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"Er tat noch drei Schritte"

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Der Erste Weltkrieg, den er bis zum letzten Schuss durchlitt, machte Ernst Jünger berühmt. Mit 14 Verwundungen und und dem Orden Pour le Mérite entkam er dem Schlachtfeld. Seine Kriegstagebücher machten den fanatischen Antidemokraten zum berühmten Schriftsteller. Teil V unserer Serie "Der Weltkrieg im Südwesten".

Schließlich ist die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" nicht ohne den Fortgang der Geschichte zu betrachten. Vom Vernichtungskrieg auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs führt ein historisch winziger Schritt in die Vernichtungslager der Nazis. Dem Schrecken des Gaskrieges im Ersten Weltkrieg folgte das Morden in den Gaskammern während des Zweiten Weltkrieges. Ernst Jünger war auch in diesem Krieg fünf Jahre Soldat. Doch entscheidender als sein amouröses Leben als Hauptmann im besetzten Paris ist sein Wirken auf dem Weg dorthin. Jüngers Lebenswerk hat in der Zwischenkriegszeit sein Fundament erhalten. "In Stahlgewittern. Aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers" erschien 1920 und dann bis 1933 in dichter Folge: Artikel, Schriften und Bücher. Die Frage nach seiner Verantwortung für den Untergang der Weimarer Republik durch die "Machtergreifung" der Nationalsozialisten ist deshalb unumgänglich.

Und schließlich sind diese Gründe auch deshalb von Belang, da Jünger nicht nur militärisch hoch dekoriert, sondern nach dem Überleben zweier Weltkriege auch in der zivilen Bundesrepublik mit Ehren überschüttet wurde. Die bedeutendste davon ist der Goethepreis, den er 1982 erhielt. Diese Auszeichnung beschäftigte das deutsche Feuilleton heftig und äußerst kontrovers. Weniger Aufmerksamkeit fand verständlicherweise die Verleihung des Oberschwäbischen Kunstpreises 1990. Ein Preis, den Jünger im Alter von 95 Jahren in seiner Wahlheimat auf Betreiben des Biberacher Landrats Dr. Wilfried Steuer, eines glühenden Jünger-Verehrers, verliehen bekam. Seit 1951 lebte der in Heidelberg geborene und in Niedersachsen aufgewachsene Jünger, nach einem zweijährigen Intermezzo in Ravensburg, für den Rest seines langen Lebens in dem kleinen Ort Wilflingen bei Riedlingen.

Doch die Lokalität ist es nicht, die zur Auseinandersetzung mit Ernst Jünger zwingt, sondern das Vorbild, das er als "Kriegsheld" selbst sein wollte und das ihm zugedacht wurde, so auch in Oberschwaben. Ehrungen haben Vorbildcharakter, denn damit wird vorbildliches Verhalten ausgezeichnet. Vorbild für was, Vorbild für wen? Diese Fragen muss man stellen, wenn man über den Beginn des Ersten Weltkriegs und seine politisch-historischen Konsequenzen nachdenkt. Denn der zweite "totale" Weltkrieg mit geschätzten 50 bis 56 Millionen Toten ist nicht ohne den totalen Vernichtungswillen im Ersten Weltkrieg mit 17 Millionen Toten zu verstehen.

Die wenigen Jahre zwischen Kriegsende (11. November 1918) und der Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 sind somit der Lackmustest, wessen Geistes Kind man war. Für Ernst Jünger, den am 29. März 1895 geborenen Sohn eines Apothekers, fällt dieser Test verheerend aus. Wenngleich Jüngers Biograf, der Literaturprofessor Helmuth Kiesel, seinem Kollegen, dem Historiker Hans-Ulrich Wehler, eingangs seiner voluminösen wie kenntnisreichen Abhandlung "Ernst Jünger. Die Biografie" (2007) alttestamentarische Wut bescheinigt, weil der angesehene Zeithistoriker in seiner "Deutschen Gesellschaftsgeschichte (1918–1949)" Jünger als einen "intellektuellen Totengräber der Weimarer Republik", als "Unheilsfigur" sowie als einen "großer Verderber der neueren deutschen Geistesgeschichte" bezeichnet hat, findet sich totz Kiesels Bemühen nichts Entlastendes für Jünger. Es sei denn, man würde der Tatsache, dass der Kriegsheld nie Parteimitglied wurde, bereits als Akt des Widerstands verklären.

Es ist viel schlimmer: Ernst Jünger stand beim Überlebenskampf der Republik trotz seiner Differenz zur NSDAP nicht im bürgerlichen Lager, sondern rechts von Hitlers Partei. Er lehnte Hitlers Kampf um die Parlamente und dessen Versuch, über die Institutionen die politische Macht zu erobern, als demokratischen Schmusekurs ab. Für Jünger war dies Verrat an der geforderten Revolution, die er für unabdingbar hielt, um seinem "Arbeiterstaat" Platz zu schaffen. Sein "Arbeiter", erschienen 1932, war ein verquastes Produkt, angesiedelt zwischen Faschismus und Bolschewismus mit totalitärem Impetus: "Das tiefste Glück des Menschen besteht darin, dass er geopfert wird, und die höchste Befehlskunst darin, Ziele zu zeigen, die des Opfers würdig sind." Jünger war fanatischer Antidemokrat während der Weimarer Republik ("Ich hasse die Demokratie wie die Pest") und blieb auch nach dem Zweiten Weltkrieg auf Distanz zur demokratischen Verfassung der Bundesrepublik.

Daraus machte er nie einen Hehl. Was aber den ersten Präsidenten der Republik, Theodor Heuss, nicht davon abhielt, bereits 1953 nach Wilflingen zu eilen, und bevor er aus dem Amt schied, verlieh der Bürgerpräsident 1959 dem Antibürger Jünger das Große Bundesverdienstkreuz. Es war nach Meinung Kiesels der Versuch, mit der Wertschätzung Jüngers den "rechten Rand" mit der deutschen Demokratie zu versöhnen. Aber es folgte weitere politische Prominenz: Helmut Kohl exerzierte seine "geistige Wende" bei seinen wiederholten Besuchen in Wilflingen. Zu Jüngers 90. Geburtstag reiste Helmut Kohl 1985 mit dem französischen Präsidenten Mitterrand auf die Alb, fünf Jahre später kam er wieder, mit dem spanischen Ministerpräsidenten Gonzáles im Schlepptau.

Woher diese Verehrung, insbesondere auch in Frankreich? Gegen den "Erbfeind" zog Ernst Jünger zwei Mal in den Krieg. Jünger hatte weder mit dem ätzenden Nationalismus des Kaisers noch mit dem des Gefreiten Hitler etwas am Hut. Für ihn war Krieg sowohl Abenteuer und willkommener Zeitvertreib als auch Karrieresprungbrett in Erwartung einer neuen Ordnung, metaphysisch entrückt und zutiefst apolitisch. Das befähigte den mit Notabitur versehenen "Kriegsmutwilligen" (Kiesel), trotz schrecklichster Fronterfahrungen und zigfacher Verwundungen die traumatisierende Wirklichkeit gegen die Sinnfrage zu immunisieren. So schreibt er nach seiner letzten lebensgefährlichen Verwundung, einem Lungenschuss, noch während seiner Genesung am 10. September 1918, zwei Monate vor Ende des Krieges, an seine Eltern: "Ich muss mich jetzt wieder mal unbedingt erholen, um mal wieder Krieg machen zu können."

Heimo Schwilk ist Herausgeber von Ernst Jüngers "Feldpostbriefe an die Familie 1915–1918", die erst kürzlich erschienen. Der Journalist zählte zu Jüngers Vertrauten und ist Kenner seines Lebenswerks, umso bitterer sein Urteil im Vorwort: "Ernst Jünger, das zeigen diese sachlich-nüchternen Briefe, gibt sich von Anfang an als eine inkommensurable (unvergleichbare, Anm. der Red.) Größe zu erkennen: in der hochfahrenden Rücksichtslosigkeit seiner Ansprüche wie in dem bisweilen erschreckenden Grad seiner Selbstüberhöhung. Hier deutet sich der Beginn einer lebenslangen, mit ungeheurem Elan und Raffinesse betriebenen Selbststilisierung an, ein heißer, aber kühl inszenierter Wille, die Welt den eigenen Vorstellungen gefügig zu machen." Schwilk promovierte zu Jünger 2006 ("Der Bürgerkrieger. Ernst Jüngers Selbstwerdung als Schriftsteller 1914–1926"), und als Hauptmann der Reserve mit Jünger auf Ranghöhe kommt er zu dem Schluss: "Es sind Zeugnisse eines unbändigen Willens zu Macht und Ruhm um jeden Preis."

"Stahlgewitter": gelobt von Remarque und Joseph Goebbels

Ernst Jünger erlebt den Grabenkrieg an der Westfront als alles verschlingendes Monstrum. Die tagelangen Bombardements der Artillerie, bevor die Infanterie sich aus ihren Unterständen und Schützengräben ins feindliche Maschinengewehrfeuer stürzen musste, das Ausharren in Granattrichtern mit der lähmenden Angst vor dem schleichenden Gas, all diese monströsen Grausamkeiten bis hin zur minuziösen Schilderung von zerfetzten und verstümmelten Körpern, die sich nach Angriff und Gegenangriff, Verteidigung und Angriff zum stinkendem Leichenbrei übereinanderschichteten, finden sich in Jüngers "Stahlgewitter", für die der mit 23 Jahren als Leutnant und Kompanieführer aus dem Krieg Heimgekehrte von so unterschiedlichen Lesern wie Joseph Goebbels und Erich Maria Remarque gelobt wurde. Der spätere NS-Propagandaminister lobt in seinem Tagebuch 1926: "Ein glänzendes, großes Buch. Grauenerregend in seiner realistischen Größe", und Jünger selbst ist für ihn "ein ganzer Kerl". Und auch der Verfasser des Romans und weltweiten Bestsellers "Im Westen nichts Neues" (1929), für dessen Verfilmung 1930 der Laupheimer Jude Carl Laemmle als Produzent in Hollywood den Oscar erhielt, lobt Jüngers Erinnerungen für deren Authentizität.

Jünger, obwohl auch Leidender, schafft Distanz, indem er zwar detailliert und metaphorisch, aber mit brutaler Gefühllosigkeit das Geschehen beschreibt und dabei die eigene heldenhafte Performance nie vergisst. Am 5. Juli 1915 schreibt der 20-Jährige von einem Offizierslehrgang an seine Eltern: "Das Militärische beginnt, mir Spaß zu machen, ich fange an zu begreifen, was für ein Teufelskerl man sein muss, um Hunderte in den Tod zu führen."

Remarque beschreibt Opfer, Jünger inszeniert sich als Täter, bis hin zum Killer ganz im Sinne des 1931 in der "Weltbühne" erhobenen Verdikts des Weltkriegssoldaten Kurt Tucholsky: "Soldaten sind Mörder!" Über das sich Jünger stets empörte. In "Stahlgewittern" plaudert Jünger: "Am Vormittag schlenderte ich durch meinen Graben und sah auf einem Postenstande den Leutnant Pfaffendorf, der von dort mit einem Scherenfernrohr das Feuer seiner Minenwerfer leitete. Ich trat neben ihn und bemerkte sofort einen Engländer, der hinter der dritten feindlichen Linie über Deckung ging und sich in seiner kakibraunen Uniform scharf vom Horizont abhob. Ich riss dem nächsten Posten das Gewehr aus der Hand, stellte Visier 600, nahm den Mann scharf aufs Korn, hielt etwas vor den Kopf und zog ab. Er tat noch drei Schritte, fiel dann auf den Rücken, als ob ihm die Beine unter dem Leib fortgezogen wären, schlug ein paarmal mit den Armen und rollte in ein Granatloch, aus dem wir durch das Glas noch lange seinen braunen Ärmel leuchten sahen."

Es ist die gruselige Faszination, einem Killer über die Schulter zu schauen, der sein Handwerk beherrscht und von sich behauptet, keine Feindbilder zu haben, weil er nur tut, wozu er gerufen wurde und wozu er sich berufen fühlt, was Jüngers Akzeptanz sowohl in bürgerlichen Kreisen als auch international erklären mag. Jünger stilisiert sich zum ewigen Krieger, den es immer schon gab und immer geben wird, der sich ritterlich schlägt, und sei es als Scharfschütze, aber nicht hasst. So gibt Jünger zum Besten: "Ich war im Kriege immer bestrebt, den Gegner ohne Hass zu betrachten und ihn als Mann seinem Mute entsprechend zu schätzen. Ich bemühte mich, ihn im Kampf aufzusuchen, um ihn zu töten, und erwartete auch von ihm nichts anderes. Niemals aber habe ich niedrig von ihm gedacht." Mit dieser Haltung war der Soldat Jünger international kompatibel und insbesondere in Frankreich geschätzt – das fiel umso leichter, da man sich dort als Sieger wähnte.

"Was vermag Korrektheit in einer Zeit der Massenmorde?"

An dieser Wertschätzung änderte sich auch wenig, als Ernst Jünger, 45-jährig, reaktiviert und befördert zum Hauptmann, als Kompaniechef im Sommer 1940 in Paris einmarschiert. Sein Biograf Helmuth Kiesel stellt fest: "Die Tatsache, dass der Hauptmann Jünger zu Pferd an der Spitze einer Kompanie gegen Paris vorrückte, während auf der anderen Seite Schriftstellerkollegen wie Benjamin und Döblin mit ein paar Habseligkeiten in einem kleinen Handkoffer nach Süden flohen, gehört zu den bedrückendsten Momenten der deutschen Literaturgeschichte." Auch Remarque war schon längst in die Schweiz geflohen, und "Im Westen nichts Neues" war wie viele Tausend andere Bücher als "Schandliteratur" verbrannt. Und um das Erschrecken noch größer zu machen, zitiert Kiesel aus Jüngers Kriegstagebuch während des Vormarschs – hinter sich eine Kompanie junger Soldaten – die aberwitzige Frage an einen General: "Darf man denn hoffen, dass man noch ins Feuer kommt?"

Zumindest für den Hauptmann Jünger erfüllte sich dieser zynische Wunsch nicht, stattdessen genoss er bis zum Rückzug der deutschen Truppen aus Paris im August 1944 das Wohlleben als Besatzungsoffizier. Das Ende kam für die Pariser Juden bereits im Juli 1942, als die Massenverhaftungen und Deportationen begannen und alleine am 28. August 4000 jüdische Kinder aus Paris nach Auschwitz in die Gaskammern geschickt wurden. Ernst Jünger, Französisch sprechend, gebildet und profunder Kenner französischer Literatur sowie flammender Verehrer der Damen in den Salons der Kulturmetropole, pflegte indes das Image des "guten Deutschen", der auch in Zivil immer auf Haltung bedacht, klug in ihrer Mitte parlierte.

"Ernst Jünger ist nächst Grass und Böll der in Frankreich meist übersetzte deutsche Schriftsteller und der einzige, der allgemein bekannt ist", erklärt Jüngers langjähriger Übersetzer, der französische Germanist und Historiker Henri Plard. Zu Jüngers Wertschätzung in den französischen Salons stellt Plard fest: "An seiner persönlichen Tadellosigkeit, seiner Integrität ist nicht zu zweifeln. Doch was vermag diese Korrektheit in einer Zeit der Massenmorde?" Und Plard, der "als Besetzter alle Besatzungsjahre in Paris erlebt habe", bezeichnet Jünger "als späten Dandy". Dessen "Dandyismus" macht er dingfest: "Bei Jünger kommt es nur selten zur Einsicht in die wahren Verhältnisse: Hunger, Kälte, Unterdrückung, Denunziationen, Judenverfolgung, systematische Plünderung des besiegten Landes – in Jüngers Kreisen, ob zivil oder militärisch, war man 'unter sich' und brauchte vom Elend der Pariser Bevölkerung keine Notiz zu nehmen."

Jünger-Apologeten verweisen an dieser Stelle auf "Die Marmorklippen" als Widerstandsroman, der 1939 erschien. Es soll die Feststellung genügen, dass das Buch die Zensoren in der Reichsschriftumskammer, angesiedelt im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda, offensichtlich unbeeindruckt ließ und Jünger selbst es nicht als politisch relevant bezeichnet hat. Jünger blieb auch nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 unbehelligt von der Gestapo, obwohl er als Stabsoffizier in direktem Umfeld "der Verräter" um den Infanteriegeneral und Befehlshaber in Frankreich, Carl-Heinrich von Stülpnagel, in Paris Dienst tat. Dazu muss man ihn beglückwünschen, sonst hätte sein Leben womöglich nur halb so lang gedauert. Aber Vorbild für was, Vorbild für wen? Er hat den Wahnsinn, den er geistig mit vorbereitet hatte, überlebt. Mehr nicht! Der Literaturwissenschaftler Thomas Amos kommt in seiner Monografie über Ernst Jünger zu dem Schluss: "Die zwischen November 1920 und September 1933 entfaltete rege politische Publizistik (...) macht Jünger zu einem weithin beachteten Wortführer und Theoretiker der politischen Rechten."

Henri Plard, Jüngers Übersetzer, kündigte 1988 seine längjährige Tätigkeit, als er Jüngers "Arbeiter" ins Französische übertragen sollte und den bis dahin hochverehrten Autor einen "kryptofaschistischen Herrenreiter" schimpft und einen "schlimmen Dandy, dem Käfer mehr bedeuten als Menschen", erinnert sich mit Entsetzen Wilfried Steuer, Biberacher Landrat und Freund Jüngers, in seinen "Begegnungen mit Ernst Jünger" (2009). Jünger zeigte sich getroffen, aber ging "zur Tagesordnung" über, hält Steuer fest. "Ich kann mich nicht darauf einlassen, habe zu arbeiten", schrieb der Held an seinen Landrat. Steuer war im benachbarten Emerfeld zu Hause und verehrte Jünger abgöttisch. Steuer zu seinen Besuchen bei Jünger: "Die Begegnung war für mich geistiger Höhepunkt; es war eine Art Gottesdienst, wenn ich bei ihm war."

Der Jünger(?) chauffierte Jünger folglich auch im Dienstwagen 1982 zur Verleihung des Goethe-Preises nach Frankfurt und forderte nach der glücklichen Rückkehr aus der garstigen Großstadt mit den frechen Demonstranten ins heimelige Wilflingen die zum Empfang aufspielenden Jugendlichen der Kreisjugendmusikkapelle auf: "Nehmt euch ein Beispiel an Ernst Jünger." So zitiert ihn die "Schwäbische Zeitung" am 31. August 1982. Die dem international renommierten und lokal verwurzelten Schriftsteller auch bei seinem 100. Geburtstag und drei Jahre später zu seinem Tod "Die dritte Seite" einräumt. Zum Hundertsten waren der Bundespräsident Roman Herzog, Bundeskanzler Helmut Kohl und Ministerpräsident Erwin Teufel in die Kleber Post nach Saulgau gekommen. Der französische Präsident Mitterrand schickte seinen Botschafter und verneigte sich im Flaggschiff der konservativen Presse, in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", vor Jünger mit den Worten: "Seine Haltung ist die eines Römers, stolz und schlicht, unerschütterlich."

Jünger hielt nichts vom demokratischen Deutschland

Das hat Ernst Jünger sicherlich sehr gefallen, so wie er sich auch gerne von Wilfried Steuer verehren ließ, es entsprach seinem Ego, hatte aber nichts mit dem zu tun, was Jünger über Politik und Politiker dachte. "Warum sollte ich mich zur Demokratie bekennen, und gerade heute, wo ich sie täglich beobachte, von Moskau bis nach New York", bekennt der Verehrte in seinen Tagebuchveröffentlichungen "Siebzig verweht" (1993). Die Verehrung wirkt umso lächerlicher, da bekanntlich zwischen Moskau und New York Berlin und Paris liegen. Verächtlich meint Jünger: "Die Politik jeglicher Färbung ist mir seit langem zuwider."

Jünger las und schrieb, schrieb und las bis ins hohe Alter, aber er scheute die direkte, öffentliche Auseinandersetzung, den Disput im demokratisch gewordenen Deutschland, von dem er nichts hielt. Er duckte sich weg – wie der Soldat im Stahlgewitter. Der Frontsoldat, der Jünger zeitlebens blieb, indem er den Stahlhelm eines im Nahkampf erschossenen englischen Offiziers als Trophäe auf seinem Schreibtisch aufbewahrte, fürchtete das demokratische Wortgewitter und versteckte sich hinter einem elitären Habitus: "Nur wenige sind wert, dass man ihnen widerspricht." Haltung war Ernst Jünger immer wichtig, alle staunten über seine Fitness noch als Hundertjähriger.

Zur Nachricht über den Tod seines Sohnes Ernstel, der kurz nach seiner Rekrutierung in Italien im November 1944 gefallen war, notiert Jünger am 12. Januar 1945 in seinem Tagebuch: "Der gute Junge. Von Kind auf war es sein Bestreben, es dem Vater nachzutun. Nun hat er es gleich beim ersten Male besser gemacht, ging so unendlich über ihn hinaus." Es ist – im Angesicht des Untergangs des deutschen Militarismus und seiner Soldatenehre – das abstruse Bekenntnis zum "Heldentod" seines gerade 18 Jahre alten Sohnes. Gefühlskalt, sinnlos, makaber und nichts dazugelernt. Vergesst Ernst Jünger – als Vorbild!


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10 Kommentare verfügbar

  • I. Reh
    am 24.05.2014
    Antworten
    Bravo, G. Sachs!
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