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Cem-Session: Wer rettet den Jazz?

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Der Jazz spaltet die Grünen. Die Wissenschaftsministerin Theresia Bauer will den Studiengang nach Mannheim verlegen. Der Stuttgarter OB behielte ihn gerne in der Landeshauptstadt. Nun soll es der Bundesvorsitzende Cem Özdemir richten.

Theresia Bauer hat Winfried Hermann den Rang abgelaufen: Sie ist die derzeit umstrittenste Ministerin der grün-roten Koalition. Schuld ist das Debakel um die Neuordnung der Musikhochschulen des Landes und die Verlegung des Jazz-Studiengangs von Stuttgart nach Mannheim. Der Stuttgarter Prorektor Matthias Hermann, vor wenigen Wochen noch einer, der den Jazz klaglos abgeben wollte – die Rektorin der Stuttgarter Musikhochschule ist seit Beginn der Auseinandersetzungen krank – rudert seit Montag (2. September) mit einem öffentlichen Brief zurück. Und auch die Ministerin, die über diesen Sinneswandel nicht informiert war, will nicht mehr die Buhfrau geben. Nach Kontext-Informationen gab es am Montagabend eine grüne Krisensitzung.

Das Problem: Auf dem Chefsessel der Landeshauptstadt sitzt Parteifreund Fritz Kuhn, der immer drängender gefragt wird, wie er's denn mit der Stuttgarter Musikhochschule halte. Seine Kulturbürgermeisterin hat schon klar Position bezogen – der Jazz soll in der Landeshauptstadt bleiben. Und das tat Susanne Eisenmann (CDU) wohl kaum ohne Rücksprache mit ihrem Chef.

Mit der angepeilten Neuordnung der Musikhochschulen will das Wissenschaftsministerium vier Millionen Euro im Jahr einsparen. Die Standorte Trossingen und Mannheim sollen 200 beziehungsweise 300 Studienplätze abbauen. Und der Jazzstudiengang soll von Stuttgart nach Mannheim verlegt werden. Auslöser waren ein Bericht des Landesrechnungshofs und notwendige Einsparungen im Haushalt, die alle Ministerien betreffen. Ministerin Theresia Bauer hat reagiert – und mit ihrem Mannheim-Vorschlag einen Sturm der Entrüstung ausgelöst.

Dass der zuständige Staatssekretär Jürgen Walter fröhlich in den Urlaub gefahren ist, machte die grünen Krisenverwalter in Stuttgarter nicht glücklicher, als sie sich am Montagabend trafen. Wie umgehen mit der verfahrenen Situation und dem lauten Protest der Betroffenen und der Kulturszene – und den spitzen Pfeilen des Koalitionspartners? Da habe man mit den Sozialdemokraten, so der Sprecher des Wissenschaftsministeriums, auf den Fluren des Landtags immer wieder debattiert über mögliche Einsparungen bei den Musikhochschulen, hatte drei von fünf Musikhochschulen auf seiner Seite, und plötzlich ist alles anders. Die SPD in Person ihres Wadenbeißers Claus Schmiedel sprach von einem Alleingang des Ministeriums und verteilte Ohrfeigen ("Festlegungen ins Blaue hinein"). Und auch die Stuttgarter Musikhochschule rudert zurück, nachdem die Jazzer Alarm geblasen haben. Sie will den Studiengang jetzt doch nicht mehr hergeben.

Krisensitzung hört der Sprecher des Wissenschaftsministeriums, Jochen Schönfeld, nicht so gern. Das Treffen habe stattgefunden, Fritz Kuhn, Theresia Bauer und verschiedene Landtagsabgeordnete waren da. Doch im Übrigen, so Schönfeld, habe die Stuttgarter Landtagsabgeordnete Muhterem Aras eingeladen, die auch finanzpolitische Sprecherin der Grünen ist. Die Ministerin wolle dazu nichts sagen.

Räuberschach nennt der Berliner Rektor der Universität der Künste, Martin Rennert, was derzeit in Baden-Württemberg passiert. In seinem Exklusiv-Beitrag für Kontext kritisiert der Präsident der von ihm 1990 mitbegründeten European League of Institutes of the Arts (ELIA), dem Zusammenschluss der europäischen Kunst- und Musikhochschulen, dass  das Wissenschaftsministerium vor dem Rechnungshof kapituliert.

Nun denken die Grünen über einen geschickteren Schachzug nach. Schließlich gibt es einen grünen Bundesvorsitzenden, der derzeit im Stuttgarter Wahlkreis I um das Direktmandat kämpft und schon klar gesagt hat: "Jazz und Klassik gehören gerade am Musikstandort Stuttgart zusammen." Einen Tag nach der Krisensitzung hat er am gestrigen Dienstag gemeinsam mit Muhterem Aras verkündet, dass der  "Jazz in Stuttgart bleibt". Cem Özdemir, so die grüne Hoffnung, soll zum Retter des Stuttgarter Jazz werden. Schaden kann das einem Bundestagskandidaten nie.


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1 Kommentar verfügbar

  • Roland Weber
    am 04.09.2013
    Antworten
    Herr, schmeiss Hirn ra

    es ist schon erfreulich, daß der Amoklauf der Ministerin Bauer und ihres Staatssekretärs Walter so schnell beendet werden konnte. Dies ist sicher auch der Tatsache geschuldet, dass Wahlen anstehen. Trozdem, die Neustrukturierung war keine Reaktion auf den Rechnungshof…
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