KONTEXT Extra:
Noch ein Versuch: BI Neckartor vor dem Staatsministerium

Am kommenden Dienstag, den 21. November um 11.45 Uhr, unternimmt die Bürgerinitiative Neckartor einen zweiten Anlauf, der Landesregierung ihre Forderungen zur Umsetzung des gerichtlichen Feinstaub-Vergleichs zu übergeben. Der erste Versuch Anfang Oktober, schriftlich und mit Nachdruck daran zu erinnern, dass sich Grün-schwarz verpflichtet hat, ab dem 1. Januar 2018 bei Feinstaubalarmtagen das Verkehrsaufkommen am Neckartor um 20 Prozent zu reduzieren, war kläglich an den geschlossenen Gittertoren gescheitert. Niemand aus dem Stab von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) fand sich bereit, den Appell entgegenzunehmen.

Peter Erben, der Sprecher der Bürgerinitiative, kritisiert erneut, dass die Landesregierung den im April 2016 geschlossenen Vergleich nicht mehr erfüllen will: "Das bedeutet ja, dass hier versucht wird, die Umsetzung einer rechtskräftigen, vollzugsfähigen gerichtlichen Entscheidung zu verhindern, indem sie in der Sache nicht handelt." Die Verantwortlichen hätten trotz ihrer Selbstverpflichtung fast zwanzig Monate verstreichen lassen, ohne ein entsprechendes Handlungskonzept zu erarbeiten. Die Landesregierung lasse "die betroffenen Menschen in Stuttgart einfach im Stich und drückt sich durch vorsätzlichen Rechtsbruch davor, Verantwortung zu übernehmen".

Die Anwohner versuchen, per Zwangsvollstreckung ihr Recht auf Schutz vor Luftverschmutzung durchzusetzen. "Das ist ein unerträglicher, ja skandalöser Vorgang", sagt Erben. Die Bürgerinitiative Neckartor fordere "daher Ministerpräsident Kretschmann auf, diese unwürdige und verantwortungslose Vorgehensweise unverzüglich zu beenden". Verlangt wird, "die verletzte Rechtstreue unverzüglich wiederherzustellen" und die Verkehrswende in der Landeshauptstadt "unverzüglich einzuleiten".


Kontext beim IMI-Kongress in Tübingen

Heer, Luftwaffe, Marine – das waren bisher die drei Abteilungen der Bundeswehr. Seit diesem Jahr gibt es noch eine vierte: das Kommando Cyber- und Informationsraum. 260 Mitarbeitende sind dort zugange, im nächsten Jahr kommen nochmal 140 dazu. Auch Nato und EU rüsten netztechnisch massiv auf, um sogenannten hybriden Bedrohungen zu begegnen. Dabei geht es nicht nur um den Einsatz von Kommunikations- oder Überwachungstechnik, sondern auch um die gezielte Beeinflussung öffentlicher Meinung. Der Cyberspace wird mehr und mehr zum Einsatzgebiet des Militärs, das Internet zum Schlachtfeld um Wahrheiten und Realitäten.

Unter dem Titel "Krieg im Informationsraum" geht die Informationsstelle Militarisierung (IMI) in Tübingen auf ihrem jährlichen Kongress am kommenden Wochenende diesen Themenkomplex an. In Vorträgen und Diskussionen werden Strategien und Akteure vorgestellt und analysiert, es wird um mediale Schieflagen gehen, um Leaks als Instrument der Geopolitik, um Geheimdienste und die Konstruktion von Wirklichkeit, um die Frage, was als "Strategische Kommunikation" bezeichnet wird und was als "Propaganda". Welche Rolle spielen Soziale Medien? Und wer verdient überhaupt am Cyberkrieg?

Die Kontext-Autorin Anna Hunger ist am Sonntag zu Gast auf dem Podium zur Abschlussdiskussion und wird mit Moderatorin Claudia Haydt (Linke), einem Ad-Busting-Aktivisten aus Berlin, dem Politikwissenschaftler und Friedensaktivisten Tobias Pflüger und Pia Masurczak vom Radio Dreyeckland über "Widerstand im Zeitalter von Cyberwar und Strategischer Kommunikation" sprechen.

Kongressauftakt ist am Freitagabend, 17. November, in der Hausbar der Schellingstraße 6 in Tübingen, die beiden Kongresstage Samstag, 18., und Sonntag, 19. November, finden im Schlatterhaus in der Österbergstr. 2 statt. Das Program gibt's unter diesem Link. (15.11.2017)


Veränderungen im Polizeigesetz errungen

Geht doch: Gegen den erklärten Willen von Innenminister Thomas Strobl (CDU) haben sich die beiden Regierungsfraktionen mitten im bereits laufenden Verfahren auf Änderungen im umstrittenen Polizeigesetz verständigt. Wie von den Grünen verlangt, werden einzelne Passagen, etwa zum Einsatz von Staatstrojaner präzisiert. Sogar CDU-Fraktionschef Wolfgang Reinhart lobte die "intensive Fließarbeit". Die habe auch die "Handlungsfähigkeit" der Koalition unterstrichen.

Tagelang war hinter den Kulissen gerungen worden, nicht nur zwischen Grünen und CDU oder mit der Opposition, sondern vor allem auch mit dem Innenministerium. Nach einer Expertenanhörung im Landtag, in dem vor allem Verfassungsrechtler und Datenschützer scharfe Kritik an dem Gesetzentwurf geübt hatten, wollte Strobl alle Änderungen verhindern. Jetzt bleibt dem CDU-Landesvorsitzenden, der das schärfste aller Polizeigesetze bundesweit versprochen hatte, nur, die Verständigung der Regierungsfraktion zur Kenntnis zu nehmen. "Entscheidend für mich ist, dass das keine Änderungen an der Substanz des Gesetzes gibt", sagt der Innenminister jetzt.

Eine Einschätzung, die allerdings selbst in seiner eigenen Fraktion nicht geteilt wird. Reinhart erläuterte, dass Fristen konkretisiert oder die Einsatzmöglichkeiten durch eine schärfer "Erheblichkeitsschwelle" verändert wurden. Und die Grünen, die das Paket am Dienstag ohne Gegenstimme in der Fraktion passieren ließen, rüsten sich für die nächste Auseinandersetzung. Von Strobl, der bei den Verhandlungen seit dem Frühjahr kein einziges Mal (!) persönlich anwesend war, ist bekannt, dass er zur Terrorabwehr und gegen die Organisierte Kriminalität auch Staatstrojaner zur Online-Durchsuchung von Smartphones oder Rechnern einsetzen will, was der Koalitionspartner strikt ablehnt. (14.11.2017)


Kampf gegen "reaktionäre Bildungskreise"

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) stemmt sich gegen die schleichende Rückabwicklung der gut 300 Gemeinschaftsschulen im Land. Die wird von der CDU vorangetrieben und von den Grünen, bekanntlich der größere Regierungspartner, praktisch kampflos hingenommen. Die GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz hat auf einer Tagung am Wochenende in Stuttgart dagegen daran erinnert, dass Gemeinschaftsschulen noch immer eine Schulart im Aufbau sei, deren "Akzeptanz bei den Eltern", aber auch deren "Qualität und die pädagogische Attraktivität in den vergangenen fünf Jahren von Jahr zu Jahr gewachsen ist".

CDU-Bildungspolitiker versuchen seit Schuljahresbeginn, den Niedergang zu belegen. Etwa mit dem Argument, dass die Hälfte der bestehenden Standorte heute nicht mehr genehmigt würde, weil es zu wenig Schüler und Schülerinnen gibt. Moritz verlangte vor gut hundert Lehrkräften aus dem ganzen Land eine bessere Bezahlung der Lehrkräfte und mehr Leitungsstellen, weil keine andere weiterführende Schulart "vergleichbar anspruchsvolle Aufgaben von Inklusion bis Begabtenförderung zu bewältigen hat". Mitveranstalter des Fachtags war das Fritz-Erler-Forum der Friedrich-Ebert-Stiftung in Baden-Württemberg, das eine ganze Reihe von bildungspolitischen Veranstaltungen plant. Denn noch immer ist der Südwest bundesweit Schlusslicht in allen Vergleichen zum Bildungsaufstieg: In keinem anderen Land ist der Schulerfolg der Kinder derart stark abhängig vom sozialen Status der Eltern. Auch um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, hatten Grüne und SPD 2012 die neuen Formen des längeren gemeinsamen Lernens etabliert.

Der Verein für Gemeinschaftsschulen e.V., der für sich in Anspruch "100.000 Müttern und Vätern im Land eine Stimme zu geben", beklagt, dass "während sich an den Schulen der Starterjahrgang auf seinen Realschulabschluss vorbereitet und die erste Oberstufen aufgebaut werden", in Öffentlichkeit und Politik abermals eine "erbitterte Debatte" tobe. "Statt die Herausforderung anzunehmen, die Jugend von heute auf die Herausforderungen von morgen vorzubereiten, schwelgt man lieber in einer verklärten Feuerzangenbowlen-Romantik", sagt der Vorsitzende des Vereins Matthias Wagner-Uhl, der selber Gemeinschaftsschulrektor ist. Unter weiter: "Reaktionäre Bildungskreise werden nicht müde, stumpfe Reflexe zu bedienen."


Erinnern an einen Kriegsgegner: Lesung zum 100. Todestag von Friedrich Westmeyer

Vor 100 Jahren, am 14. November 1917, starb der Stuttgarter Waldheim-Pionier, Kriegsgegner und SPD-Vorsitzende Friedrich Westmeyer in einem Lazarett in Belgien. Wenige Monate davor war er, wie viele andere linke Sozialisten, an die Front geschickt worden. Eine bittere Ironie: Während zu Beginn des Ersten Weltkrieges die Reichstagsfraktion der SPD am 4. August 1914 geschlossen für die Kriegskredite stimmte, kämpfte gerade in Stuttgart eine starke Gruppe linker Sozialdemokraten weiter gegen den Krieg, und Westmeyer war ihr Wortführer. Nach seinem Tod schrieb Rosa Luxemburg aus dem Breslauer Gefängnis an Clara Zetkin nach Stuttgart: "Westmeyer ist ein großer Verlust. Ich dachte immer, er würde noch in großen Zeiten eine Rolle spielen." Etwas verspätet meldet selbst die "New York Times" seinen Tod: "German Anti-War Socialist was sent to the Front as Punishment." Heute ist er nur noch wenig bekannt, dabei gilt er auch als geistiger Vater der Stuttgarter Waldheime, engagierte sich in sozialen Fragen wie Wohnungsnot, Organisation der Jugend und Frauenbildung. Der Historiker und Journalist Willy Reschl, der schon 2014  im Kontext-Buch "Der König weint" Westmeyer würdigte, erinnert nun mit einer Lesung am 12. November um 11 Uhr im Waldheim Gaisburg an den rebellischen Sozialisten. (10.11.2017)


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Ausgabe 163
Zeitgeschehen

Fünf Kilometer Todesmarsch

Von Gerhard Reischmann
Datum: 14.05.2014
Die KZ-Häftlinge von der Schwäbischen Alb wurden von der SS im April 1945 Richtung Dachau getrieben. Der Todesmarsch führte die ausgehungerten Menschen auch durch Oberschwaben. In Dachau angekommen sind sie nie.

Als die französische Armee unter General de Lattre Anfang April 1945 den Rhein überschritten hatte und unaufhaltsam Richtung Stuttgart und Bodensee vorrückte, hatte die SS in den KZs auf der Schwäbischen Alb ein Problem: wohin mit den Häftlingen? Am 13., 17. und 18. April wurden insgesamt 1997 Häftlinge, wie die Erinnerungsinitiative "Gedenkstätte Eckerwald" dokumentiert hat, aus den Lagern Frommern, Dautmergen, Schömberg und Schörzingen, alle bei Balingen, Zollernalbkreis, auf Todesmärsche geschickt. Quer durch Oberschwaben trieben die KZ-Schergen ihre Häftlinge Richtung Dachau. Der Pfarrer von Ebersbach, einem Ort im Kreis Ravensburg, notierte damals in der Pfarrchronik: "Wer nicht mehr kann, erhält den Genickschuss – aus."

Denkmal auf dem Friedhof in Molpertshaus bei Wolfegg. Bis vor kurzem wusste so gut wie niemand mehr warum es dort steht. Foto: Gerhard Reischmann
Denkmal auf dem Friedhof in Molpertshaus bei Wolfegg. Bis vor kurzem wusste so gut wie niemand mehr warum es dort steht. Fotos: Gerhard Reischmann

Am 22. April 1945 – es war ein Sonntag – kam ein Todesmarsch durch Waldsee. Michael Barczyk, Stadtarchivar im oberschwäbischen Bad Waldsee, sprach darüber am Volkstrauertag 2013: "Ein Teilnehmer erinnert sich an eine tropfende Dachrinne des Bachem-Werkes. Er wollte daran lecken und wurde sogleich brutal zusammengeschlagen. In der Biberacher Straße standen Waldseer Anlieger, schauten zu, trauten sich nicht, den Hilferufen 'pain, pain' ('Brot, Brot') nachzukommen. Und dann fand man einen Tag später, am 23. April 1945, bei der Eisenbahnunterführung bei Unterurbach die Leichen von zwei KZlern."

Nach der Rede des Archivars war vergessener Doppelmord Thema an vielen Tischen. Ernst Fricker, Jahrgang 1929, zwei Kilometer vom Ort des Geschehens zu Hause, war nach der Gedenkfeier im Hasen; dort hockten einige der Alten, kramten in Erinnerungen. Kaum war er zu Hause, schaute er nach seinem kleinen schwarzen Notizbuch, nach der Kladde von 1945.

"Die wurden verraten"

Frühschoppen im Rad in Mittelurbach, sechs Wochen danach. Ernst Fricker hat sein Büchle von damals dabei. "Zwei Sträflinge (KZ) erschossen von Offiz." ­– größer ist die Eintragung nicht. "Dia hot ma verrota", ist sich der 83-jährige Bauer sicher. Er hatte damals, im Sommer 45, mit zwei "Molle" (Ochsen) den Grabstein für die Verratenen herbeigeschafft. "Innerhalb vo 24 Stunda hot mei Großvatr a Grabstell für dia Erschossene braucht", berichtet Franz Knitz (73). Sein Großvater war in den Tagen des "Umsturzes" Bürgermeister von Unterurbach gewesen. "Däa Leichagschmack hon i lang it wegkriegt", sagt Alois Fricker (81). "Bei dr Umbettung anno 48 hond alte Nazi vom Dorf helfa müssa", sagt ein anderer.

Alois Fricker, 1945 13 Jahre alt, schildert eine gespenstische Szene. Es hatte geheißen, bei Feinkost Linder in Waldsee gebe es Blockschokolade. "Viel Leut send agschtanda." Da zogen KZ-Häftlinge vorbei. Etwa 30 bis 40 Sträflinge, angetan mit der gestreiften KZ-Kleidung. Brav anstehende Bürger trafen auf ausgemergelte Opfer des Regimes. Alois Fricker: "Einige hond kaum no laufa kenna." Er erinnert sich, wie ein Wachmann einen strauchelnden Häftling mit dem Gewehrkolben stieß.

Nur wenige Tage später werden die Bürger Besiegte sein und die Opfer Befreite. Aber noch ist es nicht so weit.

Die Häftlinge und ihre zahlenmäßig schwache Bewachung marschieren weiter Richtung Haisterkirch; "drei oder vier" können sich absetzen, berichtet Ernst Fricker, der Bruder von Alois. Die Flüchtigen verstecken sich in der Nacht vermutlich in einem Wäldchen oberhalb des Urbachs. Am Montagmorgen (23. April) halten sich laut Ernst Fricker drei Flüchtige am Urbach auf, wohl um sich zu waschen und um etwas zu trinken. Da fährt ein deutscher Jeep heran. Einer der KZ-Sträflinge kann flüchten, die beiden anderen aber folgen dem Ruf aus dem Kübelwagen, worauf sie an Ort und Stelle erschossen werden. Die Täter lassen die Toten einfach liegen und fahren weiter.

Wer nicht weiterkonnte, wurde erschossen

Alois Fricker kann den Wochentag nicht mehr sagen, an dem er Schokolade gehamstert hatte, doch es muss jener Sonntag, der 22. April, gewesen sein. Damals hatte der Lebensmittelhandel auf dem Land vielfach auch am Sonntagvormittag, nach der Kirche, geöffnet. Vielleicht war es auch eine Sonderabgabe am Nachmittag gewesen, denn Anna Krattenmacher, geboren 1925, meint, es sei Abend gewesen, als der Elendszug an ihrem Haus am Fuße des Haidgauer Berges, vier Kilometer östlich Waldsees, vorbeigekommen sei. "Mei Vatr hot dene Häftling Wasser nausbringe müssa", berichtet die 89-Jährige. Sie selbst durfte das Haus nicht verlassen, sah aber, wie die Sträflinge den Berg hochkeuchten, graue Decken über ihrer gestreiften Kleidung tragend. Knapp vor der Bergkuppe, 800 Meter vom Haus Fiegel, in einem Waldstück links der Straße, erschossen die Bewacher zwei Entkräftete.

Alois Fricker: "Däa Leichagschmack hon i lang it wegkriegt."

Die Schüsse habe man unten im Dorf gehört, berichtet Helga Heinzelmann, damals 13 Jahre alt; sie war zu Hause im Heustöckle, einem einzeln stehenden Hofe wenige Hundert Meter südwestlich vom Haus Fiegel. An jenem Abend war sie von der Andacht in der Kirche gekommen und hat den Elendszug ebenfalls gesehen. Sie spricht von mehreren Hundert Häftlingen und hat auch noch die Bewacher mit geschulterten Gewehren vor Augen. Anni Kübler, Jahrgang 1931, kommen heute noch die Tränen, wenn sie von dem schweigenden Zug der Häftlinge spricht. Insbesondere die Letzten im Zug hätten kaum noch gehen können und seien von den Wärtern angeschrien worden. Die Augenzeugin spricht von einem "nicht enden wollenden Zug" in Dreier- oder Viererreihen.

Demnach hat Alois Fricker am Vormittag oder früheren Nachmittag nur eine Teilgruppe gesehen.

Am 2. Juni 1945 findet man oben auf dem Berg die zwei Toten. Unter den Augen einer Kommission der französischen Besatzer werden die Leichen geborgen und auf dem Haisterkircher Friedhof bestattet. Haisterkirchs Pfarrer Erich Dolderer hält eine aufrüttelnde Predigt: "Darum, liebe Christen, müssen wir aufs Tiefste beklagen, was vor sechs Wochen auf der Gemarkung unserer Gemeinde geschehen ist. Aus einem jener Konzentrationslager, die von der Hölle erfunden sind, wurde ein Trupp Gefangener durch unser Dorf getrieben, die Straße zum Berg empor. Auf der Höhe wurden zwei Gefangene von ihren Wärtern erschossen und unbeerdigt ihrem Schicksal überlassen. Alle, die von dieser Untat hörten, wurden mit Abscheu und Entsetzen erfüllt. Hinter diesen beiden unbekannten Männern erhebt sich eine ungeheure Zahl von Menschen, die ebenso und noch grausamer ermordet worden sind ... Diese beiden Gräber inmitten unseres Gottesackers müssen uns stete Mahnung sein, wohin Menschen kommen, wenn sie den lebendigen Glauben verlieren."

Der Todesmarsch.
Der Todesmarsch.

Des Dorfpfarrers Totenklage kam nach Jahrzehnten wieder zutage; der seinerzeitige Kirchenpfleger hatte eine Abschrift aufbewahrt.

Am 23. April 1945, es ist ein Montagmorgen, geht die 13-jährige Maria Knitz von Mittelurbach ins nahe Waldsee. Auch ihre Familie hat von der Blockschokolade erfahren. "Dass der Feind fünf Kilometer vor der Stadt stand", habe man bei dieser Besorgung nicht groß problematisiert, sagt sie im Rückblick. Als Maria zurückkommt, sieht sie nach der Unterurbacher Eisenbahnunterführung zwei Tote. Sie kann die Szene auch heute, nach bald sieben Jahrzehnten, noch genau beschreiben. Die beiden Ermordeten seien in knien­der Stellung gewesen, die kahl geschorenen Köpfe auf den Boden gesunken. Über den Körpern hätten Decken gelegen, vermutlich jene grauen Umhänge, von denen Anna Krattenmacher weiß. Maria Bausinger meint, sich auch an einen Ruf wie "Mädle, weg do!" zu erinnern. In all den Jahren, wenn sie an der Stelle vorbeikommt, hat sie stets ein mulmiges Gefühl. Sie kann das im Herbst 45 dort errichtete Grabmal gut beschreiben, meint, sich an eine Bodenplatte zu erinnern, auf der das französische Wort für Fabrikant (oder Ingenieur?) gestanden sei.

Der dritte Flüchtling wurde im Strohschuppen versteckt

Noch am Morgen desselben Tages: Am Küchenfenster von Greggs Hof am Westabhang des Haidgauer Berges, in besagtem Heustöckle, klopft es. Helga, die Gregg-Tochter, heute 82 Jahre alt, kann die Szene genau beschreiben. Ihre Mutter habe hinausgeschaut und ausgerufen: "Jessas, wa ischt au des für oiner?!" Maria, die 20-jährige weißrussische Fremdarbeiterin, geht vor die Türe und bringt den abgehetzten, völlig erschöpften Mann herein. Auf dem Herd werden gerade Kartoffeln für die Schweine gekocht. Mitsamt den Schalen schlingt der Fremde die Kartoffeln hinunter. "Däa sieht jo aus wia dä Tod", sagt Mutter Gregg. Im Strohschuppen nebenan wird ihm ein Lager bereitet, das Essen bringen Greggs nachts hinüber. Niemand darf von dem Versteckten wissen. So kommt der Entflohene über die Tage des "Umsturzes". Nach dem Einmarsch der Franzosen wird er im Krankenhaus Waldsee auskuriert. Vieles spricht dafür, dass das der dritte Mann vom Bach war.

Die Rettungstat vom Heustöckle wurde erst jetzt bekannt

Am diesem Aprilmontag 1945 ist das Verbrechen am Bach geschehen, einen Tag später wird Waldsee von den Franzosen eingenommen. Unterurbach und Mittelurbach sind noch nicht besetzt; die Gemeinde Unterurbach hat nun mit den zwei am Ortsrand liegenden Toten ein Problem. "Ma ka se doch it liega lau", heißt es im Dorf. Bürgermeister Franz Knitz, der nicht weiß, dass die Toten in ihren Sträflingsbekleidungen französische Staatsangehörige waren, sorgt für eine rasche, wohl nur notdürftige Beerdigung.

Nach dem Einmarsch französischen Militärs in Urbach kommt es zu einer dramatischen Zuspitzung. "Zur Vergeltung wollten die Franzosen nach der Besetzung zwanzig Bürger von Urbach erschießen", schreibt Ernst Fricker in seinem Buch "Erinnerungen aus meinem Leben", "dies konnte Bürgermeister Knitz verhindern, weil er glaubhaft machen konnte, dass niemand von uns beteiligt war."

Die Franzosen fordern eine würdige Bestattung der Ermordeten

Ultimativ, "binnen 24 Stunden", fordern die Franzosen eine würdige Bestattung der bei Unterurbach ermordeten KZ-Häftlinge sowie die Errichtung eines Denkmals. Das wird bis zum Herbst fertig. Für den 2. November 1945 setzt der französische Stadtkommandant Waldsees eine Trauerfeier für die Ermordeten an. Offensichtlich von ihm angewiesen, fordert Waldsees Bürgermeister die Mitglieder seines Gemeindeausschusses schriftlich auf, an der Trauerfeier in der Nachbargemeinde teilzunehmen. "Bei dr Trauerfeier hond zwoi Dutzend Leit vo Urbach atreta müssa", erinnert sich Franz Schmid aus Mittelurbach. Er ist der wohl letzte Zeuge jener Trauerfeier und hat noch den Salut im Ohr, den die Franzosen zu Ehren der Ermordeten geschossen hatten. Einige Wochen zuvor hatte er als 15-jähriger Bursche den Sockel des Grabmals mit einem Ochsengespann herbeischaffen müssen.

Helga Heinzelmann war damals 13 Jahre alt.
Helga Heinzelmann war damals 13 Jahre alt.

Außer dem Trauerakt am Grabmal gab es anscheinend auch einen Trauerakt auf dem Waldseer Stadtfriedhof sowie, das ist gesichert, Trauerfeiern in beiden Waldseer Kirchen. Die Teilnahme der Bevölkerung war von der Besatzungsmacht ausdrücklich erwünscht.

Drei Jahre später, Herbst 1948: Franz Knitz, Jahrgang 1940, ein Enkel des seinerzeitigen Urbacher Bürgermeisters, wird Augenzeuge der Exhumierung. Mit einem Kuhgespann kommen er und sein Vater vom Steinacher Ried her, wo sie Torf gestochen hatten; auf der Höhe des Grabmals werden sie von einem französischen Posten angehalten. Und dann sehen sie, wie die ausgegrabenen Särge mit einer Axt aufgewuchtet werden und die sterblichen Überreste in Zinksärge gegeben werden. Ein französischer Lastwagen steht für den Abtransport bereit. Stets habe in Urbach eines der Opfer als Fabrikant oder Fabrikantensohn gegolten, weiß Rad-Wirt Franz Spehn aus der mündlichen Überlieferung. Er meint, dass die Exhumierung und Überführung nach Frankreich auf Wunsch jener offenbar vermögenden Familie erfolgt sei.

Die Todesmärsche von den KZs auf der Schwäbischen Alb wurden in den Jahren 1948 bis 1952 juristisch aufgearbeitet ("Rastätter Prozesse"). Ob auch der Urbacher Fall dort verhandelt wurde, ist derzeit nicht bekannt. Laut Barczyk waren die Urbacher Täter ein SS-Offizier und ein Mann des Werwolfs, wie er den Akten des Kriminalkommissariates Ravensburg von 1950 entnehmen konnte.

Keiner der vier Todesmärsche hat das Ziel Dachau erreicht. Große Häftlingsgruppen wurden am 23. April von französischen Truppenverbänden im Raum Altshausen/Ostrach befreit. Ein dritter Elendszug löste sich am 17. April bei Pfronten im Allgäu auf. Ein vierter aber ging, nachdem die Amerikaner kurz vor Dachau standen, noch Richtung "Alpenfestung". Am 1. Mai, sieben Tage vor der Kapitulation des Großdeutschen Reiches, endete das Martyrium dieser Todesmarschierer bei Mittenwald.

Das Urbacher Franzosengrab gibt es nicht mehr. Seit circa 1960 steht das Denkmal, ein stattliches Kreuz, im Friedhof in Molpertshaus bei Wolfegg. Bis vor Kurzem wusste so gut wie niemand mehr etwas über die Geschichte des Kreuzes. Dank der Erinnerungsarbeit des Stadtarchivars und der anderen Bewahrer kennt man wieder die Namen derer, an die jenes Kreuz erinnern soll: Auguste Bonal, geb. 1898 in Sorres-Seine, Manager bei Peugeot, und Jules Monjoin. Auch die Namen der Toten vom Haidgauer Berg sind nun bekannt: Karl Panhans aus dem Sudetenland und Julius Spiegel aus dem Burgenland. Karl Panhans wurde 52 Jahre alt, Julius Spiegel starb mit 42.


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