Die Yes Men fälschen eine Ausgabe der New York Post, um auf die Auswirkungen des Klimawandels aufmerksam zu machen. Foto: Nate “Igor” Smith

Ausgabe 229
Kultur

Die Neinsager

Von Rupert Koppold
Datum: 19.08.2015
Sie sind Hochstapler für eine gute Sache, und ihr Credo lautet: Die Revolution soll Spaß machen. In den USA sind die Yes Men wieder aktiv. Und jetzt hier im Kino zu sehen.

Es geht wieder los! Schon dirigieren die Yes Men per Megafon ihre Truppe ins Wasser, sie soll zum UN-Gebäude auf der anderen Seite des Flusses schwimmen. Die neugierigen, amüsierten oder irritierten Zuschauer sehen watschelnde runde Stoffanzüge mit Tentakelstummeln, sogenannte Survivaballs – respektive "gated communities for one" –, in denen alle kommenden Katastrophen überlebt werden können. "Der Markt hat immer die beste Lösung", behauptet einer der wieder sehr seriös aus dem Anzug lächelnden Yes Men. Aber kaum sind ihre Bälle im Wasser, knattert ein Hubschrauber in der Luft, ein Boot der New Yorker Polizei rauscht heran, ein Auto mit Sirenen steht da, Handschwellen klicken, und das Projekt ist beendet.

Beendet? Nein, denn Andy Bichlbaum und Mike Bonanno, die seit gut fünfzehn Jahren als Yes Men agieren, haben die Medien informiert und warten nun ab, wie klein oder wie groß ihre Aktion zum Klimawandel in den Nachrichten gespielt wird. Und natürlich haben sie auch alles selber dokumentieren lassen, damit daraus wieder ein Yes-Men-Film wird.

Dies ist der letzte Teil der Trilogie, die 2003 mit "Die Yes Men" begann und 2009 mit "Die Yes Men regeln die Welt" fortgesetzt wurde. Als rekapitulierende Collage sausen die schon legendären Aktionen nun vorbei: das Barbie-Befreiungsprojekt aus den späten Neunzigern, bei dem die Sprechmodule des Püppchens mit jenen des Freundes Ken vertauscht wurden; die gefälschten Internetseiten der Welthandelsorganisation WTO und die Vorträge zur Arbeiter-Disziplinierung durch Stromstöße; der Wahlkampfaufruf "Yes, Bush can!", bei dem Bürger sich verpflichten sollten, nukleare Abfälle in ihren Vorgärten zu verbuddeln; der von der BBC verbreitete Auftritt als Dow-Chemical-Sprecher, der die Verantwortung für die Bhopal-Katastrophe übernimmt, sodass die Aktie ins Rutschen kommt; die Mitarbeit an einer besonderen Ausgabe der "New York Times" im Jahr 2008, in der die Mächtigen plötzlich einsichtig sind und etwa Condoleezza Rice sich für ihre Kriege entschuldigt. "Das ist unsere Art, den Konzernen ein Nein entgegenzusetzen!", sagen die Yes Men über ihre Aktionen.

Aber geht es jetzt tatsächlich wieder los? Wenn die Yes Men in einer Abstellkammer ihre alten Requisiten betrachten, schleichen sich Zweifel ein. Ein bisschen sieht dieser Raum nämlich aus wie ein Yes-Men-Museum. (Und die Survivaballs sind ja auch nicht neu, die Yes Men haben sie schon 2006 als angebliche Halliburton-Vertreter vor begeisterten Managern vorgestellt.) Hat dies alles irgendwie geholfen, hat dies alles irgendetwas bewirkt? Die beiden Yes Men sind jetzt Mitte vierzig und in der Krise. Andy outet sich zur Überraschung seines Politpartners als schwul und erzählt von Problemen mit seinem Freund, Mike möchte endlich mehr Zeit für seine Frau und seine Kinder haben. Beide Namen sind übrigens Pseudonyme. Wenn sie nicht als Yes Men agieren, heißen sie Jacques Servin beziehungsweise Igor Vamos und sind Universitätsdozenten. Zum ersten Mal brechen also die Yes Men, beide Kinder von Flüchtlingen aus Hitler-Europa und Holocaust-Überlebenden, öffentlich aus ihren Rollen aus und thematisieren den Konflikt zwischen politischem Aktivismus und privaten Wünschen.

Die vielen Aktionen, die Reaktionen darauf und dazu die Krise der Aktionisten: Man sieht hier mehrere Filme auf einmal – und jeder kommt dabei buchstäblich zu kurz. So viel an Themen und Methoden (zum Beispiel Reportagen aus Kanada oder Uganda und Animationsfilme zum Klimawandel) werden in einundneunzig Minuten hineingepackt und angespielt, dass für ausführlichere Betrachtungen keine Zeit bleibt, dass vieles ein wenig sprunghaft, hie und da auch fragmentarisch wirkt. Vielleicht wird von der Kritik, so wie bei den Filmen von Michael Moore, auch wieder die Frage aufgeworfen, ob "Die Yes Men – jetzt wird's persönlich" überhaupt ein Dokumentarfilm sei. Die Antwort lautet natürlich: nein! Denn dieser von Laura Nix zusammen mit Andy und Mike inszenierte und trotz der erwähnten Schwächen sehr sehenswerte Film hat zwar dokumentarische Teile, aber er beobachtet die Yes-Men-Aktionen eben nicht nur, er propagiert sie auch und ist Teil von ihnen.

Und was noch wichtig ist: Auch wenn Andy und Mike ihr Geld mit Jobs verdienen, die im weiteren Sinn zum Bereich der Kunst gehören – die Streiche als Yes Men sind für sie keine Art-Projekte. Zwar dringt auch eine deutschsprachige Gruppe wie Rimini Protokoll in die Wirklichkeit ein, "bespielt" beispielsweise Aktionärsversammlungen und erklärt sie zur eigenen Inszenierung. Aber die Intervention bleibt letztlich Theater, sie hat keine dezidierte politische Stoßrichtung, sie begibt sich quasi freiwillig ins Kunstgefängnis.

Die Yes Men dagegen überschreiten Grenzen, sie eignen sich Identitäten an, sie geben sich – Hochstapeln für die gute Sache! – als diejenigen aus, die von ihnen bekämpft werden. Sie fälschen deren Webseiten oder stehen als deren vermeintliche Sprecher auf Podien und verkünden, so wie im neuen Film zu sehen, die radikale Änderung der US-Klimapolitik und den Wechsel zu erneuerbaren Energien. Die Veranstaltungsformen, in die sich die Yes Men einschleichen, all diese Meetings, Konferenzen und Symposien, wirken dabei in ihrer Ritualisierung offensichtlich so stark, dass deren Teilnehmer widerspruchslos jeden Inhalt akzeptieren und sogar beklatschen.

Die böseren Vorschläge der Yes Men, etwa das Recyclen von Müll zu Essen für die Habenichtse, erinnern an den "bescheidenen Vorschlag" des Satirikers Jonathan Swift von 1729, der die Iren aufforderte, ihre Hungerprobleme dadurch zu lösen, dass sie ihre Kinder als schmackhaftes Fleisch an die Reichen verkaufen. Aber vielleicht ist das andere Mittel, nämlich dem Gegner die besten Absichten zu unterstellen, noch wirksamer. Wenn zum Beispiel ein Yes Man für Kanada spricht, die Verantwortung für Umweltschäden übernimmt und Milliardenzahlungen für Afrika ankündigt, ist das Thema in der Öffentlichkeit, und die echte kanadische Regierung wird zu einem Dementi gezwungen, in dem unfreiwillig die Wahrheit aufleuchtet. Für die Yes Men ist es denn auch keine Schummelei, dass sie in andere Rollen schlüpfen, sondern "identity correction".

Die Revolution soll Spaß machen! Doch nicht jeder Streich gelingt, die Sache mit dem Eisbärkostüm etwa – die Yes Men und ihre Kumpel sind ja auch große Bastler! – geht auf groteske Weise schief. Und so ist die Krise der Yes Men erst ausgestanden, als die arabische Rebellion beginnt und vor allem der Occupy-Protest in der Wall Street. Plötzlich sind sie wieder ganz dabei und schwimmen mit im "Flow" einer neuen Zuversicht. Die Homeland-Security-Konferenz schließlich, bei der Mike und Andy mit dem Indianeraktivisten Gitz Crazyboy zusammenarbeiten, wird am Ende zu einer Art Happening, bei dem sich sogar Rüstungslobbyisten zum Energiewandel bekennen, sich Stirnbänder aufsetzen und mitmachen beim Indianertanz. Diese leuchtenden Gesichter! Als gäbe es da ganz versteckt doch eine Sehnsucht, nicht mehr Zerstörer des Planeten zu sein, sondern dessen Retter zu werden.

 

Info:

Bundesweiter Kinostart ist am Donnerstag, den 20. August. In Stuttgart läuft der Filmim Delphi, und zwar zu folgenden Zeiten: Mo/Mi/Do/Sa um 18 Uhr und Di/Fr/So um 15:50 Uhr. Welches Kino in Ihrer Nähe den Film zeigt,finden Sie hier.


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