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Von der Buhfrau zu Super-Theresia

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Vor einem Jahr war Wissenschaftsministerin Theresia Bauer die Buhfrau nicht nur der heimischen Musikszene. Jetzt liegen ihr Professoren und Rektoren aus der ganzen Republik zu Füßen. In mühevoller Kleinarbeit hat die Grüne bei Finanzminister Nils Schmid (SPD) einen zehnstelligen Betrag für die Hochschulen im Südwesten lockergemacht. Diese Hartnäckigkeit befähigt sie zu Höherem.

Im Saarland oder in Sachsen-Anhalt wird über die Schließung traditionsreicher Fakultäten diskutiert, in Leipzig beenden Studierende erst nach zwei Wochen eine Besetzung des Uni-Rektorats, um gegen jene Kürzungen zu demonstrieren, von denen sich so viele Hochschulen zwischen Nord- und Bodensee bedrängt sehen. In Baden-Württemberg ist seit wenigen Tagen alles anders. Grün-Rot einigte sich mit der Rektorenkonferenz auf die Eckpunkte eines neuen Finanzierungsvertrags und katapultierte den Südwesten aus dem Mittelfeld des Uni-Rankings an die Spitze der Bewegung.

Bundesweit wird der Vorbildcharakter gerühmt, vom "Wissenschafts-Musterländle" ist die Rede. "Die Regierung hat unsere Nöte erkannt und konsequent gehandelt", pries der Freiburger Rektor Hans-Jochen Schiewer. Er dankte Bauer und Schmid für ihren persönlichen Einsatz, für Weitblick und Mut. "Wir sind außerordentlich beeindruckt", so der Germanist, diese Koalition setze Maßstäbe.

Und die Ministerin dazu. Beharrlich überzeugte sie den Finanzminister davon, dass die Klagen der Hochschulen über die klamme Finanzlage nicht überzogen sind, dass auch auf dem Weg zur Schuldenbremse neues Geld nötig ist. Es wurde gerechnet und argumentiert, gezogen und geschoben. "So lange, bis wir uns einig waren", blickt die Ministerin zurück. Hätte der Deutsche Hochschulverband sie nicht schon 2013 zur Wissenschaftsministerin des Jahres gekürt, wäre ihr die Auszeichnung jetzt sicher. Sogar notorische Kritiker rühmten den Finanzierungsvertrag mit einem Volumen von 1,7 Milliarden Euro zusätzlicher Mittel bis 2020 als den größten Erfolg der baden-württembergischen Landesregierung seit ihrem Amtsantritt vor gut drei Jahren.

Andreas Deuschle, einem jungen CDU-Landtagabgeordneten, blieb vorbehalten, das Haar in der Suppe zu finden. Er wetterte gegen den unglaublichen Stil, weil die Grundzüge der Abmachung auf einer Pressekonferenz gemeinsamen mit den Rektoren erläutert wurden, noch ehe das Parlament davon erfuhr. Deuschle sprach von der "die Arroganz der Macht". Bauer saß schmunzelnd in der Regierungsbank. Denn selbst diese Kritik lieferte ihr eine Steilvorlage: Sie erinnerte an den Winter 2007, als ihr CDU-Vorgänger Peter Frankenberg seinen Solidarpakt mit den Hochschulen dem Landtag tatsächlich vorenthielt. Die Abgeordneten bekamen das Vertragswerk erst zu Gesicht, als sämtliche Details ausverhandelt waren.

Damals kritisierte sie als hochschulpolitische Sprecherin der Grünen den Minister persönlich mit dem Hinweis auf den absehbaren Geldmangel und die Folgen: "Sie kommen mir vor wie ein Skatspieler, der beim Spielen überreizt hat und während des Spiels feststellt: Ich habe mehr Luschen in der Hand als Trümpfe." Wenn das Spiel verloren gehe, müsse aber nicht der Minister büßen, sondern die Hochschulen.

Ministerin mit "hoher Schlagzahl"

Prognosen wie diese hat ihr der Wissenschaftsbetrieb nicht vergessen. Bauer, die schon im Studium – Politik, Germanistik und Volkswirtschaft – ihre Vielseitigkeit unter Beweis stellte, fasst schneller Tritt als andere Minister im Kabinett Kretschmann. Und sie erfüllt umgehend eines der zentralen Wahlkampfversprechen von Grünen und SPD: die Abschaffung der Studiengebühren. Die Begründung passt zur eigenen Biografie: "Studiengebühren sind ein Symbol dafür, dass Bildung abhängig vom elterlichen Geldbeutel ist."

Sie ist in einem Dorf in der Westpfalz aufgewachsen, ihr Vater war Hilfsarbeiter, die Mutter sorgte dafür, dass die Kinder Abitur machen. Als sie nicht Ministrantin werden darf, ist sie erbost über die Ungleichbehandlung und entdeckt ihr Feministinnen-Gen. Um die beiden Söhne kümmert sich seit Jahren auch und vor allem ihr Mann, ein Kubaner. Daheim spricht sie mit den Kindern konsequent Deutsch, die Familiensprache ist Spanisch. 

Mitarbeiter schätzen die direkte, offene Art der Chefin und die hohe Schlagzahl. Bei der Wiedereinführung der Verfassten Studierendenschaft bringt sie das erste internetgestützte, später prämierte Gesetzgebungsverfahren auf den Weg und erreicht nicht weniger als 48 000 Interessierte. Das Landeshochschul- und das Universitätsmedizingesetz sind – scharf kritisiert von der Opposition – reformiert, sie legt Programme auf, besucht Forschungseinrichtung, Bilder werden angekauft, Nazikunstwerke restituiert, sie wirbt für den Standort, für Nachhaltigkeit, für die Förderung von Professorinnen und dafür, dass Studienabbrecher in die Duale Ausbildung wechseln können.

Anders als andere tritt Bauer nicht nach, als die Kollegin Bundeswissenschaftsministerin Annette Schavan in ihre Doktortitelaffäre schlittert, sondern verändert bundesweit beispielgebend Promotionsverfahren. Eine "ungewöhnliche Beständigkeit" lobt der Präsident der Ulmer Uni, Kai Joachim Ebeling, coram publico, weil sie eigene Forderungen aus Oppositionszeiten als Regierende konsequent aufgreift und abarbeitet.

Schon damals, als sie während einer Delegationsreise in die Türkei im Herbst 2012 bei einer Handvoll Termine den Ministerpräsidenten vertritt, mutmaßen einige Professoren, womöglich werde die Grüne irgendwann aus dem Wissenschaftsressort in der Königstraße auf die Halbhöhe wechseln, in die Villa Reitzenstein. Manche vergleichen sie mit der Kanzlerin, keineswegs nur der gemeinsamen Vorliebe für bunte Jacken wegen. Auf 76 Farbschattierungen wie Angela Merkel kommt Theresia Bauer (noch) nicht, eine stattliche Anzahl, von Ecru bis Altrosa, hat sie aber sehr wohl im Schrank.

Ausdauer ist bei beiden Trumpf, die grüne Ministerin bekennt nicht nur in der Politik "immer alles zu geben", sondern auch beim Halbmarathon ("die schönste Schinderei der Welt") oder auf dem Mountainbike. Wer mit ihr zu tun bekommt, erlebt eine uneitle, zugängliche, zugleich selbstbewusste und faktensichere Frau mit inzwischen langer Erfahrung. Nicht von ungefähr hat ihr die FAZ "hohe Rationalität" attestiert. Sie macht vieles richtig. Bis sie vor einem Jahr Instinkt und Fortüne verlassen.

Heute ist sie bei vielen unten durch

Bauer präsentiert als "erfolgreiches Ergebnis monatelang Beratungen" ein Konzept zur Reform der Musikhochschulen, das in der zuständigen Rektorenkonferenz mit der Mehrheit von drei zu zwei Stimmen verabschiedet worden war. Da hätten alle Alarmglocken läuten müssen angesichts des Schulterschlusses von Stuttgart, Freiburg und Karlsruhe zulasten von Mannheim und Trossingen. Die Aufregung ist groß. Schnell sucht die Ministerin das Gespräch mit Hochschulvertretern.

Ende Juli 2013 scherzt sie noch, wie praktisch es sei, dass die Familie noch keinen größeren Sommerurlaub geplant habe. Wenig später kommt sich aus den Negativ-Schlagzeilen ("Bauers Wildwasserfahrt") nicht mehr heraus, sie wird niedergeschrien und beschimpft, in An- und in Abwesenheit, sie tourt durchs Land, diskutiert. Sie versucht die Genesis der Kürzungspläne zu erläutern und warum der Rechnungshof falsch liegt mit seinen Vorschlägen, über alle Standorte pauschal zu sparen.

Bis heute reiht sich Dialogforum an Symposion, noch immer gibt es kein endgültiges Konzept, allerdings sind die Einsparungen vom Tisch. Die Unzufriedenheit ist geblieben, bei vielen ist sie unten durch. "Je tiefer ich einsteige, desto sicherer bin ich mir, dass es richtig ist, Schwerpunkte an den einzelnen Standorten zu setzen", sagt sie dennoch. Und dass sie die neu gewonnenen Erkenntnisse nicht missen möchte.

Wie so viele andere. In den Achtzigern hat sich Bauer in Heidelberg als Studierenden-Vertreterin engagiert. Sie gehört zu jener ersten grünen Nachgründer-Generation, die sich der Partei nur nach reiflicher Überlegung nähert. 1987 tritt sie dennoch ein. "Die Grünen werden – zu Recht – zunehmend daran gemessen, welche Antworten sie liefern, konkret, pragmatisch und radikal, und inwieweit durch grüne Politik Lebensqualität gesichert und verbessert werden kann", schreibt sie zum zehnten Partei-Geburtstag in einem Buch, das ihr heutiger (Verkehrs-)Ministerkollege Winne Hermann herausgab. Zu machtorientiert kamen ihr damals viele Grüne vor, erinnert sie sich.

Machtorientiert wird die Reala selber, spätestens als parlamentarische Geschäftsführerin und Stellvertreterin von Winfried Kretschmann im Fraktionsvorsitz. Sie ist sicher, dass sich kleine Fraktionen Spezialisten eigentlich nicht leisten können. Sie selbst versteht sich als Generalistin, als "zu Hause in möglichst vielen Themen". 2006 sitzt sie mit am Tisch, als Günther Oettinger die Chancen für Schwarz-Grün in Baden-Württemberg auslotet und von Stefan Mappus ausgebremst wird.

Als Oettinger auf Geheiß von Angela Merkel nach Brüssel wechselt, keimt in Theresia Bauer die Hoffnung, doch irgendwann herauszukommen aus der Opposition ("Dauerpubertät"), weil sie sich immer weniger und nach dem Schwarzen Donnerstag im Stuttgarter Schlossgarten gar nicht mehr vorstellen kann, dass "die Leute so brachial regiert werden wollen". Auseinandersetzungen geht die Grüne nicht aus dem Weg.

In der Debatte um eine grundlegende Reform der Lehrerbildung unterliegt sie den SPD-Hardlinern. Nicht nur die GEW, auch die Mitglieder der eigens eingesetzten Expertenkommission sind schwer enttäuscht. Sie packt ihren eigenen Ärger pragmatisch weg mit Blick "aufs große Ganze". 

Im Herbst muss der Hochschulfinanzierungsvertrag in seinen Einzelheiten ausverhandelt werden, sie muss sich den Studierenden-Vertretern stellen, die eine Einschränkung ihrer Mitspracherechte wittern. Diese und alle anderen Gestaltungsmöglichkeiten empfindet die Ministerin vor allem als Privileg; schwer zu Überwindendes als Herausforderung, politisch und ganz real.

Noch zu Oppositionszeiten hat sich eine grüne Gipfelstürmer-Truppe zusammengefunden, die mit Seil und Haken fast alles wagte – Höhenrausch, Gratwanderung und Absturzgefahr inklusive. Mit von der Partie war neben Winfried Kretschmann auch Theresia Bauer. Vielen gilt sie inzwischen als chancenreiche Nachfolgerin. Sollte Grün-Rot 2016 noch einmal die Landtagswahlen gewinnen. Und sollte Kretschmann irgendwann in der nächsten Legislaturperiode den Stab weiterreichen.


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7 Kommentare verfügbar

  • Jue.So Jürgen Sojka
    am 16.08.2014
    Antworten
    Einen schönen Samstag Ihnen Johanna Henkel-Waidhofer,
    dem KONTEXT-Team,
    Theresia Bauer und
    allen Interessierten,

    habe gerade im "FREIEN RADIO STUTTGART" Thomas Koschwitz und Heinz Hoenig zugehört – es ging um Kinder, Bildung und ...

    BILDUNG – PERSÖNLICHKEITSBILDUNG – …

    Hier Auszüge aus…
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