KONTEXT Extra:
"Mister 125 000 Euro" wird Pensionskommission nicht übernehmen

Der frühere Bundesverfassungsrichter Herbert Landau nimmt seinen Hut – noch bevor er ihn richtig auf hatte. Der 69-jährige Jurist wird nicht Vorsitzender der geplanten Kommisssion, die Vorschläge zur Reform der umstrittenen Altersversorgung für Abgeordnete zu erarbeiten hat. Landau, vor Jahren Staatssekretär in der CDU-geführten hessischen Landesregierung, wollte für seine Arbeit 125 000 Euro Honorar und forderte zusätzlich "ca 35 000 Euro" für die eigene Presse- und Öffentlichkeitsarbeit (Kontext berichtete). Übernehmen sollte diese Aufgabe ausgerechnet Dirk Metz, der Ex-Berater von CDU-Ministerpräsident Stefan Mappus. Landau hatte seit vergangenem Oktober bereits zwei anderen Kommissionen – in Sachsen und Thüringen – geführt. In Erfurt sorgt sein Gutachten zur Stellung und den Möglichkeiten der (CDU-)Landtagsdirektorin gerade für jede Menge Aufregung.

Nach einem Gespräch mit allen vier Fraktionsvorsitzenden am Donnerstag erklärte Landestagspräsidentin Muhterem Aras (Grüne), dass Michael Hund, zwischen 2007 und 2011 Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts, das Gremium leiten und für eine Aufwandentschädigung von 5000 Euro brutto im Monat arbeiten wird. Gekürzt wurden auch die Ausgaben für einen Rat zur Beteiligung der Bürgerschaft. Der sollte ursprünglich 100 000 Euro kosten, jetzt wurde dieser Posten auf 65 000 Euro beschränkt. Die Landesregierung hatte entsprechende kommunale Projekte in der vergangenen Legislaturperiode allerdings nur mit insgesamt 3000 Euro unterstützt. Komplett gestrichten ist die Öffentlichkeitsarbeit. Insgesamt steht ein Etat von 197 200 Euro statt 400 000 Euro zur Verfügung.

In Stuttgart mussten externe Experten berufen werden, nachdem der Landtag mit den Stimmen von Grünen, CDU und SPD im vergangenen Februar eine Rückkehr zum auskömmlicheren staatlichen Pensionssystem beschlossen hatte (Kontext berichtete). Ein im Schnelldurchlauf verabschiedetes Gesetz musste angesichts der öffentlichen Empörung wieder zurückgenommen werden. Das Gremium soll nun Vorschläge unterbreiten, wie die Pensionen neu zu regeln sind, nachdem Abgeordnete, die noch nicht lange im Landtag sitzen, die private Versorgung als Nachteil empfinden. Möglich ist eine Regelungen über ein sogenanntes Versorgungswerk, nach dem Vorbild von Brandenburg und Nordrhein-Westfalen, das die CDU-Fraktion aber bisher ablehnt.

Ende Mai gab Aras bekannt, dass für die Kommissionsarbeit, die im kommenden Spätwinter abgeschlossen sein soll, insgesamt ein Etat von 400 000 Euro zur Verfügung steht. Außerdem erklärte sie in einem SWR-Live-Auftritt, alle Fraktionen "vollumfänglich" über die Rahmenbedingungen informiert zu haben. Die Fraktionschefs Andreas Stoch (SPD) und Hans-Ulrich Rülke (FDP) warfen ihr daraufhin eine "Falschaussage" vor. Am Donnerstagmorgen entschuldigte sich die Grüne hinter verschlossenen Türen für diese Formulierung und nahm sie danach auch vor laufenden Kameras zurück. Stoch und Rülke akzeptierten die Entschuldigung. "Wer von uns ohne Schrammen ist, werfe den ersten Stein", erklärte der FDP-Fraktionschef ausgesprochen versöhnlich. (22.6.2017)


Abschied von der autogerechten Stadt

Sie sind sich keineswegs immer grün, Grüne und Sozialdemokraten im Stuttgarter Gemeindrat. Umso überraschender ist das gemeinsame Vorgehen in einer der großen Zukunftsfragen der Stadt. Die Unterschriften von Anna Deparnay-Grunenberg und Andreas G. Winter (Grüne) sowie Martin Körner und Susanne Kletzin (SPD) trägt ein Antrag zur grundlegenden Umgestaltung der Stuttgarter Innenstadt. Noch vor der Sommerpause soll im Ausschuss für Umwelt und Technik der "Zielbeschluss" fallen, "den Autoverkehr innerhalb des künftigen Cityrings (zwischen Paulinenbrücke und Wolframstraße sowie der Theodor-Heuss-Straße und der B14) nur noch für Lieferverkehre und für die Zufahrten zu den Parkhäusern zu ermöglichen und so die gesamte Innenstadt in einen modernen urbanen Lebensraum umzuwandeln". Zur Begründung heißt es unter anderem, die Erfahrungen aus anderen Städten zeigten, "dass in Fußgänger- und Fahrradzonen der Publikumsverkehr zunimmt, Gastronomie entsteht und der Einzelhandel davon enorm profitiert".

Grüne und SPD wollen "die gesamte Stuttgarter Innenstadt zu einem modernen urbanen Lebensraum machen". Zu lange sei in Stuttgart nur die autogerechte Stadt geplant worden: "Stadtautobahnen durchschneiden die Stadt, Autos kurven durch die schmalen Innenstadtstraßen auf der Suche nach einem der wenigen freien Parkplätze, am Wochenende cruisen die Poser." An manchen Stellen sei es gefährlich für Fußgänger und Radfahrer.

Erschlossen werden soll die Innenstadt mit der 2018 startenden P-Buslinie, die den verkehrsfreien Kern umkreist. Konkret verlangt der gemeinsame Antrag zudem von der Verwaltung, "darzustellen, mit welchen Maßnahmen dieser Zielbeschluss zügig umgesetzt werden kann" und "im Vorgriff auf die Beratungen des Doppelhaushalts 2018/2019 erste Maßnahmen und deren Finanzierung" vorzuschlagen. Wie ein Mehrheit zustande kommen könnte, ist noch unklar. Richter und Körner werben für die gemeinsame Initiative, die mehrere Wochen hinter verschlossenen Türen verhandelt wurde. "Wir wollen gemeinsam eine neue Mobilität", sagt der Grüne und damit Zug und Zug "weg vom Parkplatzsuchverkehr hin zu mehr Lebensqualität". (20.6.2017)


Anzeige: AfD-Landessprecher soll den rechten Arm gehoben haben

Seit März 2017 ist der gebürtige Südtiroler Marc Jongen Vorsitzender der AfD in Baden-Württemberg. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft Karlsruhe bestätigt, dass eine Strafanzeige gegen ihn erstattet wurde, weil er am Rande des AfD-Landesparteitags vom Wochenende den rechten Arm gehoben haben soll. "Als 'Begrüßung' einer Protestkundgebung hat er den 'Hitlergruß" gezeigt", heißt in einer Pressemitteilung der Partei Die Linke vom Montag. Eine weitere Anzeige erfolge gegen ein anderes AfD-Mitglied, "der den Demonstrierenden 'Ihr gehört alle ins KZ' zurief".

Jetzt wird geprüft, ob es Fotos oder Filmszenen gibt, die die Vorgänge belegen. "Für menschenverachtende Hetze darf es keinen Raum geben, weder in Karlsruhe noch sonst wo", so der Linken-Bundestagskandidat Michel Brandt. Jongen habe deutlich gemacht, "dass die AfD eine Partei von Rechtsextremisten ist". Es gelte zu verhindern, dass sie im September in den Bundestag einzieht. Der AfD-Landessprecher, der an der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Karlsruhe arbeitet, kandidiert am 24.September auf Platz drei der baden-württembergischen Landesliste. Zugleich gibt es aber Meldungen, dass er ins Europaparlament nachrückt, wenn Marcus Pretzell, mittlerweile AfD-Fraktionschef im nordrhein-westfälischen Landtag, sein Mandat niederlegt. (19.06.2017)

Mehr über den rechten Ideologen in unserem Interview mit Philosophieprofessor Michael Weingarten aus der Kontext-Ausgabe 320.


Ende jeder Atomforschung verlangt

Die frühere Grünen-Landesvorsitzende Sylvia Kotting-Uhl hat sich auf dem Wahlprogrammparteitag der Grünen am Samstag in Berlin durchgesetzt. Sie verlangt, dass ihre Partei, im Falle einer Regierungsbeteiligung nach dem 24. September, für ein Ende jeder Form von Atomforschung in Deutschland sorgt. "Wir wollen den Atomausstieg weltweit", so die Karlsruher Bundestagsabgeordnete, die zum linken Flügel zählt. Deutschland dürfe nicht dazu beitragen, dass andere Länder den Weg zur Energiewende nicht finden. Konkret geht es unter anderem um Mittel, die in die Kernfusionsforschung oder in die Entwicklung neuer Reaktorgenerationen fließen. Es dürfe kein Steuergeld für Wiedereinstiegstechnologien geben, sagte Kotting-Uhl, die auch atompolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion ist. Eine Gruppe grüner WissenschaftspolitikerInnen hatte sich für eine Fortsetzung der Atomforschung stark gemacht. Zum Kohleausstieg wurde ein Kompromiss verabschiedet. Die 20 schmutzigsten Meiler müssen bis 2030 vom Netz. Die Parteispitze wollte eigentlich ein moderateres Vorgehen durchsetzen. (17.6.2017)


Der ewige Optimist ist tot

Der Kommunist war keiner, der aus dem Fenster stieg und verschwand. Mit hundert Jahren ging Theodor Bergmann immer noch in die Klassenzimmer und erzählte den Kindern, was er von der Kanzlerin und dem Kapitalismus hält. Und dass sie sich eine Gesellschaft wünschen sollen, in der es keinen Krieg und keinen Faschismus gibt. Davon hat er zuletzt in Kontext berichtet. Der ewige Optimist, der auch schon Winfried Kretschmann vor dem Berufsverbot geschützt hat, ist am Montag, 12. Juni, im Alter von 101 Jahren gestorben.

Dazu: Der ewige Optimist


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Ausgabe 163
Zeitgeschehen

Fünf Kilometer Todesmarsch

Von Gerhard Reischmann
Datum: 14.05.2014
Die KZ-Häftlinge von der Schwäbischen Alb wurden von der SS im April 1945 Richtung Dachau getrieben. Der Todesmarsch führte die ausgehungerten Menschen auch durch Oberschwaben. In Dachau angekommen sind sie nie.

Als die französische Armee unter General de Lattre Anfang April 1945 den Rhein überschritten hatte und unaufhaltsam Richtung Stuttgart und Bodensee vorrückte, hatte die SS in den KZs auf der Schwäbischen Alb ein Problem: wohin mit den Häftlingen? Am 13., 17. und 18. April wurden insgesamt 1997 Häftlinge, wie die Erinnerungsinitiative "Gedenkstätte Eckerwald" dokumentiert hat, aus den Lagern Frommern, Dautmergen, Schömberg und Schörzingen, alle bei Balingen, Zollernalbkreis, auf Todesmärsche geschickt. Quer durch Oberschwaben trieben die KZ-Schergen ihre Häftlinge Richtung Dachau. Der Pfarrer von Ebersbach, einem Ort im Kreis Ravensburg, notierte damals in der Pfarrchronik: "Wer nicht mehr kann, erhält den Genickschuss – aus."

Denkmal auf dem Friedhof in Molpertshaus bei Wolfegg. Bis vor kurzem wusste so gut wie niemand mehr warum es dort steht. Foto: Gerhard Reischmann
Denkmal auf dem Friedhof in Molpertshaus bei Wolfegg. Bis vor kurzem wusste so gut wie niemand mehr warum es dort steht. Fotos: Gerhard Reischmann

Am 22. April 1945 – es war ein Sonntag – kam ein Todesmarsch durch Waldsee. Michael Barczyk, Stadtarchivar im oberschwäbischen Bad Waldsee, sprach darüber am Volkstrauertag 2013: "Ein Teilnehmer erinnert sich an eine tropfende Dachrinne des Bachem-Werkes. Er wollte daran lecken und wurde sogleich brutal zusammengeschlagen. In der Biberacher Straße standen Waldseer Anlieger, schauten zu, trauten sich nicht, den Hilferufen 'pain, pain' ('Brot, Brot') nachzukommen. Und dann fand man einen Tag später, am 23. April 1945, bei der Eisenbahnunterführung bei Unterurbach die Leichen von zwei KZlern."

Nach der Rede des Archivars war vergessener Doppelmord Thema an vielen Tischen. Ernst Fricker, Jahrgang 1929, zwei Kilometer vom Ort des Geschehens zu Hause, war nach der Gedenkfeier im Hasen; dort hockten einige der Alten, kramten in Erinnerungen. Kaum war er zu Hause, schaute er nach seinem kleinen schwarzen Notizbuch, nach der Kladde von 1945.

"Die wurden verraten"

Frühschoppen im Rad in Mittelurbach, sechs Wochen danach. Ernst Fricker hat sein Büchle von damals dabei. "Zwei Sträflinge (KZ) erschossen von Offiz." ­– größer ist die Eintragung nicht. "Dia hot ma verrota", ist sich der 83-jährige Bauer sicher. Er hatte damals, im Sommer 45, mit zwei "Molle" (Ochsen) den Grabstein für die Verratenen herbeigeschafft. "Innerhalb vo 24 Stunda hot mei Großvatr a Grabstell für dia Erschossene braucht", berichtet Franz Knitz (73). Sein Großvater war in den Tagen des "Umsturzes" Bürgermeister von Unterurbach gewesen. "Däa Leichagschmack hon i lang it wegkriegt", sagt Alois Fricker (81). "Bei dr Umbettung anno 48 hond alte Nazi vom Dorf helfa müssa", sagt ein anderer.

Alois Fricker, 1945 13 Jahre alt, schildert eine gespenstische Szene. Es hatte geheißen, bei Feinkost Linder in Waldsee gebe es Blockschokolade. "Viel Leut send agschtanda." Da zogen KZ-Häftlinge vorbei. Etwa 30 bis 40 Sträflinge, angetan mit der gestreiften KZ-Kleidung. Brav anstehende Bürger trafen auf ausgemergelte Opfer des Regimes. Alois Fricker: "Einige hond kaum no laufa kenna." Er erinnert sich, wie ein Wachmann einen strauchelnden Häftling mit dem Gewehrkolben stieß.

Nur wenige Tage später werden die Bürger Besiegte sein und die Opfer Befreite. Aber noch ist es nicht so weit.

Die Häftlinge und ihre zahlenmäßig schwache Bewachung marschieren weiter Richtung Haisterkirch; "drei oder vier" können sich absetzen, berichtet Ernst Fricker, der Bruder von Alois. Die Flüchtigen verstecken sich in der Nacht vermutlich in einem Wäldchen oberhalb des Urbachs. Am Montagmorgen (23. April) halten sich laut Ernst Fricker drei Flüchtige am Urbach auf, wohl um sich zu waschen und um etwas zu trinken. Da fährt ein deutscher Jeep heran. Einer der KZ-Sträflinge kann flüchten, die beiden anderen aber folgen dem Ruf aus dem Kübelwagen, worauf sie an Ort und Stelle erschossen werden. Die Täter lassen die Toten einfach liegen und fahren weiter.

Wer nicht weiterkonnte, wurde erschossen

Alois Fricker kann den Wochentag nicht mehr sagen, an dem er Schokolade gehamstert hatte, doch es muss jener Sonntag, der 22. April, gewesen sein. Damals hatte der Lebensmittelhandel auf dem Land vielfach auch am Sonntagvormittag, nach der Kirche, geöffnet. Vielleicht war es auch eine Sonderabgabe am Nachmittag gewesen, denn Anna Krattenmacher, geboren 1925, meint, es sei Abend gewesen, als der Elendszug an ihrem Haus am Fuße des Haidgauer Berges, vier Kilometer östlich Waldsees, vorbeigekommen sei. "Mei Vatr hot dene Häftling Wasser nausbringe müssa", berichtet die 89-Jährige. Sie selbst durfte das Haus nicht verlassen, sah aber, wie die Sträflinge den Berg hochkeuchten, graue Decken über ihrer gestreiften Kleidung tragend. Knapp vor der Bergkuppe, 800 Meter vom Haus Fiegel, in einem Waldstück links der Straße, erschossen die Bewacher zwei Entkräftete.

Alois Fricker: "Däa Leichagschmack hon i lang it wegkriegt."

Die Schüsse habe man unten im Dorf gehört, berichtet Helga Heinzelmann, damals 13 Jahre alt; sie war zu Hause im Heustöckle, einem einzeln stehenden Hofe wenige Hundert Meter südwestlich vom Haus Fiegel. An jenem Abend war sie von der Andacht in der Kirche gekommen und hat den Elendszug ebenfalls gesehen. Sie spricht von mehreren Hundert Häftlingen und hat auch noch die Bewacher mit geschulterten Gewehren vor Augen. Anni Kübler, Jahrgang 1931, kommen heute noch die Tränen, wenn sie von dem schweigenden Zug der Häftlinge spricht. Insbesondere die Letzten im Zug hätten kaum noch gehen können und seien von den Wärtern angeschrien worden. Die Augenzeugin spricht von einem "nicht enden wollenden Zug" in Dreier- oder Viererreihen.

Demnach hat Alois Fricker am Vormittag oder früheren Nachmittag nur eine Teilgruppe gesehen.

Am 2. Juni 1945 findet man oben auf dem Berg die zwei Toten. Unter den Augen einer Kommission der französischen Besatzer werden die Leichen geborgen und auf dem Haisterkircher Friedhof bestattet. Haisterkirchs Pfarrer Erich Dolderer hält eine aufrüttelnde Predigt: "Darum, liebe Christen, müssen wir aufs Tiefste beklagen, was vor sechs Wochen auf der Gemarkung unserer Gemeinde geschehen ist. Aus einem jener Konzentrationslager, die von der Hölle erfunden sind, wurde ein Trupp Gefangener durch unser Dorf getrieben, die Straße zum Berg empor. Auf der Höhe wurden zwei Gefangene von ihren Wärtern erschossen und unbeerdigt ihrem Schicksal überlassen. Alle, die von dieser Untat hörten, wurden mit Abscheu und Entsetzen erfüllt. Hinter diesen beiden unbekannten Männern erhebt sich eine ungeheure Zahl von Menschen, die ebenso und noch grausamer ermordet worden sind ... Diese beiden Gräber inmitten unseres Gottesackers müssen uns stete Mahnung sein, wohin Menschen kommen, wenn sie den lebendigen Glauben verlieren."

Der Todesmarsch.
Der Todesmarsch.

Des Dorfpfarrers Totenklage kam nach Jahrzehnten wieder zutage; der seinerzeitige Kirchenpfleger hatte eine Abschrift aufbewahrt.

Am 23. April 1945, es ist ein Montagmorgen, geht die 13-jährige Maria Knitz von Mittelurbach ins nahe Waldsee. Auch ihre Familie hat von der Blockschokolade erfahren. "Dass der Feind fünf Kilometer vor der Stadt stand", habe man bei dieser Besorgung nicht groß problematisiert, sagt sie im Rückblick. Als Maria zurückkommt, sieht sie nach der Unterurbacher Eisenbahnunterführung zwei Tote. Sie kann die Szene auch heute, nach bald sieben Jahrzehnten, noch genau beschreiben. Die beiden Ermordeten seien in knien­der Stellung gewesen, die kahl geschorenen Köpfe auf den Boden gesunken. Über den Körpern hätten Decken gelegen, vermutlich jene grauen Umhänge, von denen Anna Krattenmacher weiß. Maria Bausinger meint, sich auch an einen Ruf wie "Mädle, weg do!" zu erinnern. In all den Jahren, wenn sie an der Stelle vorbeikommt, hat sie stets ein mulmiges Gefühl. Sie kann das im Herbst 45 dort errichtete Grabmal gut beschreiben, meint, sich an eine Bodenplatte zu erinnern, auf der das französische Wort für Fabrikant (oder Ingenieur?) gestanden sei.

Der dritte Flüchtling wurde im Strohschuppen versteckt

Noch am Morgen desselben Tages: Am Küchenfenster von Greggs Hof am Westabhang des Haidgauer Berges, in besagtem Heustöckle, klopft es. Helga, die Gregg-Tochter, heute 82 Jahre alt, kann die Szene genau beschreiben. Ihre Mutter habe hinausgeschaut und ausgerufen: "Jessas, wa ischt au des für oiner?!" Maria, die 20-jährige weißrussische Fremdarbeiterin, geht vor die Türe und bringt den abgehetzten, völlig erschöpften Mann herein. Auf dem Herd werden gerade Kartoffeln für die Schweine gekocht. Mitsamt den Schalen schlingt der Fremde die Kartoffeln hinunter. "Däa sieht jo aus wia dä Tod", sagt Mutter Gregg. Im Strohschuppen nebenan wird ihm ein Lager bereitet, das Essen bringen Greggs nachts hinüber. Niemand darf von dem Versteckten wissen. So kommt der Entflohene über die Tage des "Umsturzes". Nach dem Einmarsch der Franzosen wird er im Krankenhaus Waldsee auskuriert. Vieles spricht dafür, dass das der dritte Mann vom Bach war.

Die Rettungstat vom Heustöckle wurde erst jetzt bekannt

Am diesem Aprilmontag 1945 ist das Verbrechen am Bach geschehen, einen Tag später wird Waldsee von den Franzosen eingenommen. Unterurbach und Mittelurbach sind noch nicht besetzt; die Gemeinde Unterurbach hat nun mit den zwei am Ortsrand liegenden Toten ein Problem. "Ma ka se doch it liega lau", heißt es im Dorf. Bürgermeister Franz Knitz, der nicht weiß, dass die Toten in ihren Sträflingsbekleidungen französische Staatsangehörige waren, sorgt für eine rasche, wohl nur notdürftige Beerdigung.

Nach dem Einmarsch französischen Militärs in Urbach kommt es zu einer dramatischen Zuspitzung. "Zur Vergeltung wollten die Franzosen nach der Besetzung zwanzig Bürger von Urbach erschießen", schreibt Ernst Fricker in seinem Buch "Erinnerungen aus meinem Leben", "dies konnte Bürgermeister Knitz verhindern, weil er glaubhaft machen konnte, dass niemand von uns beteiligt war."

Die Franzosen fordern eine würdige Bestattung der Ermordeten

Ultimativ, "binnen 24 Stunden", fordern die Franzosen eine würdige Bestattung der bei Unterurbach ermordeten KZ-Häftlinge sowie die Errichtung eines Denkmals. Das wird bis zum Herbst fertig. Für den 2. November 1945 setzt der französische Stadtkommandant Waldsees eine Trauerfeier für die Ermordeten an. Offensichtlich von ihm angewiesen, fordert Waldsees Bürgermeister die Mitglieder seines Gemeindeausschusses schriftlich auf, an der Trauerfeier in der Nachbargemeinde teilzunehmen. "Bei dr Trauerfeier hond zwoi Dutzend Leit vo Urbach atreta müssa", erinnert sich Franz Schmid aus Mittelurbach. Er ist der wohl letzte Zeuge jener Trauerfeier und hat noch den Salut im Ohr, den die Franzosen zu Ehren der Ermordeten geschossen hatten. Einige Wochen zuvor hatte er als 15-jähriger Bursche den Sockel des Grabmals mit einem Ochsengespann herbeischaffen müssen.

Helga Heinzelmann war damals 13 Jahre alt.
Helga Heinzelmann war damals 13 Jahre alt.

Außer dem Trauerakt am Grabmal gab es anscheinend auch einen Trauerakt auf dem Waldseer Stadtfriedhof sowie, das ist gesichert, Trauerfeiern in beiden Waldseer Kirchen. Die Teilnahme der Bevölkerung war von der Besatzungsmacht ausdrücklich erwünscht.

Drei Jahre später, Herbst 1948: Franz Knitz, Jahrgang 1940, ein Enkel des seinerzeitigen Urbacher Bürgermeisters, wird Augenzeuge der Exhumierung. Mit einem Kuhgespann kommen er und sein Vater vom Steinacher Ried her, wo sie Torf gestochen hatten; auf der Höhe des Grabmals werden sie von einem französischen Posten angehalten. Und dann sehen sie, wie die ausgegrabenen Särge mit einer Axt aufgewuchtet werden und die sterblichen Überreste in Zinksärge gegeben werden. Ein französischer Lastwagen steht für den Abtransport bereit. Stets habe in Urbach eines der Opfer als Fabrikant oder Fabrikantensohn gegolten, weiß Rad-Wirt Franz Spehn aus der mündlichen Überlieferung. Er meint, dass die Exhumierung und Überführung nach Frankreich auf Wunsch jener offenbar vermögenden Familie erfolgt sei.

Die Todesmärsche von den KZs auf der Schwäbischen Alb wurden in den Jahren 1948 bis 1952 juristisch aufgearbeitet ("Rastätter Prozesse"). Ob auch der Urbacher Fall dort verhandelt wurde, ist derzeit nicht bekannt. Laut Barczyk waren die Urbacher Täter ein SS-Offizier und ein Mann des Werwolfs, wie er den Akten des Kriminalkommissariates Ravensburg von 1950 entnehmen konnte.

Keiner der vier Todesmärsche hat das Ziel Dachau erreicht. Große Häftlingsgruppen wurden am 23. April von französischen Truppenverbänden im Raum Altshausen/Ostrach befreit. Ein dritter Elendszug löste sich am 17. April bei Pfronten im Allgäu auf. Ein vierter aber ging, nachdem die Amerikaner kurz vor Dachau standen, noch Richtung "Alpenfestung". Am 1. Mai, sieben Tage vor der Kapitulation des Großdeutschen Reiches, endete das Martyrium dieser Todesmarschierer bei Mittenwald.

Das Urbacher Franzosengrab gibt es nicht mehr. Seit circa 1960 steht das Denkmal, ein stattliches Kreuz, im Friedhof in Molpertshaus bei Wolfegg. Bis vor Kurzem wusste so gut wie niemand mehr etwas über die Geschichte des Kreuzes. Dank der Erinnerungsarbeit des Stadtarchivars und der anderen Bewahrer kennt man wieder die Namen derer, an die jenes Kreuz erinnern soll: Auguste Bonal, geb. 1898 in Sorres-Seine, Manager bei Peugeot, und Jules Monjoin. Auch die Namen der Toten vom Haidgauer Berg sind nun bekannt: Karl Panhans aus dem Sudetenland und Julius Spiegel aus dem Burgenland. Karl Panhans wurde 52 Jahre alt, Julius Spiegel starb mit 42.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!
botMessage_toctoc_comments_9210

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!