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Offene Wunde in Heilbronn

"Wir hoffen alle, dass vielleicht doch noch mehr Licht in die Vorgänge kommt." Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat am zehnten Jahrestags des Anschlags auf Polizisten Michèle Kiesewetter und ihres Kollegen Martin Arnold genutzt, zumindest indirekt eine Fortsetzung der Ermittlungsarbeit zu verlangen. Der Heilbronner OB Harry Mergel (SPD) wurde auf der Gedenkfeier deutlicher: "Warum Heilbronn? Wieso Michèle Kiesewetter? Und weshalb der 25. April 2007?" Solange diese Fragen "nicht ausreichend beantwortet werden können, gibt es auch hier in Heilbronn eine offene Wunde".

Angestoßen wurde die Diskussion um neue Ermittlungen auch durch die Bundesanwaltschaft. Sie geht der Entstehung eines Graffito mit dem Kürzel "NSU" nach, das auf einer Mauer am Tatort aufgesprüht war. Bisher lautet die offizielle Version, dass das NSU-Trio für den Anschlag verantwortlich ist. Immer wieder und aufgrund zahlreicher anderer Spuren sind die Zweifel an dieser Darstellung nicht ausgeräumt. Bisher waren an Tatorten weder Bekennerschreiben des NSU noch andere Hinweise gefunden worden. Entdeckt worden waren die drei Versalien in schwarzer Farbe vom Filmemacher Clemens Riha beim Sichten von SWR-Archivmaterial. (25.04.2017)


AfD: Nichts wissen, nichts machen, nichts zahlen

Schon wieder hat AfD-Fraktionschef Jörg Meuthen ein Versprechen nicht gehalten. Aber wahrscheinlich kann er nicht mehr daran erinnern, dass er am 6. März zum ersten Mal seit dem Einzug in den Landtag zu einer regulären und nicht durch Skandale, Trennungen oder Wiedervereinigungen notwendig geworden Pressekonferenz geladen hat. Um mitzuteilen, dass seine Fraktion selbstverständlich der Ankündigung nachkommt, dem Landtag die Gelder zurückzuzahlen, die die vorübergehende Fraktionsspaltung gekostet hat. Sogar ein Datum konnten Meuthen und Fraktionsvize Rainer Podeswa nennen: den 11. März 2017, jenen Tag also an dem die Frist für die Rechnungslegung der Fraktionen ohnehin abläuft. Bis dahin sollten 257.000 Euro fließen. Insgesamt war von 425.000 Euro, einmal auch von 571.000 Euro die Rede.

Eingelöst wurde die Zusicherung nicht. Meuthen und die Seinen, die schon bei unvergleichlich geringeren Anlässen Zeter und Mordio schreien angesichts des Sittenverfalls der von ihnen sogenannten Altparteien, haben nach Auskunft der Landtagsverwaltung gar nichts zurückgezahlt. Jetzt verlangt der Fraktionsgeschäftsführer der SPD, Ex-Innenminister Reinhold Gall, von der Landtagsverwaltung, eine "härtere Gangart" einzuschlagen und rechtliche Schritte einzuleiten.

Vor allem auf Facebook, dem wichtigsten Kommunikationsmittel der AfD, hatte sich die Fraktion immer wieder dafür gerühmt, alle Gelder zu erstatten. Tatsächlich war das peinliche Finanzgebaren schon in der Plenarsitzung vom 9. Februar Gegenstand der Debatte, als FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke daran erinnert, dass "die operettenhafte Fraktionsteilung" viel Geld gekostet habe und konkret fragte: "Haben Sie zurückgezahlt?" Laut Protokoll rief der AfD-Fraktionschef: "Ja, natürlich!". Inzwischen will Meuthen die Äußerung auf die schon geflossenen Gelder bezogen wissen, ohne konkret zu sagen, um welche Summen es sich handelt. Wahrscheinlich hat er es nicht (mehr) gewusst. (21.4.2017)

Mehr zum Thema: "Sein Name ist Hase"


Kakteen lassen IHK-Vollversammlung platzen

Johannes Schmalzl, früher Zentralstellenleiter im FDP-geführten Justizministerium, dann Präsident des Landesamts für Verfassungsschutz und Stuttgarter Regierungspräsident, ist am Donnerstagabend nicht wie geplant zum Hauptgeschäftsführer der IHK Stuttgart gewählt worden. Die kammerkritische Kaktus-Initiative hat die Vollversammlung platzen lassen. Zuvor fand der vorab angekündigte Antrag der IHK-Rebellen zur Änderungen der Tagesordnung allerdings keine Mehrheit. Darin war verlangt worden, Tagesordnungspunkte, die in der vorigen Vollversammlung nicht behandelt wurden, noch vor der Wahl abzuhandeln.

Nach der Abstimmungsniederlage zog ein Großteil der Initiative aus, während einer ihrer Sprecher mit Erfolg die Feststellung der Beschlussunfähigkeit der Versammlung forderte. Damit war die Vollversammlung beendet. Jetzt soll es zu einer Sondersitzung kommen, um Schmalzl vor der nächsten turnusmäßigen Sitzung im Juli zu wählen. Am Vorgehen der Kakteen gibt es Kritik – auch in den eigenen Reihen. Mehrere Mitglieder hatten die Versammlung mit ausdrücklichem Hinweis auf die demokratische Niederlage in der Abstimmung über die Tagesordnung nicht verlassen. Jetzt sollen interne Beratungen stattfinden.

Jürgen Klaffke, einer der führenden Kakteen, hatte im Vorfeld der Vollversammlung für die Verschiebung der Wahl plädiert. Sein Argument: Es könne nicht sein, "dass eine Findungskommission nach monatelanger Suche einen einzigen Kandidaten präsentiert". Da der Vertrag mit dem amtierenden Hauptgeschäftsführer Andreas Richter erst Anfang des nächsten Jahres ausläuft, sei genügend Zeit, das Verfahren für eine Kandidatensuche nochmals aufzurollen. Die Kaktus-Initiative, die unter anderem für die Abschaffung der Zwangsmitgliedschaft eintritt, hält ein Drittel der hundert Sitze. (20.4.2017)

Mehr zum Thema: "Das ganze Klavier bespielen", "Rebellen im Weinberghäusle"


Besonders viele Evet-Sager in Stuttgart

Nur in Dortmund, Essen und Düsseldorf haben mehr Deutschtürken für Recep Tayyip Erdogans Präsidialsystem gestimmt als in Stuttgart. Mit 66,22 Prozent liegt die Landeshauptstadt nach den Zahlen der staatlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu auch über dem Deutschland-Schnitt von 63,2 Prozent. Das Ergebnis der Bundesrepublik ist international von besonderer Bedeutung, weil mit rund 1,4 Millionen Menschen nirgends mehr Auslandstürken wahlberechtigt waren. Auffallend ist das Abstimmungsverhalten in Berlin, mit 50 Prozent Nein-Sagern, in der Schweiz mit 70 Prozent und in den USA mit sogar einer 90prozentigen Ablehnung der Verfassungsreform. In den Vereinigten Staaten hat allerdings weniger als ein Prozent der Bevölkerung einen türkischen Pass.

Dass sich aus dem Anteil an türkischstämmiger Bevölkerung allein kein Zusammenhang zum Abstimmungsverhalten ablesen lässt, zeigen nicht nur Berlin und Stuttgart, sondern EU-weit auch Belgien und Österreich. In beiden Ländern gibt es mehr als 70-Prozent Evet-Sager. In Belgien haben rund zwei Prozent der Menschen türkische Wurzeln, in Österreich aber mehr als fünf Prozent. Im deutschen Zustimmungsranking deutlich hinter Stuttgart rangieren unter anderem Karlsruhe mit 61 Prozent, Hamburg mit 57 und Nürnberg mit 55 Prozent. Nach den Zahlen von Anadolu hat die Hälfte der Deutschtürken ihr Wahlrecht auch tatsächlich ausgeübt.


Kakteen wollen neue IHK-Findungskommission

Die IHK-Kritiker von Kaktus fordern, die Wahl des neuen Hauptgeschäftsführers zu verschieben. "Es kann doch nicht sein, dass eine Findungskommission nach monatelanger Suche einen einzigen Kandidaten präsentiert", so Jürgen Klaffke von der Kaktus-Initiative. Ende vergangener Woche war bekannt geworden, dass der frühere Stuttgarter Regierungspräsident Johannes Schmalzl der Vollversammlung am 20. April als einziger Kandidat präsentiert werden soll. Die IHK-Rebellen wollen nicht nur abnicken, sondern eine wirkliche Wahl zwischen mindestens drei Kandidaten. Sie fordern daher eine gewählte Findungskommission aus aktuellen Vertretern der Vollversammlung und ein faires, transparentes Auswahlverfahren. Da der Vertrag mit dem aktuellen Hauptgeschäftsführer Andreas Richter erst Anfang des nächsten Jahres ausläuft, sei genügend Zeit, das Verfahren für eine Kandidatensuche nochmals aufzurollen. (11.4.2017)


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Ausgabe 167
Medien

Mit dem Zweiten wirbt man besser

Von Jürgen Lessat
Datum: 11.06.2014
Was taugen Modelabels, Baumärkte oder Discounter? Antworten darauf bekommt die TV-Nation immer häufiger direkt nach der "Tagesschau". Bei den Öffentlich-Rechtlichen boomen Marken- und Warentests zur besten Sendezeit. Einen Quotenerfolg fuhr jüngst das ZDF mit einem Schnellrestaurant-Test ein: Über drei Millionen Zuschauer verfolgten das "große Duell" zwischen den umsatzstärksten Hamburgerketten. Der Buletten-Wettstreit hinterließ einen faden Beigeschmack: Neben Verbraucherinfos gab es unverhohlen Werbung – und einen anderen Sieger als bei einem vergleichbaren Test des Senders kurz zuvor.

Da muss einem das Wasser im Munde zusammenlaufen. Wenn selbst Sternekoch Nelson Müller im ZDF treuherzig versichert, dass er hin und wieder einen Hamburger vom Schnellrestaurant nebenan verzehrt. Die Filmdramaturgie tat das ihrige, um die industriellen Hackfleischbrötchen ins beste Licht zu rücken: Die Kamera wechselte zwischen saftigen Fleischfladen und hübschen Testerinnen, schnelle Schnitte führten von blitzenden Grillküchen auf grüne Kuhweiden, alles untermalt mit flotter Chart-Mucke, die nur abebbte, wenn Experte Müller oder eine verführerische Stimme aus dem Off die Ergebnisse in den sieben Testdisziplinen verkündete.

Und damit auch der dümmste Zuschauer kapierte, um wessen Buletten es sich zur besten Sendezeit im Zweiten drehte, wurden die größten in Deutschland tätigen Fast-Food-Ketten der Fernsehnation heiß serviert. Während des 45-minütigen Burger-Duells tauchten die beiden Firmenlogos der Grillkonzerne Dutzende Male auf. Etwa auf braunen Einkaufstüten, die Test-Präsenter Müller demonstrativ in die Kamera hielt, bei Innen- und Außenansichten der Fast-Food-Filialen natürlich und darüber hinaus auch auf den Ergebnisgrafiken der Sendung. Fast genauso oft fielen die Namen der beiden Burger-Platzhirsche, oft garniert mit deren Verkaufsschlager. "Wenn ich zu McDonald's gehe, dann bestelle ich nur Royal TS oder Big Mac", flötete gleich zu Beginn der Sendung eine der weiblichen Testpersonen in Müllers studiogerechter Wohnküche. "Das war schon die erste Fürsprache für McDonald's", kommentierte der Sternekoch das Bekenntnis der brünetten Schönheit.

Nicht zu übersehen: Starkoch Nelson Müller beim Fast-Food-Shopping. Sreenshot: www.zdf.de
Nicht zu übersehen: Starkoch Nelson Müller beim Fast-Food-Shopping. Sreenshot: www.zdf.de

Neben dramaturgischer "Atmo" präsentierte das große Burger-Duell auch ernst zu nehmende Tests. Die Redaktion verglich bundesweit die Burger-Preise, schickte Rohware zur Laboranalyse, erklärte Ernährungswerte und recherchierte Arbeitsbedingungen in den Schnellrestaurants. Zwischendurch gab es auch zweifelhafte Experimente. Mehr zufällig dürfte das Ergebnis beim Service-Test zustande gekommen sein. Die Redaktion ließ eine komplette Football-Mannschaft unangekündigt ein Restaurant der Fast-Food-Konkurrenten stürmen. Anschließend bewerteten die Spieler, wie freundlich das Personal den Überfall parierte, wobei ergebnisverzerrende Einflüsse wie etwa Krankenstand oder sonstiger Kundenandrang unberücksichtigt blieben. Obwohl alle hungrigen Sportler nahezu gleich schnell (Fast Food!) mit Speis und Trank versorgt wurden, kürte die Redaktion McDonald's in dieser Disziplin zum Sieger.

Wann beginnt die Schleichwerbung?

Am Duell-Ende waren die Zuschauer abgefüllt mit Hamburger, Pommes und Cola. Sei's drum. Aber mussten auch Firmenlogos und Restaurantnamen bis zum Erbrechen in der Ratgebersendung wiedergekäut werden? Kritischen Zuschauern jedenfalls dürfte eine derart aufdringliche Marken- und Produktpräsentation sauer aufgestoßen haben. Die Frage stellt sich: Handelt es sich bei einem derartigen Vergleichsduell noch um Verbraucherinformation? Oder schon um eine gut getarnte Dauerwerbesendung, die durch massenweise Produkt- und Markenplatzierung verkaufsfördernd sein will?

"Werbung und Verbraucherberatung versucht man mit derartigen Formaten zusammenzubringen", sagt Joan Kristin Bleicher. Für die Professorin am Institut für Medien und Kommunikation an der Universität Hamburg schlägt das Pendel in die eine oder andere Richtung aus, je nachdem, wie sich ein Beitrag mit den Testprotagonisten und deren Produkten auseinandersetzt. "Solche Testduelle können durchaus kritische Funktion haben. Anderseits ist Verbrauchermanipulation das Standardmotiv von Werbung und Produktplatzierung", betont Bleicher. Die Erfahrung zeigt, dass gerade Ratgeber- und Testformate anfällig dafür sind. So deckte der "Spiegel" zur Jahrtausendwende auf, dass das ZDF bei seiner Ratgebersendung "Gesundheit" eng mit Pharmaherstellern kooperierte und auch wissenschaftlich umstrittene Heilmethoden und Produkte empfahl. Firmen, die etwa Asthmamittel herstellen, wurden als "Kooperationspartner" zu dem Thema eingeplant. Hersteller von Hormonpräparaten unterstützten eine Sendung zu den Wechseljahren finanziell.

Starkoch als Trickfigur – werbewirksam umrahmt von den Firmenlogos der Fast-Food-Ketten. Screenshots: www.zdf.de
Starkoch als Trickfigur – werbewirksam umrahmt von den Firmenlogos der Fast-Food-Ketten. Screenshots: www.zdf.de

Christian Deick vom ZDF beteuert auf Kontext-Nachfrage, dass alle Testduelle – neben den Schnellrestaurants traten auch schon führende Modelabels, Discounter und Automarken bei den Mainzern an – einwandfrei abliefen. "Wir gehen sehr sensibel und mit einer grundkritischen Haltung an die Markenduelle heran", so der Redaktionsleiter von ZDF-Zeit. Es komme immer darauf an, was die Testsendungen abbildeten. "Wir zeigen auch kritische Bereiche wie die Arbeitsbedingungen in den Unternehmen", argumentiert Deick. Auch weist er die Kritik zurück, dass sich ausschließlich Branchenriesen vor Millionenpublikum duellieren dürfen, während kleineren Mitbewerbern publicityträchtige Auftritte verwehrt werden. "Ich halte es für legitim, die umsatzstärksten Unternehmen der jeweiligen Branche zu präsentieren." Eine solche Darstellungsform sei im internationalen Dokumentargenre völlig üblich. Kein Problem hat Deick auch damit, wenn Firmennamen und Unternehmenslogos während eines Beitrags dutzendfach genannt und gezeigt werden. "Wenn wir über ein Unternehmen berichten, dann muss ich auch dessen Namen nennen. Wie sollen wir das anders machen?"

Schwarz-Gelb legalisierte Produktplatzierungen

Anders als früher tun die Sender nichts Verbotenes, wenn sie Produkte oder Marken in Fernsehfilmen, Dokumentationen oder Shows in den Vordergrund rücken. Seit 2010 eröffnet eine EU-Richtlinie die Möglichkeit zur Produktplatzierung. "Deutschland hat diese Richtlinie in nationales Recht umgesetzt, ohne es tatsächlich zu müssen", erläutert Thorsten Giebel, Koordinator Programm und Werbung bei den Landesmedienanstalten. Offenbar wollte die damalige schwarz-gelbe Bundesregierung den Privatsendern eine neue Einnahmequelle verschaffen. Denn diese dürfen jedes Mal kassieren, wenn etwa Getränkeflaschen in Daily Soaps rumstehen oder Reiseveranstalter Traumurlaube in Spielshows ausloben. Den öffentlich-rechtlichen Sender sind dagegen laut Rundfunkstaatsvertrag nur unentgeltliche Produktplatzierungen gestattet, etwa durch Überlassung von Fahrzeugen bei "Tatort"-Produktionen. Diese Vorgabe gilt jedoch nur für Eigen- und nicht für Fremdproduktionen. Konkret erlauben die ZDF-eigenen Werberichtlinien die Erwähnung oder Darstellung von Produkten nur, "wenn und soweit sie aus journalistischen oder künstlerischen Gründen, insbesondere der realen Umwelt, zwingend erforderlich ist". Bei der Art der Darstellung sei "nach Möglichkeit die Förderung werblicher Interessen zu vermeiden", etwa indem Marktübersichten statt Einzeldarstellungen bevorzugt werden oder auch auf werbewirksame Kameraführung verzichtet werde.

ZDF-Pressebilder zu den Duellen: Massive Markenwerbung inklusive. Fotos: ZDF
ZDF-Pressebilder zu den Duellen: Massive Markenwerbung inklusive. Fotos: ZDF

Nichtsdestotrotz gehört es bei den Öffentlich-Rechtlichen zum Alltag, dass Geld und Sachleistungen von Unternehmen auch außerhalb der festen Werbezeiten fließen. So kommen Sportereignisse, Daily Soaps und Quizshows heute nicht mehr ohne Sponsoren aus, die für Werbespots und Logo-Platzierung bezahlen oder Gewinnspiel-Preise stellen. Ob bei Verbrauchermagazinen auch die Testkandidaten in die Kasse greifen, bleibt eine Gretchenfrage. "Ich habe den Eindruck, dass Sendeplätze gekauft werden", sagt Medienwissenschaftlerin Bleicher. Denkbar sei auch, dass Testauftritte mit Werbespotschaltungen kombiniert würden. ZDF-Redaktionsleiter Deick widerspricht auch hier vehement: "Es floss kein Geld von den Unternehmen."

Auftritte in Vergleichstests sind unbezahlbar

Tatsächlich gehören nahezu alle Testkandidaten zu den treuesten Werbekunden der Sender. Und die teuren TV-Spots sind für die Anstalten eine lukrative Einnahmequelle. Für eine Unterbrecher-Splitscreen um 19.49 Uhr, ausgestrahlt am Übergang vom Serienfilm zur anschließenden Werbeunterbrechung, verlangte das ZDF im Mai 1224 Euro – pro Sekunde. Noch kostspieliger ist die "Best Minute" der ARD, die derzeit vom ehemaligen Testkandidaten "Bauhaus" belegt wird: Für einen Spot direkt vor der "Tagesschau" sind bis zu 2663 Euro pro Sekunde fällig. Wollte ein Unternehmen eine 45-minütige Testsendung zur Primetime buchen, müsste es den Mainzelmännchen rein theoretisch rund 3,3 Millionen Euro hinblättern. Im Ersten würde der lukrative Sendeplatz bis zu 7,2 Millionen Euro kosten. Tatsächlich verursacht ein Auftritt in Ratgeberformaten dem getesteten Unternehmen kaum Kosten: in der Regel fallen sie nur für eigenes Personal an, das die Drehs in Filialen oder Betrieben koordiniert. Somit bringt die Verknüpfung von Werbung und Verbraucherinformation für alle Beteiligten eine Win-win-Situation.

Dabei sind Produkt- oder Warentests im Fernsehen nichts Neues, auch nicht bei den Öffentlich-Rechtlichen, erwähnt Medienexpertin Bleicher. Doch während Kaffeesorten oder Blumendünger früher fast ausschließlich in Magazinen und Ratgeberserien in zuschauerschwachen Zeiten unter Tage ausgestrahlt wurden, präsentieren die Sender Marken- und Produkttests zuletzt immer häufiger auch zur Primetime. "Es ist erkennbar, mit derartigen Ratgebersendungen Quote machen zu wollen", so die Medienwissenschaftlerin Bleicher. Die Chancen dafür sind nicht schlecht. "Die Themen treffen schließlich Verbraucherinteressen", sagt die Expertin. So hat neben dem Zweiten auch die ARD Anfang 2012 ein derartiges Format auf dem besten Sendeplatz etabliert. Anders als die Mainzelmännchen untersucht das Erste in seiner Reihe "Marken-Check" meist nur ein Unternehmen und dessen Produkte. Mitunter nahmen beide öffentlich-rechtlichen Sender schon die gleichen Discounter, Modelabels und Baumärkte unter die Lupe.

Vermarktungsprofis entzückt dies grundsätzlich. "Die Werbewirtschaft braucht die Massenmedien und Meinungsbildner", sagt Professor Franco Rota, der an der Stuttgarter Hochschule der Medien (HdM) Werbung und Marktkommunikation sowie Public Relations lehrt. Denn je häufiger Name und Logo eines Unternehmens in den Medien präsent sind, desto besser ist es aus Marketingsicht. "Jede Produktplatzierung im redaktionellen Teil einer TV-Sendung oder Zeitung ist ein Erfolg für Werber und PR-Leute", und Rota betont damit, wie wertvoll die Verbreitung auf diesem Weg ist. Erst recht feiern Agenturen, wenn Produkt oder Marke in Ratgebermagazinen positiv abschneiden oder aus Vergleichstests als Sieger hervorgehen. "So etwas verbessert natürlich gewaltig das Image", verdeutlicht Rota. Dabei ist der ideele Wert meist sehr hoch. "Ein redaktioneller Test besitzt eine höhere Glaubwürdigkeit als Zeitungsanzeigen oder TV-Spots", verdeutlicht Rota.

Erstaunliche Testergebnisse: bei ZDFzeit siegte McDonald´s, knapp einen Monat zuvor hatte noch Burger King bei ZDF-Wiso die Nase deutlich vorne. Screenshots: www.zdf.de
Erstaunliche Testergebnisse: bei ZDFzeit siegte McDonald´s, knapp einen Monat zuvor hatte noch Burger King bei ZDF-Wiso die Nase deutlich vorne. Screenshots: www.zdf.de

Doch Produkt- oder Markentests sind auch riskant. Ein negatives Testurteil kann dem betroffenen Unternehmen ernsthafte Imageprobleme bescheren. Der gescheiterte Elchtest der ersten Mercedes A-Klasse gilt als klassisches Beispiel dafür. Zuletzt deckte Günter Wallraff Ende April bei RTL gravierende Hygienemängel in einem Franchise-Betrieb von Burger King auf, was den Umsatz in den Schnellrestaurants des Unternehmens einbrechen ließ. Nur rund eine Woche nach Aufdeckung des Skandals sendete das ZDF sein großes Burger-Duell.

Binnen Monatsfrist wechselte der Bulettensieger

Das Timing hätte nicht besser sein können. Vor allem junge Zuschauer interessierten sich für das Duell und bescherten dem Zweiten einen starken Marktanteil in der Zielgruppe, berichtet das Branchenportal "horizont.net". "Nelson Müllers Burger-Duell verdoppelte die ZDF-Einschaltquote", lobte die Produktionsfirma sich selbst. Insgesamt 3,19 Millionen Zuschauer wollten wissen, welche Hamburgerkette am Ende die Nase vorne hatte. Es war wundersamerweise McDonald's – während im ZDF-Wirtschaftsmagazin "WISO plus" beim Duell "Burger King vs. McDonald's" knapp einen Monat zuvor noch Burger King als klarer Sieger den Ring verließ. Vermutlich hatte der Hygieneskandal die Mainzelmännchen zur radikalen Ergebniskosmetik gezwungen.

"Die Zuschauer sollten sich immer kritisch mit den Inhalten solcher Testsendungen auseinandersetzen", rät die Medienexpertin Joan Kristin Bleicher. Und sich an den Sender zu wenden, wenn Werbebotschaften den Informationswert überlagern. Zuschauerkritik gibt es an den Markentests bereits. So entfachte das Vergleichsduell "BMW gegen Mercedes", ausgestrahlt in der ZDF-Zeit-Reihe im vergangenen Oktober, einen Shit-Storm im Internet. Die "ZDF-Propagandazeit" betreibe "zwangsfinanzierte Autowerbung", so ein Vorwurf. Und auch die Redaktion des ARD-Markenchecks sah sich schon mit kritischen Fragen konfrontiert, etwa nachdem  der größte deutsche Discounter in kurzem Abstand wiederholt getestet wurde. "In zwei Jahren kann schließlich viel passieren", so die wenig überzeugende Begründung der Redaktion.


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