Taxifahrer und Regisseur Jafar Panahi. Film-Stills: Weltkino Filmverleih

Taxifahrer und Regisseur Jafar Panahi. Film-Stills: Weltkino Filmverleih

Ausgabe 225
Kultur

Freundlicher Rebell

Von Rupert Koppold
Datum: 22.07.2015
Der iranische Regisseur Jafar Panahi hat das Berufsverbot ignoriert und einen großen kleinen Film gedreht: "Taxi Teheran".

Eine Kreuzung in Teheran. Ein starrer Blick durch eine Windschutzscheibe. Dann setzt sich der Film respektive ein Taxi in Bewegung, bis ein Passant am Straßenrand winkt. Ein kräftiger Mann um die dreißig und mit Goldkettchen um den Hals steigt ein und gibt sofort und unaufgefordert den rabiaten Scharia-Anhänger. Autodiebe gehörten alle hingerichtet, erklärt er in prollig-protzigem Ton, wird nun aber sanft unterbrochen von einer Frau auf dem Rücksitz. Er solle nicht so schnell über ein Leben richten, sagt sie leise, aber bestimmt. Sie ist ein wenig älter als ihr Kontrahent, gehört offensichtlich einer anderen Schicht an, ist gebildet und eloquent und erklärt ihm nun, niemand sei ein geborener Verbrecher, außerdem gebe es Notlagen. Was sie denn wohl von Beruf sei, will der Fahrgast wissen. Lehrerin, sagt die Frau. Er sei Straßenräuber, sagt der Mann beim Aussteigen und fügt höhnisch hinzu: "Aber Lehrerinnen und Taxifahrer raube ich nicht aus!"

Dieser Taxifahrer, der sich aus der Diskussion herausgehalten hat, kommt nun auch ins Bild. Es ist Jafar Panahi, der Regisseur dieses Films, der im Februar bei der Berlinale den Goldenen Bären gewonnen hat, den Preis aber nicht selber abholen konnte. Bei den iranischen Präsidentschaftswahlen 2010 hatte er die Oppositionsbewegung unterstützt, wurde zunächst ohne Anklage verhaftet, dann zu sechs Jahren Gefängnis und zwanzigjährigem Berufsverbot verurteilt, wartet nun auf die Berufungsverhandlung und darf weder ausreisen noch Interviews geben. Dabei sieht der 55-jährige Panahi gar nicht aus wie ein Rebell, er lächelt gern, wirkt ruhig, gelassen, gemütlich, fast möchte man sagen: knuffig. In "Taxi Teheran" hat er eine Schildmütze auf dem Kopf und schaut mit dunklen, freundlichen Augen in die Welt.

Aber in seinem in Venedig ausgezeichneten Film "Der Kreis" (2000), einer in der Dramaturgie des Reigens inszenierten Geschichte von acht Frauen und einem Tag in Teheran, oder in seinem Drama "Offside" (2006), in dem er die vergeblichen Versuche von Fußballanhängerinnen schildert, sich ins Männern vorbehaltene Stadion zu schleichen, ist auch eine Wut zu spüren. Der öffentliche Raum, so zeigt es Panahi unaufhörlich und in immer neuen Details, ist in diesem Land für Frauen tabu, ja, die bloße Existenz als Frau allein kann schon kriminell sein. Dass nun auch sein eigener Raum extrem eingeschränkt wurde, versucht er zu ignorieren, gibt trotz Verbots weiter Interviews, und vor allem: Er dreht auch weiter. "Ich bin Filmemacher", sagt Panahi. "Ich kann nichts anderes als Filme machen. Mit Kino drücke ich mich aus, es ist mein Leben. Nichts kann mich am Filmemachen hindern." "In "Parde – Geschlossener Vorhang" (2013) hat Panahi seine eigene Situation als Eingeschlossener reflektiert, und schon zwei Jahre vorher hat er im Titel eines Werks die Zensur ironisch unterlaufen: "Dies ist kein Film".

In "Taxi Teheran" macht Panahi nun ein mit drei kleinen Kameras ausgestattetes Auto zum einzigen Handlungsort, und paradoxerweise wird dabei sein mit minimalem äußeren Aufwand produzierter Film, weil der große technische Apparat als Sperre wegfällt, sehr aufnahmebereit und durchlässig. Es ist ein Roadmovie der besonderen Art, in dem der Regisseur das Leben und die Gesellschaft weniger selber "erfährt" denn einlädt. Wer auch immer zusteigt, bringt seine eigene Geschichte mit, und die Enge des Raums, die Verdichtung der Situation lösen allen die Zunge. "Du hast alles geplant und glaubst, ich merke das nicht!", sagt der kleinwüchsige Mann, der Panahi sofort erkannt hat. Und dieser Fahrgast selber? Ist er nun Schauspieler oder tatsächlich Händler von DVD-Raubkopien, der US-Serien wie "The Walking Dead" oder "Big Bang Theory" ebenso im Angebot hat wie neuere Werke von Woody Allen oder Kim Ki-Duk? "Taxi Teheran" entwickelt vor unseren Augen ein faszinierendes Spiel mit der Metaebene, es ist mehr als nur ein semidokumentarischer Film, es ist ein schillernder Grenzgänger, auch weil er immer wieder auf die besonderen Umstände seiner Inszenierung hinweist. "Auf weitere Angaben wird zum Schutz der Beteiligten verzichtet", so ist am Ende statt der Schauspieler- und Stabangaben zu lesen.

Ein Unfallopfer und dessen Frau nimmt Panahi mit, der blutende Mann leiht sich des Regisseurs (oder des Taxifahrers?) Mobiltelefon, um sein Testament draufzusprechen: Seine Frau soll bedacht werden, nicht seine Brüder. Zwei alte Frauen haben eine Kugelglas mit Goldfischen dabei, sie müssen diese bis zu einem bestimmten Zeitpunkt in einem Teich aussetzen, sie sagen, es sei ein Fall auf Leben und Tod. Eine Anwältin hat einen Rosenstrauch in der Hand, sie erzählt Deprimierendes von Gefängnisbesuchen bei ihren Mandantinnen und strahlt dennoch Hoffnung aus. Und ein alter Freund von Panahi berichtet, er sei überfallen worden, habe den Räuber auch erkannt, ihn aber gerade deshalb nicht angezeigt. Es hört sich an wie die ins Konkrete überführte Hypothese von der Notlage, mit der "Taxi Teheran" begonnen hat.

Der Film bringt uns das Leben in dieser Stadt (die immer groß und modern wirkt, aber nie schön oder pittoresk) nahe, aber er argumentiert selten direkt auf der politischen Ebene. Dieses Leben wird vielmehr heruntergebrochen auf das Kleine, das Alltägliche, das Private – und erst wenn es da hindurchgegangen ist, landet es wieder bei der Politik. Nein, die Verhältnisse im Iran sind nicht gut, aber sie sind trotzdem anders, sind auch nicht für alle gleich, sind vielfältiger, reichhaltiger und komplexer – und den hiesigen manchmal doch wieder überraschend ähnlich! –, als es die Schlagzeilen in unseren Medien suggerieren. Übrigens hat Panahi trotz allem auch Humor! Wenn er seine selbstbewusste, patzige und ein wenig zickige Nichte Hana von der Schule abholt, dann redet er sie salbungsvoll lächelnd mit "Hoheit" an. Und er lässt sich nun gern vom Klassenprojekt des etwa zehnjährigen Mädchens erzählen, nämlich von der Aufgabe, einen Kurzfilm zu drehen. 

Panahi zeigt dieses Projekt quasi in der Entstehung, er übernimmt nun manchmal die wacklige Perspektive von Hanas Kleinkamera. Und wenn sie ihm die von der Lehrerin aufgestellten Regeln vorstellt, dann bricht der Regisseur – eine Tradition im iranischen Kino! – , den eigenen Konflikt mit der Zensur listig auf die Kinderebene herunter. Ein "zeigbarer Film", so zitiert Hana, trenne klar zwischen Gut und Böse, und gut können zum Beispiel nur Protagonisten mit islamischen Namen sein, nicht aber solche, die an ihren persischen Namen festhalten.

Und so hat also Jafar Panahi keinen "zeigbaren Film" gedreht, jedenfalls keinen, der in einem iranischen Kino laufen darf. Noch nicht, möchte man sagen. Denn das Land ist ja ein bisschen liberaler geworden, und es könnte sich nach dem erfolgreichen Abschluss der Atomverhandlungen mit dem Westen noch weiter öffnen. Vielleicht auch für Panahis bisher "illegale" Filme, denn die sind ja keine verbitterten Pamphlete, sondern großherzige Kommunikationsangebote, durchwirkt vom Glauben an Aufklärung, an Kultur, Bildung und Humanität. So anrührend die Bilder auch waren, in denen die kleine Hana stellvertretend für ihren Onkel den Goldenen Bären bei der Berlinale in Händen hielt: Es wäre noch schöner, wenn Panahi seine Preise in Zukunft selber entgegennehmen könnte.

 

Info:

Bundesweite Premiere ist am Donnerstag, den 23. Juli 2015. In Stuttgart läuft der Film im Atelier am Bollwerk, täglich um 16.00, 18.00 und 21.45 Uhr. Die Spätvorstellungen am Sonntag und am Mittwoch werden in Originalsprache gezeigt. Welches Kino in Ihrer Nähe den Film zeigt, finden Sie hier.


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1 Kommentar verfügbar

  • Wolfgang Borgmann
    am 23.07.2015
    Endlich mal eine gute Nachricht - wenn auch nicht aus dem Pressehaus.
    Gruß und Vorhang auf
    Wolfgang Borgmann

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