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AfD: Nichts wissen, nichts machen, nichts zahlen

Schon wieder hat AfD-Fraktionschef Jörg Meuthen ein Versprechen nicht gehalten. Aber wahrscheinlich kann er nicht mehr daran erinnern, dass er am 6. März zum ersten Mal seit dem Einzug in den Landtag zu einer regulären und nicht durch Skandale, Trennungen oder Wiedervereinigungen notwendig geworden Pressekonferenz geladen hat. Um mitzuteilen, dass seine Fraktion selbstverständlich der Ankündigung nachkommt, dem Landtag die Gelder zurückzuzahlen, die die vorübergehende Fraktionsspaltung gekostet hat. Sogar ein Datum konnten Meuthen und Fraktionsvize Rainer Podeswa nennen: den 11. März 2017, jenen Tag also an dem die Frist für die Rechnungslegung der Fraktionen ohnehin abläuft. Bis dahin sollten 257.000 Euro fließen. Insgesamt war von 425.000 Euro, einmal auch von 571.000 Euro die Rede.

Eingelöst wurde die Zusicherung nicht. Meuthen und die Seinen, die schon bei unvergleichlich geringeren Anlässen Zeter und Mordio schreien angesichts des Sittenverfalls der von ihnen sogenannten Altparteien, haben nach Auskunft der Landtagsverwaltung gar nichts zurückgezahlt. Jetzt verlangt der Fraktionsgeschäftsführer der SPD, Ex-Innenminister Reinhold Gall, von der Landtagsverwaltung, eine "härtere Gangart" einzuschlagen und rechtliche Schritte einzuleiten.

Vor allem auf Facebook, dem wichtigsten Kommunikationsmittel der AfD, hatte sich die Fraktion immer wieder dafür gerühmt, alle Gelder zu erstatten. Tatsächlich war das peinliche Finanzgebaren schon in der Plenarsitzung vom 9. Februar Gegenstand der Debatte, als FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke daran erinnert, dass "die operettenhafte Fraktionsteilung" viel Geld gekostet habe und konkret fragte: "Haben Sie zurückgezahlt?" Laut Protokoll rief der AfD-Fraktionschef: "Ja, natürlich!". Inzwischen will Meuthen die Äußerung auf die schon geflossenen Gelder bezogen wissen, ohne konkret zu sagen, um welche Summen es sich handelt. Wahrscheinlich hat er es nicht (mehr) gewusst. (21.4.2017)

Mehr zum Thema: "Sein Name ist Hase"


Kakteen lassen IHK-Vollversammlung platzen

Johannes Schmalzl, früher Zentralstellenleiter im FDP-geführten Justizministerium, dann Präsident des Landesamts für Verfassungsschutz und Stuttgarter Regierungspräsident, ist am Donnerstagabend nicht wie geplant zum Hauptgeschäftsführer der IHK Stuttgart gewählt worden. Die kammerkritische Kaktus-Initiative hat die Vollversammlung platzen lassen. Zuvor fand der vorab angekündigte Antrag der IHK-Rebellen zur Änderungen der Tagesordnung allerdings keine Mehrheit. Darin war verlangt worden, Tagesordnungspunkte, die in der vorigen Vollversammlung nicht behandelt wurden, noch vor der Wahl abzuhandeln.

Nach der Abstimmungsniederlage zog ein Großteil der Initiative aus, während einer ihrer Sprecher mit Erfolg die Feststellung der Beschlussunfähigkeit der Versammlung forderte. Damit war die Vollversammlung beendet. Jetzt soll es zu einer Sondersitzung kommen, um Schmalzl vor der nächsten turnusmäßigen Sitzung im Juli zu wählen. Am Vorgehen der Kakteen gibt es Kritik – auch in den eigenen Reihen. Mehrere Mitglieder hatten die Versammlung mit ausdrücklichem Hinweis auf die demokratische Niederlage in der Abstimmung über die Tagesordnung nicht verlassen. Jetzt sollen interne Beratungen stattfinden.

Jürgen Klaffke, einer der führenden Kakteen, hatte im Vorfeld der Vollversammlung für die Verschiebung der Wahl plädiert. Sein Argument: Es könne nicht sein, "dass eine Findungskommission nach monatelanger Suche einen einzigen Kandidaten präsentiert". Da der Vertrag mit dem amtierenden Hauptgeschäftsführer Andreas Richter erst Anfang des nächsten Jahres ausläuft, sei genügend Zeit, das Verfahren für eine Kandidatensuche nochmals aufzurollen. Die Kaktus-Initiative, die unter anderem für die Abschaffung der Zwangsmitgliedschaft eintritt, hält ein Drittel der hundert Sitze. (20.4.2017)

Mehr zum Thema: "Das ganze Klavier bespielen", "Rebellen im Weinberghäusle"


Besonders viele Evet-Sager in Stuttgart

Nur in Dortmund, Essen und Düsseldorf haben mehr Deutschtürken für Recep Tayyip Erdogans Präsidialsystem gestimmt als in Stuttgart. Mit 66,22 Prozent liegt die Landeshauptstadt nach den Zahlen der staatlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu auch über dem Deutschland-Schnitt von 63,2 Prozent. Das Ergebnis der Bundesrepublik ist international von besonderer Bedeutung, weil mit rund 1,4 Millionen Menschen nirgends mehr Auslandstürken wahlberechtigt waren. Auffallend ist das Abstimmungsverhalten in Berlin, mit 50 Prozent Nein-Sagern, in der Schweiz mit 70 Prozent und in den USA mit sogar einer 90prozentigen Ablehnung der Verfassungsreform. In den Vereinigten Staaten hat allerdings weniger als ein Prozent der Bevölkerung einen türkischen Pass.

Dass sich aus dem Anteil an türkischstämmiger Bevölkerung allein kein Zusammenhang zum Abstimmungsverhalten ablesen lässt, zeigen nicht nur Berlin und Stuttgart, sondern EU-weit auch Belgien und Österreich. In beiden Ländern gibt es mehr als 70-Prozent Evet-Sager. In Belgien haben rund zwei Prozent der Menschen türkische Wurzeln, in Österreich aber mehr als fünf Prozent. Im deutschen Zustimmungsranking deutlich hinter Stuttgart rangieren unter anderem Karlsruhe mit 61 Prozent, Hamburg mit 57 und Nürnberg mit 55 Prozent. Nach den Zahlen von Anadolu hat die Hälfte der Deutschtürken ihr Wahlrecht auch tatsächlich ausgeübt.


Kakteen wollen neue IHK-Findungskommission

Die IHK-Kritiker von Kaktus fordern, die Wahl des neuen Hauptgeschäftsführers zu verschieben. "Es kann doch nicht sein, dass eine Findungskommission nach monatelanger Suche einen einzigen Kandidaten präsentiert", so Jürgen Klaffke von der Kaktus-Initiative. Ende vergangener Woche war bekannt geworden, dass der frühere Stuttgarter Regierungspräsident Johannes Schmalzl der Vollversammlung am 20. April als einziger Kandidat präsentiert werden soll. Die IHK-Rebellen wollen nicht nur abnicken, sondern eine wirkliche Wahl zwischen mindestens drei Kandidaten. Sie fordern daher eine gewählte Findungskommission aus aktuellen Vertretern der Vollversammlung und ein faires, transparentes Auswahlverfahren. Da der Vertrag mit dem aktuellen Hauptgeschäftsführer Andreas Richter erst Anfang des nächsten Jahres ausläuft, sei genügend Zeit, das Verfahren für eine Kandidatensuche nochmals aufzurollen. (11.4.2017)


Buchvorstellung mit Kontext-Autor: in_visible limits

Grenzen sind allgegenwärtig, ob sicht- oder unsichtbare: Menschen pflegen ihre Barrieren im Kopf, sortieren die Welt in Gut und Böse. Zuletzt haben leider auch die ganz materiellen Grenzzäune durch die sogenannte "Flüchtlingskrise" wieder eine Renaissance in Europa erlebt, von Trumps Mauer ganz zu schweigen. Das Thema reflektiert momentan der Kunstverein Kontur, in seinem Projekt "in_visible limits" zeigt er Werke von vier Schweizer und vier deutschen Kunstschaffenden, aktuell im Kunst(Zeug)Haus Rapperswil. Aus dem Projekt heraus entstand eine Buchveröffentlichung, verschiedene Autoren sollten das Thema "Grenzen" aus ihrer Sicht beleuchten. Kontext-Mitarbeiter Dietrich Heißenbüttel ist einer von ihnen, er befasst sich mit der "Macht der Grenzen" aus historisch-politischer Sicht. Am Sonntag, den 9. April, wird das Buch um 17 Uhr im Theaterhaus in Stuttgart-Feuerbach vorgestellt, Heißenbüttel ist dabei. Der Eintritt ist frei. (08.04.2017)


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Ausgabe 168
Gesellschaft

Kinderhölle Korntal

Von Susanne Stiefel
Datum: 18.06.2014
Er verlor seine Familie, seinen Beruf und die Kraft, weiterzuleben. Sein Leben lang hat Detlev Zander unter den Folgen der Misshandlungen gelitten, die ihm als Heimkind der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal angetan wurden. Nun hat er den Mut, zu reden. Er will, dass die Verantwortlichen, die sich gerne fromm geben, zur Rechenschaft gezogen werden.

Dieser Mann hat sich einen Panzer angelegt, um zu überleben. Ein beherrschtes Gesicht, in dem die schwarze Brille dominiert, schmale Lippen und ruhige Hände, die über den Aufruhr und die Zerrissenheit in seinem Inneren hinwegtäuschen sollen. Jahrzehntelang hat Detlev Zander die Demütigungen und den Missbrauch aus seiner Zeit als Heimkind verkapselt in seinem Inneren wie einen giftigen Fremdkörper, hat die Schläge erfolgreich verdrängt, die Lieblosigkeit und die Respektlosigkeit, unter der er im Hoffmannhaus der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal bei Stuttgart leiden musste. Seine Überlebensstrategie funktionierte bis vor fünf Jahren, dann brach die Kapsel auf, die Erinnerungen überschwemmten ihn klirrend klar und kalt, und Detlev Zander brach zusammen. Er konnte nicht mehr schlafen, er wurde krank, er verlor seinen Job als Krankenpfleger, der Suizidversuch schlug fehl, und das traumatisierte Heimkind wusste: "Entweder offen kämpfen oder abtreten." Der 53-Jährige hat sich fürs Kämpfen entschieden und einen Anwalt genommen. Jetzt fordert er 1,3 Millionen Euro Schadenersatz für erlittenes Leid.

Ex-Zivi Uli Scheuffele vor dem Hoffmannhaus in Korntal heute. Foto: Benny Ulmer
Ex-Zivi Uli Scheuffele vor dem Hoffmannhaus in Korntal heute. Foto: Benny Ulmer

Uli Scheuffele hat sich geschworen, nie mehr einen Fuß nach Korntal zu setzen. Anfang der 70er-Jahre hat Scheuffele Korntal geradezu erwählt. Genau dort, in der Evangelischen Brüdergemeinde, wollte der junge Mann, der aus religiösen Gründen den Kriegsdienst verweigerte, seinen Zivildienst ableisten. Doch was er erlebte, hat ihn vom Glauben abfallen lassen. Er wurde vom damaligen Heimleiter Werner Bizer aufgefordert, "die Kinder doch mal ordentlich zu prügeln, die Erzieher dürften das ja nicht". Scheuffele berichtet von der lieblosen Behandlung der Kinder aus sozial schwachen Verhältnissen, von Tellern voll verschimmelter Wurst, davon, dass die Zivis als Vaterlandsverräter verachtet wurden und "Erzieher nach dem Gesangbuch und nicht nach ihrer pädagogischen Eignung ausgesucht wurden".

Der 62-Jährige ist ein beständiger Mann, seit 36 Jahren arbeitet er im Vertrieb von SWF in Bietigheim, seit 25 Jahren ist er verheiratet, und was er sich vornimmt, pflegt er einzuhalten. Dass er nun an diesem sonnigen Sonntag dennoch, zum ersten Mal nach 40 Jahren, das Hoffmannhaus in Korntal besucht, liegt an Detlev Zander. Uli Scheuffele kennt ihn aus seiner Zivildienstzeit als "schüchternen, zurückhaltenden Jungen", den er wegen seiner Brille scherzhaft "den Professor" nannte. "Es ist erschreckend, was ihm und vielen anderen Kindern damals dort angetan wurde", sagt Scheuffele und zeigt auf den Fahrradkeller. Dort soll der Hausmeister Detlev Zander jahrelang missbraucht haben. Der Ex-Zivi will das Ex-Heimkind unterstützen.

Die Zivis (Scheuffele mit Hut) bei der Arbeit in Korntal. Foto: privat
Die Zivis (Scheuffele mit Hut) bei der Arbeit in Korntal. Foto: privat

Die Diakonie der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal ist seit 30. April 2014 mit der Androhung der Schadenersatzklage konfrontiert. 14 Jahre lang hat Detlev Zander im Hoffmannhaus gelebt, er klagt an, dass er mehrfach missbraucht und körperlich und seelisch schwer misshandelt wurde. "Wir sagen nicht, dass es den Missbrauch nicht gegeben haben könnte", sagt der Sprecher der Brüdergemeinde, Manuel Liesenfeld, gegenüber Kontext. Dennoch hat die pietistische Brüdergemeinde beantragt, Zanders Antrag auf Prozesskostenhilfe zurückzuweisen, weil seine Aussagen nicht glaubwürdig seien. Kürzlich hat Liesenfeld Detlev Zander den Handschlag verweigert. "Er fordert eine hohe Summe von uns und will mir die Hand geben", sagt Liesenfeld, "was erwartet dieser Mann denn?"

Respekt und Anerkennung wurden dem Heimkind ein Leben lang verweigert

Detlev Zander erwartet nicht, dass ihm sein Leben zurückgegeben wird. Dazu ist er zu klug. Zander will Gerechtigkeit. Und er weiß, dass er die nur erreichen kann, wenn er sein Schweigen bricht. Und so sitzt er im Büro eines Ingenieurs im niederbayerischen Plattling, der dem Freund diesen Raum für das Gespräch zur Verfügung gestellt hat, weil Zander seine Wohnung als sicheren Ort des Rückzugs hütet wie ein Ei, dessen Schale leicht zerbrechen kann. Vor sich einen dicken Ordner mit Schriftverkehr, Broschüren und seinen Erinnerungen, die er seit seinem Zusammenbruch sammelt und festhält. Das Grauen hat er zwischen zwei graue Aktendeckel gepresst, in denen er immer wieder blättert, um seine Erzählungen zu untermauern. Nun, da er sich entschlossen hat zu reden, kann er nicht mehr aufhören damit. Dieser Mann erwartet nur, was ihm ein Leben lang verweigert wurde: Respekt und Anerkennung. Eine Entschuldigung der Verantwortlichen. Die unabhängige Aufarbeitung der Geschichte des Heims, damit kein Kind mehr leiden muss wie er. Und eine Entschädigung. In dieser Reihenfolge. "Es geht mir nicht um Geld", sagt der Mann, der schon im Juni 2013 das Gespräch mit den Brüdern gesucht hat.

Detlev Zander heute vor seinem Aktenordner voller schlechter Erinnerungen. Foto: Susanne Stiefel
Detlev Zander heute vor seinem Aktenordner voller schlechter Erinnerungen. Foto: Susanne Stiefel

Die zehnköpfige Kindergruppe, zu der der junge Detlev im Hoffmannheim gehörte, trug den schönen Namen Rotkehlchen. Wenn der Junge, weil er schlecht sah, stürzte, hat ihn seine Gruppenleiterin, die die Kinder Tante Gerda nannten, ausgelacht und geschlagen. Weihnachtsgeschenke gab es nur am Heiligen Abend, die Kinder durften sie auspacken und ansehen, danach wurden sie weggeschlossen. Schwester Gerda, die aus der damaligen DDR kam, hat sie, so vermutet Detlev Zander, an Freunde im Osten geschickt. Wenn er einnässte, wurde er geschlagen und am Penis  gezogen. Wenn das Essen nicht schmeckte, kam extra viel auf den Teller, und die Kinder wurden gezwungen, alles aufzuessen. Wenn Rotkehlchen Detlev erbrach, musste er das Erbrochene essen. Und zur Strafe wurde er stundenlang in einen dunklen Raum in den Wäschekorb eingesperrt.

Die Aufschriebe Detlev Zanders lesen sich wie ein grausamer Horrorroman, seine Erzählungen wie aus dem Haneke-Film "Das weiße Band". Und wenn er davon erzählt, kann auch sein undurchdringlicher Panzer nicht über die innere Verzweiflung hinwegtäuschen. Vom Hausmeister wurde er im Fahrradkeller über Jahre fast täglich sexuell missbraucht. "Keiner der Brüder und Schwestern der Evangelischen Brüdergemeinde kann sich vorstellen, was wir alle im Namen Jesus erleben mussten", sagt Zander. Seine Ausführungen hat er eidesstattlich versichert. Der damals verantwortliche Heimleiter ist tot. Der Hausmeister hat in den 80er-Jahren Selbstmord begangen. Doch Tante Gerda lebt noch. Sie ist 84 Jahre alt. 

Er rang um Normalität wie ein Ertrinkender

Detlev Zander hat verzweifelt versucht, fern von Korntal Fuß zu fassen. Er holte das Abitur nach. Er wurde Krankenpfleger, weil er dachte, "Ärzte und Schwestern tun dir nicht weh", und merkte schnell, dass er die körperliche Nähe zu den Patienten nicht ertrug, also spezialisierte sich Pfleger Zander auf den OP und den Gipsraum, und er war gut darin. Er arbeitete im Stuttgarter Robert-Bosch-Krankenhaus, in der Filderklinik. Er heiratete, weil das normal war und das ehemalige Heimkind um jedes Stück Normalität rang wie ein Ertrinkender. Er hatte es geschafft, so meinte er damals. Zur Hochzeit lud er Tante Gerda ein, sie war sein Mutterersatz, auch wenn sie grausam war, um deren Anerkennung und Respekt er Zeit seines Lebens gerungen hat wie jedes misshandelte Kind. Heute wird ihm genau dies zum Vorwurf gemacht.

Die Kindergruppe Rotkehlchen vor dem Hoffmannhaus (1968, auf dem Roller: Zander)). Foto: privat
Die Kindergruppe Rotkehlchen vor dem Hoffmannhaus (1968, auf dem Roller: Zander). Foto: privat

Doch die Ehe mit den zwei Kindern zerbrach nach acht Jahren, weil Detlev Zander die Nähe zu seiner Familie nicht aushielt und nicht darüber reden konnte, was er so weit verdrängt hatte. Weil er zerstören musste, was ihm guttat. Weil er Freundlichkeit und Normalität nicht gewohnt war. Heute wohnt er alleine hier in Plattling, einsam fühlt er sich oft, verlassen, seit August 2013 ist er arbeitsunfähig. "Wollen wir mal eine Zigarette rauchen", fragt er unvermittelt, "ich brauche eine Pause."

Draußen vor der Tür zieht er gierig an seiner Zigarette, taucht auf aus der Vergangenheit, bemerkt die Hitze, die ihm den Schweiß auf die Stirn treibt, erzählt von den schwäbischen Brezeln, die er vermisst. Und die Zigarettenkippe packt er wieder ein. "Zucht und Ordnung", sagt Detlev Zander, "das haben wir schließlich im Heim gelernt." Und lacht tatsächlich. Das Lachen, und mag der Humor noch so schwarz sein, will er sich zurückerobern. Er braucht es, um die Auseinandersetzung mit der Brüdergemeinde Korntal durchzustehen.

Zander hat sich eine größere Sensibilität der Brüdergemeinde erhofft

Dort hat sich Detlev Zander im Juni 2013 zum ersten Mal gemeldet und seine Leidensgeschichte erzählt. Zuversichtlich war er zunächst, weil ihm der derzeitige Pfarrer sichtlich geschockt zugehört hat. Vertrauensvoll war er, weil er den Geschäftsführer "als Korntaler Buben" kennt, der Veit und der Detlev duzen sich. Doch schon das erste offizielle Gespräch war ein Schock: Das Treffen fand in den ehemaligen Gruppenräumen der Rotkehlchengruppe statt. Und auch wenn diese inzwischen zu Büroräumen umgewandelt sind, traf das den traumatisierten Mann ins Mark. Seine Akten fand er auf dem Speicher des Hoffmannhauses, achtlos auf den Boden geworfen, in dem Zimmer, in dem früher der Schuhappell exerziert wurde. Die Hoffnung auf einen respektvollen und sensiblen Umgang verflog vollends, als er über den großen Verteiler einen Bettelbrief von Manuel Liesenfeld erhielt, in dem der um Spenden für ein Sofa für die Jugendhilfe warb. "Ein ruhiger Platz für die aufgeschreckte Seele" lautete die Überschrift. Es war ein weiterer Knacks für die aufgeschreckte Seele Zanders. "Ich wurde immer wieder vertröstet und hingehalten", sagt Zander. Er übergab seinen Fall an den Rechtsanwalt Christian Sailer, der schon österreichische Heimkinder vertreten hat.

Die Rotkehlchen mit ihrer Gruppenleiterin. Mit Brille: Zander und sein Bruder. Foto: privat
Die Rotkehlchen mit ihrer Gruppenleiterin. Mit Brille: Zander und sein Bruder. Foto: privat

Inzwischen haben sich die Anwälte von zwei weiteren Heimkindern gemeldet, die ebenfalls Schadenersatz fordern. Bei der Brüdergemeinde soll seit Mai 2013 eine Kommission für Aufklärung sorgen. "Warum ist dort kein ehemaliges Heimkind dabei?", fragt Zander. Seit einem Jahr drängt er auf eine unabhängige, wissenschaftliche Aufarbeitung der Heimgeschichte. Getan hat sich nichts. Pressesprecher Liesenfeld sagt heute: "Im Herbst kann ich mehr dazu sagen."

Uli Scheuffele hat mit Detlev Zander Kontakt aufgenommen. Der Ex-Zivi und das ehemalige Heimkind telefonieren fast täglich. Scheuffele ist einer der wenigen, die das Hoffmannhaus und seine Lehrer, Erzieher und Bewohner noch kennen. Er weiß, wovon Zander spricht, wenn er die Grausamkeit anklagt, mit der Tante Gerda die Kinder brach. Damals in den 70er-Jahren hat Uli Scheuffele an das Bundesamt für Zivildienst in Bonn geschrieben und sich über die Behandlung von Kindern und Zivis beschwert. Der Brief kam zurück mit der Bemerkung, dass man nur mit Unterschrift der Korntaler Heimleitung tätig werde. Kürzlich hat Scheuffele einen Brief an den evangelischen Landesbischof Frank Otfried July geschrieben, von seinen Erfahrungen als Zivi berichtet und den Bischof aufgefordert, den Korntaler Brüdern auf die Finger zu sehen. Er hat bisher keine Antwort erhalten.

"Es kann doch nicht sein, dass man den Detlev so alleine lässt", sagt Scheuffele. Und so hat er seinen Schwur gebrochen und ist nach 40 Jahren wieder nach Korntal gekommen. Es ist ruhig an diesem Sonntag, zwei Kinder radeln schweigend um den großen Spielplatz. Scheuffele zeigt den Fahrradkeller, die Gruppenräume der Rotkehlchen, hier wohnte der Hausmeister, dort war der Essensraum. Vieles hat sich verändert, vieles ist gleich geblieben. "Es ist gespenstisch hier", sagt der ruhige Mann. Er will, dass die evangelische Kirche und die einweisenden Jugendämter auch heute genau hinsehen, was in Korntal passiert. 

Detlev Zander will, dass so etwas nie mehr passiert. Keiner soll mehr gezwungen sein, sich einen Panzer anlegen zu müssen, kein Kind soll mehr mit einer solchen Hypothek ins Leben starten. Am kommenden Freitag wird sein Anwalt zum Antrag der Brüdergemeinde Stellung nehmen. Dann wird das Landgericht Stuttgart entscheiden, ob Zanders Antrag auf Prozesskostenhilfe gewährt wird. Einen persönlichen Erfolg kann er schon heute verbuchen: Seine Tochter hat ihm kürzlich geschrieben, dass sie ihn nun besser versteht, seit sie seine Heimgeschichte kennt.

***

Dossier zu Korntal

Beim Kirchentag in Stuttgart werden die Missbrauchsvorwürfe gegen die Korntaler Evangelische Brüdergemeinde ein Thema sein. Und zwar Samstag, 6. Juni, 11 Uhr in der Schwabenlandhalle Fellbach.

Das ist nicht zuletzt der umfangreichen und beharrlichen Berichterstattung von Susanne Stiefel in Kontext zu verdanken. Aus diesem Anlass haben wir ein Dossier unserer Artikel zusammengestellt. So kann die Entwicklung auf einen Blick nachvollzogen werden.

 

Kirche und Korntal: nichts zu sagen (Ausgabe 170)

Das Schicksal der ehemaligen Heimkinder im Korntaler Hoffmannhaus berührt die Menschen. Viele sind empört über den schleppenden Umgang der Korntaler Pietisten mit dem dunklen Kapitel ihrer Geschichte.

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Licht ins Korntal-Dunkel (Ausgabe 172)

Das jahrelange Martyrium des ehemaligen Heimkindes Detlev Zander hat engagierte Bürger in Korntal aufgeschreckt. Nun haben sie die Opferhilfe Korntal gegründet, weil die dortige Evangelische Brüdergemeinde bisher wenig zur Aufarbeitung ihrer Heimvergangenheit beiträgt.

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Die Brüder sprechen - schriftlich (Ausgabe 174)

Die ehemaligen Heimkinder der Evangelischen Brüdergemeinde in Korntal sprechen von einem Skandal, die Beschuldigten schweigen. Kontext hat seit Wochen versucht, die Brüder zu einem Interview zu bewegen. Jetzt reden sie - schriftlich.

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Korntal: die Lehrerin und der Fahrradkeller (Ausgabe 176)

Sie war eine gute Lehrerin. Das sagen nicht nur die traumatisierten Heimkinder von Korntal. Heide Scherer hat sie unterrichtet. Sie stellt sich ihrer Verantwortung. Das erwartet sie auch von der Evangelischen Brüdergemeinde.

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Korntal-Leugner (Ausgabe 183)

Der Fall Korntal ist jetzt beim Deutschen Evangelischen Kirchentag angekommen. Christine Bergmann, die ehemalige Bundesfamilienministerin und Mitglied des Präsidiums, sieht die württembergische Landeskirche im Zugzwang.

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Zurück auf null in Korntal (Ausgabe 191)

Die Aufklärung der Missbrauchsvorwürfe im Korntaler Hoffmann- und Flattichhaus fängt wieder bei null an. Grund ist die Absage eines Professors, der als neutraler Gutachter eingesetzt werden sollte. Jetzt machen engagierte Bürger Druck.

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Das Heilige und der Teufel (Ausgabe 192)

Zum ersten Mal äußert sich ein Kirchenmann zum Konflikt um die missbrauchten Korntaler Heimkinder. Der pensionierten Prälat Martin Klumpp fordert eine schnelle Aufarbeitung. "Mit Verschweigen, Vertagen und Vertuschen wird die Sache immer schlimmer", sagt er.

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Korntal beim Kirchentag (Ausgabe 194)

Martin Klumpp war der erste Kirchenmann, der sich öffentlich zu Korntal geäußert hat. Jetzt hat auch das Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentags beschlossen, das Thema Missbrauch beim Kirchentag 2015 in Stuttgart auf die Tagesordnung zu nehmen.

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Ein Herz für die Heimopfer (Ausgabe 195)

Lange hat Bischof Otfried July geschwiegen. Kein Wort zum Leiden der ehemaligen Korntaler Heimkinder und den Missbrauchsvorwürfen gegen die Evangelische Brüdergemeinde. Jetzt spricht er in Kontext.

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Streit um Täter (Ausgabe 204)

Hinter den Kulissen schwelt ein neuer Konflikt in Korntal. Es geht um die Täterseite der Opferhilfe Korntal, die seit Herbst im Netz steht. Sie störe die Aufarbeitung des Missbrauchs in den Kinderheimen der Evangelischen Brüdergemeinde, heißt es.

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Neun Quadratmeter Harmonie (Ausgabe 217)

Mit einem Messestand wollen die ehemaligen Korntaler Heimkinder auf erlittenen Missbrauch aufmerksam machen. Nun stellt dort auch die Evangelische Brüdergemeinde ihr Banner auf. Das gefällt nicht allen

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