Sprache ist der Schlüssel zur Gemeinschaft: Ein Schüler der Vabo 1. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 243
Gesellschaft

Professor Hamdi weiß, wie's läuft

Von Anna Hunger
Datum: 25.11.2015
Während sich die Politik in Deutschland und Europa über der Flüchtlingsfrage zerfleischt, wird die Herausforderung in den Niederungen des Alltags einfach gerockt. Wie in einer Vorbereitungsklasse der Gottlieb-Daimler-Berufsschule in Sindelfingen.

Judi will Journalistin werden, Moudar Ingenieur und Aldijana auf gar keinen Fall Automechanikerin. "Never!!" Es folgt eine Erklärung, wasserfallartig, Aldijana erzählt von Schraubern, von zu Hause, von den USA, laut, schnell, American English mit großen Gesten und dem ein oder anderen Quietschen, als Hamdi, vierte Reihe links, schmal und lang, plötzlich den Oberkörper über den Gang beugt und mitten rein in die Suada etwas wackelig den Satz des Tages sagt: "Deutsch sprechen, bitte!"

Lehrer Wolfgang Warth springt auf, ruft: "Hamdi!", schnappt sich von irgendwoher ein geknicktes DIN-A4-Blatt, blau, ein Namensschild, dass mal einer "Ruth" gehört haben muss, und streckt es Hamdi hin. Mikrofonersatz. "Du kennst die Regeln, erklär sie uns", sagt Warth zu dem Jungen und dann, aufrecht und feierlich, zum Rest der Klasse: "Hier kommt Professor Hamdi!" Der steht auf, platziert sein blaues Mikro unter der Nase und sagt gewichtig und langsam: "Wir sind hier in Deutschland, wir sprechen Deutsch. Und wir machen unsere Handys aus." Die Klasse johlt und applaudiert. Einer steht auf, klatscht den jungen Eritreer ab, umarmt ihn. Hamdi macht eine Verbeugung, setzt sich, gelungene Showeinlage. "So wie Hamdi gerade geht es allen anderen, wenn ihr Albanisch, Eritreisch oder Arabisch sprecht", sagt Wolfgang Warth. Sprache ist der Schlüssel zur Gemeinschaft.

Es ist Donnerstagvormittag im Zimmer F 108 der Gottlieb-Daimler-Schule (GDS), grüne Tafel, graue Tische, Overhead-Projektor, ein paar Plakate mit einem Regelwerk hängen an den Wänden: Wer krank ist, meldet sich ab, wir sind freundlich zueinander. Daneben hängen Fotos der Klasse auf einer Wiese. 19 Schüler, zwischen 15 und 17 Jahre alt, in zwei sauberen Reihen. Es ist eine gut gelaunte Gemeinschaft aus allen Ecken der Welt, das Zimmer möchte fast bersten vor Energie, und kein Mensch würde auf den ersten Blick vermuten, dass die, die hier sitzen, Krieg, Gewalt, Armut und Elend noch gar nicht so lange entronnen sind. 

"Wie heißt diese Klasse hier?", fragt Warth. "Vabo 1", sagt Hamdi, springt auf, setzt sich wieder, er ist der Klassenclown.

Vabo - das heißt: "Vorqualifizierung Arbeit/Beruf mit Schwerpunkt Erwerb von Deutschkenntnissen". Ein Orientierungsjahr mit Mathe, Gemeinschaftskunde, Werken, Praktikum und vor allem Deutschunterricht. Angelo kommt aus Italien. Aldijana kommt aus den USA, Judi aus Syrien, Moudar auch, Valmir kommt aus Albanien, Sebastian aus dem Irak, Toni aus Gambia. Manche haben Gymnasialniveau, andere kennen noch nicht einmal das Alphabet. Sie leben in Sammelunterkünften, in Pflegefamilien, in Wohngruppen für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Sindelfingen, Magstadt, Maichingen. Es klingt poetisch, wie sie in dieser Klasse "Dettenhausen" oder "Oberjesingen" aussprechen.

Warth ist ihr Lehrer an diesem Tag. Seit 20 Jahren ist er an der Schule, 48 Jahre alt, keiner der Hurra-willkommen-Schreier, eher ein Pragmatiker mit einer gesunden Portion Herzenswärme.

Der Andrang auf die Vorbereitungsklassen ist riesig

Ende der Neunzigerjahre gab es schon mal Vorbereitungsklassen in der GDS, für die Kriegsflüchtlinge aus dem Kosovokrieg. Mit den Jahren wurden sie immer weniger wichtig, verschwanden schließlich ganz, bis vor zwei Jahren das Kultusministerium anrief und nachfragte, ob Warth zehn Roma-Schülerinnen aufnehmen könne. Mittlerweile gehen 48 junge Flüchtlinge aus allen möglichen Ländern auf seine Schule. Drei Vorbereitungsklassen sind voll, und der Andrang so groß, dass Wolfgang Warth jedes Mal das Herz bricht, wenn er einen Jugendlichen ablehnen muss, für den es keine Kapazität mehr gibt. 

Drei Lehrer hat er in den vergangenen zwei Jahren eingestellt und braucht eigentlich weitere Deutschlehrer, Sonderpädagogen und noch eine Fachkraft für die Alphabetisierung. Ungefähr 600 mit der Kompetenz Deutsch als Fremdsprache fehlen im ganzen Land für derzeit insgesamt 2000 Vorbereitungsklassen – 300 an Berufsschulen, 1600 an allgemeinbildenden Schulen. Von den 900 zusätzlich eingestellten Lehrern in diesem Schuljahr, teilt das Kultusministerium auf Anfrage mit, seien 562 alleine für die Vorbereitungsklassen, weiter 600 sollen im Schuljahr 2015/2016 eingestellt werden. Und weil der Lehrermarkt momentan so gut wie leer gefegt ist, hat Kultusminister Andreas Stoch erst vor drei Wochen 30 000 Pensionäre angeschrieben. Die Rückmeldungen laufen gerade ein. Wolfgang Warth hat selbst einen Kollegen im Ruhestand angesprochen. Wenn der mitmacht, gibt es Klasse Vabo 4 an der GDS 1.

Hamdi gähnt herzhaft über Aufgabe 2 auf seinem Arbeitsblatt. Worte ergänzen: "Guten Tag! Das ... Julia Klein. Sie ... aus München und ... jetzt in Ulm." "Finish!", ruft Julian und streckt die Beine unterm Tisch aus. "Ich – bin – fertig", verbessert Warth streng. Es braucht ein strenges Regiment, um diesen Haufen zusammenzuhalten. "Wenn die Klasse abdriftet, kann man es vergessen", sagt Warth später. "Dann herrscht kein deutsches Durcheinander, sondern eines auf Arabisch und Albanisch, das kriegt man nicht mehr in den Griff." Das Temperament sei zudem ein ganz anderes als in gewöhnlichen Klassen, und Hamdi, der Professor und Klassenclown, könne ziemlich laut werden. "Aber die Vabo-Schüler sind viel freundlicher untereinander, sie helfen sich gegenseitig, stärken sich. Das sind Welten, wenn man ihren Umgang miteinander mit dem Klima in den normalen Klassen vergleicht."

Vor einem Jahr wurde Wolfgang Warth klar, dass sehr viele Flüchtlinge kommen werden und dass die Zahlen weiter steigen werden. Damals gab es keinen Stundenplan, kein didaktisches Konzept. Also haben sie selbst ein internes Curriculum erarbeitet, Lehrer und Sozialpädagogen in dem Lehrerzimmer mit dem kleinen Gummibaum auf dem Regal. "Yes we can" steht auf dem Topf, rot, wie ein Ausrufezeichen.

Erlebnispädagogik statt bloßer Wissensvermittlung

Seitdem machen sie Erlebnispädagogik, Ausflüge, demnächst in die Wilhelma oder ins Daimler-Museum. Sie machen Team-Training, vor ein paar Wochen erst. Volleyball, laufen, wandern, Rad fahren, damit sich die jungen Frauen und Männer im deutschen Straßenverkehr zurechtfinden. Sie gehen schwimmen, weil zwar viele Schüler aus Küstengebieten kommen, aber nicht schwimmen können.

Warth arbeitet mit Sportvereinen zusammen, mit der Sindelfinger Bürgerstiftung, die demnächst ein Musikprojekt anbieten will. Die Schule hat Projekttage organisiert mit dem Titel "Menschen in Bewegung", es ging um Flucht und Verständnis und Willkommen für Flüchtlinge. Es gibt ein Patenprojekt, in dem Schüler des Technischen Gymnasiums Ansprechpartner für Flüchtlinge an der GDS werden. Und natürlich versucht die Schule ihre Schützlinge in Lehrstellen zu vermitteln. Der Innungsobermeister Hartmut Nietsch aus Aidlingen läuft sogar Werbung bei seinen Malerkollegen.

"Was fehlt", sagt Lehrer Warth, "sind Übergangsbereiche." Ausbildungsbereiche, wo man Ausbildung macht und gleichzeitig Deutsch lernt. Daimler beispielsweise hat ein Pilotprojekt für Praktika mit hausinternem Sprachkurs. Das können natürlich vor allem kleine Betriebe nicht leisten. Und vor allem denen fehlt es an rechtlicher Sicherheit bei zu vielen ungeklärten Fragen der Flüchtlingspolitik. Denn an Bereitschaft zur Hilfe mangelt es nicht. Alleine in Böblingen sind nach einer Umfrage der Handwerkskammer 70 Prozent der Mitglieder bereit, Flüchtlinge einzustellen. 

Warths Vabo-Schüler sind alle unter 18. Offiziell. Aber, sagt Warth, er möchte wetten, dass es darunter auch Volljährige gibt, "Die machen sich schon in der Erstaufnahme jünger, weil sie als Minderjährige Unterstützung bekommen", sagt er. Mit der Volljährigkeit sind sie auf sich alleine gestellt. "Das ist eines der größten Probleme, das die Politik lösen muss", sagt er. "Was wird denn sonst aus denen, die über 18 sind?"

Aldijana, die Amerikanerin, streckt geräuschvoll. Ob sie mal aufs Klo dürfe, bitte, bitte, bitte? Warth macht eine scheuchende Handbewegung, und das Mädchen flitzt durch die Tür. "Ich mag nicht die Polizei", sagt Hamdi kurz darauf in einem "Was magst du, was magst du nicht"-Sprachspiel. "Professor Hamdi!", ruft einer von hinten. Dieser Spitzname wird ihm bleiben.

In seiner Heimat Eritrea saß Hamdi im Gefängnis, erklärt Wolfgang Warth später. Er weiß einiges von seinen Schülern, oft gruselige Geschichten. Und er kennt ihre Ängste. Erst vor ein paar Tagen, sagt er, habe er Gespräche mit zwei Schülern geführt, die einen Abschiebetitel bekommen haben. "Das macht mich traurig", sagt er. Es wird Lücken reißen in diese fröhliche Klassengemeinschaft, Angst und Unsicherheit zurücklassen.

Leise geht die Tür wieder auf. Aldijana kommt vom Klo zurück. Sie trägt ein weites, graues Sweatshirt. "Fuck Problems" steht vorne drauf.


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