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Der Konkursverwalter

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Er sollte retten, was nicht mehr zu retten war. Prinz Max von Baden wollte ein ehrenhaftes Kriegsende und wurde stattdessen zum Abwickler der deutschen Monarchie. Teil XIII unserer Serie "Der Weltkrieg im Südwesten".

"Mein lieber Fritz!" schreibt Prinz Max von Baden am 15. Oktober 1918 an seinen Vetter, den Großherzog: "In einer schlaflosen Stunde nach Mitternacht schreibe ich Dir diese Zeilen, damit der gute Düringer sie für Dich mitnimmt ...

Mir ist der völlige Zusammenbruch des alten preußischen Systems erst klar geworden, als ich hier ankam. Erschreckt wollte ich zurückweichen, da ich erkannte, dass keine militärische Macht mehr hinter meiner Politik stehen würde, und wir auf dem Schlachtfeld bankrott waren. Ich tat es nicht, weil alle maßgebenden Faktoren mich als den Einzigen bezeichneten, der die große Liquidation noch mit Anstand durchzuführen geeignet sei."

Dann fällt der ominöse Satz: "Ich glaubte, fünf Minuten vor zwölf zu kommen, und bin fünf Minuten nach zwölf gerufen worden."

"Retten, was zu retten ist"

Zwei Wochen zuvor erst war Prinz Max gerufen worden, nachdem die Oberste Heeresleitung, also Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff, die Fortführung des Krieges für aussichtslos erklärt hatte. In der Schlacht von Amiens am 8. August hatten englische Panzer die deutschen Stellungen überrollt. Die Moral der Truppe war desolat. Karl I. von Österreich-Ungarn, auf dem Thron seit Ende 1916, hatte den Alliierten ein Friedensangebot gesandt. Ende September schloss das verbündete Bulgarien einen separaten Waffenstillstand. Österreich-Ungarn war in der Auflösung begriffen, ebenso das Osmanische Reich. Dem Deutschen Reich waren damit die Bündnispartner abhanden gekommen. Politik und Militär hatten sich unglaubwürdig gemacht. Immer hatten sie den Sieg für unausweichlich erklärt und alle gegenläufigen Entwicklungen ausgeblendet. "Ein System ist zusammengebrochen", formuliert Max in seinen Memoiren, "das System des Wartens auf militärische Erfolge."

"Die Spannung des September war kaum zu ertragen", schildert der designierte Thronfolger des Großherzogtums Baden die Situation. "Wir standen hilflos vor dem sich vollendenden Unglück der Nation, das zu wenden noch in Menschenhand gelegen hätte. Man erwachte jeden Morgen mit der Sorge: Was ist passiert? Und atmete am Abend auf, dass Front und Bündnisse gehalten hatten." Die Frage der Bündnisse stellte sich auch im Inneren. Die Reichstagsmehrheit aus Sozialdemokraten, der Fortschrittlichen Volkspartei (FVP) und dem Zentrum drängte auf Friedensverhandlungen. Mit dem amtierenden Reichskanzler Georg Graf von Hertling wollte die SPD nicht zusammenarbeiten. Als Hertling Ende September zurücktrat, fand schließlich der Vorschlag des FVP-Mitbegründers Conrad Haußmann Gehör: "Prinz Max war gestern, wie vor einem Jahr, eine große Chance und ein Ausgleich. Ob er es morgen noch ist, weiß ich nicht. Heute kann er retten, was zu retten ist."

Der Prinz war gegen den verschärften U-Boot-Krieg

Chance und Ausgleich war Max als Vertreter des Hochadels, der gleichwohl nicht durch Säbelrasseln aufgefallen war. Bei Kriegsbeginn im Generalstab der preußischen Armee, war er, "infolge eines nervösen Leidens und der psychischen Unerträglichkeit seiner Rolle im Hauptquartier", schon im Herbst 1914 nach Baden zurückgekehrt, hatte sich von da an der Kriegsgefangenenfürsorge gewidmet und war Ehrenpräsident der Kriegsgefangenenhilfe des CVJM-Weltbunds geworden. Glaubwürdig war er vor allem, weil er sich gegen den verschärften U-Boot-Krieg ausgesprochen hatte.

Am 7. Mai 1915 hatte ein deutsches U-Boot den damals weltgrößten Passagierdampfer Lusitania vor der Südküste Irlands versenkt. Fast 1200 Menschen waren ums Leben gekommen, darunter rund 120 Amerikaner. Die USA protestierten. Eine Zeitlang hielt sich die deutsche Marine zurück, doch im Februar 1916 wurde der uneingeschränkte U-Boot-Krieg wieder aufgenommen. Max von Baden erkannte, dass der Ausgang des Krieges nicht allein von militärischer Stärke, sondern ebenso sehr von der öffentlichen Meinung abhing. Die Torpedierung der Lusitania hatte die Engländer, die wegen der Besetzung Belgiens in den Krieg eingetreten waren, weiter gegen Deutschland aufgebracht. Gegen die USA mit ihren potenziell endlosen Ressourcen würde das Deutsche Reich den Krieg niemals gewinnen können. Was Prinz Max befürchtet hatte, trat ein: Am 6. April 1917 erklärten die USA Deutschland den Krieg.

Max schickt ein Gesuch an dem amerikanischen Präsidenten

Am 4. Oktober 1918, dem Tag nach seiner Ernennung zum Reichskanzler, schickte Prinz Max dem amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson ein Waffenstillstandsgesuch. Wilson hatte am 8. Januar in einer Rede vor dem Kongress 14 Punkte als Friedensbedingungen genannt, darunter die Freiheit der Gewässer und des Handels, Rüstungsbeschränkungen, der Rückzug aus den annektierten Gebieten und das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Der Reichskanzler fügte sich allen Punkten. Nach einer Rückfrage Wilsons sicherte die Regierung dem amerikanischen Präsidenten am 12. Oktober zu, der Kanzler spreche im Namen der Regierung und des deutschen Volkes. Am selben Tag aber war wieder ein Passagierdampfer zwischen England und Irland versenkt worden. Dies war die Situation, in der Max von Baden den einleitend zitierten Brief an seinen Cousin schrieb.

Wilson war begreiflicherweise ungehalten: "Zu derselben Zeit, wo die deutsche Regierung an die Regierung der Vereinigten Staaten mit Friedensvorschlägen herantritt, sind ihre U-Boote damit beschäftigt, auf der See Passagierschiffe zu versenken ..." Bestimmt, wenn auch diplomatisch forderte er die Entmachtung derjenigen, die bisher in Deutschland den Krieg geführt hatten. In einer dritten Note, nach Beendigung des U-Boot-Kriegs, stellte Wilson fest, "dass die Macht des Königs von Preußen, die Politik des Reiches zu bestimmen und zu lenken, unvermindert ist" und "dass die Völker der Welt kein Vertrauen in die Worte derjenigen setzen und setzen können, die bisher die Beherrscher der deutschen Politik gewesen sind". Es müsse garantiert sein, dass das Deutsche Reich die Feindseligkeiten nicht wieder aufnehmen könne. Ludendorff, der in der Heeresleitung faktisch den Ton angab, ließ verlauten, Wilson fordere die Kapitulation und dies könne "für uns Soldaten nur die Aufforderung sein, den Widerstand mit äußersten Kräften fortzusetzen". Diese eigenmächtige Ankündigung betrachtete Max als Vertrauensbruch. Am 26. Oktober musste Ludendorff zurücktreten. An seine Stelle trat Wilhelm Groener.

Allerdings stellte sich die Frage, was Wilson gemeint hatte: Genügte eine Verfassungsreform? Oder verlangte er den Rücktritt des Kaisers? "Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass die große Mehrheit der Bevölkerung des Deutschen Reiches die Überzeugung gewonnen hat, dass die Aussicht, zu erträglichen Bedingungen des Waffenstillstands und des Friedens zu gelangen, durch das Verbleiben des Kaisers in seinem hohen Amte verschlechtert wird", warnte der SPD-Staatssekretär Philipp Scheidemann am 29. Oktober. Widerstrebend ließ sich Prinz Max am 1. November schließlich bewegen, dem Kaiser den Rücktritt nahezulegen. Daraufhin erlitt er einen "schweren Zusammenbruch der gesamten Konstitution", von dem er sich erst nach 36 Stunden wieder erholte.

Als Prinz Max zwei Tage später wieder zu sich kam, hatten Österreich-Ungarn und die Türkei die Waffenstillstandsbedingungen der Alliierten akzeptiert. In Kiel war es, nachdem die Marineleitung eigenmächtig den Befehl erteilt hatte, zur Entscheidungsschlacht gegen England auszulaufen, zu einem Arbeiter- und Matrosenaufstand gekommen, der zum Ausgangspunkt der Novemberrevolution wurde. Überall bildeten sich Arbeiter- und Soldatenräte. Die SPD sah ihre Felle davonschwimmen: Auch Friedrich Ebert drängte nun auf den Rücktritt des Kaisers. Schließlich erhielt Max von Baden am 9. November die telefonische Auskunft, Wilhelm II. sei zur Abdankung bereit. Als die zugesagte schriftliche Formulierung nicht eintraf und sich die Situation immer mehr zuspitzte, entschloss er sich, selbst den Rücktritt des Kaisers zu verkünden. Er übergab die Regierungsgeschäfte an Friedrich Ebert und zog sich aus der Politik zurück.

Als schwuler Totengräber der Monarchie verunglimpft

Nach seinem Rücktritt musste sich Max von Baden heftiger Angriffe erwehren. Militärs und Anhänger Kaiser Wilhelms beschimpften ihn als Totengräber der Monarchie. Da auch der Großherzog von Baden am 22. November seinen Thronverzicht erklärte, zog sich Max auf das ehemalige Zisterzienserkloster Schloss Salem am Bodensee zurück, das nach der Französischen Revolution an das Haus Baden gefallen war, und gründete mit dem befreundeten Reformpädagogen Kurt Hahn die Schule Schloss Salem zur Ausbildung künftiger Eliten. Hahn, ein enger Vertrauter, der für ihn auch schon Reden geschrieben, verhandelt und sondiert hatte, half ihm in den folgenden Jahren bei der Ausarbeitung seiner Memoiren, die 1927 veröffentlicht wurden.

Diese Erinnerungen, gedacht, die gegen ihn erhobenen Vorwürfe zu widerlegen, erschienen 1968 in einer neuen Ausgabe mit einer Einleitung von Golo Mann. Während Mann den Prinzen idealisiert, hat wiederum der Bremer Historiker Lothar Machtan 2013 eine Biografie Max von Badens vorgelegt, die als "glänzendes Buch" und "faszinierendes, brillant formuliertes Porträt" überwiegend positiv besprochen wurde. Machtan, der bereits ein einschlägiges Buch über "Hitlers Geheimnis" verfasst hat, versucht nun auch die vermeintliche Schwäche des Prinzen durch dessen Homosexualität zu erklären. Zu spät, so Machtans These, habe Max den Kaiser zur Abdankung bewegt, weil die Kaiserin ihm am Telefon gedroht habe, diese seine Homosexualität publik zu machen. Damit erklärt der Historiker den Zusammenbruch des Kanzlers am 1. November 1918. Machtan geht so weit, zu mutmaßen, der schwedische Arzt Lothar Munthe habe in Wirklichkeit die Nachfahren des badischen Erbprinzen gezeugt.

"Lothar Machtans faszinierendes, brillant formuliertes Porträt erlaubt es endlich, den historischen Platz Max von Badens jenseits aller Projektionen und Legenden zu bestimmen", jubelt Volker Ullrich in der "Zeit". "Wir wissen nun, wer dieser Mann war, und auch, warum er als Politiker scheitern musste." Allerdings, bemerkt der Rezensent auch, "gewinnt man manchmal den Eindruck, dass er seiner Fantasie allzu sehr die Zügel schießen lässt".

War Max von Baden also der "schwule Totengräber des deutschen Kaiserreichs", wie die "Welt" griffig formuliert? Oder das "Idealbild eines Prinzen, fast wie aus dem Märchenbuch", wie Golo Mann meinte? Schwul oder nicht, offenbar war Prinz Max keiner, der sich von der militärischen Rhetorik des Kaiserreichs mitreißen ließ. Aus dem liberalen Baden kommend, stellte die Zusammenarbeit mit der SPD für ihn kein Problem dar. Historische Erfahrungen, etwa der Kriege Ludwigs XIV., die das Grenzland Baden verwüstet hatten, mögen zu seiner vorsichtigen Haltung beigetragen haben. Auch im Ersten Weltkrieg waren badische Städte zuerst von Fliegerangriffen betroffen. Max von Baden war allerdings kein Demokrat. Er wollte zuerst aus einer Position der Stärke mit den Alliierten verhandeln, dann wenigstens die Monarchie retten, zuletzt notfalls auch ohne Kaiser Wilhelm II. Erst der Druck der Ereignisse brachte ihn schließlich dazu, dessen Abdankung bekanntzugeben.

"Das dicke Ende kommt nach"

Im Übergang vom Krieg zum Frieden, vom Kaiserreich zur Republik, arbeitete Prinz Max mit einer Handvoll Personen aus unterschiedlichen Lagern überraschend einträchtig zusammen. Wenn sich dahinter ein beherrschendes Motiv erkennen lässt, so war es die Verhinderung einer Revolution nach dem Modell Russlands. Scheidemann am 8. November: "Meine Partei wird dafür sorgen, dass Deutschland vom Bolschewismus verschont bleibt." Ebert zwei Tage zuvor: "Wenn der Kaiser nicht abdankt, dann ist die soziale Revolution unvermeidlich. Ich aber will sie nicht, ich hasse sie wie die Sünde." Den Rücktritt des Kaisers hatte General Groener soeben erst rigoros abgelehnt. Gleichwohl verabschiedete sich Ebert von ihm mit den Worten: "Wir werden uns stets gern der Zusammenarbeit mit Ihnen während des Krieges erinnern." 

Ihre unter Max von Baden begonnene Zusammenarbeit sollten Ebert und Groener noch fortsetzen. "Abends sprach Ebert wie gewöhnlich mit Kassel, auf Geheimlinie 998, die noch vom Krieg her aus der Kanzlei ins Hauptquartier führte", heißt es in Alfred Döblins historischem Roman "November 1918" zu einer Lagebesprechung am 22. November. Im vorangehenden Kapitel hat Ebert seinen ersten Auftritt: "Hinter den zwei jüngeren Leuten stieg ein dritter Mann aus dem Wagen, gemäß dem Sprichwort: 'Das dicke Ende kommt nach.'" Das dicke Ende: Damit spielt Döblin an auf die Leibesfülle des Kanzlers, aber auch auf die Konsequenzen seiner Politik des Paktierens mit dem Militär. Döblin schrieb den Roman 1939/40 im französischen und amerikanischen Exil. Das dicke Ende ist letztlich der Nationalsozialismus.


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