Ausgabe 163
Zeitgeschehen

Fünf Kilometer Todesmarsch

Von Gerhard Reischmann
Datum: 14.05.2014
Die KZ-Häftlinge von der Schwäbischen Alb wurden von der SS im April 1945 Richtung Dachau getrieben. Der Todesmarsch führte die ausgehungerten Menschen auch durch Oberschwaben. In Dachau angekommen sind sie nie.

Als die französische Armee unter General de Lattre Anfang April 1945 den Rhein überschritten hatte und unaufhaltsam Richtung Stuttgart und Bodensee vorrückte, hatte die SS in den KZs auf der Schwäbischen Alb ein Problem: wohin mit den Häftlingen? Am 13., 17. und 18. April wurden insgesamt 1997 Häftlinge, wie die Erinnerungsinitiative "Gedenkstätte Eckerwald" dokumentiert hat, aus den Lagern Frommern, Dautmergen, Schömberg und Schörzingen, alle bei Balingen, Zollernalbkreis, auf Todesmärsche geschickt. Quer durch Oberschwaben trieben die KZ-Schergen ihre Häftlinge Richtung Dachau. Der Pfarrer von Ebersbach, einem Ort im Kreis Ravensburg, notierte damals in der Pfarrchronik: "Wer nicht mehr kann, erhält den Genickschuss – aus."

Denkmal auf dem Friedhof in Molpertshaus bei Wolfegg. Bis vor kurzem wusste so gut wie niemand mehr warum es dort steht. Foto: Gerhard Reischmann
Denkmal auf dem Friedhof in Molpertshaus bei Wolfegg. Bis vor kurzem wusste so gut wie niemand mehr warum es dort steht. Fotos: Gerhard Reischmann

Am 22. April 1945 – es war ein Sonntag – kam ein Todesmarsch durch Waldsee. Michael Barczyk, Stadtarchivar im oberschwäbischen Bad Waldsee, sprach darüber am Volkstrauertag 2013: "Ein Teilnehmer erinnert sich an eine tropfende Dachrinne des Bachem-Werkes. Er wollte daran lecken und wurde sogleich brutal zusammengeschlagen. In der Biberacher Straße standen Waldseer Anlieger, schauten zu, trauten sich nicht, den Hilferufen 'pain, pain' ('Brot, Brot') nachzukommen. Und dann fand man einen Tag später, am 23. April 1945, bei der Eisenbahnunterführung bei Unterurbach die Leichen von zwei KZlern."

Nach der Rede des Archivars war vergessener Doppelmord Thema an vielen Tischen. Ernst Fricker, Jahrgang 1929, zwei Kilometer vom Ort des Geschehens zu Hause, war nach der Gedenkfeier im Hasen; dort hockten einige der Alten, kramten in Erinnerungen. Kaum war er zu Hause, schaute er nach seinem kleinen schwarzen Notizbuch, nach der Kladde von 1945.

"Die wurden verraten"

Frühschoppen im Rad in Mittelurbach, sechs Wochen danach. Ernst Fricker hat sein Büchle von damals dabei. "Zwei Sträflinge (KZ) erschossen von Offiz." ­– größer ist die Eintragung nicht. "Dia hot ma verrota", ist sich der 83-jährige Bauer sicher. Er hatte damals, im Sommer 45, mit zwei "Molle" (Ochsen) den Grabstein für die Verratenen herbeigeschafft. "Innerhalb vo 24 Stunda hot mei Großvatr a Grabstell für dia Erschossene braucht", berichtet Franz Knitz (73). Sein Großvater war in den Tagen des "Umsturzes" Bürgermeister von Unterurbach gewesen. "Däa Leichagschmack hon i lang it wegkriegt", sagt Alois Fricker (81). "Bei dr Umbettung anno 48 hond alte Nazi vom Dorf helfa müssa", sagt ein anderer.

Alois Fricker, 1945 13 Jahre alt, schildert eine gespenstische Szene. Es hatte geheißen, bei Feinkost Linder in Waldsee gebe es Blockschokolade. "Viel Leut send agschtanda." Da zogen KZ-Häftlinge vorbei. Etwa 30 bis 40 Sträflinge, angetan mit der gestreiften KZ-Kleidung. Brav anstehende Bürger trafen auf ausgemergelte Opfer des Regimes. Alois Fricker: "Einige hond kaum no laufa kenna." Er erinnert sich, wie ein Wachmann einen strauchelnden Häftling mit dem Gewehrkolben stieß.

Nur wenige Tage später werden die Bürger Besiegte sein und die Opfer Befreite. Aber noch ist es nicht so weit.

Die Häftlinge und ihre zahlenmäßig schwache Bewachung marschieren weiter Richtung Haisterkirch; "drei oder vier" können sich absetzen, berichtet Ernst Fricker, der Bruder von Alois. Die Flüchtigen verstecken sich in der Nacht vermutlich in einem Wäldchen oberhalb des Urbachs. Am Montagmorgen (23. April) halten sich laut Ernst Fricker drei Flüchtige am Urbach auf, wohl um sich zu waschen und um etwas zu trinken. Da fährt ein deutscher Jeep heran. Einer der KZ-Sträflinge kann flüchten, die beiden anderen aber folgen dem Ruf aus dem Kübelwagen, worauf sie an Ort und Stelle erschossen werden. Die Täter lassen die Toten einfach liegen und fahren weiter.

Wer nicht weiterkonnte, wurde erschossen

Alois Fricker kann den Wochentag nicht mehr sagen, an dem er Schokolade gehamstert hatte, doch es muss jener Sonntag, der 22. April, gewesen sein. Damals hatte der Lebensmittelhandel auf dem Land vielfach auch am Sonntagvormittag, nach der Kirche, geöffnet. Vielleicht war es auch eine Sonderabgabe am Nachmittag gewesen, denn Anna Krattenmacher, geboren 1925, meint, es sei Abend gewesen, als der Elendszug an ihrem Haus am Fuße des Haidgauer Berges, vier Kilometer östlich Waldsees, vorbeigekommen sei. "Mei Vatr hot dene Häftling Wasser nausbringe müssa", berichtet die 89-Jährige. Sie selbst durfte das Haus nicht verlassen, sah aber, wie die Sträflinge den Berg hochkeuchten, graue Decken über ihrer gestreiften Kleidung tragend. Knapp vor der Bergkuppe, 800 Meter vom Haus Fiegel, in einem Waldstück links der Straße, erschossen die Bewacher zwei Entkräftete.

Alois Fricker: "Däa Leichagschmack hon i lang it wegkriegt."

Die Schüsse habe man unten im Dorf gehört, berichtet Helga Heinzelmann, damals 13 Jahre alt; sie war zu Hause im Heustöckle, einem einzeln stehenden Hofe wenige Hundert Meter südwestlich vom Haus Fiegel. An jenem Abend war sie von der Andacht in der Kirche gekommen und hat den Elendszug ebenfalls gesehen. Sie spricht von mehreren Hundert Häftlingen und hat auch noch die Bewacher mit geschulterten Gewehren vor Augen. Anni Kübler, Jahrgang 1931, kommen heute noch die Tränen, wenn sie von dem schweigenden Zug der Häftlinge spricht. Insbesondere die Letzten im Zug hätten kaum noch gehen können und seien von den Wärtern angeschrien worden. Die Augenzeugin spricht von einem "nicht enden wollenden Zug" in Dreier- oder Viererreihen.

Demnach hat Alois Fricker am Vormittag oder früheren Nachmittag nur eine Teilgruppe gesehen.

Am 2. Juni 1945 findet man oben auf dem Berg die zwei Toten. Unter den Augen einer Kommission der französischen Besatzer werden die Leichen geborgen und auf dem Haisterkircher Friedhof bestattet. Haisterkirchs Pfarrer Erich Dolderer hält eine aufrüttelnde Predigt: "Darum, liebe Christen, müssen wir aufs Tiefste beklagen, was vor sechs Wochen auf der Gemarkung unserer Gemeinde geschehen ist. Aus einem jener Konzentrationslager, die von der Hölle erfunden sind, wurde ein Trupp Gefangener durch unser Dorf getrieben, die Straße zum Berg empor. Auf der Höhe wurden zwei Gefangene von ihren Wärtern erschossen und unbeerdigt ihrem Schicksal überlassen. Alle, die von dieser Untat hörten, wurden mit Abscheu und Entsetzen erfüllt. Hinter diesen beiden unbekannten Männern erhebt sich eine ungeheure Zahl von Menschen, die ebenso und noch grausamer ermordet worden sind ... Diese beiden Gräber inmitten unseres Gottesackers müssen uns stete Mahnung sein, wohin Menschen kommen, wenn sie den lebendigen Glauben verlieren."

Der Todesmarsch.
Der Todesmarsch.

Des Dorfpfarrers Totenklage kam nach Jahrzehnten wieder zutage; der seinerzeitige Kirchenpfleger hatte eine Abschrift aufbewahrt.

Am 23. April 1945, es ist ein Montagmorgen, geht die 13-jährige Maria Knitz von Mittelurbach ins nahe Waldsee. Auch ihre Familie hat von der Blockschokolade erfahren. "Dass der Feind fünf Kilometer vor der Stadt stand", habe man bei dieser Besorgung nicht groß problematisiert, sagt sie im Rückblick. Als Maria zurückkommt, sieht sie nach der Unterurbacher Eisenbahnunterführung zwei Tote. Sie kann die Szene auch heute, nach bald sieben Jahrzehnten, noch genau beschreiben. Die beiden Ermordeten seien in knien­der Stellung gewesen, die kahl geschorenen Köpfe auf den Boden gesunken. Über den Körpern hätten Decken gelegen, vermutlich jene grauen Umhänge, von denen Anna Krattenmacher weiß. Maria Bausinger meint, sich auch an einen Ruf wie "Mädle, weg do!" zu erinnern. In all den Jahren, wenn sie an der Stelle vorbeikommt, hat sie stets ein mulmiges Gefühl. Sie kann das im Herbst 45 dort errichtete Grabmal gut beschreiben, meint, sich an eine Bodenplatte zu erinnern, auf der das französische Wort für Fabrikant (oder Ingenieur?) gestanden sei.

Der dritte Flüchtling wurde im Strohschuppen versteckt

Noch am Morgen desselben Tages: Am Küchenfenster von Greggs Hof am Westabhang des Haidgauer Berges, in besagtem Heustöckle, klopft es. Helga, die Gregg-Tochter, heute 82 Jahre alt, kann die Szene genau beschreiben. Ihre Mutter habe hinausgeschaut und ausgerufen: "Jessas, wa ischt au des für oiner?!" Maria, die 20-jährige weißrussische Fremdarbeiterin, geht vor die Türe und bringt den abgehetzten, völlig erschöpften Mann herein. Auf dem Herd werden gerade Kartoffeln für die Schweine gekocht. Mitsamt den Schalen schlingt der Fremde die Kartoffeln hinunter. "Däa sieht jo aus wia dä Tod", sagt Mutter Gregg. Im Strohschuppen nebenan wird ihm ein Lager bereitet, das Essen bringen Greggs nachts hinüber. Niemand darf von dem Versteckten wissen. So kommt der Entflohene über die Tage des "Umsturzes". Nach dem Einmarsch der Franzosen wird er im Krankenhaus Waldsee auskuriert. Vieles spricht dafür, dass das der dritte Mann vom Bach war.

Die Rettungstat vom Heustöckle wurde erst jetzt bekannt

Am diesem Aprilmontag 1945 ist das Verbrechen am Bach geschehen, einen Tag später wird Waldsee von den Franzosen eingenommen. Unterurbach und Mittelurbach sind noch nicht besetzt; die Gemeinde Unterurbach hat nun mit den zwei am Ortsrand liegenden Toten ein Problem. "Ma ka se doch it liega lau", heißt es im Dorf. Bürgermeister Franz Knitz, der nicht weiß, dass die Toten in ihren Sträflingsbekleidungen französische Staatsangehörige waren, sorgt für eine rasche, wohl nur notdürftige Beerdigung.

Nach dem Einmarsch französischen Militärs in Urbach kommt es zu einer dramatischen Zuspitzung. "Zur Vergeltung wollten die Franzosen nach der Besetzung zwanzig Bürger von Urbach erschießen", schreibt Ernst Fricker in seinem Buch "Erinnerungen aus meinem Leben", "dies konnte Bürgermeister Knitz verhindern, weil er glaubhaft machen konnte, dass niemand von uns beteiligt war."

Die Franzosen fordern eine würdige Bestattung der Ermordeten

Ultimativ, "binnen 24 Stunden", fordern die Franzosen eine würdige Bestattung der bei Unterurbach ermordeten KZ-Häftlinge sowie die Errichtung eines Denkmals. Das wird bis zum Herbst fertig. Für den 2. November 1945 setzt der französische Stadtkommandant Waldsees eine Trauerfeier für die Ermordeten an. Offensichtlich von ihm angewiesen, fordert Waldsees Bürgermeister die Mitglieder seines Gemeindeausschusses schriftlich auf, an der Trauerfeier in der Nachbargemeinde teilzunehmen. "Bei dr Trauerfeier hond zwoi Dutzend Leit vo Urbach atreta müssa", erinnert sich Franz Schmid aus Mittelurbach. Er ist der wohl letzte Zeuge jener Trauerfeier und hat noch den Salut im Ohr, den die Franzosen zu Ehren der Ermordeten geschossen hatten. Einige Wochen zuvor hatte er als 15-jähriger Bursche den Sockel des Grabmals mit einem Ochsengespann herbeischaffen müssen.

Helga Heinzelmann war damals 13 Jahre alt.
Helga Heinzelmann war damals 13 Jahre alt.

Außer dem Trauerakt am Grabmal gab es anscheinend auch einen Trauerakt auf dem Waldseer Stadtfriedhof sowie, das ist gesichert, Trauerfeiern in beiden Waldseer Kirchen. Die Teilnahme der Bevölkerung war von der Besatzungsmacht ausdrücklich erwünscht.

Drei Jahre später, Herbst 1948: Franz Knitz, Jahrgang 1940, ein Enkel des seinerzeitigen Urbacher Bürgermeisters, wird Augenzeuge der Exhumierung. Mit einem Kuhgespann kommen er und sein Vater vom Steinacher Ried her, wo sie Torf gestochen hatten; auf der Höhe des Grabmals werden sie von einem französischen Posten angehalten. Und dann sehen sie, wie die ausgegrabenen Särge mit einer Axt aufgewuchtet werden und die sterblichen Überreste in Zinksärge gegeben werden. Ein französischer Lastwagen steht für den Abtransport bereit. Stets habe in Urbach eines der Opfer als Fabrikant oder Fabrikantensohn gegolten, weiß Rad-Wirt Franz Spehn aus der mündlichen Überlieferung. Er meint, dass die Exhumierung und Überführung nach Frankreich auf Wunsch jener offenbar vermögenden Familie erfolgt sei.

Die Todesmärsche von den KZs auf der Schwäbischen Alb wurden in den Jahren 1948 bis 1952 juristisch aufgearbeitet ("Rastätter Prozesse"). Ob auch der Urbacher Fall dort verhandelt wurde, ist derzeit nicht bekannt. Laut Barczyk waren die Urbacher Täter ein SS-Offizier und ein Mann des Werwolfs, wie er den Akten des Kriminalkommissariates Ravensburg von 1950 entnehmen konnte.

Keiner der vier Todesmärsche hat das Ziel Dachau erreicht. Große Häftlingsgruppen wurden am 23. April von französischen Truppenverbänden im Raum Altshausen/Ostrach befreit. Ein dritter Elendszug löste sich am 17. April bei Pfronten im Allgäu auf. Ein vierter aber ging, nachdem die Amerikaner kurz vor Dachau standen, noch Richtung "Alpenfestung". Am 1. Mai, sieben Tage vor der Kapitulation des Großdeutschen Reiches, endete das Martyrium dieser Todesmarschierer bei Mittenwald.

Das Urbacher Franzosengrab gibt es nicht mehr. Seit circa 1960 steht das Denkmal, ein stattliches Kreuz, im Friedhof in Molpertshaus bei Wolfegg. Bis vor Kurzem wusste so gut wie niemand mehr etwas über die Geschichte des Kreuzes. Dank der Erinnerungsarbeit des Stadtarchivars und der anderen Bewahrer kennt man wieder die Namen derer, an die jenes Kreuz erinnern soll: Auguste Bonal, geb. 1898 in Sorres-Seine, Manager bei Peugeot, und Jules Monjoin. Auch die Namen der Toten vom Haidgauer Berg sind nun bekannt: Karl Panhans aus dem Sudetenland und Julius Spiegel aus dem Burgenland. Karl Panhans wurde 52 Jahre alt, Julius Spiegel starb mit 42.


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