KONTEXT Extra:
Weitere Sammelabschiebung nach Afghanistan

Der Flüchtlingsrat Baden-Württemberg ruft für Mittwoch zu Protesten gegen die mittlerweile sechste Sammelabschiebung nach Afghanistan auf. "Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird auch Baden-Württemberg sich daran beteiligen," heißt es in einer Mitteilung. Die Proteste zeigten, "dass die von der Landes- und Bundesregierung vermutlich erwünschte Normalisierung dieser Abschiebungen nicht eingetreten ist", so Seán McGinley, Geschäftsführer des Flüchtlingsrates. Schon jetzt sei die Resonanz auf den Aufruf so groß wie nie zuvor. Nach wie vor gebe es "eine große Anzahl von Menschen, die das Unrecht von Abschiebungen in eines der gefährlichsten Länder der Welt nicht klaglos hinnehmen wollen".

McGinley erinnerte daran, wie "katastrophal die Lage in Afghanistan unverändert ist". Erst kürzlich sei eine deutsche Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation im vermeintlich sicheren Kabul zusammen mit einem Wachmann getötet und ihre finnische Kollegin wurde entführt worden. Vergangene Woche habe ein Bombenanschlag in der Provinz Herat, die seitens der deutschen Behörden ebenfalls als sicher bezeichnet werde, zehn Menschen in den Tod gerissen: "Unter diesen Umständen sind Abschiebungen nach Afghanistan verantwortungslos und menschenverachtend."

Protestaktionen gibt es am 31.5 in Heilbronn (15 Uhr, Kiliansplatz), Wiesloch, (17 Uhr, Evangelischer Kirchplatz), Schwäbisch Hall (17 Uhr, Milchmarkt), Karlsruhe (17.30 Uhr Ludwigsplatz), Stuttgart (18 Uhr, Schlossplatz), Ravensburg (18 Uhr Marienplatz), Gammertingen (18.30 Uhr Stadtbrunnen, Sigmaringer Straße) und Tübingen (18.30 Uhr, Holzmarkt). (29.5.2017)


AfD-Abgeordneter klagt gegen AfD-Fraktion

Keine Woche ohne Eklat: Der Göppinger AfD-Landtagsabgeordnete und Stuttgarter Gemeinderat Heinrich Fiechtner lässt in einem Organstreitverfahren vom Verfassungsgerichtshof Baden-Württemberg klären, ob seine Fraktion die Möglichkeiten hat, ihm das Rederecht im Plenum und die Mitgliedschaft in Ausschüssen zu entziehen, unter anderem dem NSU-Untersuchungsausschuss. Ausweislich seines Facebook-Auftritts hat er einen berühmt-berüchtigten Stuttgarter Anwalt um Unterstützung gebeten, den früheren CDU-Landtagsabgeordneten Reinhard Löffler. Erstmals, so Fiechtner, "prüft ein Verfassungsgericht das Verhältnis freies Mandat, für das wir uns so einsetzen, gegen die Fraktionsspitze". Löffler und Fiechtner wollen nicht auf das Hauptverfahren warten, sondern eine Eilentscheidung erstreiten.

Zustimmung bekommt der Mediziner und "Demo für alle"-Unterstützer von seiner Landtagskollegin Claudia Martin, die die AfD-Fraktion und die Partei inzwischen verlassen sich: Sie nannte das Vorgehen eine "Chance für die Demokratie". Über Fiechtner ist in einem "gemeinschaftlichen Beschluss", so die AfD-Fraktion, ein Redeverbot verhängt worden, unter anderem, weil er im Plenum eine Gesundheitskarte für Flüchtlinge befürwortet und sich damit gegen die Mehrheitsmeinung gestellt hatte. Schon zuvor sah er sich auch schon einem Parteiausschlussverfahren ausgesetzt, das allerdings auf Mitbetreiben des Bundes- und Fraktionsvorsitzenden Jörg Meuthen niedergeschlagen worden ist. (24.5.2017)


NSU-Ausschuss: Terminplan für zweite Jahreshälfte

Der zweite parlamentarische Untersuchungsausschuss des Landtags zu den Verbindungen des "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) nach Baden-Württemberg wird in diesem Jahr noch sieben Mal tagen. Im Jahr 2018 sind weitere Sitzungen geplant. Festgelegt sind zudem verschiedene Arbeitsschwerpunkte. So ist die Frage, ob und wie ausländische Geheimdienste am Tag der Ermordung der Polizistin Michèle Kiesewetter, dem 25. April 2007, in Heilbronn auf der Theresienwiese aktiv waren, noch nicht abschließend geklärt. Weitere Vernehmungen zur Bedeutung der rechtsextremen Musikszene stehen auf dem Programm. Außerdem ist nicht ausgeschlossen, dass Achim Schmid doch noch geladen wird. Der Gründer des European White Knights of the Ku Klux Klan, ein gebürtiger Mosbacher, der inzwischen in den USA lebt, hätte schon vor dem ersten Ausschuss aussagen sollen. Inzwischen hat, wie erst jetzt bekannt wurde, eine Vernehmung durch das Bundeskriminalamt in den USA statt gefunden. Vorstellbar ist auch, dass beteiligte Beamte vor dem Ausschuss aussagen.

Die Sitzungstermine 2017: Montag, 19. Juni, Montag, 17. Juli, Freitag, 22. September, Montag, 9. Oktober, Montag, 6. November, Montag, 27. November und Freitag, 22. Dezember 2017. 


Und sie bewegt sich doch

Es könnte nun doch eine praktikable und finanzierbare Möglichkeit geben, Euro-5-Dieselmotoren nachzurüsten. Das ließen Experten der nationalen und internationalen Automobilindustrie in einer zweiten Verhandlungsrunde im baden-württembergischen Verkehrsministerium durchblicken. Der grüne Verkehrsminister Winfried Hermann, der bei dem Autogipfel nicht mit am Tisch saß, mochte allerdings noch keine Einzelheiten nennen. Man habe sich darauf verständigt, "die heiklen Verhandlungen nicht durch die Bekanntgabe von Details kaputtzumachen". Er selber will weitere Gespräche auf Länder- und Bundesebene führen. "Denn die Uhr läuft schon", so der Grüne. Sollte es zu keiner Einigung und der damit verbundenen Absenkung von Schadstoffen kommen, werden ab dem 1. Januar 2018 in Stuttgart Fahrverbote verhängt.

Angestoßen von Hermann hat die Verkehrsministerkonferenz angesichts der Belastung zahlreicher deutscher Ballungsgebieten mit Schadstoffen bereits Ende April von Bund und der Automobilindustrie ein umsetzbares Konzept für die Nachrüstung gefordert. Außerdem sei der Bund, so der Grüne, dafür zuständig, die rechtlichen Grundlagen für die Genehmigung von Umbauten zu schaffen. Die Debatte hat Parallelen zum Streit über Katalysatoren Ende der Achtziger Jahre. Auch damals hatten deutsche Autofirmen eine Nachrüstung von Fahrzeugen für wenig praktikabel gehalten. Als erste japanische Lösungen auf den Markt kamen, bewegte sich auch die deutsche Konkurrenz. (11.5.2017)


Noch mehr Männer

Für die AfD in ihrer Verblendung sind Gender-Untersuchungen des Teufels. Auch wesentliche Teile der – traditionell männlich dominierten – Jungen Union polemisieren lieber gegen Quoten und Quoren statt sich der gesellschaftspolitischen Realität zu stellen. Denn nach dem neuen Frauen-Ranking der Heinrich-Böll-Stiftung ist Männerüberhang in der Kommunalpolitik nicht nur groß, sondern er wächst auch noch. Stuttgart liegt mit einem Frauenanteil von 38,33 Prozent im Gemeinderat und nur einer Fraktionsvorsitzenden (der grünen) auf Platz 21 von 73 untersuchten Großstädten, Karlsruhe sogar nur auf 70. Spitzenreiterin im Südwesten ist Ulm als Achte, mit einem Frauenanteil von 45 Prozent, vier Dezernentinnen und vier Fraktionsvorsitzenden. Ulm ist sogar Deutschland-Erste, wenn nur die Frauen im Rat gerankt werden. Insgesamt liegt Pforzheim auf Platz 18, Freiburg auf 25, Reutlingen auf 33, Heidelberg auf 53 und Mannheim auf 62. Bundesweit haben Erlangen, Trier und Frankfurt die Nase vorne.

Die AutorInnen haben auch Gründe für die Unterschiede und vor allem für den Rückgang der Beteiligung von Frauen in den vergangenen zehn Jahren zusammengetragen. Analysiert ist, dass Parteien zu wenig initiativ wurden und weit hinter ihren Versprechungen zurückgeblieben sind – mit Ausnahme der Grünen, die bundesweit in den Räten auf 50 Prozent Politikerinnen kommen, gefolgt von der Linken mit 44,4 und der SPD mit 37,3 Prozent. "Immer weniger Frauen führen die großstädtischen Rathäuser – eine Entwicklung, die doch erstaunt, nachdem sich Frauen auf Bundes- und Landesebene auch in den Regierungsspitzen etabliert haben", heißt es weiter. Verlangt werden gesetzliche Regelungen für die Städte und Gemeinden. Die CDU hängt im Bundesvergleich bei einem Frauenanteil von unter 29, die FDP von knapp unter 27 Prozent fest, die AfD sogar bei 11,6 Prozent, was Auswirkungen auf die Entwicklung insgesamt haben wird: "Da diese Partei bei den nächsten Kommunalwahlen bisherigen Prognosen zufolge gute Chancen hat, deutlich mehr Kommunalparlamentarier/innen zu stellen als bisher, droht dadurch der Frauenanteil in den Räten insgesamt zu sinken."


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Produktion um 1906. Foto: Daimler

Produktion um 1906. Foto: Daimler

Ausgabe 167
Zeitgeschehen

Die Untertürkheim-Affäre

Von Dietrich Heißenbüttel und Oliver Stenzel
Datum: 11.06.2014
Der Autobauer Daimler erwirtschaftet im Ersten Weltkrieg enorme Profite. Dabei gerät die Firma mitten im Krieg in den ungeheuerlichen Verdacht, das Kriegsministerium zu betrügen. Der "Fall Daimler" entwickelt sich zu einer der größten Rüstungsaffären in der Militärgeschichte. Teil IX unserer Serie "Der Weltkrieg im Südwesten".

Der monatliche Umsatz war von 3,5 auf 31 Millionen Mark, die Belegschaft von 5155 auf 24 691 Mitarbeiter gestiegen: Das war die Erfolgsbilanz des größten württembergischen Industrieunternehmens im Ersten Weltkrieg. Kriegsgewinnler? Das konnte nie bewiesen werden.

Die Daimler-Motoren-Gesellschaft (DMG) war 1914, zu Beginn des Ersten Weltkriegs, längst nicht mehr die Werkstatt der Erfinder Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach. Sie war aber auch noch nicht der Konzern Daimler-Benz, zu dem sich die früheren Konkurrenten erst nach Krieg und Inflation 1926 zusammenschlossen. Die DMG gab es seit 1890: Daimler brauchte Kapital, in der Aktiengesellschaft hatte er dann allerdings auch nicht mehr das Sagen. Kurz nach seinem Tod im Jahr 1900 hatte die DMG als zweite Produktionsstätte ein Unternehmen in Berlin-Marienfelde übernommen und ein 185 000 Quadratmeter großes Baugebiet in Untertürkheim erworben. Da das alte Werk in Bad Cannstatt in der Nacht vom 9. zum 10. Juni 1903 abgebrannte, erfolgte der Umzug schneller als geplant. Er war mit einem sprunghaften Wachstum verbunden: In eineinhalb Jahren wuchs die Belegschaft von 821 auf 2200 Mitarbeiter.

Unmittelbar vor den Ersten Weltkrieg arbeiteten in Untertürkheim 4614 Arbeiter und 541 Angestellte, Beamte genannt. Das einstige Weinbauerndorf, das 1905 nach Stuttgart eingemeindet worden war, konnte diese nicht alle beherbergen. 1911 hatte sich eine Baugenossenschaft gebildet, die mit Unterstützung des Unternehmens nach Bauland suchte. 1913 konnten die ersten Arbeiter in der Gartenstadt Luginsland einziehen. Daimler war zu jener Zeit nach Benz der zweitgrößte Automobilhersteller in Deutschland. 1567 Automobile wurden 1913 in Untertürkheim gebaut, 358 Nutzfahrzeuge in Berlin-Marienfelde und darüber hinaus Flug-, Schiffs- und andere Motoren. Es sollten sehr schnell noch viel mehr werden.

Nach Feierabend, 1908. Foto: Daimler
Nach Feierabend, 1908. Foto: Daimler

Die Kriegsvorbereitungen hatten bereits 1907 begonnen. In der Ersten Marokkokrise hatte sich gezeigt, dass das Deutsche Reich bis auf Österreich-Ungarn keine Bündnispartner hatte und seine Interessen auf diplomatischem Wege nicht durchsetzen konnte. Es begann eine Politik der Aufrüstung. Ab 1908 wurden Lkw mit Anhänger für eine Nutzlast von vier bis sechs Tonnen, die im Kriegsfall an die Armee auszuliefern waren, mit einer einmaligen Beschaffungsprämie in Höhe von 4000 Mark und Betriebsprämien bis zu 1000 Mark jährlich bezuschusst. Dies brachte die Produktion ein wenig in Gang: Bis dahin gab es im gesamten Reich nicht mehr als 1200 Lastwagen, bei Kriegsbeginn waren es über 9000. Allerdings wurden nur 650 Subventionslastzüge ans Heer ausgeliefert. Mit der DMG schloss die Armee 1907 und 1910 zwei Verträge, die das Unternehmen verpflichteten, Pkw und Subventionslastwagen im Ernstfall kriegstauglich zu präparieren.

Vor dem Krieg hatte Daimler vor allem Pkw gefertigt, von denen ungefähr die Hälfte in den Export ging. Damit war es 1914 vorbei. Nutzfahrzeuge wurden nun wichtiger, auch wenn ihre militärische Bedeutung noch nicht richtig eingeschätzt wurde. Pkw wurden vor allem zum Krankentransport eingesetzt, Lkw mit leichten Flakgeschützen ausgestattet. Ein Problem war der Mangel an Rohstoffen wie Nickel und Kautschuk. Pkw fuhren mit Vollgummireifen, Lkw in der Regel noch mit Eisenrädern. Ein Großteil des militärischen Materials gelangte jedoch weiterhin mittels Pferdefuhrwerken zur Front. Auf französischer Seite kamen dagegen bereits 1916 auf der Voie Sacrée, dem Nachschubweg nach Verdun, in großem Umfang Lastwagen zur Anwendung, während die britische Armee an der Somme erstmals Panzer einsetzte. In der Folgezeit orderte die deutsche Armee Zugmaschinen für schwere Geschütze, an erster Stelle 1129 Einheiten des Typs KD 1, hergestellt von Daimler und Krupp. Noch wichtiger wurden sehr schnell die Flugmotoren. Im Sommer 1915 entstand in Böblingen der erste württembergische Flughafen. Gleich daneben errichtete Daimler eine Fabrik, in der ab 1916 Flugmotoren hergestellt wurden. Dies war der Ursprung des Sindelfinger Werks. Insgesamt entstanden fast 20 000 Flugmotoren, 46 Prozent der deutschen Produktion, sowie 265 ganze Flugzeuge.

Daimler liefert keine brauchbaren Kalkulationen für seine Preise

Im Frühjahr 1918 geriet die Firma allerdings in Verdacht, ihre gewaltigen Profite teils durch Betrug erzielt zu haben, was als "Fall Daimler" bekannt und zur größten Rüstungsaffäre in Deutschland im Ersten Weltkrieg werden sollte. Am Anfang standen dabei von Daimler geforderte Preiserhöhungen für Flugmotoren, wofür das preußische Kriegsministerium im Gegenzug nachprüfbare Kalkulationen verlangte. Darauf reagierte Daimler-Direktor Ernst Berge am 18. Februar 1918 mit einem Drohbrief an das Kriegsministerium: Detaillierte Kalkulationen könnten nicht vorgelegt werden, da dies nicht rechtmäßig sei. Und sollte der Staat nicht bereit sein, für Rüstungsgüter höhere Preise zu zahlen, drohte Berge damit, Nachtschicht und Überstunden zu streichen und dadurch die Produktion massiv einzuschränken.

Daimler-Modell 1915. Foto: Wikimedia
Daimler-Modell 1915. Foto: Wikimedia

Der Erpressungsversuch ging gleichwohl nach hinten los. Das Kriegsministerium schickte prompt eine Kommission nach Stuttgart, die Daimler nun ihrerseits drohte, den Betrieb zu "militarisieren", also unter militärische Aufsicht zu stellen. Daraufhin zog der Daimler-Vorstand seine Drohung zurück und sicherte sogar eine weitere Produktionssteigerung sowie Einsicht in alle Betriebsunterlagen zu.

Das Militär übernimmt die Aufsicht in Untertürkheim

Zum Skandal wurde der "Fall Daimler" aber erst, als der Verdacht aufkam, die vorgelegten Kalkulationen seien gefälscht worden. Der frühere Daimler-Angestellte Hans Wohlich hatte zur Anzeige gebracht, dass der Unternehmensvorstand die Rohstoffkosten in der Kalkulation bewusst zu hoch angesetzt habe, um höhere Preise zu erzielen. Anfang März erfuhr davon der nationalliberale Reichstagsabgeordnete Willi Stöve, Mitglied eines im November 1917 eingesetzten Untersuchungsausschusses, der unter anderem die Profite von Rüstungsunternehmen prüfen sollte. Daraufhin forderte der Ausschuss bei seiner nächsten Sitzung eine Militarisierung von Daimler, was die Militärbehörden zunächst zurückwiesen. Mittlerweile war das Thema aber bereits in die Presse gelangt und der öffentliche Druck so groß, dass am 6. März das Unternehmen unter militärische Aufsicht gestellt und der Vorstandsvorsitzende Berge suspendiert wurde. Bis zum 9. Dezember 1918, einen Monat nach Kriegsende, überwachten bei Daimler zwei Offiziere die Produktion und die Geschäftsführung.

Modell 1918. Foto: Wikimedia
Modell 1918. Foto: Wikimedia

Weitere direkte Folgen für das Unternehmen hatte der "Fall Daimler" nicht; die Untersuchungen zogen sich zwar noch Jahre hin, wurden aber am 9. November 1923 eingestellt, ohne dass eine betrügerische Preiskalkulation nachgewiesen werden konnte. Auch heute halten sich die Historiker mit der Bewertung zurück, die sich schon allein aufgrund der damaligen Rechnungsführung als schwierig erweist. In der Öffentlichkeit und an der Front sorgte die Affäre aber für deutlichen Unmut über die Daimler-Motoren-Gesellschaft, die vor allem unter der Arbeiterschaft sinnbildlich für die Kriegsgewinnler allgemein zu stehen schien. "Störst du meinen Profit, so schränke ich meinen Motorenbau ein", mokierte sich der sozialdemokratische "Vorwärts" am 13. März 1918 über die Daimler-Direktion und fragte: "Streikende Heereslieferanten ... mit welchem Recht haben sie doch über streikende Arbeiter zu Gericht gesessen!"

Im Bericht eines bayrischen Infanterieregiments vom 31. März 1918 ist vermerkt, die "Daimler-Sache" habe unter den Soldaten "viel böses Blut gemacht", es herrsche "allgemeine Mißstimmung gegen die Fabrikanten und Aktionäre, die in völliger Sicherheit Riesengewinne einstreichen von dem Gelde, das die Leute bei der Kriegsanleihe zeichnen." Und die weit verbreitete Soldatenzeitung "Sozialdemokratische Feldpost" sprach vom "Daimler-Schwindel", dieser möge " nun auch die Augen der breiten Volksschichten stärker auf die Fülle des Geldsegens lenken, den der Krieg über die Kapitalisten ausschüttet".

Mit dem Geldsegen war es nach dem Krieg zunächst einmal wieder vorbei. Flugmotoren und Artillerieschlepper wurden nicht mehr gebraucht und durften nicht länger hergestellt werden. Es gab gebrauchte Heeresfahrzeuge in Hülle und Fülle und nur wenige solvente Abnehmer für Neufahrzeuge. Die Pkw-Produktion war zum Erliegen gekommen und musste erst neu aufgebaut werden, ebenso das Exportgeschäft. Die Belegschaft war allerdings im Vergleich zur Vorkriegszeit auf das Fünffache angewachsen. Anfang November 1918 waren in Untertürkheim noch rund 15 000 Arbeiter beschäftigt, Ende Januar 1919 waren es nur noch 8833. Und selbst die arbeiteten zum Teil nur in Fünfstundenschichten.

Untertürkheim in den Zwanzigerjahren. Foto: Daimler
Untertürkheim in den Zwanzigerjahren. Foto: Daimler

Zu einer Politisierung der Arbeiterschaft kam es auch infolge der Novemberrevolution. Am 9. November 1918, als Karl Liebknecht und Philipp Scheidemann in Berlin fast gleichzeitig die Republik ausriefen, waren auch in Stuttgart so viele Menschen auf der Straße wie nie wieder vor 2010. Arbeiter aus Württembergs größtem Industriebetrieb, dem Untertürkheimer Daimler-Werk, standen im Mittelpunkt der Bewegung. Vorerst hingen sie mehrheitlich der SPD an. Aber nicht nur die Entlassungen, auch der Stinnes-Legien-Pakt zwischen Industrie und Gewerkschaften am 15. November führten zu einer Radikalisierung. Im Gegenzug gegen die Einführung des Achtstundentags und die Alleinvertretung der Arbeiterschaft hatten die Gewerkschaften versprochen, die Produktion aufrechtzuerhalten und wilde Streiks zu verhindern. Nachdem dann auch noch Friedrich Ebert ab dem 10. Januar den Spartakusaufstand in Berlin mit Hilfe von Freikorps niederschlagen ließ und fünf Tage später Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordet wurden, fühlten sich die Genossen verraten.

Rudolf Steiner hält Vorträge vor der Belegschaft

Als Ende Januar die Untertürkheimer Arbeiter eine neue Vertretung wählten, erlangten die USPD und der Spartakusbund die Mehrheit. Während sich die württembergische Metallindustrie "aus Angst vor russischen Verhältnissen" dem Stinnes-Legien-Abkommen anschloss, wurde der tonangebende Teil der Daimler-Arbeitnehmerschaft zur "Vorhut der Revolution" – jedenfalls in der Sicht des württembergischen Innenministeriums. Im Daimler-Vorstand schrillten die Alarmglocken. Insbesondere Paul Riebensahm, Vorstandsmitglied seit 1. Oktober 1918, war um Ausgleich bemüht. Mit Kinovorführungen, Vorträgen unter anderem von Rudolf Steiner, Betriebssportveranstaltungen, an denen auch die Betriebsleitung teilnehmen sollte und einer Werkzeitung zur Bildung und Unterhaltung der Arbeitnehmer wollte er den Betriebsfrieden wiederherstellen. In den Worten des Redakteurs Eugen Rosenstock-Huessy sollte der Betrieb wieder "eine Sprache sprechen", denn "wenn etwa die Direktion anthroposophisch, die Beamten demokratisch, die Arbeiter spartakistisch begeistert werden", löse sich die Einheit des Werks auf.

Daimler-Vorstandsvorsitzender Ernst Berge. Foto: Daimler
Daimler-Vorstandsvorsitzender Ernst Berge. Foto: Daimler

Der Betriebsfrieden hielt bis Mitte 1920. Während Riebensahm eine akademische Laufbahn einschlug und Rosenstock-Huessy die Werkzeitung noch größer herausbringen wollte, standen die Arbeiter am 25. August morgens plötzlich vor verschlossenen Werkstoren. Bewaffnete Polizeieinheiten hielten das Gelände besetzt und drohten mit Schusswaffengebrauch. Vordergründig ging es um die reichsweite Einführung einer zehnprozentigen Lohnsteuer, welche die linken Arbeitnehmervertreter ablehnten, die seit den letzten Betriebsratswahlen im März mit 17 von 22 Sitzen die Mehrheit stellten. Es kam zum Generalstreik. Die Betriebsleitung antwortete mit der Entlassung der gesamten Belegschaft – die in Wirklichkeit längst geplant war. Als das Werk Ende September seine Tore wieder öffnete, arbeiteten dort nur noch um die 3500 Arbeiter und 585 Angestellte, halb so viele wie vorher.

Ob sich Daimler im Krieg bereichert hat, diese Frage ist auch aus einem historischen Abstand von 100 Jahren schwer eindeutig zu beantworten. Sicher ist, dass der Erste Weltkrieg dem Unternehmen, auch wenn die Situation bis zur Fusion mit Benz krisenhaft blieb, auf lange Sicht sehr genützt hat. Wie Vorstandsvorsitzender Ernst Berge so trefflich resümierte: "Der Krieg mag uns viel Erschreckendes gezeigt haben, aber für die Motorisierung war er die denkbar beste Propaganda. Durch diesen Krieg wurde der ganzen Welt die Unersetzlichkeit des Automobils vorgeführt."


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