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Nach dem Sturm

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 Fotos: Joachim E. Röttgers 

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Kulturschaffende aus dem ganzen Südwesten gingen vergangenen Sommer auf die Barrikaden, nachdem das Wissenschaftsministerium seine Pläne für eine "Weiterentwicklung der Musikhochschulen" präsentiert hatte. Die Ministerin zog das Konzept zurück. Aber der Spardruck bleibt.

Friedrich Stockmeier sieht so aus, wie man sich einen Künstler vorstellt: halblange, gewellte blonde Haare, gestutzter Vollbart, schwarzer Schal zum schwarzen Hemd und der schwarzen Hose. Er steht auf dem Mannheimer Paradeplatz und hofft auf eine Erkenntnis im Stuttgarter Wissenschaftsministerium – ganz im Sinne der Musikhochschulen. "Ich hoffe natürlich, dass man von den Sparmaßnahmen absehen kann."

Die geplante Umstrukturierung der Musikhochschulen in Baden-Württemberg sorgte im Sommer 2013 für einen Aufschrei in der Künstlerszene, aber auch für Zwist unter den Hochschulrektoren. Ein Jahr später herrscht angespannte Ruhe. Das alte Konzept ist vom Tisch, doch ein neues steht noch aus.

Aus einem weißen Container auf dem Paradeplatz erklingen die Mannheimer Violinsonaten von Wolfgang Amadeus Mozart. Zwei Studenten spielen und sammeln Unterschriften für den Erhalt der Musikhochschulen im Land. Stockmeier studiert Komposition an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim. Er ist 25 Jahre alt und hat als Vorsitzender der Studierendenvertretung im vergangenen Jahr den Protest gegen die drohende Schließung des Klassik-Bereichs mitorganisiert.

An der Mannheimer Musikhochschule sollten nach einem Konzept des Wissenschaftsministeriums die Angebote im Land für Jazz, Pop und Tanz konzentriert werden. Die Mannheimer Popakademie sollte in die Hochschule integriert werden. Der klassische Bereich mit Orchesterausbildung und Schulmusik sollte dafür wegfallen. Und das in der Stadt, in der sich der legendäre klassische Komponistenkreis "Mannheimer Schule" gegründet hatte? Unvorstellbar – zumindest für Rudolf Meister, Präsident der Musikhochschule. Eine Hochschule ohne "diese Kernbereiche" hält er "für undenkbar", wie er heute noch sagt.

Vor einem Jahr präsentierte Theresia Bauer, grüne Wissenschaftsministerin von Baden-Württemberg, das Konzept "Weiterentwicklung der Musikhochschulen in Baden-Württemberg". Hintergrund war neben finanziellen Schwierigkeiten der Hochschulen eine beratende Äußerung des Landesrechnungshofs, der massive Einschnitte verlangte: den Abbau von 500 der 2500 Studienplätze und eine Einsparung von fünf Millionen Euro. Grün-Rot steht zudem unter massivem Einspardruck, da ab 2020 nach dem Grundgesetz keine neuen Schulden gemacht werden dürfen.

Das Konzept von Bauer sah vor, dass nur Freiburg, Karlsruhe und Stuttgart als Vollhochschulen erhalten blieben. Stuttgart würde sein Institut für Jazz und Pop mit knapp 50 Studierenden an Mannheim verlieren. Mannheim würde ebenso wie Trossingen zu einer Spartenhochschule werden. Trossingen sollte sich auf elementare Musikpädagogik und Alte Musik konzentrieren.

"Es geht ganz klar darum, uns zu schließen", sagte damals Elisabeth Gutjahr, Rektorin der Hochschule für Musik Trossingen. Innerhalb von fünf Jahren wäre die Hochschule am Ende. Das mobilisierte die Landtagsabgeordneten der Region ebenso wie die Gewerbetreibenden in der 15 000-Einwohner-Stadt im Landkreis Tuttlingen. In Stuttgart ging die ganze Jazzszene auf die Barrikaden. Unter dem Motto "Stuttgart braucht Jazz" sammelten Musiker letztlich mehr als 10 000 Unterschriften. In Mannheim kampierten Studenten im Innenhof der Hochschule. Im Bundestagswahlkampf bezog der Koalitionspartner SPD sofort Gegenposition zur Ministerin. Aber auch die Abgeordneten aus den eigenen Reihen blockierten. Bauer versenkte daraufhin das Konzept in einer ihrer Schubladen.

Ein Jahr später schwanken Studenten und Rektoren zwischen Hoffnung und Misstrauen. "Wir sind in einer Habachtstellung", sagt Rektorin Gutjahr. Zwar führte der Protest, der sogar bundesweit Widerhall fand, dazu, dass die Ministerin einen Austausch in Form von fünf Symposien startete. Doch von dem Einsparziel von vier bis fünf Millionen Euro sind die Regierungsfraktionen von Grünen und SPD bisher nicht abgerückt. Die Ministerin spricht zudem bis heute davon, dass "Veränderungen auch durch Verlagerung, Konzentration, Profilierung und bessere Kooperation" bewältigt werden müssten.

Für Regula Rapp, Rektorin der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart, ist die Debatte um das Institut Jazz und Pop trotzdem beendet. "Die Jazzabteilung in unserem Haus ist nicht nur gesichert, wir werden auch eng mit Mannheim zusammenarbeiten", sagt sie. Schließlich habe die Ministerin in einem Brief den Erhalt des Instituts zugesagt. Bis Ende des Jahres erhofft sich die Professorin eine Lösung für die fünf Musikhochschulen. Das wichtigste sei dabei ein langfristiges Konzept. "Wir dürfen nicht gleich wieder an dem Punkt landen, wo über grundsätzliche Strukturen diskutiert wird. Das hatten wir die zehn Jahre, die hinter uns liegen."

Auch in der Jazzszene selbst ist Ruhe eingekehrt. Unter den Musikern lautet der Tenor: Das Thema ist durch. Die Gruppe "Stuttgart braucht Jazz" hat Ende Juni die verbliebenen Einnahmen eines Benefizkonzerts der Jazzabteilung gespendet. Die Ernennung des Pianisten und Komponisten Rainer Tempel zum Leiter des Instituts für Jazz und Pop Anfang des Jahres war für die Musiker das Zeichen, der Protest hat sich gelohnt.

Die Trossinger Rektorin Gutjahr sagt, sollte ihr Standort erneut zur Debatte stehen, "dann steht die Region wieder Kopf". Trossingen ist mit 485 Studierenden die kleinste Musikhochschule im Land und eine der kleinsten bundesweit. Aufgrund dessen gab es in den vergangenen Jahren immer wieder die Sorge, dass der Landesrechnungshof vorschlägt, den Standort zu schließen.

Der Mannheimer Präsident Meister geht ebenfalls nicht mehr von einer Konzentration von Jazz und Pop in Mannheim aus. Dabei beruft er sich auch auf die Ministerin. Bauer hatte kürzlich in Mannheim gesagt, dass "es sich nicht lohnen würde", über eine Zusammenlegung von Musikhochschule und Popakademie nachzudenken, "wenn beide Institutionen kein Interesse hätten".

Im Ministerium schüttelt man allerdings heute noch den Kopf darüber, wie sich die Debatte im vergangenen Jahr entwickelt hat – schließlich sei es ja um den Erhalt aller Musikhochschulen gegangen. "Wir hatten überlegt, wie man die Standorte langfristig zukunftssicher machen kann", sagt ein Sprecher des Ministeriums. "Wir haben eine glänzende Zukunft für Mannheim und Trossingen gesehen." Von der Reaktion sei man "im ersten Moment überrascht" gewesen.

Doch diese Überraschung zeugt auch von einer gewissen Naivität im Ministerium gegenüber dem gerade in der Klassik weit verbreiteten Snobismus: Der Orchestermusiker steht über dem Musiklehrer, der Geiger über dem Bratschisten, der Klassiker über dem Jazzer. Letztlich hatte das Ministerium mit dem Konzept auch die Grundstruktur der traditionellen Musikhochschule in Frage gestellt: die Orchesterausbildung als zentralen Bestandteil. Nicht jeder Musiker beurteilt diese Idee negativ.

Joachim Ullrich, Prorektor der Kölner Hochschule für Musik und Tanz sowie Professor für Jazzkomposition, sagt: "Eine Musikhochschule ohne Orchesterausbildung wäre ein Riesenkulturwandel. Das muss man auch diskutieren. Aber das muss von den Hochschulen selbst kommen." Reine Spartenhochschulen lehnt Ullrich allerdings ab.Eine sachliche Debatte über das Angebot in Stuttgart sei nicht mehr möglich gewesen, sagt auch der renommierte Jazzpianist Patrick Bebelaar: "Man durfte nicht mehr darüber nachdenken." Wenn die Jazzabteilung "ohne Ersatz" gestrichen worden wäre, hätte der ehemalige Jazzklavier-Dozent der Stuttgarter Musikhochschule dies nicht begrüßt. "Aber wenn man beispielsweise etwas anbietet, was es sonst in Deutschland nicht gibt, hätte ich das schon sehr attraktiv gefunden." Bebelaar hätte hier improvisierte Musik für Grenzgänger zwischen den Epochen vorgeschlagen.

Der Streit um die Musikhochschulen im vergangenen Jahr führte auch zu Verwerfungen zwischen den Häusern. Beim Konkurrieren um Landesgeld war sich letztlich jeder selbst der Nächste. Die Trossinger Rektorin Gutjahr bezeichnet den Umgang damals als "hinterhältig", "falsch", und "feige". Manche ihrer Kollegen sagen Ähnliches über ihr Verhalten. Das Konzept des Ministeriums wurde zwar unter Beteiligung von vier Experten und den fünf Rektoren erstellt. Doch Mannheim und Trossingen fühlten sich von den anderen drei Häusern ausgebootet. Gutjahr und Meister verließen die Landesrektorenkonferenz.

Mittlerweile sitzen alle wieder an einem Tisch. Man sei "einen Riesenschritt weiter" und habe "vertrauensvoll Informationen ausgetauscht", sagt Hartmut Höll, Rektor der Hochschule für Musik in Karlsruhe und Vorsitzender der Landesrektorenkonferenz. Höll hatte im Herbst des vergangenen Jahres gesagt: "Wir müssen uns verabschieden vom Begriff der Vollhochschule, die alles anbietet, und zu einem Vollangebot für ganz Baden-Württemberg kommen." Nach dieser Vorgabe versuchen die Rektoren nun unter anderem festzulegen, was alle Hochschulen im Südwesten anbieten sollen und was an einzelnen Standorten konzentriert werden kann.

Dabei könnte es um die Fragen gehen, wo man das Angebot Orgel künftig zusammenführt oder ob Trossingen ohne Jazzabteilung ein Verbreiterungsfach Jazz für Schulmusiker anbieten muss. Dies nutzen derzeit zehn Studenten, ähnlich wenige wie in Stuttgart. Schulmusiker studieren auf gymnasiales Lehramt und müssen regulär ein zweites wissenschaftliches Fach wie Mathematik belegen – oder sie wählen ein Verbreiterungsfach wie Jazz oder Kirchenmusik.

Parallel zu den Besprechungen der Rektoren finden die Symposien mit Experten, Vertretern der Hochschulen und der Öffentlichkeit statt. Dabei werden Themen wie die Berufsaussichten von Musikern diskutiert. Der Rechnungshof hatte den Sparkurs an den Hochschulen auch angemahnt, da in den vergangenen Jahren die Zahl der Studierenden immer weiter gestiegen war, während es immer weniger Stellen als Orchestermusiker gibt. Im Jahr 2014 zahlt das Land knapp 43 Millionen Euro für die Hochschulen. Nur die Schulmusiker mit rund 500 Studienplätzen sind von der Spardebatte ausgenommen.

Friedrich Stockmeier, der Künstler auf dem Paradeplatz in Mannheim, ist genervt von der Debatte um Berufsaussichten für Musiker: "Es ist doch okay, wenn jemand Geige studieren will. Den muss man vor nichts bewahren. Das muss die Politik verstehen." Sein Präsident Meister verweist auch darauf, dass es nur drei Prozent arbeitslose Musiker gibt.

Am Montag, 21. Juli, soll die letzte der fünf Konferenzen in Karlsruhe stattfinden, mit dem Titel "Qualität und Vollangebot". Im November will das Ministerium sein neues Konzept in Stuttgart vorstellen – eineinhalb Jahre nach der Präsentation des alten Entwurfs.

Der Ministerin kann es allerdings nur recht sein, wenn sich eine Entscheidung noch hinzieht. So laufen aktuell Verhandlungen mit den Hochschulen und dem Finanzministerium über den Solidarpakt, die weitere Finanzierung der Häuser ab 2015. Die Eckpunkte sollen noch vor den Sommerferien feststehen. Darüber hinaus sei die Finanzierung der Hochschulen durch den Bund ebenfalls ab kommendem Jahr "weitgehend unsicher", wie ein Sprecher des Wissenschaftsministeriums sagt. Dabei geht es beispielsweise um Verwaltungszuschüsse in Höhe von derzeit 46 Millionen Euro – mehr als der Gesamtetat der Musikhochschulen.

Die Stuttgarter Rektorin Regula Rapp sagt über die Diskussion: "Es geht darum, dass wir am Ende alle als Gewinner daraus hervorgehen: das Ministerium und die Hochschulen." Aktuell sind alle Beteiligten um Freundlichkeit bemüht, bei den Symposien wird nur über Inhalte und nicht über das leidige Thema Sparen gesprochen. Andreas Brandt ist als Studierendenvertreter aus Trossingen bei den Konferenzen mit dabei. Der 26-Jährige lässt sich zum Musikdesigner ausbilden und will später Hörspiele produzieren. Er sagt: "Die Essenz jeder Konferenz ist bisher gewesen: Wir brauchen davon mehr, wir brauchen davon mehr." Sparen geht irgendwie anders.


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6 Kommentare verfügbar

  • Jörg Krauß
    am 17.07.2014
    Antworten
    Was mich so auf die "Zimmerpalme" bringt ist u.a. das mehr an Finanzen bei den Anstalten durch "geheimdienstähnliche Aktivitäten" wie Abfragen der Einwohnermeldeämter, wobei die ja schon mal äusserst innovativ "vorne weg" gehen mit Zusammenschlüssen von Orchestern. Indirekte Steuern erheben und als…
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