Ausgabe 240
Gesellschaft

Belegt die Hallen, die Villa bleibt leer

Von Minh Schredle
Datum: 04.11.2015
Mannheim ist Multikulti. Menschen aus 170 Nationen wohnen in der Stadt, die mit 300 000 Einwohnern die drittgrößte ist in Baden-Württemberg. Und sie hat am meisten Flüchtlinge - mit Abstand. Eine Mehrheit sagt, sie würde das verkraften. Doch die Obergrenze sei erreicht.

Mehr als 300 Zuschauer verfolgen das Freundschaftsspiel Deutschland gegen Afghanistan. Auf dem Platz stehen keine Profis, sondern Flüchtlinge und eine Mannschaft der Universität Mannheim. Es wird viel gelacht, und das fast jeden Tag, weil so ein Kick häufig stattfindet, hier im Columbus-Quartier, wo 5 000 Flüchtlinge untergebracht sind. Die Stimmung am Spielfeldrand ist gut. 

Im Rathaus werden solche Begegnungen mit Wohlwollen betrachtet. Doch nicht alles läuft so reibungslos. Der Oberbürgermeister der Stadt, Peter Kurz (SPD), sieht sich vor der "größten Herausforderung seit der Wiedervereinigung", und er sagt das ohne Pathos, erst recht nicht in Panik. Nüchtern, analytisch, sorgenvoll, aber nicht verzweifelt. Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: "Wir müssen das schaffen. Und das werden wir, auch wenn es nicht einfach wird."

Benjamin Franklin Village in Mannheim. Foto: Stadt Mannheim/Kay Sommer
Benjamin Franklin Village in Mannheim. Foto: Stadt Mannheim/Kay Sommer

Die Republik steht vor außergewöhnlichen Aufgaben, und Mannheim ganz besonders. Denn hier gibt es etwas, was überall im Land am dringendsten benötigt wird: Platz, um Menschen unterzubringen.

Der Stadtteil der Zukunft

Im Mannheimer Norden befindet sich, von Maschendraht umzäunt, eine Kleinstadt mit eigener Infrastruktur: Das Benjamin Franklin Village. Mit fast 150 Hektar ist die Siedlung beinahe so groß wie die Innenstadt, in der gut 25 000 Menschen wohnen. Auf Franklin lebten früher etwa 8000 US-Soldaten mit ihren Familien, bildeten die größte geschlossene Wohnsiedlung, die amerikanische Streitkräfte je in Deutschland errichtet haben. Auf dem Gelände gibt es ein Kino, eine Kirche, Sportanlagen, Supermärkte, Schulen.

Vor drei Jahren sind sie ausgezogen und seitdem steckte die Kommune viel Hirnschmalz und Geld in ein Konzept, das einen völlig neuen Stadtteil vorsieht: Weitläufige Bebauung mit vorbildlicher Energieeffizienz, hohe soziale Durchmischung, grünes Wohnen für alle Altersklassen und jeden Geldbeutel. Das Investitionsvolumen liegt bei etwa einer Milliarde Euro. OB Kurz spricht von einem "Stadtteil der Zukunft".

Doch die Zukunft kam anders. Seit diesem Juli wird das Franklin-Gelände als Bedarfsorientierte Erstaufnahmestelle zur Flüchtlingsunterbringung verwendet. Träger ist das Land Baden-Württemberg, das zur Zeit nicht mehr auf diese Kapazitäten verzichten kann: Rund 9000 Asylsuchende leben auf dem ehemaligen Militärgelände, womit Franklin bereits jetzt die größte Massenunterkunft des Landes ist. Und trotzdem: Während andere Erstaufnahmestellen wie in Ellwangen und Meßstetten dramatisch überbelegt sind, könnten in Mannheim noch einige tausend zusätzliche Plätze geschaffen werden. Mit vergleichsweise geringem Aufwand und vor allem kurzfristig.

Riesige Kapazitäten

Gut 5000 Menschen kommen im Columbus-Quartier, dem ehemaligen Gewerbegebiet von Franklin, unter. Jeweils um die 2000 Menschen leben in den Stadtteilen Funari-Barracks und Sullivan-Barracks. Hier gibt es hauptsächlich Verwaltungsgebäude, die umfunktioniert wurden. Damit sind alle Teile von Franklin bezogen, außer den eigentlichen Wohngebieten: Die Offizierssiedlung und Franklin-Mitte. Hier stünde noch Platz für mindestens 10 000 weitere Menschen zur Verfügung. In der Tat, es müssten noch neue Wasserleitungen und Stromkabel verlegt werden, und das würde mehrere Millionen Euro kosten - aber es wäre in kurzer Zeit zu bewerkstelligen. Allein die luxuriöse und leer stehende Generalsvilla bietet 338 Quadratmeter Wohnfläche.

Verglichen mit zweckentfremdeten Turnhallen und notdürftigen Zeltstädten wären Franklins Wohngebiete ein kleiner Himmel auf Erden. Interessant wird nun sein, ob Baden-Württemberg auf diese Option verzichten kann, ob die Absprache zwischen Land und Stadt hält, die lautet: Maximal 12 000 Menschen auf den ehemaligen Militärgeländen Mannheims, und auch das nur über den Winter. Ab dem 31. März sollen Funari und Sullivan wieder freigegeben werden. Franklin-Mitte und die Offizierssiedlung müssen angeblich nicht belegt werden - hier will die Stadt schon im Frühjahr 2016 mit den ersten Bauarbeiten beginnen. Doch Zahlen und Zusagen sind in diesen Zeiten wie Schall und Rauch.

Die Notlösung wird zum Vorzeigemodell

Ein Beispiel dafür ist das Patrick Henry Village am Stadtrand von Heidelberg. Die ehemaligen US-Kasernen wurden im November 2014 eilends hergerichtet, damit dort 1000, allerhöchstens 2000 Flüchtlinge über den Winter leben könnten. Eigentlich hätte die Einrichtung nur wenige Monate betrieben werden sollen, so der Plan. Heute sind dort über 4000 Menschen untergebracht. Mehr noch: aus der "Notlösung" wurde flugs ein "Vorzeigemodell".

In der Heidelberger Bevölkerung sorgt das für Ärger und Unverständnis. Nicht, weil man unwillig wäre, so viele Flüchtlinge aufzunehmen. Sondern vor allem, weil man sich von der Politik hintergangen und belogen fühlt. Inzwischen ist das Patrick Henry Village zur Zentralen Registrierungsstelle Baden-Württembergs geworden und damit mittelfristig unverzichtbar. Drei Viertel aller neu ankommenden Flüchtlinge werden nach Heidelberg gebracht, sollen hier registriert und medizinisch untersucht werden und ihren Asylantrag stellen. Dieses Prozedere hat vorher einige Wochen, teils sogar mehrere Monate gedauert. Jetzt, plötzlich, soll alles viel schneller gehen. 

So schnell, dass Innenminister Thomas de Maiziere (CDU) bei seinem jüngsten Besuch ganz begeistert war. Ein "Pilotprojekt mit Vorbildfunktion" für ganz Deutschland sei's, sagte er. Mehr Geschwindigkeit bei den Verfahren, Beschleunigung beim Abschieben, Entlastung für die überfüllten Landeserstaufnahmestellen, das bringe Heidelberg. Und jetzt fragen sich die Einheimischen, ob die Zentrale Registrierungsstelle vom Himmel gefallen oder schon über Monate hinweg geplant worden ist. Tatsache ist, dass Landesbranddirektor Hermann Schröder das Vorhaben des Landes am 16. September in einer Sondersitzung des Gemeinderats angekündigt hat. Keine zwei Wochen später ging die Registrierungsstelle in Betrieb.

Himmel und Hölle

Zurück in die Nachbarstadt Mannheim. Neben dem Benjamin Franklin Village existieren hier noch andere ehemalige Militärflächen, die für die Unterbringung von Flüchtlingen verwendet werden - auch wenn sie viel schlechter dafür geeignet sind. Das knapp 100 Hektar große Spinelli-Areal zum Beispiel, das nie zum Wohnen vorgesehen war. Jetzt hausen dort mehr als 2000 Menschen in Lagerhallen, darunter Familien mit Kindern. Sie schlafen direkt nebeneinander auf Feldbetten: 1,90 Meter auf 60 Zentimeter. Privatsphäre? Fehlanzeige. Warmes Wasser? Reine Glückssache. Die hygienischen Zustände? Ekelerregend. Kein Wunder, dass die Stimmung unter den Flüchtlingen gereizt ist. Mehrfach haben bereits Demonstrationen stattgefunden, bei denen insbesondere Syrer ankündigten, man werde sich "diese Behandlung nicht weiter gefallen lassen".

Im Franklin Village ist es dagegen ruhig. Das liegt auch am DRK Mannheim, dessen Geschäftsführerin Christiane Springer als Chef-Koordinatorin eine bemerkenswerte Arbeit vor Ort leistet. Viele Flüchtlinge bezeichnen sie liebevoll als "Mama". Sie kennt ihre Sorgen und Nöte, kümmert sich persönlich oder weiß, wer helfen kann. "Die Menschen, die hier ankommen, haben Angst, nach ihrer Flucht alleine gelassen zu werden", sagt sie: "Wir erklären ihnen ganz offen, dass es auch für uns eine große Herausforderung ist, so kurzfristig so viele Menschen gut aufzunehmen. Aber wenn wir ihnen klar vermitteln, dass wir alle unser Bestes geben und dass sie uns vertrauen können, dass wir für ihre Grundbedürfnisse sorgen, wird das verstanden und respektiert."

Bevor das DRK die Leitung übernommen hat, waren 300 Menschen in der High School auf Columbus untergebracht. Heute schläft dort niemand mehr. Wie das möglich war? "Wir wollten das nicht länger dulden," sagt Springer. Ihre Augen blitzen. Nach einer kurzen Pause fügt sie hinzu: "Natürlich geht nicht alles auf einmal. Aber oft ist sehr viel mehr möglich als man denkt, wenn man etwas Schritt für Schritt aufbaut." Springer lebt Toleranz, Respekt und Offenheit aktiv vor - die Flüchtlinge spiegeln ihr Verhalten. So kann es gehen.

"Obergrenze ist erreicht"

Toleranz, Respekt und Offenheit sind die Werte, die auch Oberbürgermeister Kurz in fast jeder seiner Reden in den Mittelpunkt rückt. Werte, die Mannheim auszeichnen. Kaum eine Stadt in Süddeutschland ist so stark von Migration geprägt. Heute leben hier Menschen aus über 170 Nationen, größtenteils in friedlichem Miteinander. Sechs von zehn Kindern unter sechs Jahren haben einen Migrationshintergrund. 

Und trotzdem: Auch Mannheim ist keine Insel, kein Hort der Nächstenliebe. Die Sorge, überfordert zu werden, ist auch hier spürbar. Nach einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen Mitte Oktober sind 53 Prozent der Bevölkerung überzeugt, Mannheim könne die aktuelle Zahl an Flüchtlingen "verkraften". Damit liegt die Stadt über dem Bundesschnitt. Gleichzeitig bedeutet es aber auch, dass sich fast die Hälfte der Bevölkerung der Herausforderung nicht gewachsen fühlt. Wie sich dieses Verhältnis verändern wird, wenn die Zahlen noch weiter zunehmen, weiß niemand.

"Wir müssen das schaffen," lautet die Antwort des Oberbürgermeisters: "Und das werden wir." Er betont allerdings auch ausdrücklich, dass die Leistungsfähigkeit der Stadt nicht unendlich ist. Mit 12 000 Menschen sei eine Belegungsobergrenze erreicht, die sich allein schon aus der "bestehenden Sicherheitsinfrastruktur der Feuerwehren und Rettungskräfte" ergebe. Mannheim nimmt bereits jetzt deutlich mehr als doppelt so viele Flüchtlinge auf wie Karlsruhe oder Stuttgart. Noch ist die Hilfsbereitschaft in großen Teilen der Bevölkerung riesig - das sollte von der Landespolitik nicht ausgenutzt und überstrapaziert werden.

Mehr geht nicht, sagt OB Kurz

Als die US-Streitkräfte das Benjamin Franklin Village 2012 verließen, ging das Gelände in den Besitz der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) über. Diese stellte die Flächen dem Land zur Unterbringung von Flüchtlingen zur Verfügung. Mehr als zwei Jahre haben die Stadt Mannheim und die BImA über die Kaufbedingungen von Franklin verhandelt. Nach der Verwendung von Franklin als Bea erschien zunehmend unwahrscheinlicher - in der vergangenen Woche kam es überraschend doch dazu. Für Mannheims Oberbürgermeister bedeutet das, die Pläne zur Stadtentwicklung können nun verwirklicht werden. 

Herr Kurz, das Land beabsichtigt, bis zu 12 000 Flüchtlinge über den Winter auf den Mannheimer Konversionsflächen unterzubringen. Halten Sie es für realistisch, dass die zugesagte Obergrenze eingehalten werden kann?

Im Auftrag von Bund und Land werden in den früheren Kasernen bis zu 12 000 Plätze für eine erste Aufnahme von Flüchtlingen eingerichtet. Das ist für uns die Belegungsobergrenze, die sich aus bestehenden Sicherheitsinfrastruktur der Feuerwehren und Rettungskräfte ergibt. 

Halten Sie es für realistisch, dass Funari und Sullivan ab dem 31. März 2016 wieder vom Land freigegeben werden?

Das Land Baden-Württemberg hat ebenso wie die Stadt Mannheim ein Interesse daran, dass zügig Wohnungen gebaut werden. Eine soziale Durchmischung des neuen Quartiers ist Ziel der Planungen - dazu gehört neben Eigenheimen genauso ein Anteil an Sozialwohnungen. Für den Bereich Franklin-Mitte können die Bauarbeiten im Frühjahr 2016 bereits beginnen. Wir gehen fest davon aus, dass die Planungen umgesetzt werden können. Die Freigabe für das Gebiet nördlich der Birkenauer Straße, einschließlich Funari und Sullivan, ist Bestandteil des inzwischen abgeschlossenen Vertrages.

Ist mit einem Erwerb von Franklin durch die Stadt Mannheim ausgeschlossen, dass auf Franklin-Mitte und der Offizierssiedlung Flüchtlinge überwintern werden?

Auf dem Areal der Offizierssiedlung und im Bereich Franklin Mitte ist keine Unterbringung von Flüchtlingen vorgesehen. Auch aus technischen Gründen ist es ausgeschlossen, auf dem weitläufigen Gelände für wenige Wochen die notwendige Infrastruktur zu schaffen. Mit Columbus, Funari und Sulivan wurden mit 9000 Plätzen ausreichende Kapazitäten geschaffen. 


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