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Dir zu Häupten platzen die Granaten

Dir zu Häupten platzen die Granaten
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Nur wenige Jahre blieben der literarischen Moderne in Deutschland. Dann brach der Erste Weltkrieg aus. Viele der expressionistischen Autoren sahen die Ereignisse hellsichtig voraus und kämpften vergeblich dagegen an. Teil VII unserer Serie "Der Weltkrieg im Südwesten".

Doch kommt ein Krieg. Zu lange war schon Frieden.
Dann ist der Spaß vorbei. Trompeten kreischen
Dir tief ins Herz. Und alle Nächte brennen.
Du frierst in Zelten. Dir ist heiß. Du hungerst.
Ertrinkst. Zerknallst. Verblutest. Äcker röcheln.
Kirchtürme stürzen. Fernen sind in Flammen.
Die Winde zucken. Große Städte krachen.
Am Horizont steht der Kanonendonner.
Rings aus den Hügeln steigt ein weißer Dampf.
Und dir zu Häupten platzen die Granaten.

Am 10. Juli 1914 schrieb Alfred Lichtenstein dieses Gedicht, zwölf Tage nach der Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand und achtzehn Tage vor der Kriegserklärung an Serbien. Der Sohn eines Berliner Fabrikbesitzers war seit Oktober 1913 Soldat im 2. Bayrischen Infanterieregiment. Kurz bevor er am 8. August, nachdem Deutschland Frankreich den Krieg erklärt hatte, an die Front verlegt wurde, dichtete er:

Vorm Sterben mache ich noch ein Gedicht.
Still, Kameraden, stört mich nicht.

Sein letztes Gedicht behandelt die Schlacht bei Saarburg (Sarrebourg, Lothringen, 20. bis 25. August):

Die Erde verschimmelt im Nebel.
Der Abend drückt wie Blei.
Rings reißt elektrisches Krachen
und wimmernd bricht alles entzwei.

Wie schlechte Lumpen qualmen
die Dörfer am Horizont.
Ich liege gottverlassen
in der knatternden Schützenfront.

Viel kupferne feindliche Vögelein
surren um Herz und Hirn.
Ich stemme mich steil in das Graue
und biete dem Tode die Stirn.

Lange sollte der Dichter dem Tod nicht mehr die Stirn bieten. Am 16. September schickte er das Gedicht mit dem Feldpostbrief nach Berlin. Neun Tage später war Alfred Lichtenstein tot. 25 Jahre alt war er geworden. Sein Brief kam erst Ende Oktober in Berlin an.

Lichtenstein war nicht der Einzige. Fünf Tage nach ihm war Ernst Stadler an der Reihe, Hans Leybold, der zusammen mit dem späteren Dada-Begründer Hugo Ball unter dem Pseudonym Ha Hu Baley veröffentlicht hatte, war bereits am 8. September gefallen. Ball seinerseits emigrierte nach Zürich, wo er 1916 das Cabaret Voltaire ins Leben rief. Der Rhetorik der Kriegs setzte er, verkleidet als "magischer Bischof", seine "sinnlosen" Lautgedichte entgegen. "Der Dadaist", so Ball, "kämpft gegen die Agonie und den Todestaumel der Zeit."

Aber es war nicht der Tod von mehr als 20 Autoren, der dem Aufbruch in die Moderne ein Ende setzte, der um 1910 eingesetzt hatte. Es war vermutlich die produktivste Periode der deutschen Literaturgeschichte: 347 Schriftsteller zählt Paul Raabe in seinem bibliografischen Handbuch der Expressionisten. Sie veröffentlichten in 100 Zeitschriften, an erster Stelle Herwarth Waldens "Der Sturm" und Franz Pfemferts "Die Aktion". 1958, als Raabe in Marbach antrat, wo sich das Schiller-Nationalmuseum gerade zum Deutschen Literaturarchiv mauserte, waren die meisten von ihnen so gut wie vergessen.

Sehr viele waren in der NS-Zeit emigriert. Wie Walter Benjamin, so wählten auch Carl Einstein, Walter Hasenclever und Ernst Weiß 1940 nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Frankreich den Freitod, ebenso Alfred Wolfenstein 1945. Pfemfert war 1941 in Mexiko, Paul Zech 1946 in Buenos Aires gestorben. Viele gingen in die USA, wie Albert Ehrenstein, der seine letzten Lebensjahre verarmt in New York zubrachte, oder Alfred Döblin, der nach dem Krieg vergeblich wieder in Deutschland Fuß zu fassen versuchte. Von den bekannteren Autoren lebten später in der Bundesrepublik nur noch Gottfried Benn und Hermann Kasack, in der DDR Johannes R. Becher, alle drei ein wenig kompromittiert: die Ersteren wegen ihrer nicht immer eindeutigen Haltung zum Nationalsozialismus, Letzterer wegen seinen engen Beziehungen zur kommunistischen Nomenklatura. Auf jeden Fall hatten sie sich, wie die beiden deutschen Staaten, weit auseinandergelebt.

In Württemberg, wo der Expressionismus nie angekommen war, begann um 1960 seine Wiederentdeckung. 100 Autoren stellten Paul Raabe, sein späterer Nachfolger Ludwig Greve und Ingrid Grüninger 1960 in der großen Marbacher Ausstellung vor. Literatur konfrontierten sie mit expressionistischer Kunst, die in der Nachkriegszeit schon früher wieder Beachtung gefunden hatte. Es war auch eine Reaktion auf die jüngste Vergangenheit, in der diese Kunst als entartet verfolgt worden war. Greve, aus einer jüdischen Familie in Berlin stammend, war in jungen Jahren in der französischen Résistance aktiv geworden und dann über Italien nach Palästina geflüchtet. Dort hatte er im Auftrag amerikanischer Quäker Vertriebene der Nakba, der palästinensischen Katastrophe, betreut. Wenig erbaut vom neuen Staat Israel war er schließlich nach Deutschland zurückgekehrt. Durch ihn kam der Kontakt zu HAP Grieshaber zustande, der das Ausstellungsplakat entwarf. "Der Clou der Ausstellung aber", so Raabe, "sollten die Fahnen mit Gedichten expressionistischer Autoren werden", die der Grieshaber-Schüler Josua Reichert als Farbholzschnitte gedruckt hatte.

Die Ausstellung wurde ein Triumph. 500 Gäste erschienen zur Eröffnung, darunter viele Zeitzeugen. Deutschlandweit berichteten die Zeitungen. Insgesamt kamen 30 000 Besucher nach Marbach, mehr als jemals zuvor. Weitere Stationen waren München, Berlin, New York, Hamburg und Florenz. Ohne originale Exponate, auf 15 Stelltafeln komprimiert, ging eine Wanderausstellung – die bis dahin erfolgreichste des Instituts für Auslandsbeziehungen – anschließend noch um die ganze Welt. Es folgten weitere Wiederentdeckungen, Reprints und Taschenbuchausgaben, neue Forschungen und bibliografische Verzeichnisse.

"Es gibt kein expressionistisches Werk, das während dieser vier Jahre [des Ersten Weltkriegs] an die Öffentlichkeit gebracht wäre und das sich zum Kriege bekannt hätte", schreibt Raabe im Marbacher Katalog. Viele Autoren hatten im Gegenteil früh vorausgesehen, was kommen würde. Mit am Anfang stand 1910 das Gedicht "Weltende" von Jakob von Hoddis. Georg Heym, der 1912 bei einem Unfall ums Leben kam, schrieb bereits Gedichte über den Krieg. "Auf einmal aber kommt ein großes Sterben", beginnt eines, ähnlich wie bei Lichtenstein. Ein anderes, unter dem Titel "Der Krieg", hebt an: "Auferstanden ist er, welcher lange schlief."

In aller Deutlichkeit äußert sich insbesondere Franz Pfemfert in der "Aktion": "Er scheint unheilbar, Europas Wahnsinn", konstatiert er bereits 1912 im Editorial: "Was gibt uns das Recht, von dem Fortschritt einer Menschheit zu faseln, die [...] so verbrecherisch ist, das Morden auf Kommando als Pflicht der 'nationalen Ehre' auszuschreien." Er warnt: "Unsere Presse hat längst aufgehört, eine Macht zu sein. Sie ist eine Gewalt, eine Gewalttätigkeit." Und er setzt dagegen, "in dieser Zeit ist es heilige Pflicht, die Ehre der Vaterlandslosigkeit zu verteidigen". "Mars regiert die Stunde", titelt Pfemfert im Januar 1914. Doch als der Krieg beginnt, kündigt er an, seine "Wochenschrift für Politik, Literatur und Kunst" werde künftig "nur Literatur und Kunst enthalten." Trotzdem bleibt der Krieg allgegenwärtig, etwa in Nachrufen auf gefallene Autoren oder im Gedicht Wilhelm Klemms über die Marne-Schlacht. Pfemfert selbst versucht die Zensur zu umgehen. Er stellt fest: "Heute muss mein Schweigen für mich reden", und zitiert sarkastisch sentimental-partiotische Gedichte.

Zu den Mitstreitern Pfemferts gehörte anfangs Kurt Hiller. Er begründete mit Ludwig Rubiner und anderen die dezidiert politische, pazifistische Bewegung des Aktivismus. "Da alle bisherige Erfahrung zeigt, dass die Verwalter der Nationen auf das bloße Wort des Geistes nicht hören, müssen die geistigen Menschen selbst die Verwaltung der Erde in die Hand nehmen", schreibt er 1916 in der ersten Ausgabe seines Jahrbuchs "Das Ziel". Der von ihm ins Leben gerufene "Bund zum Ziel" arbeitet "auf schnellen Schluss mit der Hohenzollernmonarchie und ihrem Kriege, auf Teilnahme am Aufbau einer Republik des Friedens, der Freiheit, der sozialen Gerechtigkeit, des Geistes" hin. Nach dem Krieg wird daraus der "Rat geistiger Arbeiter", und Hiller engagiert sich in der Deutschen Friedensgesellschaft (DFG). Der Bund der Kriegsdienstgegner, der sich bald mit den War Resisters' International (WRI) vernetzt, zählt ihn zu seinen Gründungsmitgliedern. Das Credo lautet: "Der Krieg ist ein Verbrechen an der Menschheit. Ich bin daher entschlossen, keine Art von Krieg zu unterstützen und an der Beseitigung aller Kriegsursachen mitzuarbeiten."

Zu den Aktivisten gehört auch Heinrich Mann. Sein bekanntester Roman, "Der Untertan", schildert treffend die Atmosphäre im wilhelminischen Deutschland unmittelbar vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Er erschien in Fortsetzungen in der illustrierten Wochenschrift "Die Zeit im Bild", fiel mit Kriegsbeginn aber der Zensur zum Opfer. Nur in Zürich konnte 1917 der Roman "Der Mensch ist gut" von Leonhard Frank erscheinen. Es handelt sich, wie Kurt Pinthus, der Herausgeber der Anthologie "Menschheitsdämmerung" schreibt, um "das leidenschaftlichste Buch gegen den Krieg [...], das die Weltliteratur aufweist." Frank ist wie Heinrich Mann nicht unbedingt Expressionist. Seine Sprache ist knapp und präzise. Unerbittlich analysiert er die durch den Krieg angerichteten physischen und psychischen Zerstörungen. 

"Es war auch kein eigentliches Profil vorhanden, das man dieser literarischen Bewegung, sofern eine solche überhaupt vorhanden gewesen ist, hätte zuweisen können", schreibt Franz Jung über "Die Aktion": "All dies ist später und rückwirkend erfolgt." Auch Hiller, der über Prag nach London emigriert und 1955 nach Deutschland zurückgekehrt war und nach Raabe derjenige war, "der mir bei meinen Nachforschungen die wertvollsten Auskünfte gab", stand dem Begriff Expressionismus distanziert gegenüber. Ebenso der Verleger Kurt Wolff, der an Raabe schrieb: "Es wurde mein verfluchter, verhasster Ruhm, Verleger der Expressionismus gewesen zu sein. Noch immer, ja heute mehr denn je, will man mit dem Begriff Expressionismus einer Gruppe von Schriftstellern, die zwischen 1910 und 1925 publizierten, den Stempel einer Gemeinsamkeit aufdrücken, die sie nie gehabt haben. Seit 35 Jahren wehre ich mich gegen diese Abstempelung, im Gespräch mit Freunden und Feinden."

Über den Begriff lässt sich streiten. Neopathetiker nannten sich einige, in Expressionismus-Anthologien finden sich auch die Namen Karl Kraus, Bertolt Brecht oder Franz Kafka. Besser wäre es, von der literarischen Moderne zu sprechen: Die Lyriker besangen nicht Liebe und Blumen, sondern die Großstadt. Die Prosaschriftsteller erzählten nicht einfach Geschichten, sondern experimentierten mit der Sprache und Erzählperspektiven. Der Bekannteste unter ihnen, Alfred Döblin, fing 1937 im amerikanischen Exil an, die Ereignisse vom Ende des Ersten Weltkriegs bis zur Gründung der Weimarer Republik aufzuarbeiten. Sein vierbändiges Werk "November 1918", das erst 1978, zum 100. Geburtstag des Autors, vollständig erschien, ist eine heilsame, auch unterhaltsame Lektüre. In Döblins Analyse war die Weimarer Republik von vornherein zum Scheitern verurteilt, da die Militärs weiterhin die Fäden zogen.

Döblins Roman erzählt mehr als Geschichtsbücher. Dies gilt auch für Franz Jungs Autobiografie "Der Weg nach unten". Expressionistischer Prosaautor, den Dadaisten nahestehend, Kommunist und Börsenkorrespondent, hatte Jung ein abenteuerliches Leben gelebt. Er war in die USA, zuletzt nach San Francisco emigriert und kam Ende 1960 wieder nach Deutschland, um seine Erinnerungen zu veröffentlichen. Die letzten Monate seines Lebens verbrachte er in Stuttgart, wo er einige Rundfunkbeiträge verfasste, bevor er ins Karl-Olga-Hospital eingeliefert und auf dem Neuen Friedhof in Degerloch beigesetzt wurde.


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7 Kommentare verfügbar

  • Dietrich Heißenbüttel
    am 02.06.2014
    Antworten
    Hab nachgefragt: Die Grabstätte, die gibt es. Neuer Friedhof, Degerloch (Sonnenberg), Abteilung 6.
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