch Schnee, aber wenig. Hier gibt es sehr viel Schnee. Der Winter hier war mir zu kalt. Minus 25 Grad. Wenn du rausgehst, brennt das. Hier braucht man viel Kleidung. Hier auf dem Dorf ist es etwas schwer für mich. Ich mag eigentlich nicht auf dem Dorf leben, sondern in der Stadt. Aber keine Chance. Also muss ich erst einmal hier bleiben. Ich bleibe auch wegen dem Theater erst einmal hier."

Hasan Al Hussein im Grünen. Foto: privat
Hasan Al Hussein im Grünen. Foto: privat

Das ist Hasan Al Hussein. Er ist 21 Jahre alt und in der Nähe von Qamischli in Syrien geboren. Versteckt auf einem Lkw kam er mit der Fähre von der Türkei nach Italien und von da aus im April 2015 nach Deutschland. Mittlerweile spricht er neben seiner Muttersprache Kurdisch auch ein bisschen Deutsch – er wartet momentan auf einen Sprachkurs. In seiner Heimat hat Hasan studiert, um Erdölförderingenieur zu werden. Da es in Deutschland aber kein Öl gibt, spielt er mit dem Gedanken, Fotograf zu werden. Seit dem 18. Mai ist er Teil des Ensembles für das Theaterprojekt "Wohin des Weges" am Theater Lindenhof in Melchingen auf der Schwäbischen Alb – dort wohnt er auch.

Die Texte für diese Schaubühne hat er gemeinsam mit Simone Haug vom Theater Lindenhof aufgeschrieben.


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