Ein Kasten im Grünen am Weißenhof in Stuttgart. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 229
Kultur

Architektur autoritär

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 19.08.2015
Seine zwei Weißenhof-Musterhäuser geben nur einen schwachen Begriff davon, was Le Corbusier vorhatte. Wenn sich sein Tod nun zum 50. Mal jährt und Ausstellungen den Stararchitekten feiern, mischen sich nicht zum ersten Mal kritische Stimmen in den Chor der Festredner. Der Mann war ein Faschist. Und ein Macho übelster Sorte.

Le Corbusier ertrank 1965 beim Schwimmen im Mittelmeer, und er starb in Sichtweite des Hauses E-1027 an der französischen Riviera. Das Haus hatte Eileen Gray 1925 bis 1929 für sich selbst und ihren Liebhaber Jean Badovici, den Herausgeber der Zeitschrift "L'architecture vivante", erbaut. Das Erstlingswerk der irischen Architektin steht hinter Le Corbusiers Bauten um nichts zurück. Als er sich von Gray trennte, ließ Badovici den Architekten ins Haus. Der ließ sich nackt ablichten, wie er die Wände mit großformatigen, mehr oder weniger erotischen Fresken bemalt. Er habe ein "rasendes Verlangen, diese Wände zu verdrecken", bekennt Corbu: "Zehn Kompositionen sind fertig, genug, um alles vollzuschmieren."

Ungeachtet der Anziehung, welche Eileen Gray auf den gebürtigen Schweizer ausgeübt haben mag: Der Meister konnte es offenbar nicht ertragen, dass ihm eine Frau das Wasser reichte. Und sogar noch zu widersprechen wagte: Ein Haus sei keine Maschine, sagte sie einmal, anspielend auf Le Corbusiers Wohnmaschinen. Bis zuletzt ließ ihn dies nicht los: 1951 baute er sich eine Hütte in Sichtweite. Dort ging er vor fünfzig Jahren zum letzten Mal schwimmen.

Er sympathisierte mit Hitler und Mussolini

Bis heute hält sich die Legende, moderne Architektur und Kunst seien per se demokratisch, während sich totalitäre Regimes eines abgestandenen Klassizismus bedienten. Dies trifft zu auf Hitler und Stalin, nicht aber auf die italienischen Faschisten. Und schon gar nicht auf Le Corbusier, der zwar das Rad neu erfinden wollte, aber gewiss nichts mit einer Demokratisierung im Sinn hatte.

Als Hitler Frankreich überfiel, betrachtete er dies als Hoffnungszeichen. Als Philippe Pétain daraufhin in Vichy ein Marionettenregime errichtete, dauerte es ganze zwei Tage, bis Le Corbusier hinterherzog. Er übte sich im Klinkenputzen, bis ihm der Marschall zu seiner großen Verzückung persönlich in die Augen sah und Aufträge erteilte.

Le Corbusiers Sympathien für Pétain, Mussolini und Hitler sind durch seine Briefe sowie mehrere Bücher und Aufsätze eindeutig dokumentiert. Es war mehr als Opportunismus. Es hängt mit seiner Denkweise zusammen. Aus Chaux-de-Fonds, einem Zentrum der Schweizer Uhrenindustrie stammend, hatte der Architekt, mit bürgerlichem Namen Charles-Édouard Jeanneret, dort erste Aufträge übernommen, die ihn indes nicht zufriedenstellten. Er reiste durch die Welt, arbeitete 15 Monate im Büro des Stahlbetonpioniers Auguste Perret und besuchte die führenden Architekten seiner Zeit. Nach dem Ersten Weltkrieg verlegte er seinen Wohnsitz nach Paris und begann zu malen und Manifeste zu verfassen. Anders lassen sich seine programmatischen Schriften nicht bezeichnen. Jeanneret wollte mehr als Feinmechanik. Er wollte ganze Städte auf den Kopf stellen.

Um seine Ansichten zu verbreiten, gründete er 1920 die Zeitschrift "L'esprit nouveau". Seine Artikel signierte er mit dem Pseudonym Le Corbusier, angelehnt an den Namen seines Urgroßvaters – und es sollte ein wenig nach "Le corbeau" (der Rabe) klingen. Mit Stuttgart war er insofern schon vor der Weißenhofsiedlung verbunden, als der Kunsthistoriker Hans Hildebrandt, Professor der Technischen Hochschule, seine Schriften zuerst ins Deutsche übertrug: Unter dem Titel "Kommende Baukunst" gab er 1926 das Werk heraus, das 1923 erstmals erschien und die wesentlichen Grundsätze seiner Architekturauffassung enthält.

Eines der beiden Häuser der Stuttgarter Weißenhofsiedlung ist die erstmalige Realisation des in diesem Buch beschriebenen "Typs Citrohan", so benannt nach der gleich ausgesprochenen Automobilmarke Citroën: Wohnhäuser sollten wie Ozeandampfer, Autos oder Flugzeuge in Serie gefertigt werden. Beide Häuser folgen Le Corbusiers programmatischen "fünf Punkten zu einer neuen Architektur", die sich auf zwei Grundsätze zurückführen lassen: Alles soll anders sein als zuvor. Und: Industrielle Fertigung ist das allein selig machende Prinzip.

Waren Häuser bis dahin in sich geschlossene Baukörper, in der Erdgeschosszone seit der Renaissance gern mit Naturstein-Bossen bewehrt, so sollte nun das Parterre völlig offen bleiben. Dünne Stützen hoben das Haus in die Höhe: Aus der Konstruktion des Skelettbaus, mit entwickelt von Auguste Perret, leiten sich drei der vier weiteren Prinzipien ab: Außen- und Innenwände, ihrer tragenden Funktion enthoben, sollten frei verschiebbar sein. Fenster, früher Löcher in einer geschlossenen Wand, wurden zu horizontalen Bändern zusammengefasst. Begehbare Flachdächer sollten darüber hinaus als Dachgärten dienen. Dahinter stehen die zu Beginn des Jahrhunderts formulierten Forderungen der Reformbewegung nach Licht, Luft und Sonne sowie der Gartenstadtbewegung: In Le Corbusiers Imagination standen seine Häuser in einer grünen Gartenlandschaft, die sich unter dem Haus und auf dem Dach fortsetzte.

Paris kann froh sein – der Stadt blieb Le Corbusier erspart

Notwendige Grundlage, um so konstruieren zu können, war der Stahlbetonbau. Der stachelte die hochfliegenden Fantasien des Architekten zu noch ganz anderen Projekten an. Nachdem er 1922 mit seinem Vetter Pierre Jeanneret ein Architekturbüro eröffnet hatte, trat er sogleich mit dem Konzept einer ganzen Stadt für drei Millionen Einwohner an die Öffentlichkeit: 24 identische, sechzigstöckige Hochhäuser sollten um einen 3,6 Quadratkilometer großen zentralen Platz stehen, den im rechten Winkel zwei bis zu 120 Meter breite Autobahnen kreuzten, darunter ein dreigeschossiger Bahnhof, oben ein kleiner Flugplatz. Im "Plan Voisin" übertrug er die Prinzipien 1925 auf das rechte Ufer der Seine in Paris, wo er die bestehende historische Bebauung komplett abreißen wollte.

Paris kann froh sein, dass dies der Stadt erspart blieb. Aber der Großmeister ließ von seinen Ideen nie ab. 1928 gehörte er zu den Initiatoren des Congrès International d'Architecture Moderne (CIAM), der von da an anfangs jährlich, dann unregelmäßig tagte und 1933 die Charta von Athen verabschiedete, die mit ihrem Dogma der Funktionstrennung zur ideologischen Grundlage vieler späterer Sünden der Stadtplanung wurde. Nach einer Reise in die USA entwickelte er sein Konzept 1935 zur "Ville radieuse", der strahlenden Stadt weiter. Die Hochhäuser New Yorks waren ihm zu mickrig. Seine "Unité d'habitation" (Wohneinheit), ein zuerst in Marseille und dann in verschiedenen weiteren Städten realisierte Hochhausscheibe mit 337 Wohneinheiten, war gedacht als Grundbaustein ganzer Städte.

"Man muss das Haus als eine Wohn-Maschine oder als ein Werkzeug betrachten", schreibt er bereits in "Kommende Baukunst" zu seinem Citrohan-Haus. Wie ein Industrieprodukt sollte das Wohnhaus geplant, gebaut und auch bewohnt werden. Was für Aldous Huxley eine Horrorvision war, war für Corbusier Wunschvorstellung: "Die Industrie hat zur Erzeugung der Massenware geführt; die Maschinen arbeiten in engem Zusammenwirken mit dem Menschen; die Auslese der Intelligenzen vollzieht sich mit unerschütterlicher Sicherheit: Handlanger, Arbeiter, Werkführer, Ingenieure, Direktoren, Generaldirektoren stehen alle am richtigen Platz."

Dies schreibt der Architekt in den frühen 1920er-Jahren, die Oktoberrevolution im Kopf. "Baukunst oder Revolution" ist das letzte Kapitel überschrieben, in dem Le Corbusier dem Leser weismachen will, dass bei richtiger, das heißt fabrikmäßiger Organisation von Architektur und Städtebau die von den Maschinen bestimmte Ordnung sich durchsetzen wird: eine durchrationalisierte Welt, in der Führungspersönlichkeiten die Kommandos erteilen, welche die anderen dann ohne Aufmucken ausführen. "Baukunst oder Revolution" – die letzten Worte in seinem Buch lauten: "Die Revolution lässt sich vermeiden."

Autoritäres Verständnis von Gesellschaft

1928 baute er dann doch für die Sowjetunion. Das Zentrosojus-Gebäude in Moskau für den Verband der Konsumgenossenschaften war bis dahin sein größter Auftrag. Später plante er für Algier, Rio de Janeiro, Ahmedabad und Bagdad, wo sein 1957 entworfener Sportkomplex erst 1978 bis 1980 von Saddam Hussein realisiert wurde. Was ihn mit vielen seiner Auftraggeber verband, ist ein autoritäres Verständnis von Gesellschaft. "Dieser Despot konzipierte Gewaltiges und er verwirklichte es", schreibt er in seinem Buch über Stadtplanung bewundernd zu einem Bild des Sonnenkönigs Ludwig XIV.

Seine undemokratische Haltung lässt sich auch an der einzigen Planstadt ablesen, die er, wenn auch nicht allein, gebaut hat. In Chandigarh, der Hauptstadt des indischen Pandschab, stammen von Corbusier selbst nur die drei monumentalen Regierungsgebäude im "Sektor 1", dem "Kapitol" oder "Kopf" der Stadt: Errichtet auf einem künstlichen Plateau, dominiert der Apparat aus 250 Meter langem Ministeriengebäude, Parlament und Justizpalast die Reststadt wie in früheren Zeiten eine Burg oder ein Schloss.

Überall auf der Welt hinterließ Le Corbusier Schüler und Nachfolger. Das Konzept der Planstadt griff Oscar Niemeyer in Brasilia auf, später Kenzo Tange in der nigerianischen Hauptstadt Abuja. Sein Beton-Brutalismus (von béton brut = roher Beton, Sichtbeton) und die Prinzipien der Charta von Athen haben überall auf der Welt tief in die Stadtbilder eingegriffen. Die autogerechte Stadt ist in ihrer Verkehrung des Verhältnisses von Mensch und Maschine eine typische Idee seiner Denkfabrik. Flächendeckender Abriss ganzer Stadtviertel, ödeste Hochhaus-Satellitenstädte: All das, was Alexander Mitscherlich mit dem Buchtitel "Die Unwirtlichkeit unserer Städte" brandmarkte, verdankt sich dem außerordentlichen Erfolg der Ideen Le Corbusiers.


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5 Kommentare verfügbar

  • Architekturfreund
    am 01.10.2015
    @Rainer Franke, 22.08.2015 18:40 (.. ab September könnte ich [..] Gegenargumente liefern)

    Jetzt ist 9/2015 vorbei und die Gegenargumente scheinen sich im Sande zu verlaufen. Schade, ich hätte gerne noch mehr darüber gelesen. Bitte, liebe Kontext-Redaktion, könnten Sie den Kontext-Unterstützer Herrn Prof. Franke noch einmal kontaktieren?
  • Thomas Nehaus
    am 27.08.2015
    Vielen Dank für diesen wundervollen Artikel. Das Bauhaus endlich mal von Sockel zu holen und die Folgen dieser weitgehend von Egoismen geprägten Architekturrichtung aufzuzeigen ist leider immer noch eine Seltenheit.

    Die ach so gelobte Weisenhofsiedlung ist sicherlich architektonisch interessant und hat auch wirklich gelungene Details - übertragbar auf ganze Stadtquartiere ist sie aber nicht. Imme noch sind es die Gründerzeitviertel, die unseren Städten Lebensqualität gegen, in denen Gebäude miteinder "reden", sich unaufdringlich aber schön aneinanderreihen.

    Hans Kollhoff hat in einem Interview mit der "Welt", auf die Frage, ob das Bauhaus 90 Jahre nach seinen Anfängen gesiegt habe, mal folgendes gesagt:

    "In bürgerlichen Vierteln sicher nicht, denn die zeichnen sich bei uns, wo sie nicht zerstört wurden durch Krieg oder Planung, durch eine traditionelle, ausgesprochen wohnliche, handwerklich errichtete, tektonisch gegliederte und geschmückte Villenbebauung aus. Was Sie ansprechen, sind die Thermohautkisten, die in ihrer Anspruchslosigkeit ein profitables Geschäft zu sein scheinen. Dafür hat das Bauhaus gesorgt, indem es die Qualität städtischen Bauens mit ethisch aufgeladenem Abstraktionsbedürfnis gegen null gehen ließ. Die Großsiedlungen und Plattenbauten waren aus diesem Stoff, und heute ist es die Styropor-Orgie"


    Artikellink:

    http://www.welt.de/kultur/article13930100/Hamburgs-Elbphilharmonie-Ein-zynisches-Projekt.html#disqus_thread
  • Mönchspfeffer
    am 25.08.2015
    Sehr guter Artikel, danke, weiter so!
    Leute, schult nicht nur den Blick: Schaut in die Innen-Städte, (ich meine nicht in die bieder sanierten Fachwerkwelten,) was zu oft immer noch baulich mit ein wenig übriggebliebenem Sandstein und manchem Hinterhof, mancher Gasse - an früheres Stadtleben erinnernd - gemacht wird: Es wird platt gemacht was noch nicht platt ist, die Reste alten Lebens werden aus den Innenstädten gedrängt, uniformes und rasendes hat Platz genommen. Pfui, wie kann man nur so seine eigene Wurzeln beschneiden und die von den kleinen Leuten, von Handwerkern, Kaufleuten. Nur indem man dem Geld den Vortritt gibt ohne an die Geschichte zu denken, an das Leben, das auch aus Alten, aus Kleinen, aus Gläubigen und nicht nur aus Herrschern besteht.
  • Horst Ruch
    am 23.08.2015
    .... diesmal hat Herr Heissenbüttel zu weit ausgeholt. Nichts als sein Ego war Corbues Antrieb. Das ist leider nicht jedem in die Wiege gegeben. Seine radikalen Ideen -aus dem nicht akademischen Sichtwinkel entstanden- wurden und werden leider nur neidvoll von Kammermitgliedern und mainstreamplanern beäugt.
    Wie kann ein "kleiner Graveur" sich anmaßen, utopische Stadtvisionen vorzustellen, zu veröffentlichen und am schlimmsten diese auch noch mit jeweiligem politischen Zeitgeist zu realisieren. Sicherlich gut, dass Pariser Stadtquartiere nicht nocheinmal -wie unter Haussmanns Zeiten- dem Erdboden gleichgemacht wurden um LC's Wohnmaschinen-Hochhausmonotonie Platz zu machen. Das war das eine, die gescheiterte Utopie. Das wichtigste was LC der Nachwelt hinterlassen hat, ist doch Architektur, von der heute nach über 80 Jahren viele "moderne" Architekten als Nachahmer überzeugt sind auf der Höhe der Zeit angekommen zu sein.
    Den Mythos LC nun 50 Jahre nach dessen Tod politisch instrumentalisieren zu wollen ist schon deshalb zynisch, weil damit sämtliche berühmten Baumeister von der Antike bis heute
    In Frage gestellt werden müssten. Ohne ins Detail eingehen zu wollen, fast ausnahmslos erfolgte deren Beauftragung durch "un"demokratische Potentaten. Also nieder mit ihnen ?
    Demokratie ist eben ein unendlich dehnbarer Begriff, der hierzulande in der Welt des Bauens leider nicht mehr als "graue" Monotonie aus der Hand ihrer schwarz gekleideten Schöpfer entstehen lässt.
    Hoffentlich bringt Herr Franke die guten Argumente aus Roquebrune mit, wo LC's selbst geschaffenes Grabmal (sein Ego) mit phantastischem Meeresblick sicher nicht von Diktatoren gesponsert wurde.
  • Rainer Franke
    am 22.08.2015
    Sehr geehrter Herr Heißenbüttel,

    das Sommerloch scheint auch einige Thesen Ihres ansonsten durchaus informativen Artikels beeinträchtigt zu haben. Nicht sonderlich hilfreich, um Laien Architektur zu vermitteln und um über ein allgemeines Bashing der Moderne (wohin?) hinauszukommen. Am Donnerstag werde ich zum 50. Todestag in Roquebrune sein, ab September könnte ich Ihnen dann z.B. gern in Stuttgart Gegenargumente liefern.

    Beste Grü?e

    Rainer Franke
    Rektor der HFT Stuttgart und
    Professor für neuere Baugeschichte
    (plus Kontext-Unterstützer)

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