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Finger an der Hosennaht

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Die Erziehung zum Krieg musste früh beginnen. Prügelnde Lehrer, paramilitärische Turner und die preußische Propagandamaschine sollten die Jungen zu guten Soldaten machen. Da passte auch der Matrosenanzug des Stuttgarter Kaufmanns Wilhelm Bleyle. Teil XVI unserer Serie "Der Weltkrieg im Südwesten".

Schon von Kindesbeinen an war vor allem die männliche Jugend Ziel der preußischen Propagandamaschine. Queen Victoria hatte ihrem dreijährigen deutschen Enkel Wilhelm 1862 einen Matrosenanzug geschenkt. Als Kaiser wiederum begeisterte er sich für eine starke Kriegsflotte, lauthals propagiert mit dem "Flottenverein" von Adel, Oberschicht und Industrie. Hier erspähte der Stuttgarter Kaufmann Wilhelm Bleyle eine Marktlücke und legte ab 1889 das Matrosenoutfit in massentauglicher Wollstrickausführung auf. Mit fünf Strickmaschinen, acht Beschäftigten und gerade mal 5000 Reichsmark Eigenkapital ging der Schwabe an den Start. Der Bleyleanzug wurde zur Ikone, Wilhelm zum Millionär.

In Erziehungsbüchern gaben willfährige "Pädagogen" den Eltern die Richtung vor: "Der Wille des Kindes muss gebrochen werden, das heißt, es muss lernen, nicht sich selbst, sondern einem anderen zu folgen." Das Züchtigungsrecht des Vaters über seine Kinder war seit 1900 sogar gesetzlich verankert: "Kraft Erziehungsrecht darf der Vater angemessene Zuchtmittel gegen das Kind anwenden." Oft klang die Sehnsucht nach Verständnis und die Verzweiflung über den distanzierten und prügelnden Vater wie ein Hilfeschrei der Heranwachsenden: "Vater ist doch ein seltsames Wort, ich scheine es nicht zu verstehen. Es muss jemand bezeichnen, den man lieben kann und liebt. Wie gern hätte ich eine solche Person." Patriotisch-militärische Kinderbücher taten ein Übriges dazu. Und der Originaltext des bekannten Weihnachtsliedes "Morgen kommt der Weihnachtsmann" von Hoffmann von Fallersleben lautete ursprünglich folgendermaßen: "Morgen kommt der Weihnachtsmann, kommt mit seinen Gaben; Trommel, Pfeife und Gewehr, Fahn und Säbel und noch mehr, ja ein ganzes Kriegesheer, möcht ich gerne haben."

Schulrekruten mit dem Kleinfinger an der Hosennaht

Vor allem die Buben erwartete dann in der weit verbreiteten Einklassenschule militärischer Drill und Kommandoton – Schulanfänger hießen damals "Schulrekruten"! Der "Herr Lehrer" drillte seine Zöglinge mit Befehlen wie: "Gerade sitzen! Ruhe! Mund halten! Griffel hoch! Hände hoch! Hefte zeigt!" Mit Kopfnüssen und dem Rohrstock wurde den Befehlen Nachdruck verliehen (erst 1973 wurde das Züchtigungsrecht für Lehrkräfte an Schulen in Deutschland abgeschafft). Turnunterricht hieß Vorbereitung auf den Krieg: In unendlich viele Unterrichtsstunden hatte die "Rekruten" das Strammstehen zu lernen, mit "frei hervortretender Brust, leicht zurückgehaltenem Unterbauch" und dem "Kleinfinger an der Hosennaht".

Die höheren Schulen beorderten alle zwei Jahre am Sedanstag, in Erinnerung an den Sieg über Frankreich 1870/71, alle Klassen zur Andacht in die Aula. Andächtig sang die Schulgemeinde "Die Wacht am Rhein" und die Kaiserhymne "Heil dir im Siegerkranz". Die Zöglinge wurden belehrt über den "großen Segen der allgemeinen Wehrpflicht für das deutsche Volk" und senkten andächtig die Köpfe zum "Gebet für Kaiser und Reich". So berichtete 1912 in Stuttgart der "Schwäbische Merkur" von der Festrede des Stadtpfarrers Lamparter bei der offiziellen Sedanfeier in der Liederhalle: "Wenn unser Christentum uns aber nicht mehr gestatten würde, in einem glücklich und siegreich hinausgeführten Krieg das Walten der göttlichen Vorsehung dankbar zu preisen, dann wäre es schwer, ein guter Christ und zugleich ein guter Deutscher zu sein." Gerade im pietistischen Württemberg war die ergebene Anpassung der evangelischen Amtskirche, an die angeblich nationalen Erfordernisse des Kaiserreichs, Programm.

Kaiser Wilhelm II. bei der preußischen Schulkonferenz

Der Kaiser erscheint selbst bei der preußischen Schulkonferenz der höheren Schulen. Den Gymnasiallehrern schreibt er ins Stammbuch: "Wir müssen als Grundlage das Deutsche nehmen; wir sollen nationale Deutsche erziehen und nicht junge Griechen und Römer!" Zum Mittelpunkt, um den sich alles drehe, erklärt der Monarch den deutschen Aufsatz. Es ist die Geburtsstunde des berühmt-berüchtigten "Besinnungsaufsatzes". Prompt erscheinen im Deutschabitur Themen wie: "Auch der Krieg hat sein Gutes", "Warum braucht Deutschland Kolonien" oder "Der Tod hat auch eine reinigende Kraft".

Sozusagen als begleitende Maßnahme war schon vor 1900 der "Zentralausschuss zur Förderung der Volks- und Jugendspiele" ins Leben gerufen worden, unter Vorsitz des nationalliberalen Reichstagsabgeordneten Emil von Schenckendorff. Gefördert wurden Ballspiele wie Fußball, Handball, aber auch Kriegsspiele mit dem Ziel einer paramilitärischen Erziehung: "Hier lernen alle Gehorsam und Unterordnung unter das Gesetz, mit- und füreinander zu kämpfen, zu ringen, für eine gemeinsame Sache einzutreten, das teuerste der Bande knüpfen – die Liebe zum Vaterland." Doch nicht genug, der "Ausschuss zur Förderung der Wehrkraft zur Erziehung" wies den Lehrern im Land martialisch den Weg. "Unser Volk", so formulierte ein Gymnasialprofessor, "muss in erster Linie zur Tapferkeit erzogen werden, auf dass der Einzelne mutig in den Krieg zieht." Maßgebliches Mitglied im Ausschuss zur Wehrkraftförderung ist auch Feldmarschall Colmar Freiherr von der Goltz (1909 Kanzlerkandidat), der rabiat feststellt: "Leicht trennt sich nur die Jugend vom Leben, die Sehnsucht nach Erlebnissen macht sie kriegslustig. Sie tritt mit Freude und Sorglosigkeit in den Kampf, die beide zu der blutigen Arbeit notwendig sind."

Der Wandervogel mit der Gitarre auf dem Buckel 

Doch unter Schülern und Studenten in den Städten des Kaiserreichs sehnte man sich auch angesichts fortschreitender Industrialisierung nach anderen Idealen. Eingeengt in die Starrheit des wilhelminischen Obrigkeitsstaates wandten sie sich der Romantik zu, um sich in freier Natur wie die fahrenden Schüler des Mittelalters ausleben zu können. Im Steglitzer Ratskeller bei Berlin wurde am 4. November 1901 mit dem "Wandervogel-Ausschuss für Schülerfahrten e. V." der Anfang gemacht. Zum Entsetzen des Bürgertums zogen fortan in großer Zahl junge Menschen singend durch die Landschaft, übernachteten unter freiem Himmel und stimmten abends am Lagerfeuer zur Guitarre Lieder an wie "Wo gehst du hin, du Stolze" oder "Es fiel Reif in der Frühlingsnacht" – sie nannten sich "Wandervögel" und ihr Gesangbuch war der "Zupfgeigenhansl". In Tübingen gründete der später so bekannte Schriftsteller, Bühnenautor ("Cyankali") und Arzt Friedrich Wolf eine Ortsgruppe des Wandervogels. Auch der nicht nur in der schwäbischen Universitätsstadt bis heute verehrte Philosoph Ernst Bloch führte in jener Aufbruchzeit ein unstetes Wanderleben. "Ein brauner, dreckiger Kerl mit einem Schlapphut, ein paar grün-rot-goldene Bänder irgendwo, den Rucksack auf dem Buckel, draußen einen rußigen Kochtopf und auf der Schulter eine Guitarre – dieses Bild ging nie verloren, und wenn so ein Bengel des Mittags am See stand, das ausgebrannte Feuer hinter sich, die krumme Tabakspfeife zwischen den Zähnen und trotzig die Schultern emporgestreckt, so war es, als ob die Natur ihr Versöhnungsdenkmal schmückt", so das Idealbild eines "Scholaren". Ernst Bloch sah sich gerade mit der Wandervogelbewegung in seiner These "der noch unfertigen Welt" bestätigt, denn sie habe mit dem "Jugendland, das nur ihr sichtbar und betretbar war und in das sie gleichsam auswanderte", eine eigene Sozialutopie entwickelt. Kritiker hingegen sahen in der Jugendbewegung lediglich eine Fluchtbewegung, die hinter dem Rücken der Gesellschaft Räuber und Gendarm gespielt habe, statt um die wirkliche Emanzipation der Jugend zu kämpfen.

Denn die Realität der Handwerker und Arbeiter spielte sich in den schlechteren Vierteln der Städte ab. Laut Gewerbeordnung hatte der Lehrmeister die Erziehungsgewalt über seinen Schutzbefohlenen, konnte ihn nach Belieben maßregeln, zudem bestimmen, wie der Lehrling seine Freizeit zu verbringen habe. Der Lohn war gering oder es war sogar Lehrgeld zu bezahlen. Meist musste der Lehrling auch noch mit seinem Meister unter einem Dach leben, musste dann im Haushalt mithelfen und kam so oft auf 13 bis 14 Arbeitszeit am Tag. Keineswegs bot das Handwerk goldenen Boden, ein Großteil der Ausgebildeten fand nach der Lehre keine Anstellung im erlernten Handwerk. So blieb nur der Weg in die Fabrik. Und dort betrug die Arbeitszeit pro Woche über 60 Stunden. Bosch eröffnete erst 1913 seine erste Lehrwerkstatt, die Daimler-Motoren-Gesellschaft drei Jahre später.

Auf Betreiben des aus dem Badischen stammenden 30-jährigen Rechtsanwalts Ludwig Frank konstituiert sich im Herbst 1904 der "Verein junger Arbeiter Mannheims". Wesentliches Ziel ist der Schutz der schulentlassenen Jugend gegen überlange Arbeitszeiten und Übergriffe im Betrieb. Schon zwei Jahre später konnte Organisator Frank in der Großherzoglich Badischen Residenzstadt Karlsruhe den "Verband junger Arbeiter Deutschlands" ausrufen lassen, zum Jahresende zählte man 37 süddeutsche Ortsvereine mit 3000 Mitgliedern. In der eigenen Zeitung, "Die junge Garde", schrieb man gegen die zunehmend militarisierte Gesellschaft an und setzte die Hoffnung auf Völkerverständigung und Friedenswillen dagegen. In Württemberg wiederum gründete eine Gruppe um den SPD-Vorsitzenden Friedrich Westmeyer und die Parteilinke Clara Zetkin eine parteiinterne Freie Jugendorganisation. Am 18. August 1907 geriet die württembergische Residenzstadt in die Schlagzeilen, weil sich auf dem Cannstatter Wasen 60 000 Menschen zur Eröffnung des Internationalen Sozialistenkongresses eingefunden hatten. "Rote Fahnen dürfen nicht zur Verwendung gelangen", ordnete die Genehmigungsbehörde an. Auch hatte den Verhandlungstagen ein "Polizeibeamter in bürgerlicher Kleidung" beizuwohnen. Unter den 884 Delegierten aus 25 Ländern war auch Wladimir Iljitsch Lenin, der im "Proletari" Nr. 17 den Kongreß kommentiert hat. 

Zum Ärger der preußischen Jugendwächter in der Reichshauptstadt kam es eine Woche später im liberalen Stuttgart zur ersten Sozialistischen Internationalen Jugendkonferenz mit 20 Delegierten aus 13 Ländern. Kampf gegen den Militarismus und die Bildungsfrage standen auf der Agenda, die Hauptrede hielt Karl Liebknecht, auch Ludwig Frank war zugegen. Nur aus Preußen gab es keine Delegierte, weil dort der politische Zusammenschluss Jugendlicher untersagt war. 

Doch die Reaktion der patriotisch-militärischen Kräfte im Kaiserreich erfolgte prompt. Man instrumentalisierte die konservative Mehrheit im deutschen Reichstag und mit Wirkung vom 15. Mai 1908 trat ein verschärftes Reichsvereinsgesetz in Kraft. Dessen Paragraf 17 lautete: "Personen, die das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet haben, dürfen nicht Mitglieder in politischen Vereinen sein und weder in den Versammlungen solcher Vereine noch in öffentlichen Versammlungen anwesend sein." Das zielte eindeutig gegen die freie Arbeiterjugend. Der inzwischen dem Reichstag angehörige Ludwig Frank löst umgehend den süddeutschen Verband des "Vereins junger Arbeiter" auf, um die organisierten Jugendlichen nicht unnötig zu gefährden.

Kriegsspiele im Turngau Schwaben

Dagegen stellte sich der Sport stramm in den Dienst der Wehrerziehung. Im Turnblatt aus Schwaben der Deutschen Turnerschaft war im Jahr 1911, mit Datum 12. März, im Nagold-Gau von einem Kriegsspiel "bei schönstem Frühlingswetter" zu lesen: "Der untere Gau mit 200 Mann unter der Führung des ersten Gauturnwarts hatte als rote Partei den Auftrag, die Burg Hohennagold zu stürmen." Es folgte ein launischer Bericht, wie die weiße Partei des oberen Gaus mit fast 400 Mann als weiße Partei ("ganz die alten Soldaten verratend") sich der Angriffe zu erwehren hatte. Mit dem der SPD nahestehenden Arbeiter-Turnerbund wollte die aufrechte deutsche Turnerschaft nichts zu tun haben: "Unser Ziel, die körperliche Ertüchtigung und die sittliche Bewahrung der Jugend zu fördern, kann nur erreicht werden, wenn alle, die hier mitwirken wollen, als notwendige Voraussetzung dieser hohen Aufgabe Pflege der Heimat und des deutschen Volksbewusstseins und vaterländischer Gesinnung rückhaltslos anerkennen." Der Turnkreis Schwaben fand sich im Einklang mit dem Deutschen Handwerks- und Gewerbekammertag, der den Lehrmeistern zur Pflicht gemacht hatte, die Lehrlinge mit allen gesetzlichen Mitteln von den sozialdemokratisch geführten Jugendvereinigungen fernzuhalten. 

Ein kleiner Verein namens "Jugendsport in Feld und Wald" meldete sich am 20. Januar 1909 in Berlin zu Wort. Als Vereinsziel war "die praktische Erprobung der neuartigen pfadfinderischen Erziehungsmethoden des britischen Generals Robert Stephen Baden-Powell" angegeben. Zwei Berufsoffiziere, der Stabsarzt Alexander Lion und der in Karlsruhe gebürtige Hauptmann Maximilian Bayer, propagierten zusammen mit dem Generalkonsul Georg Baschwitz die Idee. Bayer und Lion hatten im Expeditionskorps in Deutsch-Südwestafrika gedient, General Baden-Powell in Südafrika. Seine Schrift "Scouting for Boys" übersetzten die beiden Deutschen als "Pfadfinderbuch" für eine interessierte Öffentlichkeit. Kategorisch lehnten dabei die Autoren jegliche Ausbildung der Jugend als "Soldatenspielerei" ab. Ja, Maximilian Bayer stellte die Arbeit für den Frieden gar als d i e große Pfadfinderaufgabe heraus.

Unteroffiziere, Offiziere und Oberlehrer bei den Pfadfindern

Die Reaktion kam prompt. "Pfadfinder – die Erziehung zum britischen Jagdhund", schrieb hämisch das "Berliner Tagblatt". Das alles sei "Erziehung zur Kolportage-Romantik, zur Räubersehnsucht, zur Wigwam- und Sklavenjagdmystik", hieß es höhnisch über den neugegründeten Verein. Infam brachten die Militärs in den Berliner Offizierkasinos die antisemitische Parole vom "Judensport in Wald und Feld" in Umlauf (Baschwitz war Jude, Lion zum Katholizismus konvertiert). Die Idee war dennoch nicht zu stoppen, zwei Jahre später gab es schon den Deutschen Pfadfinderbund. Aber die massiven Widerstände hatten Wirkung gezeigt: Das "Pfadfinderbuch" klang jetzt anpasserisch deutschtümelnd, benannte plötzlich Turnvater Jahn als Gründervater der ersten deutschen Pfadfinder. Und statt Arbeit für den Frieden die fatale Kehrtwendung zur einseitigen vormilitärischen Ausbildung. Das Ergebnis: Unteroffiziere, Offiziere und Oberlehrer stellten als Ziehväter den größten Teil der "Feldmeister".

Unterschiedlich reagierten die Kirchen auf das "Scouting". Der Weckruf fand lediglich in protestantischen Kreisen Gehör. Der Stuttgarter Bankbeamten Johannes Knehr erfuhr im Frühjahr 1908 von Plänen eines Sommerzeltlager in Hamburg. Als Vorsitzender der Jugendabteilung des Paulusvereins erkannte er den neuen pädagogischen Reiz, entwarf selbst Zelte und organisierte erstmals im Sommer 1910 Zeltfreizeiten an Wochenenden und den Ferien. Seine Jugendlichen waren begeistert und nahmen sich die englischen Pfadfinder zum Vorbild.

Die Kirchenoberen schickten eine große Kommission von Theologen und CVJM-Vereinssekretären ins Mutterland der Scouting-Idee, nach England und Schottland. Dann erst segnete die Landeskirche die Jugendinitiative ab. Johnannes Knehr und seine Stuttgarter Pfadfinder konnten so 1911 beim 43. Bundesfest des Süddeutschen evangelischen Jünglingsbunds erstmals an die Öffentlichkeit treten und wurden begeistert aufgenommen. Doch auch die christlichen Pfadfinder mit ihrer Losung "Allzeit bereit" marschierten in Kolonne, trugen Uniformen, biwakierten und mussten ohne Widerrede gehorchen – christlich war nur der Appell zur Hilfsbereitschaft. 

Der Jungdeutschland-Bund gibt die Richtung vor

In Berlin ging zunehmend die Sorge um, das "leibliche und sittliche" Wohl der Jugend sei gefährdet durch die "in den letzten Jahrzehnten erfolgte Veränderung der Erwerbsverhältnisse mit ihren nachteiligen Einflüssen auf das Leben in Familie und Gesellschaft". Mit den nachteiligen Einflüssen war keineswegs die wachsende Industrie mit ihren Fabriken gemeint, sondern die "zerstörerischen Tendenzen" von Gewerkschaften und Sozialdemokratie – eingeschlossen die Wandervogelbewegung. Zunächst verkündete das preußische Unterrichtsministerium am 18. Januar 1911 einen grundsätzlichen Erlass für das gesamte Gebiet der Jugendpflege.

Die Richtung gab dann der zum Jahresende präsentierte "Jungdeutschland-Bund" vor. Diese Organisation wacht künftig über die Vereine im Kaiserreich, um "die heranwachsende Generation stark und wehrfähig zu erhalten, damit sie, wenn es gilt, Deutschlands Größe und Unabhängigkeit mit dem Schwerte zu verteidigen, auch die Kraft dazu in sich trage". Alte Kameraden führen in der Bundesleitung das Wort: Emil von Schenckendorff, Chef des Zentralausschusses der Volks- und Jugendspiele, und als Scharfmacher Generalfeldmarschall Colmar von Goltz. Der bedauert zutiefst, dass man nicht mit staatlichem Zwang die Jugendlichen in den Jungdeutschland-Bund pressen kann, sondern jedem Einzelnen noch die freie Entscheidung lässt. "Jedes tüchtige Volk ist kriegerisch gestimmt, und hört eines Tages diese Gesinnung auf, so ist es auch um die Tüchtigkeit des Volkes geschehen", so lautet eine der vorgegebenen Parolen, mit denen an "Heimatabenden" den Heranwachsenden in den Vereinen Ideale militärischer Manneszucht eingetrichtert werden sollen.

Gleichzeit schüttet der Jungdeutschland-Bund das Füllhorn staatlicher Fördermittel von einer Million Goldmark an gesinnungstreue Vereine aus. Selbstredend bleiben die sozialistische Jugendvereine, der Wandervogel e. V. und der Arbeiter-Turnerbund vom Geldsegen ausgeschlossen. Dazu kommen Hemmnisse durch die staatstragende Bürokratie, beispielsweise erhalten solche suspekten Gruppen keinerlei Belegungsrechte in Turnhallen. Trotz alledem geht der politisch-gesellschaftliche Umbruch im Kaiserreich weiter. Der deutliche Sieg der Sozialdemokraten (fast 35 Prozent der Stimmen) bei den Reichstagswahlen 1912 erschüttert die politischen wie gesellschaftlichen Machtverhältnisse. Konservativen Strömungen standen zunehmend selbstbewussten, linksgerichteten Tendenzen gegenüber. 

Am 18. Oktober 1913 präsentiert sich Deutschland als eine gespaltene Nation. In Leipzig lassen sich Kaiser Wilhelm II, alle Bundesfürsten des Deutschen Reiches und zahlreiche Honorationen im Autokorso vom Hauptbahnhof hinaus an den Stadtrand kutschieren. Leipzig ist im Ausnahmezustand, geladen sind alle nationalen Kräfte zur Einweihung des 91 Meter hohen Völkerschlachtdenkmals. Es ist der 100. Jahrestag der siegreichen Schlacht des Bündnisses von Preußen, Russen, Österreichern und Schweden gegen Napoleon mit 100 000 Toten. Gespendet hatten für den in Beton gegossenen"Klotz der Nation" 6000 Vereine, maßgeblich Turner-, Sänger-, Krieger- und Schützenvereine. Mit 23 Bürgerlotterien war in Preußen Geld eingesammelt worden. Im großen Festzug folgen den militärisch-pariotischen Vereinen auch 3000 farbentragende Corpsstudenten der deutschen Burschenschaften in vollem Wichs.

Die "Jungmannen" ruft die Jugendwehr

Gleichzeitig erlebt der Hohe Meißner bei Kassel sozusagen das erste Open-Air-Festival der Jugendbewegung. Die Idee zu diesem Ersten Freideutschen Jugendtag stammt nicht von den Wandervogelbünden, sondern wurde auf einem Treffen der freien Studentenbünde in Jena geboren. Gegen die politische Gängelung der Jugendpflege durch den militaristischen Jungdeutschland-Bund sollten alle Freidenker zu einem hörbaren Potest zusammenkommen. Auf dem Hohen Meißner berauscht sich eine bunte Gesellschaft von 3000 jungen, selbstbewussten Deutschen an dem Gemeinschaftserlebnis. Gruppierungen wie der Jung-Wandervogel, der Bund für freie Schulgemeinden, der Deutsche Vortruppbund oder die Deutsche Akademische Freischar manifestierten ihre Distanz von Spießbürgern und Korporierten mit der "Meißnerformel": "Die Freideutsche Jugend will aus eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung, mit innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten. Für die innere Freiheit tritt sie unter allen Umständen geschlossen ein."

Im preußischen Kriegsministerium machte sich Nervosität breit. Dem Reichskanzler lag ein geheimer Gesetzentwurf vor, in dem die Verpflichtung für alle Jungen vom vollendeten 13. Lebensjahr an festgeschrieben werden sollte, an Sport, Spielen, Märschen und "sonstigen körperlichen Übungen" teilnehmen zu m ü s s e n. Auch der Begriff einer "Reichsjugendwehr" war formuliert. Doch der öffentlich zelebrierte Militarismus mit dem Nachdruck des Jungdeutschland-Bunds hatte die gewünschte Wirkung bereits weitgehend erzielt: 1914 konnte das Gremium 750 000 Mitglieder vermelden.

Und spätestens mit Kriegseintritt wurde zusätzlich in den einzelnen Bundesstaaten für die bislang nur spärlich besuchten "Jugendwehren" die Werbetrommel gerührt. Mit einem "Aufruf zur Teilnahme aller Jungmannen vom 16. bis 20. Jahr" verteilte die Stuttgarter Jugendwehr in allen Stadtbezirken Flugblätter. In den Kompanien sollten die Jugendlichen freiwillig "turnen und marschieren, sich im Gelände zurechtfinden und einnisten, aufklären und melden, Karten lesen und Zeichen geben, abkochen und Zelte aufschlagen". Der jährliche öffentlich Dank des württembergischen Königs Wilhelm an die "Jungmannen in Stadt und Land", auch erhebende Feiern im Schlosshof waren Teil der mentalen Aufrüstung, der Manipulation einer ganzen jungen Generation für Kriegsbegeisterung und Kriegsbereitschaft.

Am 1. August 1914 gibt Kaiser Wilhelm II. das Signal. Sein Aufruf an das deutsche Volk ("Mitten im Krieg überfällt uns der Feind") gipfelt in den Worten: "Darum auf, zu den Waffen." Die Kriegseuphorie erleben Zehntausende deutsche Gymnasiasten und Studenten wie im Rausch. Auch die Zeitschriften des Wandervogels zeigten in den ersten beiden Kriegsjahren Soldaten hoch zu Ross mit Schild und Lanze. Denn insgesamt 10 000 patriotische Wandervögel ziehen als Freiwillige singend in den Krieg, zum "fröhlichen Schützengefecht auf blumigen, blutbetauten Wiesen", wie der Autor Ernst Jünger 1920 rückblickend formulierte. Die Ernüchterung der idealistisch Jugendbewegten im Stahlgewitter der Frontkämpfer war brutal: "Dass du derselbe bist, der einmal jeder Mücke sich freute als Teil jener unendlichen Harmonie, deren Schönheit du allenden erlebtest, und derselbe, der heute andern Menschen das Bajonett in den zuckenden Leib rennt."


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6 Kommentare verfügbar

  • Wallenstein
    am 05.08.2014
    Antworten
    Macht mal eine solche Serie zum 30jährigen Krieg, bitte.

    DIE Urkatastrophe Deutschlands. Erster und zweiter Weltkrieg waren dagegen Kinderfasching...
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