Die frühere Lateinschule ist heute Sitz der Musikschule in Korntal. Foto: Benny Ulmer

Die frühere Lateinschule ist heute Sitz der Musikschule in Korntal. Foto: Benny Ulmer

Ausgabe 172
Gesellschaft

Licht ins Korntal-Dunkel

Von Susanne Stiefel
Datum: 16.07.2014
Das jahrelange Martyrium des ehemaligen Heimkindes Detlev Zander hat engagierte Bürger in Korntal aufgeschreckt. Nun haben sie die Opferhilfe Korntal gegründet, weil die dortige Evangelische Brüdergemeinde bisher wenig zur Aufarbeitung ihrer Heimvergangenheit beiträgt.

Peter Meincke ist ein Mann mit musikalischem Gespür und hintergründigem Humor. Beides ist hilfreich, wenn man seit Jahrzehnten die Korntaler Musikschule leitet und dabei seine ganz eigenen Erfahrungen mit der Evangelischen Brüdergemeinde vor Ort gemacht hat. Vor einem Jahr hat der 61-Jährige die Staufermedaille des Landes Baden-Württemberg erhalten. Stolz ist er auf diese Ehrung seiner musikalischen Arbeit. Ministerpräsident Winfried Kretschmann persönlich hat ihm die Medaille überreicht.

Das Schicksal des Heimkindes Detlev Zander hat dem Musikschulchef nun eine Art Déjà-vu beschert. Er las von den Demütigungen, von den Schlägen und der Respektlosigkeit, unter denen der kleine Detlev im benachbarten Korntaler Hoffmannhaus zu leiden hatte (siehe Kinderhölle Korntal). Er las davon, dass auch andere Heimkinder von ähnlichen Erfahrungen berichten. Er stellte fest, dass die Brüdergemeinde versucht, die Glaubwürdigkeit von Detlev Zander zu untergraben, und erinnerte sich: "Auch mir wurde damals Unzurechnungsfähigkeit unterstellt." Denn Peter Meincke hatte etwas getan, was man im frommen Korntal nicht tut: Er hatte sich mit seiner Frau auseinandergelebt und es gewagt, sich von ihr zu trennen.

Gefürchtet ist die Empörungswucht der frommen Brüder

Plötzlich sah sich der Mann, der bis dahin musikalisch mit den Pietisten zusammengearbeitet hatte, vor einer festen Burg christlicher Missbilligung. Er wurde geschnitten, plötzlich fehlte die Hälfte seines Chores bei der Probe, es waberten Gerüchte durch den Ort, die seine berufliche Integrität als Musikpädagoge und seine Urteilsfähigkeit in Frage stellten. Erst eine Strafanzeige gegen unbekannt wegen Verleumdung stoppte die Kampagne, die ihn persönlich zu beschädigen und beruflich zu vernichten drohte. Man mag Meinckes Geschichte in der Novelle "Der Klavierspieler. Eine ganz und gar unmusikalische Geschichte" wiedererkennen, einem kleinen Büchlein, in dem mit feiner Ironie eine zeitgenössische Hexenjagd erzählt wird, welcher der Autor Manfred Marder ein Zitat von Max Frisch vorangestellt hat: "Die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke, nackte Wahrheit. Die glaubt niemand." Peter Meincke kennt die Wucht der Empörung der frommen Brüder und Schwestern, wenn einer in ihren Augen gesündigt hat, ebenso wie die Neigung, über eigene Verfehlungen gerne den Mantel des Schweigens zu hängen.

Musikschulchef Peter Meincke fordert Aufklärung. Foto: Susanne Stiefel
Musikschulchef Peter Meincke fordert Aufklärung. Foto: Susanne Stiefel

Deshalb ist der Musikschuldirektor nun im Fall Detlev Zander aktiv geworden. "Das Image unserer Stadt leidet, wenn diese Sache nicht bald aufgeklärt wird", sagt Meincke, "wir möchten wissen, was in den 60er-Jahren hier im Kinderheim passiert ist." Meincke hat sich mit Detlev Zander getroffen, "weil jeder in einer solchen Situation auch Ansprechpartner braucht", und sich mit dessen Anwalt kurzgeschlossen. Er baut derzeit zusammen mit anderen Korntalern eine Anlaufstelle für ehemalige Korntaler Heimkinder auf, die sie unter www.Opferhilfe-Korntal.de erreichen und zur gegenseitigen Unterstützung nutzen können. "Ich verstehe mich als Moderator und Koordinator", sagt Meincke. Über dem Eingang seiner Musikschule steht noch der gottesfürchtige Spruch von 1989 ("Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang"), im kreativen Chaos seines Büros dagegen sieht es sehr weltlich aus, hinter dem Schreibtisch steht ein Klavier samt Noten zu dem Song "Can you fell the love tonight", neben dem PC sitzt verschmitzt eine kleine Hexe. Den Fasching mit seinen alten Bräuchen und seinen Hexen, sagt Meinicke, würden die Aktiven der Brüdergemeinde am liebsten aus Korntal vertreiben.

Seit der Gründung im Jahr 1819 prägt die Evangelische Brüdergemeinde die Kleinstadt nahe Stuttgart. Damals kauften die Pietisten das Rittergut Korntal und siedelten dort 68 Familien an. Heute besteht die Brüdergemeinde aus rund 1500 Mitgliedern. Die Diakonie der Brüdergemeinde betreibt die Kinderheime Hoffmann- und Flattichhaus, Kindergärten, ein Altenzentrum und die Johannes-Kullen-Schule. Mit ihren Gottesdiensten und den rund 40 Hauskreisen ist die Brüdergemeinde in Korntal sehr präsent.

Juristisch ist die Brüdergemeinde eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, also eine selbstständige christliche Gemeinde, die über einen Kooperationsvertrag mit der evangelischen Landeskirche Württemberg verbunden ist. Der besagt, dass die Korntaler Pietisten die Synode mitwählen dürfen, aber nicht an die Beschlüsse des Kirchenparlaments oder des Oberkirchenrats gebunden sind.

Organisiert sind die Korntaler Pietisten im zehnköpfigen Brüdergemeinderat, dem nur Männer angehören. Sie haben mit Pfarrer Jochen Hägele einen geistlichen und mit Klaus Andersen einen weltlichen Vorsteher und finanzieren sich hauptsächlich über Spenden. Sie gelten als extrem konservativ, wie alle evangelikalen Strömungen in der evangelischen Kirche, für die Homosexualität eine Krankheit ist und der Islam des Teufels. Dass die Welt in sechs Tagen erschaffen wurde, ist für die bibeltreuen Christen eine Wahrheit, die Evolutionstheorie falsch. Der sogenannte Kreationismus wird deshalb auch in evangelikalen Schulen gelehrt. Frauen haben in diesem Weltbild wenig zu melden.

Pietisten sind für den Kabarettisten "Taliban der Protestanten"

Gerhard M. Berroth kennt noch den Spruch aus seiner Korntaler Jugendzeit: "Mädchen, schlag die Augen nieder, an der Ecke stehen Brüder." Berroth ist 73 Jahre alt, überzeugter Christ und ein engagierter Kämpfer für eine aufgeschlossene Kirche. Sein Großvater, "ein weltoffener Mann", war Chef der Korntaler Gemeindehandlung, eines Ladens, der die Korntaler Pietisten mit allem Lebensnotwendigen versorgte. Berroth sitzt in seinem Wohnzimmer in Kirchberg an der Murr, hell leuchtet die Sonne in das Wohnzimmer, und wenn er mal angefangen hat zu erzählen, ist er kaum mehr zu stoppen. Die Evangelikalen würden Aberglauben verbreiten, in dem sie die Evolution ablehnen und den Kreationismus predigen (die Erde ist demnach ungefähr 6000 Jahre alt und wurde in sechs Tagen erschaffen), schrieb er in einem Brief an den württembergischen Landesbischof Frank Otfried July. Der evangelischen Landeskirche wirft er vor, zu nachgiebig mit den Pietisten zu sein, die sich längst zu einem "Staat im Staat" entwickelt hätten. Gerne zitiert er den Stuttgarter Kabarettisten Christoph Sonntag, der auf die Frage eines Freundes, wer die Pietisten denn seien, geantwortet hat: "Das sind die Taliban der Protestanten."

Der Musikschuldirektor Peter Meincke und seine Mitstreiter wollen jetzt dagegenhalten. "Die Brüdergemeinde muss endlich ihre Heimvergangenheit aufarbeiten", sagt Meincke. Derzeit werden Zanders Antrag auf Prozesskostenhilfe und seine Schadenersatzklage beim Landgericht Stuttgart geprüft. Vor Anfang August, so die Pressestelle, sei nicht mit einer Entscheidung zu rechnen. Bei der Opferhilfe Korntal, die erst vor einer Woche gegründet wurde, hat sich bereits ein weiteres Missbrauchsopfer gemeldet.


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