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"Allzeit ein Hort des kolonialen Gedankens"

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Der Erste Weltkrieg markiert das Ende der deutschen Überseegebiete. Die Spur der verdrängten Kolonialgeschichte führt nach Stuttgart. Teil VI unserer Serie "Der Weltkrieg im Südwesten".

"Durch seine Forscher, seine Wirtschafts- und Kulturpioniere, seine allezeit regsamen und wanderlustigen Söhne, ist das Schwabenland auf Engste mit unserer kolonialen Entwicklung verknüpft gewesen", sprach der Stuttgarter Oberbürgermeister Karl Lautenschlager 1928 zur Eröffnung der Kolonialausstellung in der Gewerbehalle und im Stadtgarten. Es war die erste größere deutsche Kolonialausstellung nach Ende des Ersten Weltkriegs, wie Lautenschlager stolz anmerkt. "Unsere Industrie hat in steigendem Maße koloniale Rohstoffe verarbeitet, und Württemberg war allezeit ein Hort des kolonialen Gedankens."

Ein Hort des kolonialen Gedankens: daran erinnern in Stuttgart bis heute am ehesten zwei Atlanten über dem Portal des 1911 fertiggestellten Linden-Museums, ein Afrikaner und ein vollbärtiger Asiate. Das Museum geht zurück auf den 1882 gegründeten Württembergischen Verein für Handelsgeographie. Die Gewerbehalle im Stadtgarten, an der Stelle der heutigen Universitätsbibliothek, war in der Tat dessen erster Ausstellungsort. Die Geschichte der Sammlungen beginnt allerdings schon etwas früher: Spätestens ab 1862 erwarb die in den 1840er-Jahren gegründete Königlich Württembergische Zentralstelle für Gewerbe und Handel auch außereuropäische Kulturgüter aus China, Persien und dem südlichen Afrika. Großes Aufsehen erregte die Japansammlung des Arztes Erwin von Bälz, die heute zu den wichtigen Beständen des Linden-Museums gehört. Sie war 1881 in der Gewerbehalle zu sehen und gab möglicherweise den Anstoß zur Gründung des Vereins.

"Als die Wirtschaftskrise in den 1870er-Jahren Deutschland heimsuchte und die Inlandsmärkte wegzubrechen drohten, sah man sich gezwungen, in Übersee neue Märkte zu erschließen", schreibt dazu Ines de Castro, die Direktorin des Linden-Museums, so als sei die Kolonialgeschichte die zwangsläufige Konsequenz einer Krise des deutschen Binnenmarkts: "Als ab 1884 Deutschland in den Besitz eigener Kolonien kam, sah sich der Stuttgarter Verein auch als Informationsplattform für die hinzugewonnenen Länder in Afrika, Asien und der Südsee und half Auswanderungswilligen, sich auf das Leben in den Kolonien vorzubereiten." Togo, Kamerun und "Deutsch-Südwestafrika", das heutige Namibia, hatte Deutschland 1884 zu "Schutzgebieten" erklärt. Von November 1884 bis Februar 1885 tagte in Berlin die sogenannte Kongo-Konferenz, die den afrikanischen Kontinent unter den europäischen Mächten aufteilte. Deutsch-Ostafrika und verschiedene Südseegebiete rundeten den Kolonialbesitz ab.

Vereine für Handelsgeographie hatten sich bereits ab 1879 in Berlin und Leipzig gegründet. Sie waren keinesfalls nur neutrale Informations- und Beratungsstellen, sondern dienten, wie Namenszusätze verraten, auch der "Förderung deutscher Interessen im Auslande" (Berlin) und bereiteten die "Kolonialpolitik" (Leipzig) aktiv mit vor. Vorsitzender des Stuttgarter Vereins war Karl Graf von Linden, der Namenspatron des Museums, das im neu errichteten Landesgewerbemuseum, dem heutigen Haus der Wirtschaft, am 1. Juni 1889 eröffnet wurde. Die ursprüngliche Motivation, Kulturgüter aus Übersee zu sammeln, bestand darin, der heimischen Wirtschaft Vorlagen für den "Geschmack fremder Völker" und damit Exportmärkte zu erschließen. Später wurden daraus die ethnologischen Museen. Diese "Verwissenschaftlichung" bleibt allerdings zweischneidig: Es waren immer europäische Gelehrte, die Gegenstände aus anderen Kulturen klassifizierten und deuteten. "Dr. Augustin Krämer, der erste Direktor des neuen Museums, versuchte", so de Castro, "die Lebenszeugnisse indigener Kulturen vor deren Untergang zu retten und zu dokumentieren." Dies war exakt die Philosophie Adolf von Bastians, des ersten Direktors des 1873 gegründeten Berliner Völkerkundemuseums. Die "Rettung" entbehrt freilich nicht der Ironie: Die Vorbesitzer der Objekte verloren nicht nur wertvolle Kulturgüter, die heute in Auktionen hohe Preise erzielen. Ihre Kultur selbst, der gesellschaftliche Zusammenhang wurde zerstört, wenn zum Beispiel Masken, bisher exklusiver Besitz von Geheimgesellschaften, verkauft wurden.

Viele der Exponate des Linden-Museums sind wohl auf korrekte Weise erworben worden, wie etwa von Bälz' Japan-Sammlung: Japan war niemals Kolonie. Das Kameruner "Grasland", aus dem einige beeindruckende Exponate des Museums stammen, war jedoch deutsches Kolonialland. Die genauen Umstände des Erwerbs sind im Einzelfall nicht bekannt. Aber was der Museumsführer als "Hocker" der Kom oder Bafut bezeichnet, waren in Wirklichkeit Herrschersitze. Die Stadt Bafut wurde 1907 nach mehreren Feldzügen erobert, der Palast niedergebrannt. Bafut liegt etwa 20 Kilometer nördlich von Bamenda, der viertgrößten Stadt Kameruns, wo noch heute hoch über der Stadt die deutsche Festung zu sehen ist. Von hier aus wurde der Nordwesten des Landes unterworfen und verwaltet. Befehlshaber war ab 1905 der aus Augsburg stammende Offizier Hans Glauning, der seit 1901 in Kamerun weilte. Einige der zahllosen Feldzüge gegen einheimische Völker, etwa gegen die Nso 70 Kilometer östlich von Bamenda und bis hinauf zum Tschadsee, hat er persönlich geleitet. 1908 kam er auf der "Muntschi-Expedition" gegen die Tiv ums Leben.

Glauning war ein begeisterter Sammler ethnografischer Objekte, die er auch anderen Völkerkundemuseen vermacht hat. Viele Exponate des Linden-Museums stammen genau aus jenen Regionen, in die er Expeditionen und Feldzüge geführt hat: von den Ekoi aus dem Cross-River-Gebiet an der Grenze zu Nigeria, wo Glauning zuerst stationiert war, aus der Stadt Bali, von den Kom oder den Oku (Die Fassade des Palasts von Oku ist dagegen eine Nachbildung, die eigens im Auftrag von Hans-Joachim Koloss, des damaligen Leiters der Afrika-Abteilung des Linden-Museums Anfang der 1980er-Jahre angefertigt wurde.). Selbst der "befreundete", außergewöhnliche König Njoya, Herrscher der Bamum, war nicht ohne massiven Druck bereit, seinen Thron nach Berlin zu schicken, der sich heute im dortigen Völkerkundemuseum befindet. Andererseits ermutigte Njoya, der eine eigene Schrift erfand, Dragoneruniformen entwarf und als sein Palast abbrannte, diesen im deutschen Kolonialstil neu errichtete, seine Handwerker, die bis dahin exklusiv für den Palast gearbeitet hatten, auch für europäische Sammler zu produzieren: eine Quelle für Missverständnisse und Kontroversen über die "Originalität" der Erzeugnisse bis heute.

1884 hatte Ndumb'a Lob'a Bebe in Duala den Schutzvertrag mit den Deutschen unterzeichnet. Sein Enkel Rudolf Duala Manga ging ab 1891 in Aalen zur Grund- und Lateinschule und anschließend nach Ulm aufs Gymnasium, bevor er 1896 nach Duala zurückkehrte. Noch Jahre später schrieb er Briefe an seine Aalener Schulfreunde. 1902 reiste sein Vater, Manga Ndumbe, mit einer großen Delegation nach Berlin, um sich über die deutsche Kolonialverwaltung zu beschweren, nachdem eine Petition vor Ort nichts bewirkt hatte. Nach Rudolfs Amtsantritt 1910 betrieb die Verwaltung, entgegen dem Schutzvertrag, eine forcierte Segregationspolitik, um die wohlhabenden Lokalherrscher von Duala zu enteignen. Rudolf sandte eine Petition an den Reichstag, erreichte durch einen Gesandten und mithilfe eines Journalisten schließlich sogar einen Aufschub, wurde dann aber am 8. August 1914, wenige Tage nach Beginn des Ersten Weltkriegs, hingerichtet. Sein Sohn Alexander war später Abgeordneter der französischen Nationalversammlung und wichtigster Vertreter der Dekolonisierungsbewegung. Seine Urenkelin Marilyn Duala Manga gründete 1991 mit ihrem Ehemann Didier Schaub den Kunstverein Doual'art, eine der wegweisenden Institutionen zeitgenössischer Kunst auf dem afrikanischen Kontinent.

Rudolfs Hinrichtung nützte den Deutschen wenig. Bereits am 27. September 1914 mussten sie Duala aufgeben, im Januar 1916 auch die Hauptstadt Yaoundé. Einen Monat später flohen die restlichen Truppen ins neutrale Spanisch-Guinea. Mit der Kolonialherrlichkeit war es ein für allemal vorbei. Togo war bereits einen Monat nach Kriegsbeginn an Frankreich und England gefallen, nicht viel länger hielten sich die Südseegebiete. Südwestafrika folgte 1915, nur in Ostafrika konnte sich Paul von Lettow-Vorbeck durch geschicktes Ausweichen, zuletzt ins benachbarte Mosambik, bis Kriegsende halten. Er war 1920 in den Kapp-Putsch verwickelt und 1928 bis 1930 Reichstagsabgeordneter der Deutschnationalen Volkspartei. In die NSDAP trat er nie ein. Aber die Uniform seiner Schutztruppe war das Vorbild für die Braunhemden der SA.

Diejenigen, die sich mit dem Verlust der Kolonien nicht abfinden wollten, stilisierten Lettow-Vorbeck zur mythischen Figur. Denn es war viel investiert worden. Die Importe, unter anderem Baumwolle, Sisal oder tropische Hölzer, machten dies nicht wett. Und doch wäre die Entwicklung des Automobils ohne Gummireifen anders verlaufen. Im belgischen Kongo wurden die Einheimischen mit drakonischen Maßnahmen zum Kautschuksammeln gezwungen. Aber auch die Deutschen setzten dafür im Kamerun 60 000 Zwangsarbeiter ein. Noch bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg gab es Kolonialwarenläden. Der letzte in Stuttgart, Oscar Zahn in der Calwer Straße, schloss 1990. Seine Einrichtung befindet sich heute im Bonbon-Museum in Vaihingen an der Enz.

Mitten im Ersten Weltkrieg ergriff Theodor Wanner in Stuttgart eine andere Initiative. Der schwedische Generalkonsul und Enkel des Generaldirektors des Norddeutschen Lloyd, der als Schatzmeister des Vereins für Handelsgeographie bereits den Neubau des Linden-Museums in die Wege geleitet hatte, erkannte, dass Deutschland auch weiterhin auf den Welthandel angewiesen sein würde. Seine Idee war, dass dabei die Deutschen eine Rolle spielen könnten, die in andere Länder ausgewandert waren: nicht als Kolonialherren, sondern als Siedler, Bauern, Handwerker oder Händler. Wanner war ein Organisationstalent. 590 Personen gehörten zur Gründungskommission des Deutschen Auslands-Museums, mit dem Kaiser höchstselbst an der Spitze. Die Liste liest sich wie ein Who's Who damaliger Führungspersönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft. Wer zur Gründungsversammlung, die am 10. Januar 1917 unter der Schirmherrschaft des württembergischen Königs im Neuen Schloss stattfand, nicht kommen konnte, schickte einen Vertreter oder wenigstens ein Telegramm.

Aus dem "Museum und Institut zur Kunde des Auslandsdeutschtums und zur Förderung deutscher Interessen im Ausland" wurde bald das Deutsche Auslands-Institut (DAI), das 1925 ins Alte Waisenhaus am Charlottenplatz einzog. Zu seinen Aufgaben gehörte die Information über Deutsche in allen Teilen der Welt – von Japan bis Lateinamerika –, die Beratung von Auswanderungswilligen und die Pflege des "Deutschtums". Der Begriff ist durch den Nationalsozialismus diskreditiert. Doch wenn in Publikationen von "katholischen Kolonien am Schwarzen Meere" die Rede ist oder von lutherischen Kolonien in Cherson und Bessarabien – also in der heutigen Ukraine –, waren nicht militärische Schutzgebiete gemeint, sondern Bauern. Die Nazis wollten das DAI für eigene Propagandazwecke einspannen. Am 7. März 1933 besetzten SA und Stahlhelm das Institut und zogen die Hakenkreuzfahne auf. Der Generalsekretär Fritz Wertheimer wurde am Betreten des Gebäudes gehindert. Hitler erklärte Stuttgart 1936 offiziell zur "Stadt der Auslandsdeutschen". Nach dem Krieg war mit dem Deutschtum kein Staat mehr zu machen. Das Institut definierte seine Aufgaben neu und nennt sich seitdem Institut für Auslandsbeziehungen.


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1 Kommentar verfügbar

  • Jue.So Jürgen Sojka
    am 29.03.2019
    Antworten
    Hort des kolonialen, Dietrich Heißenbüttel, bis in die 1870er Jahre von Ihnen zurückblickend aufzuzeigen, gebührt mit Achtung und Danksagung honoriert. :-)

    Jetzt ist diese Feststellung ebenfalls Wert beachtet zu werden:
    Eroberer und Ausbeuter haben _ihren_ Ursprung - in aller Regel - im…
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