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Extra Exit Epfendorf

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Der Ärger war groß, als den Menschen im Landkreis Rottweil der Bauschutt von den Arbeiten für Stuttgart 21 hinter dem eigenen Dorf abgeladen wurde. Die genervten Anwohner fühlten sich von der Politik hintergangen, manche sprachen von Rache an der Wahlurne. Jetzt soll eine eigens gebaute Autobahnausfahrt den Bürgerzorn zügeln.

Mit Häme wurden sie überschüttet, die Menschen in der Kommune Epfendorf mit ihren Ortsteilen Trichtingen, Harthausen und Talhausen. Zum Ziel des Gespötts wurde die Gemeinde im Landkreis Rottweil, weil fast 70 Prozent der Einwohner für das Bahnprojekt Stuttgart 21 gestimmt hatten – und sie dann doch gegen die Auswirkungen des Megabauvorhabens wetterten, als diese vor ihrer eigenen Haustür erkennbar wurden. Kurzsichtigkeit warf man den Epfendorfern nun vor. Der Stein des Anstoßes waren zwei ehemalige Gipsbrüche in der Gemeinde, die seit Herbst vergangenen Jahres mit Aushub von S-21-Baustellen verfüllt wurden. Lkw-Transporte waren sie wegen der Gipsbrüche gewohnt. Dass jedoch bis zu 200 Lkw pro Tag durch ihr 950-Seelen-Dorf fahren würden, das hatte den Epfendorfern vor dem Volksentscheid niemand gesagt. Und plötzlich wackelten im Minutentakt die Scheiben, die Straßen wurden mit Schlamm überzogen, und die Familien bekamen Angst, ihre Kinder alleine vor die Tür zu lassen. Die Menschen gingen auf die Barrikaden, sie drohten mit Straßensperren (Kontext berichtete).

Wer nun dachte, in Epfendorf würden die anstehenden Kommunalwahlen angesichts der Aushubproblematik zur politischen Kampfabstimmung, der irrt. Denn Bürgermeister Peter Boch von der CDU versprach schnelle Abhilfe – und er lieferte. Boch versammelte die Betreiber der Gipsbrüche gemeinsam mit den Transportunternehmern und Vertretern der Deutschen Bahn am runden Tisch im Rathaus. Schnell waren sich alle Beteiligten einig, dass es so nicht weitergehen könne. Schließlich war inzwischen auch den Epfendorfern klar geworden, was ihnen bevorstand: Mit den Bauarbeiten für den Fildertunnel würde der Ärger für sie erst richtig losgehen, da in den kommenden fünf Jahren rund 1,8 Millionen Tonnen Erde und Geröll verfüllt werden müssen. Die beiden Gruben in der Gemeinde Epfendorf könnten davon etwa die Hälfte aufnehmen. Das hätte zur Folge, dass über Jahre hinweg Montag bis Samstag, von morgens bis abends, teils Kolonnen von bis zu zehn Fahrzeugen durch den beschaulichen Ort donnern würden. 

Seinen größten Coup will Bürgermeister Boch in den kommenden Tagen perfekt machen: Auf Druck der Anwohner hatte er versprochen, eine neue Abfahrt von der Autobahn 81 bauen zu lassen. So könnten die Lkw auf direktem Weg zu den Gipsbrüchen fahren, ohne in den umliegenden Dörfern die Nerven der Anwohner zu strapazieren.

Die Unternehmer hatten zuvor versichert, ihrer gesetzlich vorgeschriebenen Pflicht zum Verfüllen der Gruben, genannt Rekultivierung, zwar nachzukommen. Allerdings wolle man dies über einen längeren Zeitraum durchführen, um allzu großen Stress für die Anwohner zu vermeiden. Als akute Maßnahme wurde der Aushub an anderen Standorten zwischengelagert. Hinzu kommt, "dass momentan Erde abgeräumt wird, die sich nicht zur Rekultivierung in dieser Region eignet", erklärt Wolfgang Dietrich, Sprecher des Bahnprojekts Stuttgart–Ulm, der ebenfalls am runden Tisch saß.

Das Sankt-Florians-Prinzip par excellence

Und so kehrte Ruhe ein in Epfendorf – sowohl auf den Straßen als auch am Telefon von Bürgermeister Boch. Noch am Tag der Verhandlungen hatten etwa 50 Menschen vor dem Rathaus demonstriert. Inzwischen aber haben sich die Gemüter beruhigt. Selbst für die erklärten S-21-Gegener von den Grünen, die im Rottweiler Kreistag bloß mit zwei Abgeordneten sitzen, ist der Aushub aus Stuttgart "kein Thema" mehr. Und auch die erregten Anwohner geben sich zufrieden. Kein Wort mehr von Rache an der Wahlurne, wie noch im Frühjahr getönt wurde. Bürgermeister Boch, der versichert hatte, selbst von den Transporten überrascht worden zu sein, steht in Epfendorf wieder hoch in der Gunst. Solidarität mit anderen Orten im Land, in denen Gruben und Steinbrüche darauf warten, mit Aushub verfüllt zu werden? Fehlanzeige. In Epfendorf zeigt sich das Sankt-Florian-Prinzip par excellence, getreu dem Motto: Bloß nicht vor unserer Haustür! 

Noch bevor im September die erste Tonne Aushub vom Fildertunnel angeliefert wird, soll die neue Zufahrtsstraße fertiggestellt sein. Die Kosten für den Straßenbau wollen sich Landkreis und Gemeinde voraussichtlich teilen. "Im besten Fall wollen wir den zeitlichen Rahmen noch unterbieten", sagt Bürgermeister Boch optimistisch. Sein Antrag wartet bei der Autobahnmeisterei im Regierungspräsidium Freiburg auf Prüfung, weitere Gespräche stehen noch aus.

Allerdings steht Boch in der eigenen Gemeinde noch einige Überzeugungsarbeit bevor: Mehr als zwanzig Eigentümer muss er dazu überreden, ihre Grundstücke für die Abfahrt und die angeschlossene Straße zur Verfügung zu stellen. Und in den Wiesen von Epfendorf krabbelt noch ein potenzieller Störfaktor umher, mit dem schon die Bauleiter am Stuttgarter Schlossgarten leidvolle Erfahrung gemacht haben: Der Artenschutz könnte den Bauplänen einen Strich durch die Rechnung machen.


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9 Kommentare verfügbar

  • FernDerHeimat
    am 24.05.2014
    Antworten
    "Hannes" aka "Hans König" -> bezahlte Agitation
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