Ausgabe 280
Schaubühne

1000 Wohnungen

Von Dietrich Heißenbüttel
Fotos: Joachim E. Röttgers
Datum: 10.08.2016
In der Weimarer Republik war die Not groß. Und es wurde viel dagegen getan. Ab 1925 baute die Stadt Stuttgart jährlich 1000 Wohnungen – und förderte ebenso viele auf genossenschaftlichem Weg. 100 Jahre später schafft ein grüner OB gerade mal 278 Sozialwohnungen.

Fritz Kuhn kommentierte die Entscheidung, die zwei Weißenhof-Häuser des Meisters ins Weltkulturerbe aufzunehmen, so: "Le Corbusiers Impuls, günstige Wohnungen mit innovativen Grundrissen und neuen Materialien zu bauen, ist noch immer wegweisend und muss daher Ansporn für unsere Architekten und Stadtplaner sein." In Bezug auf Grundrisse und Materialien hat Kuhn sicher recht. Aber der Impuls, günstige Wohnungen zu bauen, kam nicht von Le Corbusier. Er kam von den enormen Problemen des Wohnungsmarkts und den massiven staatlichen Eingriffen, um diese zu bewältigen. Im Ersten Weltkrieg war der Wohnungsbau zum Stillstand gekommen. Danach war das Angebot knapp und das verfügbare Einkommen der Arbeitnehmer gering.

Die Probleme unterschieden sich kaum von heute. "Wo [...] eine Stadt vorausschauende Bodenpolitik betrieben hat, d. h. recht viel Land erworben oder im Besitz gehalten hat, anstatt damit Bodengeschäfte zu treiben, wird die Vorstadtsiedlung auf städtischem Boden als Randsiedlung entstehen können", schreibt Paul Schmitthenner, damals seit zwei Jahren Architekturprofessor in Stuttgart, 1920 in der Daimler-Werkzeitung. Zu dieser Zeit fehlen in Stuttgart 6000 Wohnungen. Die Alternative sah Schmitthenner darin, "den Ring zu durchbrechen", das heißt etwas weiter weg, wo es noch billiges Bauland gab, satellitenartige Gartenstädte zu errichten. Ernst May, der Architekt des "Neuen Frankfurt", griff das Konzept auf: Daraus entstanden später die Trabantenstädte mit all ihren Problemen. Der Grund für Zersiedelung und Flächenverbrauch liegt hier: dass bezahlbarer Grund und Boden in der Stadt nicht zu finden war.

Die Weimarer Republik reagierte mit Wohnraumbewirtschaftung und Mieterschutz, einer rigiden Begrenzung der Miethöhen und einer massiven Wohnungsbauförderung. Bereits 1920 investierte der Staat zwei Milliarden Reichsmark. Gedeckt wurden die Ausgaben zunächst durch eine fünfprozentige Abgabe auf die Mieten, dann ab 1924 durch die Hauszinssteuer, die von Haus- und Grundbesitzern erhoben wurde, weil sie von der Inflation nicht betroffen waren. Diese Abgabe verschaffte den Kommunen eine Grundlage, zu handeln. 1925 beschloss der Stuttgarter Gemeinderat, auf städtische Kosten jährlich 1000 Wohnungen zu bauen. 5650 städtische Wohnungen wurden es bis 1930, das entspricht einem Anteil an den Neubauten von 30 Prozent. Daneben förderte die Stadt auch Genossenschaften und private Bauherren, die mithilfe von Baudarlehen nochmal 5824 Wohnungen errichteten.

Mangel macht modern

Die moderne Architektur steht also nicht am Ausgangspunkt dieser Entwicklung, sie ist umgekehrt von ihr geprägt: Alles schmückende Beiwerk galt als suspekt, schlicht und einfach sollte die Wohnung sein. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie wenig Raum der Mensch mindestens benötigt. Am Weißenhof wurden viele neue Verfahren erprobt. Günstiger Wohnraum entstand jedoch anderswo, entweder in städtischer Regie oder von Genossenschaften.

Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg gründeten sich mehrere Wohnbaugenossenschaften, darunter die Baugenossenschaft Zuffenhausen: "von beherzten Männern", wie es auf der Homepage der Genossenschaft heißt, "um die nach dem Ersten Weltkrieg entstandene Wohnungsnot zu lindern". Dieser schöne Block an der Stammheimer Straße war ihr erstes Objekt. Nun will die Genossenschaft ihren Stammsitz abreißen – die gut erhaltenen Altbauten werfen nicht genug ab.

Die Gasarbeitersiedlung im Stuttgarter Osten entstand ab 1921 größtenteils in Eigenarbeit der späteren Bewohner, die sogar die Bausteine selbst herstellten. Nach Fertigstellung gingen die 87 Häuser in ihren Besitz über. Manchen heutigen Eigentümern waren die schlichten Häuschen aber offenbar zu unauffällig: Mit kräftigen Farben halfen sie nach.

Die Weißenhofsiedlung entstand 1927 innerhalb von nur 21 Wochen im Rahmen der Werkbund-Ausstellung "Die Wohnung". Ziel war, neue Bauweisen zu erproben. Der Künstlerische Leiter, Ludwig Mies van der Rohe, konstruierte seinen viergeschossigen Wohnblock – das einzige Mietshaus der Siedlung mit vorwiegend Zweizimmerwohnungen – als Stahlskelett mit verschiebbaren Wänden. Preisgünstig waren die Wohnungen nicht.

Aber direkt neben der Weißenhofsiedlung – vorn das Haus von Hans Scharoun – baute zur selben Zeit der Bau- und Heimstättenverein sein erstes Objekt, Aushängeschild bis heute: den Friedrich-Ebert-Hof mit dem Schönblickturm, dem ersten Wohnhochhaus Stuttgarts. Im ehemaligen Höhenrestaurant Schönblick residierte früher die IG Metall Baden-Württemberg.

Der Reichskanzler lässt grüßen: 1924 hatte sich die sozialdemokratisch orientierte Genossenschaft gegründet, die bis heute die Wohnungen besitzt und vermietet. Vor einigen Jahren gab es Streit, weil der Verein, der den Friedrich-Ebert-Hof regelmäßig instandhält, einen Wohnblock an der Wagenburgstraße im Stuttgarter Osten abreißen wollte. Seit der Verein eine neue Leiterin hat, haben sich die Wogen geglättet.

Der Architekt Karl Beer orientierte sich an den Wohnhöfen des "roten Wien". Die bei einer Renovierung 1997 wiederhergestellten roten Fensterbänder lassen trotz Sprossen und Fensterläden auf Sympathien für das "Neue Bauen" schließen. Aber die Weißenhofsiedlung war Beer zu elitär. Er hat noch weitere Wohnsiedlungen erbaut, auch das Gewerkschaftshaus, das allerdings kurz vor seiner Einweihung von den Nationalsozialisten okkupiert wurde. Beer kam in "Schutzhaft" und emigrierte 1935 in die Schweiz.

Ebenfalls zur selben Zeit wie die Weißenhofsiedlung baute die Stadt Stuttgart am Rand des Villa-Berg-Parks die Siedlung Raitelsberg. Auch hier gehen traditionelle Elemente wie Walmdach und Fensterläden mit neuen Formen wie den horizontal durchlaufenden Bändern und den an die Gebäudeecke gesetzten Fenstern, Hand in Hand.

Raitelsberg bestand ursprünglich aus 804 Wohnungen. Heute sind einige der nicht sehr großen Dreizimmerwohnungen zu größeren Einheiten verbunden. Im Zentrum der Siedlung, geplant von einer Architektengemeinschaft unter der Leitung von Alfred Daiber, steht als Blickpunkt ein siebengeschossiges Wohnhochhaus mit getrepptem Flachdach.

Völlig zu Unrecht bei manchen als "Türkengetto" verschrien, bietet die Siedlung auf dreieckigem Grundriss, mit versetzt angeordneten Häuserzeilen und grünen Hinterhöfen, nicht weit von der Stadtmitte und direkt neben dem Park eine hohe Lebensqualität. Es gibt einen Laden, eine Grundschule, einen Aktivspielplatz sowie neuerdings ein Familien- und Begegnungszentrum der Jugendhausgesellschaft.

Ein erster Abschnitt der Siedlung Wallmer in Untertürkheim mit damals 108 Wohneinheiten war bereits 1926 fertiggestellt. Dann übernahm 1929 Richard Döcker, der Bauleiter der Weißenhofsiedlung, als Ortsvorsitzender des Bunds Deutscher Architekten (BDA). Es entstanden nochmals 316 Wohnungen in konsequent moderner Zeilenbauweise – allerdings auch hier mit Fensterläden. Bauherrin war die Stadt Stuttgart.

So bunt hatte Döcker keineswegs geplant: Bei ihm war die Siedlung einheitlich weiß. Ein pfiffiges Detail der jüngsten Sanierung sind die in die ursprünglichen schmalen Balkone eingeschobenen farbenprächtigen "Schubladenbalkone", welche deren Fläche fast verdoppeln. Die Siedlung, traditionell eher soziales Randgebiet, hat dadurch stark gewonnen.

Die Kochenhofsiedlung am Killesberg entstand 1933 unter der Leitung von Paul Schmitthenner als Gegenmodell zum Weißenhof. Schmitthenner – hier die zwei erhaltenen seiner ursprünglich drei Häuser – hatte bereits 1927 angefangen zu planen, dann wurden die Fördermittel gestrichen. In der Weltwirtschaftskrise kam die Idee einer Holz-Mustersiedlung auf, die vom Deutschen Werkbund unter der Leitung von Richard Döcker erbaut werden sollte. Nach der Machtergreifung der Nazis übernahm Schmitthenner.

Ursprünglich hatte sich die Forstdirektion bereit erklärt, unverkäufliches Holz kostenlos abzugeben, um damit preiswerte Wohnungen zu erstellen. Dann sollte die "notleidende Holz- und Forstwirtschaft" gestützt werden. Am Ende förderte die Stadt die Siedlung nur noch durch die vergünstigte Abgabe von Grundstücken an private Besitzer. Unter vorgeschriebener einheitlicher Dachneigung planten 24 Stuttgarter Architekten ziemlich ähnliche Häuser.

Lediglich Paul Bonatz, der den prominentesten Bauplatz erhielt, baute ein Mietshaus mit Bäckereianbau, aus dem später ein Restaurant wurde, das früher Holzwurm hieß. Täuscht der Eindruck, dass Bonatz mit horizontalen Fensterbändern ohne Klappläden demonstrativ an das Neue Bauen anknüpft?

 

Info:

2014 sind in Stuttgart 1940 neue Wohnungen entstanden, darunter etliche Luxus-Appartements, aber keine einzige Sozialwohnung. 2015 waren es immerhin 278 Sozialwohnungen, und von 2016 an sollen es jährlich rund 300 werden. Mehr als 4000 Haushalte, die dringend bezahlbare Wohnungen suchen, stehen in der Notfallkartei des Wohnungsamts. Über 1500 Personen sind in Hotels, Pensionen und Notunterkünften untergebracht – Flüchtlinge nicht mitgerechnet. OB Kuhns Bündnis für Wohnen hat sich nun auf 1800 Neubauwohnungen im Jahr geeinigt, davon 600 gefördert; Mietwohnungen für Bezieher mittlerer Einkommen und Eigentumsförderung inklusive. In seltener Einmütigkeit halten Immobilienwirtschaft, Haus- und Grundbesitzer und Mieterverein diese Zahl für viel zu niedrig. Nötig wären ihren Schätzungen zufolge zwischen 3500 und 8000 Wohnungen im Jahr. Zum Vergleich: 1925 hatte Stuttgart noch 340 000 Einwohner, heute sind es mehr als 600 000. Große Teile des heutigen Stadtgebiets, darunter die Fildervororte von Vaihingen bis Sillenbuch und die Nordregion von Weilimdorf bis Münster, gehörten damals noch nicht dazu. Dennoch entstanden zwischen 1925 und 1930 auf Stuttgarter Gemarkung jährlich rund 3000 Neubauwohnungen, davon rund 1000 auf Kosten der Stadt und nochmal so viele mit städtischer Förderung.


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